Seit 08:05 Uhr Kakadu
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 08:05 Uhr Kakadu
 
 

Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 24.03.2006

Gespaltenes Land

Vor 30 Jahren stürzte eine Militärjunta die argentinische Präsidentin Isabel Perón

Von Kersten Knipp

Skyline von Buenos Aires. (AP Archiv)
Skyline von Buenos Aires. (AP Archiv)

Am 24. März 1976 putschte in Argentinien das Militär. Das Regime überzog das Land mit einer gewaltigen Terrorwelle. Die gesellschaftlichen und politischen Konflikte, die zu der siebenjährigen Gewaltherrschaft führten, reichten bis in die Zeit der Präsidentschaft Juan Domingo Peróns in den 1940er Jahren zurück.

Seinen ersten Wahlsieg im Februar 1946 hatte Juan Domingo Perón mit dem Versprechen errungen, das Los der Arbeiterklasse in Argentinien zu verbessern – und mit vagen Andeutungen zur kommenden Gesellschaftsordnung:

"Die Gesellschaft muss eine harmonische sein. In ihr darf sich keine Unstimmigkeit zeigen, kein Materialismus vorherrschen, auch kein Traumgebilde entstehen. In dieser Harmonie, die die höchste Norm ist, kann man von einem kollektiven Ganzen sprechen, das durch Überwindung, Kultur und Gleichgewicht erreicht wird."

Nachdem Perón 1955 auf Druck des Militärs zurückgetreten war, verbrachte er 18 Jahre im spanischen Exil, als Gast des Diktators Francisco Franco. Dennoch galt er in Argentinien unter großen Bevölkerungskreisen als Integrationsfigur, die allein fähig sei, das von einer Militärjunta regierte Land in die Zukunft zu führen. Besonders die Linke setzte auf ihn. Dabei hatte Perón schon aus Spanien deutliche Kritik an deren Vorstellungen geübt.

Doch seine Anhänger überhörten die Kritik. Insbesondere die jungen Peronisten wollten nicht von der Vorstellung lassen, ihr Führer sei ein großer Sozialrevolutionär. Für den Schriftsteller und Historiker Oswaldo Beyer liegen die Gründe dieses Missverständnisses auf der Hand:

"Der Peronismus passt eben auf alle politischen Ideologien. Deshalb kommt es auch zu der großen Tragödie in den 70er Jahren, als die peronistische Jugend glaubte, sie könne eine Revolution wie Che Guevara machen."

So wurde Perón im März 1973 wieder zum Präsidenten Argentiniens gewählt. Doch ein Jahr später starb er, ohne die politischen Lager des Landes miteinander versöhnt zu haben. Peróns Nachfolge trat seine Frau Isabel an – ebenfalls mit großen Versprechungen:

"Das ganze Vaterland befindet sich in einem Zustand der Sehnsucht und der Hoffnung. Es ist deshalb unsere unverzichtbare Pflicht, so schnell und wirksam wie möglich die Realisierung der Projekte in Angriff zu nehmen, die in kürzester Frist die vielen traurigen Probleme der Bevölkerung lösen."

Doch die Proteste verschärften sich. Allein zwischen 1974 und 1975 kamen bei terroristischen Attentaten über 500 Menschen ums Leben. Der immer weiter grassierenden Gewalt sucht der Staat mit autoritären Mitteln entgegenzutreten. Darüber wurden die Grenzen des Legalen überschritten. Die paramilitärische Argentinische Antikommunistische Allianz startete einen schmutzigen Krieg gegen die Guerilleros. Am 24. März 1976 putschte das Militär. Im Radio erläuterte General Rafael Videla das politische Programm des neuen Regimes:

"Wir haben den Prozess, der am 24. März 1976 begonnen hat, als Prozess der nationalen Reorganisation bezeichnet. Diese Definition heißt in erster Linie, dass wir eine Reformulierung der Ziele, der politischen Vorgänge und der Mechanismen anstreben, die den aktuellen und historischen Gegebenheiten des Landes nicht mehr entsprechen. Das wiederum setzt selbstverständlich das Ende einer chaotischen Periode voraus, die das Land an den Rand der Auflösung gebracht hat."

Was das hieß, bekamen die Argentinier in einer siebenjährigen brutalen Herrschaft zu spüren. Die, die Gespür für das kommende Unheil hatten, verließen das Land beizeiten. Ein Flüchtling berichtete in einem Interview:

"Ich bin aus Argentinien geflohen, weil ich in den letzten Monaten von Gruppen der Polizei und von Zivilisten verfolgt wurde. An meinem Arbeitsplatz tauchte einmal eine Gruppe von drei oder vier Personen auf – in Zivil und offensichtlich bewaffnet, die nach mir suchten."

Willkürliche Verhaftungen, Entführungen, Gefangenenlager und Folterzentren, dazu die berüchtigten Todesflüge und die Adoption von Kindern der Verhafteten durch Angehörige durch das Regime: Die Militärs überzogen Argentinien mit einer gewaltigen Terrorwelle. Die Zahl der Todesopfer schwankt zwischen 9000 und 30.000. Noch heute, nach über 20 Jahren Demokratie, protestieren die Mütter der Opfer Woche für Woche in Buenos Aires. Perón mochte unfähig gewesen sein, das Land zu einen. Die Militärs spalteten es vollends.

Kalenderblatt

Braunbär Bruno Ein "Problembär" und sein jähes Ende
Der ausgestopfte Braunbär "Bruno" im Museum Mensch und Natur in München  (picture alliance / dpa / Peter Kneffel)

Nach 170 Jahren tauchte im Mai 2006 zum ersten Mal wieder ein Braunbär in Bayern auf. Das Tier sorgte für viel Aufregung und wurde schließlich zum "Problembären" gemacht. Heute vor zehn Jahren erhielt ein Spezialteam den Auftrag, "Bruno" zu erschießen. Mehr

StudentenbewegungWie das "Sit-In" nach Deutschland kam
Studenten der Freien Universität Berlin demonstrieren am 08.07.1966 vor dem Henry-Ford-Bau der Universität gegen das Engagement der Amerikaner im Vietnamkrieg.  (picture alliance / dpa / Joachim Barfknecht)

Im Frühsommer 1966 probten die Studenten der FU Berlin neue Formen des Widerstandes gegen nukleare Aufrüstung, den Vietnam-Krieg und Exmatrikulationen. Am 22. Juni kam es zum ersten "Sit-in" an der Hochschule − dabei ging es vor allem um eine Reform der Studienbedingungen.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur