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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 07.01.2011

Geste der Wiedergutmachung

20 Jahre jüdische Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion

Von Julia Smilga

Ab 1991 hatten jüdische Emigranten aus der damaligen Sowjetunion die Möglichkeit, als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland einzureisen. (AP)
Ab 1991 hatten jüdische Emigranten aus der damaligen Sowjetunion die Möglichkeit, als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland einzureisen. (AP)

Am 9.Januar 1991 gab die Innenministerkonferenz den offiziellen Startschuss für ein präzedenzloses Experiment: die jüdische Einwanderung nach Deutschland. Etwa 200.000 Juden sind seitdem aus der damaligen Sowjetunion gekommen.

"Ich kann nicht sagen, dass mein Anfang hier schwierig war. Entweder bin ich so optimistisch veranlagt, ich fand es net schwierig. Ich denke, wenn man will, dann kriegt man es auch, wenn man sich einwenig Mühe gibt."

Elias Wachnjanskij verließ die westukrainische Stadt Lemberg 1997. Zusammen mit seinen Eltern kam der 17-Jährige nach München. Heute ist Elias 30 Jahre alt und besitzt eine eigene Firma für Personenbeförderung.

"Im Sommer 1997 haben wir Lehrer ein halbes Jahr keinen Lohn bekommen. Keinen Cent sechs Monate lang. Ich war Vorsitzende der Gewerkschaft unserer Schule und fuhr mit einer Kollegin zur Stadtverwaltung, um zu klären, wann wir endlich unser Geld bekommen. Und die sagten uns- wir bekommen selbst seit Monaten keinen Lohn. Also - keine Hoffnung. Ich weiß noch, wie ich auf dem Rückweg im Fahrstuhl meiner Kollegin plötzlich sagte- "Weißt Du was? Ich werde aus diesem Land auswandern.""

Irina Teterkina war Musiklehrerin an einer Schule im ostukrainischen Charkow. Vor 9 Jahren kam sie mit ihrer alter Mutter nach München. Heute lebt die 65-Jährige von der Sozialhilfe.

Elias Wachnjanskij, Irina Teterkina. Zwei Menschen, deren Leben ganz anders verlaufen wäre, wenn die Innenministerkonferenz vor 20 Jahren nicht einen folgenreichen Beschluss gefasst hätte – als Geste der Wiedergutmachung. Die jüdischen Einwanderer aus der Sowjetunion durften als sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kommen - mit dem Anspruch Unterbringung, Sprachkurse und Sozialhilfe. Deutschland wurde zum drittwichtigsten Aufnahmeland für die russischsprachigen Juden. Ausgerechnet Deutschland. Drei Millionen Juden - mehr als die Hälfte der gesamten jüdischen Bevölkerung in der Sowjetunion wurden im letzten Krieg ermordet. War denn bei den sowjetischen Juden diese historische Erinnerung völlig verblasst?

"Die Weichen der Erinnerung an Holocaust in der Sowjetunion waren so gestellt, dass sich die Juden kaum von anderen trennen konnten, was in Deutschland genau umgekehrt war. Man hat gesagt in der Sowjetunion - das ganze Volk, sowjetische habe gelitten in diesem schrecklichen Krieg. Und die Juden dürfen sich jetzt nicht separieren. Und das haben sie auch nicht gemacht."

Dmitirj Belkin ist Historiker und beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema der jüdischen Zuwanderung. Er selbst kam 1993 aus der Ukraine nach Deutschland und musste erst einmal sein Studium in Tübingen komplett wiederholen, da sein bisheriger Uni-Abschluss nicht anerkannt wurde. Eine Situation, mit der viele russisch-jüdischen Einwanderer konfrontiert wurden. Ihre Ausbildung schien hierzulande plötzlich nichts mehr wert zu sein:

"Die russischen Juden, die nach Deutschland gekommen sind, sind zu 70-75 Prozent Akademiker. Es gibt keine andere Einwanderungsgruppe, die derart komponiert wäre- das heiß hochgebildet. Nur wurde das zum Verhängnis für viele Menschen. Plötzlich wurde man damit konfrontiert, dass das ganze Leben, vorherige entwertet wurde. Weil die jeweiligen Ämter gesagt haben- nein, sie können ihre Qualifikation hier nicht ausüben."

