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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.06.2009

Geteiltes Land - Geteilte Familie

Katrin Seglitz: "Der Bienenkönig", Verlag Weissbooks, Frankfurt am Main 2009, 173 Seiten

Der Protagonist Walter hat sich in der DDR eine Bienenzucht aufgebaut. (AP)
Der Protagonist Walter hat sich in der DDR eine Bienenzucht aufgebaut. (AP)

Die Ravensburger Autorin Katrin Seglitz erzählt in ihrem Debütroman "Der Bienenkönig" eine deutsch-deutsche Familiengeschichte von Krieg und Teilung - und den tiefen Spuren, die die Geschichte beim Einzelnen hinterlässt.

War es ein Fehler, damals im Osten zu bleiben? Für Walter ganz sicher. Der Flugzeugingenieur und Freizeitimker wäre gern mit in den Westen gegangen, als sein Bruder Richard es tat. Kurz nach dem 17. Juni 1953. Nur Bärbel, Walters Frau wollte nicht - aus den Gründen, die viele anführen, wenn man sie fragt: Warum bist du geblieben? Die Familie! Man könne doch die Familie und die Eltern nicht alleine lassen, außerdem sei das hier die Heimat. Als Jahrzehnte später die Mauer fällt und Walter von seinem brandenburgischen Dorf nach Westberlin reinradelt, überkommt ihn das Gefühl, mit seinen 50 Jahren zu spät dran zu sein. Sein Leben hat weitestgehend bereits stattgefunden, sagt er sich. Er hat mit sich gekämpft all die Jahre, er hat das Land im Stillen verflucht, hat das Haus der Eltern renoviert, ein Bienenhaus dazu gebaut, wurde der "Bienenkönig", versorgte alle Verwandten und Freunde mit seinem Honig – und blieb.

Sein Bruder Richard besuchte ihn regelmäßig im Osten. Als die Mauer fiel und Hunderttausende zusammenkamen, da entzweiten sich die beiden. Das geteilte Land hatte sie zusammengehalten und nun hatten sie plötzlich keinen Grund mehr, über bestimmte Dinge nicht zu reden, über verpasste Chancen, über verfehlte Lebenswege. Die Mauer fällt und wieder sieht sich Walter als Verlierer, er kam zu DDR-Zeiten nicht zum Zuge und nun auch nicht, er verliert seinen Job und dann kommt der Eklat mit seinem Bruder. Das Haus der Familie gehörte nach dem Tod des Vaters ihm – Walter. So stand es im Testament. Doch damit will Richard sich nicht abfinden. Beide kämpfen.

Kornelia, Richards Tochter, will, dass die Brüder wieder zusammenkommen. Ein erster Schritt: diese Familienkonflikte zu erzählen. Sie will "hochholen, was nach unten gesunken ist". Aus Kornelias Sicht ist auch dieser Roman geschrieben. In Rückblenden und Traumsequenzen erzählt sie die Geschichte der Familie von der Kriegszeit bis heute. Sie erinnert sich auch an die Besuche bei Walter als Kind, als sie für ihn immer das Symbol für ein nicht gelebtes Leben war.

Die Ravensburger Autorin Katrin Seglitz, Mutter von drei Kindern und Leiterin einer Textwerkstatt, legt hier ihr erstes Buch vor, in dem sie durch episodenhaftes, angedeutetes Erzählen überzeugt und dabei wohltuend der Versuchung widersteht, eine deutsch-deutsche Familiengeschichte in aller episch-historischen Breite zu erzählen. Katrin Seglitz wirft Schlaglichter und weiß sich zu bescheiden.

Sie deckt auch die Illusionen auf, die zahlreiche Westlinke ihrer Generation jahrelang mit sich trugen. Solange die Mauer noch stand, konnte ihnen niemand ihr Idealbild von der DDR wegnehmen, wo, wie die Erzählerin an einer Stelle zu berichten weiß, nicht nur "Gleichberechtigung der Frauen" sowie "gleiche Löhne für alle" herrschten, sondern es auch "keine Schwierigkeiten gab, Arbeit und Kinderkriegen zu verbinden". Nun denn. Mann kann nur inständig hoffen, dass die Autorin der politischen Naivität der Erzählerin Kornelia distanziert gegenüber steht. Denn die Schwäche des Romans ist ausgerechnet jenes Argument, mit dem der Verlag mit Umschlaggestaltung (Brandenburger Tor!) und Ankündigung wirbt, dass es sich nämlich hierbei um einen deutschen-deutschen Roman handele, der ein historisches Panorama entwirft. Das ist aber genau das Manko dieses Buches: die angelesen wirkenden Geschichtslektionen, die Katrin Seglitz dem Leser erteilt – von den Details des 17. Juni über die Studentenbewegung im Westen bis hin zur Entwicklung der DDR-Fluggesellschaft "Interflug". Es ist schade, dass sie glaubt, den Leser noch einmal ungelenk über die deutsch-deutsche Geschichte aufklären zu müssen.

Damit verdeckt sie fast den eigentlichen Kern des Buches: die Familiengeschichte – und die ist stark und exemplarisch für so viele Familien. Ob nun in Ost, West oder Süd.

Besprochen von Vladimir Balzer

Katrin Seglitz: Der Bienenkönig
Verlag Weissbooks, Frankfurt am Main 2009
173 Seiten, 18,80 Euro

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