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Interview / Archiv | Beitrag vom 18.01.2014

Geschichte"Wir höhlen unsere eigene Demokratie aus"

Historiker vergleicht die Gegenwart mit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg

Philipp Blom im Gespräch mit Jörg Degenhardt

Die Festnahme des Attentäters Gavrilo Princip (mit einem X gekennzeichnet), der den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie am 28. Juni 1914 in Sarajevo erschossen hat. (picture alliance / dpa)
Die Festnahme des Attentäters, der am 28. Juni 1914 den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand erschoss (picture alliance / dpa)

Vor 100 Jahren, wenige Monate vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, stand "Europa am Abgrund" - so der Titel der Themenwoche, die am Samstag auf 3sat beginnt. Einer der Autoren, der Historiker Philipp Blom, zieht Parallelen zur Jetztzeit.

Jörg Degenhardt: "Europa am Abgrund" – so ist eine Themenwoche auf 3Sat überschrieben. Der Kulturkanal befasst sich gleich in 28 Sendungen mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Vorangestellt ist eine Dokumentation, die heißt "Der taumelnde Kontinent", und in der wiederum geht es um die Zeit vor dem Krieg, also um die Spanne zwischen 1900 und 1914. Der Historiker Philipp Blom erklärt darin, warum jene Jahre unserer Zeit erstaunlich ähneln. Heute Abend gibt es die erste Folge zu sehen. Ich habe mit Philipp Blom gesprochen, erreicht haben wir ihn in Los Angeles. Wo sind denn die Parallelen zwischen der Zeit damals und der Zeit heute?

Philipp Blom: Ich glaube, wir leben heute in einer Zeit von sehr großer Veränderung, und einer Veränderung, die eigentlich durch Technologie verursacht wird. Zum Beispiel, wenn Sie sich ansehen das Internet, und was das nicht nur damit tut, wie wir kommunizieren können und wie wir Informationen sammeln können, auch zum Beispiel Geheimdienste natürlich, sondern was das tatsächlich mit uns selbst anstellt, für unser Weltbild, aber auch für unser Selbstbild. Wir denken anders, wir gehen anders mit Zeit um dadurch. Am Anfang des 20. Jahrhunderts war es die Industrialisierung, die etwas sehr Ähnliches bewirkt hat. Überall wurden Fabriken gebaut. Überall hat sich die Produktion, auch zum Beispiel von Kohle und Stahl, enorm vervielfacht, und das heißt, es sind Millionen von Menschen in die Städte gezogen, zum ersten Mal lebten in Europa mehr Menschen in den Städten als auf dem Land. Auf dem Land hatten die Menschen fünf, sechs, sieben Kinder – in der Stadt haben sie zwei oder drei Kinder. Das hat natürlich ihr Verhältnis zu ihren Kindern verändert, das hat ihre Erwartungen verändert, das hat aber zum Beispiel auch ihre Sexualität verändert.

Schon damals gab es eine Globalisierung

Degenhardt: In gewisser Weise gab es auch schon so eine Form der Globalisierung, über die wir heute viel reden hören, die wir erleben. Das, wenn man so will, ist ja schon vor 100 Jahren vorweggenommen worden.

(dpa / Horst Galuschka)Der Historiker Philipp Blom (dpa / Horst Galuschka)

Blom: Es gab eine enorme Globalisierung. Zum Beispiel Großbritannien hat damals schon 60 Prozent seines Getreides und 80 Prozent seines Fleischbedarfs importiert, und zwar aus Australien, aus Kanada, aus Argentinien und aus Russland.

Es gab aber auch die Globalisierung der Information, weil es Kino gab auf einmal, und Menschen konnten sehen, was auf anderen Kontinenten vor sich geht, wie es dort aussieht. Sie konnten übrigens auch zum ersten Mal in der Geschichte gleichzeitig auf unterschiedlichen Kontinenten dieselbe Erfahrung machen, nämlich denselben Film sehen oder dieselbe Platte hören.

Degenhardt: Es waren also sehr kreative Jahre von 1900 bis 1914, also bis zum Ausbruch des Krieges. Man fragt sich dann natürlich unwillkürlich, warum musste dieser Krieg passieren. Sie sagen in der Dokumentation, diese Frage, warum dieser Krieg passieren musste, sei eine sehr einengende Frage. Warum?

Blom: Autoren, Historiker haben sich angesehen, warum ist dieser Krieg passiert, und dann haben sie sich die Zeit davor angesehen, haben den Militarismus gesehen, die Bündnissysteme und so weiter. Aber das hat ihnen natürlich sozusagen den Blick verstellt auf viele Zeitphänomene, weil die Leute ja damals nicht wussten, dass ein Weltkrieg passieren wird. So wie wir auch nicht wissen, was in einem Jahr oder in fünf Jahren bei uns passieren wird.