Irina Teterkina bezieht Sozialhilfe, seitdem sie in Deutschland lebt. Doch dem deutschen Staat ständig auf der Tasche zu liegen - das hatte die Musiklehrerin nie gewollt. Sie wollte richtig Deutsch lernen und später arbeiten. Nur wurde ihr gar nichts angeboten – kein Deutschkurs, keine Umschulung. Es war wohl für alle Behörden einfacher, die 55-Jährige auf das Abstellgleis der Sozialhilfe abzuschieben:

"Mir wurde gesagt, dass ich mich beim Arbeitsamt anmelden muss. Also ging ich dahin. Die Beraterin fragte mich, was ich für einen Beruf habe. Als ich "Musiklehrerin" sagte, schüttelte sie nur den Kopf und seufzte tief. Und sagte- ich muss in 3 Monaten wiederkommen. Und so ging ich in Drei-Monatsrhythmus regelmäßig hin, ohne Ergebnis. Bis ich mich einmal wegen Mamas Krankheit um 2 Tage verspätet hatte. Da wurde die Beraterin ziemlich laut, und tadelte mich wegen der Verspätung ..."

Eine richtige Chance auf berufliche Integration hatte Irina nie gehabt. So wie viele andere jüdische Zuwanderer, die im Alter zwischen 40 und 60 Jahren hierher kamen.

Das Moses-Mendelssohn-Zentrum in Potsdam hat vor drei Jahren die Integration der Juden aus den GUS-Staaten in Israel, in den USA und in Deutschland verglichen. Während in Amerika nur drei Prozent und in Israel zehn Prozent der zugewanderten russischen Juden arbeitslos sind, sind in Deutschland über 40 Prozent der jüdischen hochgebildeten Einwanderer dauerarbeitslos.

Historiker Belkin:

"Deutschland ist ein Land, in dem ganz banal ein viel höheres Niveau an Beherrschung der Sprache vorausgesetzt wird, als etwa in Amerika. Dort sind viele aktiv, auch in Akademien-, die dann auch mit einem total starken Akzent englisch sprechen und auch nicht glänzend und so weiter. Aber wenn man jetzt die Qualifikation hat, dann wird man gleich auf dem Markt erkannt und gefunden. Was in Deutschland nicht der Fall ist. Das ist ein sehr enger und sehr kleiner Arbeitsmarkt, der nicht flexibel ist und der nicht unbedingt fremdenfreundlich ist.

Denn wenn man jetzt nicht vernünftiges Deutsch beherrscht, was ja die wenigsten konnten und wenn man jetzt im entsprechenden Alter ist, dann konnte man hier nicht arbeiten. Das heißt, die Arbeitslosenquote ist hoch. Nur die Tendenz ist anders. Denn viele Kinder, dessen Eltern in den 90 Jahren gekommen sind, haben jetzt ihre Abschlüsse gemacht. Fast alle- und das ist auch, was diese Gruppe auszeichnet- machen ein Abitur in Deutschland. Was für die anderen Migrantengruppen nicht gilt. Es heißt- die jüngere Generation ist erfolgreich."

Ein kleiner enger Raum, an der Stirnseite passt gerade ein Tisch mit Laptop darauf. Das ist das Bürozimmer vom 30-jährigen Elias Wachnjanskij in seiner Dreizimmerwohnung. Auf dem Laptopbildschirm sieht man den Fahrplan seiner Fahrzeuge. Der ist voll. Der Personenbeförderungsfirma geht es gut.

Elias hat in Deutschland Abitur gemacht und Maschinenbau studiert. Damit liegt er im Trend dieser Einwanderungswelle. Alle Zuwandererfamilien haben einen ausgeprägten Bildungseifer mitgebracht. 70 % der Kinder aus russisch-jüdischen Familien besuchen das Gymnasium und studieren an den Unis. Dieser Wert liegt weit über dem deutschen Durchschnitt.

Für das jüdische Leben hatte sich Elias noch in Lemberg stark interessiert. Doch in die Münchener Gemeinde geht er nicht mehr:

"Die Juden aus Russland werden für die Juden hier in Deutschland als Russen betrachtet und das ist auch im negativen Sinne. Also, wir sind für immer Russen, auch für Juden, auch für die jüdische Gemeinde. Und das stört auch, von da aus sind viele Menschen in mittlerem Alter von 30 bis 50, die finden auch nicht Ok. Und deswegen unterstützen die das jüdische Leben hier nicht in dem Masse, wie es hätte sein können."

Das Verhältnis zur jüdischen Gemeinde ist oft ein schmerzhaftes Thema bei den russischen Juden. Von 200.000 jüdischen Zuwanderern sind nur etwa
90.000 Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Weniger als die Hälfte.

