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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.08.2013

Gesellschaftspanorama im Kriminalroman

Mariusz Czubaj: "21:37", Prospero Verlag, Münster/Berlin 2013, 383 Seiten

Spurensuche: Der Roman gibt Aufschluss über polnische Befindlichkeiten. (Stock.XCHNG / Wojciech Sadlej)
Spurensuche: Der Roman gibt Aufschluss über polnische Befindlichkeiten. (Stock.XCHNG / Wojciech Sadlej)

Polnische Kriminalliteratur war schon immer auf dem deutschsprachigen Markt präsent, eher unauffällig und still. Mit seinem Roman "21:37" ist der Autor Mariusz Czubaj nun auf der Höhe des Mainstreams angelangt. Spannender als der Fall sind allerdings die Nebenschauplätze.

Kriminalliteratur hat als globales Verständigungssystem ein paar einfache Figuren und Standardsituationen entwickelt, die nationale, regionale und kulturelle Unterschiede integrieren können. Etwa so: Menschen werden mit Plastiktüten erstickt und zur Auffindung dekorativ arrangiert. Die örtliche Polizei kommt nicht weiter. Ein Spezialist, ein Profiler, wird von außerhalb geholt. Er ignoriert die üblichen falschen Fährten und stößt ins Herz der Finsternis vor. Das ist auch die Konstellation des polnischen Krimis "21:37" von Mariusz Czubaj, der gerade im Prospero Verlag erschienen ist – ein Verlag, der sich schwerpunktmäßig der polnischen Kriminalliteratur widmen möchte.

Die Krimis sind erfolgreich, aber eigenwillig

Polnische Kriminalliteratur war schon immer auf dem deutschsprachigen Markt präsent, eher unauffällig und still. Marek Krajewskis brillante und provokative historische Breslau-Thriller waren zwar im letzten Jahrzehnt bei uns sehr erfolgreich, aber zu eigenwillig, um eine Art "Polenwelle" auszulösen. Czubaj nun ist durchaus auf der Höhe des internationalen Krimi-Mainstreams. Vermutlich viel zu sehr: Der Zahlentitel (gemeint ist hier, vielleicht, der Todeszeitpunkt von Papst Johannes Paul II), die Hauptfigur - der exzentrische Profiler Rudolf Heinz ("wie der Ketchup") -, und das Setting an den Schnittstellen von Klerus, Profitgier und Politik - das ist formula fiction pur.

Auch dass ein Priesterseminar (von dort kommen die beiden Leichen vom Anfang) kein Ort voller Heiliger ist und Gangster-Kapitalisten seltsame sexuelle Vorlieben haben, aber bestens mit der offiziellen Politik vernetzt sind, die auch der Polizei die Arbeit schwer machen kann, ist kaum trennscharf als typisch polnische Konfliktlage zu werten. Genauso wenig, wie das Fortleben einer totalitären Polizeistruktur in einer neuen demokratischen Gesellschaft – ein Thema, das seit Jahrzehnten vor allem von spanischen und südafrikanischen Autoren bearbeitet wird. Czubaj schlägt sich dabei ordentlich, man merkt, dass all das Themen sind, die ihm am Herzen liegen, die aber dummerweise anderswo schon radikaler und profunder bearbeitet worden sind.

Sensibles Bild der polnischen Befindlichkeiten

Richtig schlecht oder richtig gescheitert ist der Roman trotzdem nicht. Er hat ein paar Qualitäten im Unscheinbaren, im nicht groß zum Thema Gemachten – in den lebensweltlichen Details einer Gesellschaft im Umbruch, mit ihren Opportunisten und Gewinnern, ihren Verlierern und Abgehängten. Mariusz Czubaj lässt den Außenseiter Rudolf Heinz, den Deutschstämmigen und Elitären in einer manchmal explizit germanophoben Gesellschaft, ganz klassisch eine Innenbesichtigung seiner Umwelt vornehmen. Er hört den Leuten zu, im Zug, in der Kneipe, auf der Straße – und daraus ergibt sich ein sensibleres Bild der polnischen Befindlichkeiten im Jahr 2007 als der reine Kriminalfall hergibt.

Immerhin – das Verbrechen, mit dem Rudolf Heinz es zu tun hat, ist global verstehbar. Und Polen ist, so gesehen, ein völlig normales Land unter anderen, in dem es eben global funktionierende Verbrechensnarrative gibt.

Besprochen von Thomas Wörtche

Mariusz Czubaj: 21:37
Roman. Aus dem Polnischen von Lisa Palmes.
Prospero Verlag, Münster/Berlin 2013
383 Seiten, 14,95 Euro

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