Wenn man Geschichte aus dem Nachhinein erzählt, dann engt man sich sehr stark ein. Deswegen habe ich versucht, diese Zeit darzustellen, als wüsste ich nicht, was 1914 passieren wird, und dadurch, glaube ich, kann man eine andere Perspektive gewinnen: Ein Kontinent ist in eine Situation hineingeschlittert, ohne es eigentlich zu wollen. Es war eine Kette von Selbstüberschätzungen, von Überheblichkeit, von Nachlässigkeit, die dann dazu geführt hat, dass sich Europa plötzlich in dieser Situation befand. Aber es war mit Sicherheit keine zwingende Notwendigkeit, dass dieser Krieg ausbrechen würde.

Degenhardt: Inwiefern sind denn die Auswirkungen dieses Krieges heute noch spürbar?

Blom: Wissen Sie, erst mal muss man natürlich sagen, was wir erlebt haben, war eigentlich Europas zweiter Dreißigjähriger Krieg. Denn von 1914 bis 1945 ist der Krieg in seiner Struktur ähnlich, und dazwischen war ja auch nicht wirklich Frieden. In den ersten fünf Jahren dieses sogenannten Friedens sind in Deutschland 5.000 Menschen durch politische Gewalt umgekommen. Es gibt aber auch andere Auswirkungen, wie zum Beispiel die Vereinten Nationen, die ein Resultat dieses Krieges waren, wie die Dekolonisierung, die damit zu tun hatte, dass zum Beispiel auch das britische Imperium so weit geschwächt war, dass es seine Kolonien nicht mehr so gut kontrollieren konnte. In vielen Ländern haben Frauen nach dem Krieg das Wahlrecht bekommen. Es hat aber auch Amerika zum Beispiel sehr stark verändert, dieser Krieg, obwohl das indirekt war. Aber ich glaube, das wäre ein anderes Gespräch.

Degenhardt: Was halten Sie eigentlich von einer Gedenkfeier im Deutschen Bundestag zu Ehren oder im Gedenken an die Opfer des Ersten Weltkrieges? Die Idee stammt von Markus Meckel, dem Präsidenten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

"Wir können uns nicht sicher sein, dass unsere Privilegien weiter bestehen"

Blom: Wir leben heute in einer Zeit mit enormen Privilegien, mit enormer Sicherheit, mit einer scheinbar stabilen Demokratie. Aber wir sind uns nicht bewusst, wie zerbrechlich diese Sachen sind. Was für ein hohes Gut das ist, und die Tatsache, dass wir im Moment unsere eigene Demokratie aushöhlen auf verschiedene Weise, dass wir nicht uns sicher sein können, dass diese Privilegien auch weiter bestehen.

Die Menschen im Mai, Juni 1914 wussten nichts von ihrem Weltkrieg. Ich glaube, es ist schon sinnvoll, sich daran zu erinnern, wie kostbar diese Sachen sind., die wir uns erkämpft haben, auch über viele Generationen. Die sind nicht selbstverständlich, und ich glaube, wenn man in diesem Geiste eine Gedenkfeier machen würde und sagen würde, dass wir wirklich diese Dinge hüten müssen, unsere Grundrechte und so etwas, dass wir aber gleichzeitig eine Gesellschaft sind, die immer noch von Sklaverei lebt. Wir haben nur die Sklaverei sozusagen ausgesourct nach Asien. Ich glaube, wenn man das in diesem Geist machen würde, dann wäre das schon ganz sinnvoll, sich daran auch sozusagen offiziell als Nation zu erinnern.

Es geht ja nicht darum, wer damals wessen Feind gewesen ist, sondern es geht darum, dass dies eine historische Katastrophe war, die eigentlich niemand vorausgesehen hat. Und aus einer Situation des großen Optimismus heraus etwas passiert ist, das wirklich das ganze 20. Jahrhundert bestimmt hat. Und ich glaube, wenn wir begreifen, so stabil, wie die Welt uns scheint, ist sie nicht, damit wäre für uns alle viel gewonnen.

Degenhardt: Der Historiker Philipp Blom. Sie können ihn heute Abend sehen und hören auf 3Sat, in der ersten Folge der dreiteiligen Dokumentation "Der taumelnde Kontinent". Anlass ist der Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Herr Blom, vielen Dank für das Gespräch!

Blom: Danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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