"Warum- das ist die Frage. Und das ist der eigentliche Widerspruch dieser Migration. Denn der deutsche Staat wusste von Anfang an nicht, was soll das für eine Migration sein. Und die Einwanderung, Integration- in die Gemeinden oder in die Gesellschaft?
De facto würde ich sagen, auch als Historiker, ist es eher eine Einwanderung, Integration in die deutsche Gesellschaft gewesen. Denn wie gesagt, statistisch weit weniger als die Hälfte in Gemeinden."

Eine Erklärung dafür, erzählt Belkin, sei eine andere Selbstidentität der Zuwanderer: jüdisch, aber weltlich. Die Juden in der atheistischen Sowjetunion durften ihre Religion nicht ausüben. Ihr Judentum sahen die sowjetischen Juden nicht in den Gebeten, Feiertagen und der koscheren Küche, sondern in ihrer gemeinsamen Volkszugehörigkeit, die im Pass vermerkt war - und in dem damit verbundenen täglichen Kampf gegen Staatsantisemitismus.

"Die Juden in der Sowjetunion haben sich radikal, total mit der russischen Kultur identifiziert. Das sind städtische Intellektuellen, die ein starkes jüdisches Bewusstsein haben, das gar nicht religiös ist. Und das, was in Deutschland total neu ist. Die jüdischen Gemeinden in Deutschland definierten sich hauptsächlich anhand der Erinnerung an Holocaust. Und plötzlich kommen Menschen, die sich als Sieger im Zweiten Weltkrieg empfinden und die sagen- wir sind Juden, aber wir sind stolze Juden, weil unsere Großeltern oder wir selbst im Krieg gekämpft haben. Und das sind Paradoxen natürlich, die zu großen Widersprüchen und Konflikten führen."

Der Zusammenprall der Kulturen war vorausprogrammiert. Die alteingesessenen Juden waren mit dieser Einwanderung überfordert und haben sich von den Neuankömmlingen oft distanziert:

"Minimale Gruppe - 10-15 Prozent mussten plötzlich eine riesige Welle auch bewältigen. Da waren sie nicht bereit, weder mental, noch institutionell, noch finanziell, einerseits. Andererseits gab’s große Erwartungen, dass jetzt Juden kommen, die verfolgten Juden., die ihr Judentum leben wollen. Das war nicht so. Es kamen nicht die Verfolgten und es kamen nicht Juden, die religiös leben wollten. Und das war eine riesige Enttäuschung für die Alteingesessene."

Die Einwanderer brauchten vorerst Orientierung im komplizierten deutschen Leben. Sie mussten Wohnungen finden, Sprache lernen, Arbeit suchen. Statt praktischer Orientierungshilfe gab es aber von der Gemeinde Einladungen zum Schabbat, kostenslose Mazzen zum Pessah und Seminare zur jüdischen Religion.

Mittlerweile hat sich die Situation verändert. Fast alle Gemeinden verfügen über Integrationszentren. Doch dies entstand alles zu spät und ging an der jungen Generation vorbei. Diese, mittlerweile um 30-40 Jahre alt, findet zum größten Teil nicht mehr in die Gemeinde zurück.

Aber vielleicht- ihre Kinder. Sogar nicht unbedingt aktive Gemeindemitglieder schicken gerne ihre Kinder in die jüdischen Schulen. Diese hier geborene Generation, die heute die Schulbank in den jüdischen Gemeinden drückt, wird vielleicht die jüdische Zukunft von Deutschland sein. Wenn die Gemeinden es schaffen, diese Kinder auch später als aktive erwachsene Mitglieder zu behalten. Eine andere Chance habe das jüdische Leben in Deutschland nicht, meint der Historiker Dmitirj Belkin:

"Es gibt keine andere Zukunft. Wenn sie jetzt eine Schulklasse zum Beispiel jetzt "Philantropien"- das ist die beste jüdische Schule in diesem Land, in Frankfurt- unser Sohn ist jetzt in der 4. Klasse, ist fast 10. - 18 Kindern in der Schulklasse, 12 davon kommen aus diesem Milieu der russisch- jüdischen Einwanderer. Es gibt keine andere Zukunft in Gemeinden. Es heißt, wenn es sie geben sollte, dann nur diese Kinder, die irgendwann diese gemischte Identitäten haben, mit einer eindeutig steigenden Tendenz Richtung deutsch sein, deutsch jüdisch sein Es gibt keine andere Option für diese Zukunft."

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