Seit 14:30 Uhr Vollbild
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 14:30 Uhr Vollbild
 
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 13.11.2009

Gesundheitsökonom warnt vor hohen Zusatzkosten bei Kopfpauschale

Jürgen Wasem im Gespräch mit Marietta Schwarz

Die Kopfpauschale wird teuer, meint der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem. (J. Wassem)
Die Kopfpauschale wird teuer, meint der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem. (J. Wassem)

Der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem rechnet bei der Einführung einer Kopfpauschale für die Krankenversicherten mit hohen Kosten für soziale Ausgleichszahlungen. Besserverdiener würden entlastet und die Einnahmeausfälle müssten dann durch Zahlungen des Staates in Höhe von jährlich rund 15 Milliarden Euro korrigiert werden.

Marietta Schwarz: Am Telefon bin ich jetzt mit dem Gesundheitsökonomen Jürgen Wasem verbunden. Guten Morgen, Herr Wasem!

Jürgen Wasem: Guten Morgen, Frau Schwarz!

Schwarz: Herr Wasem, das große Schlagwort im Zusammenhang mit der Kopfpauschale ist: mehr Wettbewerb. Die Opposition verbindet damit aber mehr soziale Ungerechtigkeit und die Schweizer haben, wie wir eben gehört haben, auch keine guten Erfahrungen damit gemacht. Warum also dieser Ruf nach mehr Wettbewerb? Was bringt das?

Wasem: Nun, man muss, denke ich, die beiden Themen eigentlich schon trennen. Wir hatten ja in Deutschland seit 100 Jahren im Grunde genommen ein Krankenkassensystem mit Wettbewerb, wir haben auch im Moment Wettbewerb unter den Krankenkassen, und die andere Frage ist: Mit welchem Preis will man den Wettbewerb machen? Da haben wir früher Beitragssatzunterschiede gehabt, im Moment haben wir diese Zusatzprämie beim Gesundheitsfonds und in dem Modell, was Herrn Rösler vorschwebt, hätte man eine richtig große Pauschalprämie.

Schwarz: Dieser Wettbewerb, führt der dazu, wie das, was wir gerade im Beitrag gehört haben, dass die Krankenkassen Jagd auf die Jungen und Gesunden machen werden?

Wasem: Das hängt ganz entscheidend von den Rahmenbedingungen ab. Die Schweizer haben einen sehr schlechten Risikostrukturausgleich – so heißt der Finanzausgleich zwischen den Krankenkassen –, in dem die Krankheitslast der Mitglieder gar nicht berücksichtigt wird. Wir haben seit Anfang dieses Jahres einen Risikostrukturausgleich, wo immerhin für 80 große Volkskrankheiten, wichtige Krankheiten, die Kassen mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds kriegen, wenn sie Kranke versichern, als wenn sie Gesunde versichern. Das ändert radikal die Anreize für die Kassen. In der Schweiz ist es blöd, sich um Kranke zu kümmern, da macht man nur Verluste. Bei uns wäre das … im Moment ist das anders.

Schwarz: Wie wäre es bei uns? Wäre dieser Wettbewerb, diese Form des Wettbewerbs, die Herr Rösler anstrebt, nun positiv für den Patienten oder negativ?

Wasem: Wir müssen da ja einmal unterscheiden zwischen Versicherten und Patienten. Ich denke, für die Versicherten ist Wettbewerb der Krankenkassen immer positiv, die Krankenkassen kümmern sich um die Leute als Kunden, weil sie sie gerne versichern wollen. Das merkt man auch in Deutschland, der Service der Krankenkassen ist zum Beispiel deutlich besser als der Service im Arbeitsamt, weil es da keinen Wettbewerb gibt. Was die Patienten angeht, hängt es tatsächlich davon ab, ob die Krankenkassen genug Anreize haben, sich um Kranke auch zu kümmern. Da ist Holland ein ganz gutes Beispiel. Die Holländer haben, auch schon seit Jahren, einen sehr guten Risikostrukturausgleich und da gibt es durchaus immer wieder die Tatsache, dass Krankenkassen richtig öffentlich Werbung machen, zum Beispiel Diabetiker, kommt zu uns, wir machen gute Programme, um euch zu versorgen. Das ist dann ein Wettbewerb, von dem auch die Kranken was haben, die Patienten was haben. Und ich denke, so was können wir auch in Deutschland implementieren, einführen.

Schwarz: Der große Nachteil der sogenannten Kopfpauschale ist ja, jeder zahlt gleich viel und dann soll ein Sozialausgleich diese Ungerechtigkeit wieder wettmachen. Den Sozialausgleich zahlt der Steuerzahler. Wie viel wird das sein?

