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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.12.2012

Geschichten von Menschen außerhalb des Booms

Luiz Ruffato: "Es waren viele Pferde", Assoziation A, Hamburg, 160 Seiten

Menschenmenge (Stock.XCHNG / Joseph Zlomek)
Menschenmenge (Stock.XCHNG / Joseph Zlomek)

In seinem ersten Roman zeichnet der brasilianische Autor Luiz Ruffato ein kaleidoskopisches Abbild der Megacity São Paulo. Luiz Ruffato bietet dem Leser dabei 69 drastische Szenen, in denen er die einzelnen Stimmen der Stadt hörbar macht. Mit ganz besonderer Sensibilität widmet er sich dabei den verlorenen Seelen der Stadt.

Eigentlich sollte es nur eine literarische Fingerübung werden, für spätere Romane. Und als "Es waren viele Pferde" dann fertig war, sagte Luiz Ruffatos brasilianische Verlegerin dann auch:

"Wir drucken das, weil wir Dich kennen. Aber dieses Buch wird niemand lesen." Vier Wochen später war die erste Auflage ausverkauft und das Buch gewann alle wichtigen Literaturpreise Brasiliens. Das war vor zehn Jahren. Nun ist "Es waren viele Pferde" endlich auf Deutsch erschienen.

In 69 Kurz- und Kürzestgeschichten erzählt Ruffato von der Armut, vom Dreck und von der Hoffnungslosigkeit in Brasiliens Mega-Metropole São Paulo. Es sind Geschichten von Überlebenden und Sterbenden, von Gelegenheitsdieben und Arbeitsuchenden, von Prostituierten und Familienvätern, von Straßenhändlern und Obdachlosen: ein Karussell der verlorenen Seelen. Ruffatos Figuren "machen sich krumm", schinden sich und kommen doch nicht heraus aus den ärmlichen Verhältnissen, in denen sie leben.

Dabei ist der Autor selbst ein Beispiel dafür, dass es funktionieren kann - hart arbeiten, lernen, aufsteigen. Luiz Ruffato, 1961 in Cataguases geboren, stammt aus einer armen Migrantenfamilie: die Mutter Waschfrau und Analphabetin, der Vater Popcornverkäufer. Bevor er Journalismus studierte, arbeitete Ruffato als Verkäufer und Mechaniker. 1988 veröffentlichte er einen ersten Band mit Kurzgeschichten. Den Journalismus hing er aber erst mit dem Erfolg von "Es waren zu viele Pferde" an den Nagel.

Heute sagt er: "Das Buch hat mich zum Schriftsteller gemacht. Ein Schriftsteller, der sich in der 'Tradition des anti-traditionellen Romans' sieht." Als Vorbilder nennt er im Rahmen einer Lesung in Berlin dementsprechend Don Quijote, Tristram Shandy, James Joyce und die französische Avantgarde.

Und so spart Ruffato auch nicht mit Experimenten. Manche seiner Geschichten sind bloße Listen: die Einrichtung eines Wohnzimmers, die Speisekarte eines Restaurants, Stellenmarktanzeigen oder die Annoncen für sexuelle Dienstleistungen.

Auch wenn sich Ruffato die Zeit für ganze Sätze nimmt, wirkt er gehetzt. Die Sätze sind kurz, der Stil ökonomisch. Einmal verzichtet er auf Groß- und Kleinschreibung, ein anderes Mal auf Interpunktion, manchmal auf beides: "das mädchen von nummer 73, sagt man, arbeite im nachtclub, wiedererkannt, zu boden geschaut, aussichtslos, grüne augen, zu teuer, sonst ginge er mit ihr aus..."

Schnell bekommt man beim Lesen das Gefühl, Ruffato schreibt gegen die grassierende Euphorie an im Boomland Brasilien - mal subtil, mal direkt: "dies soll das land der zukunft sein? gott soll brasilianer sein? gestern noch ein naturparadies heute favela wo gestern eine schule stand ist heute ein knast ... ". Natürlich hat sich Brasilien verändert in den vergangenen zehn Jahren, seit Erscheinen des Buchs. Allein die Arbeitslosigkeit hat sich halbiert von rund zwölf auf sechs Prozent. Aber der Zyniker Ruffato würde sie auch heute noch finden - die verlorenen Seelen.


Besprochen von Marten Hahn

Luiz Ruffato: Es waren viele Pferde
Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler
Assoziation A, Hamburg 2012
160 Seiten, 18,00 Euro


Links auf dradio.de:

Geschichten von Menschen in der Krise - Jean-Marie Blas de Roblès: "Wo Tiger zu Hause sind"

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