Wasem: Das hängt ganz entscheidend davon ab, wie man den Sozialausgleich ausgestaltet. Zunächst einmal, das haben Sie richtig dargestellt, ist das eine massive Umverteilung. Nehmen Sie jemanden, der dreieinhalbtausend Euro verdient, der würde nach dem Modell, was im Koalitionsvertrag steht, künftig so 140, 150 Euro im Monat zahlen, während der heute 280 Euro zahlt.

Schwarz: Das ist sehr wenig.

Wasem: Und das muss man dann durch den Sozialausgleich wieder korrigieren.

Schwarz: Okay, das heißt: Wie viel wird das sein?

Wasem: Wenn man tatsächlich niemanden mehr belasten will als heute, das heißt, alle Geringverdiener, die zunächst einmal durch die Prämie deutlich mehr belastet werden, dann durch die Steuer wieder entlasten, dann ist man mit mindestens 15 Milliarden dabei, was angesichts der Steuersenkungsüberlegungen der Koalition dann schon schwierig ist.

Schwarz: Und die Staatskassen sind leer.

Wasem: In der Tat, die Staatskassen sind leer. Deswegen wird es dann, denke ich – auch gerade, wenn die Bevölkerung im Laufe der nächsten Jahre altert und damit, wie in der Schweiz, der Zuschussbedarf eher steigt –, ständig Auseinandersetzungen geben: Wie viel Geld haben wir übrig für den Sozialausgleich in der Krankenversicherung?

Schwarz: Dann wird wahrscheinlich eher eine geringere Summe nur für den Sozialausgleich rausspringen?

Wasem: Ja, es ist dann ein häufiger Machtkampf zwischen dem Finanzminister und dem Gesundheitsminister: Wie viel ist uns die soziale Absicherung der Armen, der Geringverdiener der Krankenversicherung wert und wie viel brauchen wir an allgemeinen Finanzen?

Schwarz: Herr Wasem, ziehe ich den richtigen Schluss, dass eine Kopfpauschale dann doch nur für den Arbeitgeber günstiger kommt, aber der Staat und die Versicherten draufzahlen werden?

Wasem: Nun, der Arbeitgeber wird entlastet, das ist auf jeden Fall richtig, wobei man auch da, denke ich, nicht schwarz-weiß malen sollte. Wir haben zwar heute die hälftige Mitfinanzierung der Arbeitgeber, aber genau das führt natürlich bei den ganzen Gesundheitsreformen auch immer dazu, dass wir Selbstbeteiligung raufsetzen, Praxisgebühr einsetzen et cetera. Das machen wir im Kern ja immer, um die Arbeitgeber zu entlasten. Das heißt, wir haben auch bei einer formalen Mitfinanzierung der Zuwächse durch die Arbeitgeber immer das Bemühen, die dann doch zu entlasten, und das trifft auch immer die Patienten, die nämlich die Praxisgebühr brauchen et cetera. Das heißt, ich denke, das ist eine Grundentscheidung. Wenn die Politik sagt: Wir wollen die Arbeitgeber wegen der Lohnnebenkosten entlasten, dann werden sie das so oder so tun, entweder durch Leistungsausgrenzungen oder direkt beim Beitrag.

Schwarz: Viele Menschen sind ja schon jetzt sehr unzufrieden mit der medizinischen Versorgung. Wie haben wir uns die denn mit einer Kopfpauschalenregelung ganz konkret vorzustellen, besser oder schlechter als jetzt?

Wasem: Die Frage der Versorgung hat mit der Prämie, glaube ich, relativ wenig zu tun. Das hängt wesentlich von anderen Dingen ab, nämlich: Wie bezahle ich die Ärzte und Krankenhäuser und wie mache ich die Vertragsbeziehungen zwischen den Krankenkassen und den Ärzten, die Vertragsbeziehungen zwischen den Krankenkassen und den Krankenhäusern? Ich glaube, die Frage, was die Beiträge der Versicherten angeht, ist wirklich unabhängig davon, wie die medizinische Versorgung organisiert wird.

Schwarz: Der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem über die von der schwarz-gelben Koalition geplante Einführung der Kopfpauschale. Herr Wasem, herzlichen Dank für das Gespräch!

Wasem: Tschüss!

Interview

Ferien bundesweit Bahn statt Auto
Fahrzeuge stauen sich auf der Autobahn A7 am Dreieck Bordesholm  (picture alliance / dpa / Danfoto)

Ellenlange Staus auf den deutschen Autobahnen sagt der ADAC fürs Wochenende voraus. Anja Smetanin vom Verkehrsclub Deutschland empfiehlt deshalb die Bahnreise als umweltfreundliche Alternative. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur