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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.07.2011

Geschichte und Architektur von Bibliotheken

Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne

Von Christian Gampert

In der Pinakothek der Moderne in München ist die Ausstellung zu sehen. (Pinakothek der Moderne)
In der Pinakothek der Moderne in München ist die Ausstellung zu sehen. (Pinakothek der Moderne)

In der Schau geht es um die Geschichte der Bibliotheksbauten. Sie bringt ein System in das geschichtliche Chaos und entwirft eine Typologie der Bibliotheksarchitektur – mit Plänen, differenzierten Modellen sowie mit historischen Fotos und Filmen.

Ein paar tausend Bücher sind noch keine Bibliothek - Bibliotheken stiften Sinn, sie schaffen Ordnung, sie bestimmen Fachgebiete. Bei den alten Ägyptern, 3000 vor Christus, wurden die Bücher für kultische Handlungen im Gotteshaus aufbewahrt, die weltlichen Bücher etwa für Medizin und Astronomie im sogenannten Lebenshaus.

Die legendäre, angeblich abgebrannte Bibliothek von Alexandria mit ihren Papyrus-Nischen hatte den Anspruch, das gesamte Wissen ihrer Zeit zu versammeln - und dieser Anspruch setzt sich fort durch die Jahrhunderte, bis zu Etienne-Louis Boullé, der 1785, kurz vor der französischen Revolution, seinem König einen gigantischen Büchertempel hinstellen wollte, nach athenischem Vorbild - es blieb beim Entwurf.

Die Münchner Ausstellung erzählt die Geschichte der Bibliotheksbauten, und sie tut das übersichtlich und schön. Sie erfüllt also selbst jene Ansprüche, die man an ein gutes Bücherhaus stellen sollte: Sie bringt ein System in das geschichtliche Chaos, sie entwirft eine Typologie der Bibliotheksarchitektur - mit Plänen, differenzierten hölzernen Modellen, historischen Stichen und Fotos, mit Filmen.

Natürlich sind Frühzeit und Antike am schwierigsten zu belegen - von Ninive geht es gleich ins Rom der Kaiserzeit, wo es innerhalb der Stadt 28 Bibliotheken gab, und zu den im Scriptorium kopierenden Mönchen des Mittelalters. Den größten Schub für Bibliotheksbauten gab es mit der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert. Und hier tritt auch der Typus des Saalbaus auf den Plan, sagt Kurator Winfried Nerdinger: die Bücherhalle.

Winfried Nerdinger: "Und da gehen wir typologisch vor und sagen, die frühesten Bibliotheken, das sind Säle, in denen Bücher noch auf Pulten ausgelegt wurden, das sind die spätmittelalterlichen Studienbibliotheken. Und dieser Typus des Saalbaus, den verfolgen wir dann an Beispielen durch die Geschichte. Wir setzen ein mit Michelangelos Biblioteca Laurenziana in Florenz, und das geht bis hin zum Jacob- und Wilhelm-Grimm-Zentrum der freien Universität Berlin - genau der gleich Typus eines Saalbaus."

Der stützenlose Saal mit freier Mitte, in der gearbeitet wurde: Das ist der Prototyp der Bibliothek. So ist die Augsburger Stadtbücherei von 1562, die Ambrosiana in Mailand oder die Bücherei des Escorial, wo erstmals Bücher in Wandregalen stehen. So sind die Fürsten- und Klosterbibliotheken des Barock, etwa die Hofbibliothek in Wien. Die Saalform bestimmt auch die Nationalbibliothek von Henri Labrouste im Paris des 19.Jahrhunderts oder die Public Libraries in den USA. Und doch gibt es da eine Konkurrenz.

Nerdinger: "Dann gibt es ab Anfang des 18. Jahrhunderts mit der Bibliothek in Wolfenbüttel zum ersten Mal einen Zentralbau. Die Bücher sind um eine Mitte herum angeordnet, die Mitte selber dient der Konzentration: der Lesesaal."

Die majestätische, kreisförmige Wissenskonzentration: Das ist etwa das Reading-Room im British Museum von Sidney Smirke oder Gunnar Asplunds spröde, Dom-artige Stockholmer Stadtbibliothek.

Mit der Wissensmaximierung kommt dann die Zeit des Bücher-Turms – erstmals ausprobiert von Henry van de Velde mit der Genter Unibibliothek 1940. Mitte der Neunzigerjahre vollendete Dominique Perrault dann seine Bibliothèque Nationale de France in Paris, ein auch städtebauliches Meisterstück an der Seine mit einem tiefgelegten Garten und vier mächtigen Türmen, die wie aufgeklappte Bücher wirken.

Der Turm als Büchermagazin: Als Erster hat das Michel de Montaigne in seinem Privathaus praktiziert.

Nerdinger: "Und als letzte Typologie zeigen wir dann die sogenannte freie Form, das sind die Prinzipien der modernen Architektur, man ordnet Elemente frei an und schafft einen fließenden Raum. Das hat Hans Scharoun mit der Berliner Staatsbibliothek zum ersten Mal gemacht."

Scharoun schuf in den Siebzigerjahren eine Art Lese-Landschaft, und diese in Bewegung geratenen Formen wurden zum Vorbild vieler Gegenwarts-Architekten, die die abgeschlossene Wand des Wissens aufbrechen, die Bibliotheken durch architektonische Elemente nach außen öffnen wollten -so Günter Behnisch mit seiner dekonstruktivistischen Eichstätter Hochschule oder die Schweizer Herzog & de Meuron.

Die Entwicklung, die nun ansteht, ist allerdings weitaus revolutionärer als alle architektonischen Neuheiten: Mit der Digitalisierung verändern sich auch Bibliotheken immer mehr zu Mediatheken, und es ist die Frage, ob die alte Form des wissenschaftlichen Arbeitens dort überleben wird. Eine Generation, die Kafka auf dem iPad anguckt, wird sich kaum in die Abgeschiedenheit der Lesesäle begeben.

Nerdinger: "Das sagen ja auch viele, dass die Zukunft so sein wird, dass man an jedem Punkt der Erde jede Information abrufen und mit jedem kommunizieren kann. Das wäre dann das Ende der gebauten Bibliothek, dann brauche ich kein Gehäuse mehr errichten."

Nein, dann wäre der Server die Bibliothek. Und dann wären alle architektonischen Utopien für die Katz: Le Corbusiers "Mundeanum" von 1929, der Entwurf einer Weltbibliothek am Genfer See, oder, kommunistisch gewendet, Ivan Leonidovs Bücherturm für das Lenin-Institut in Moskau, 1927, auch er nie realisiert.

Das waren noch Träume! Nein, im digitalen Zeitalter baut sich die Weisheit kein Haus mehr. Die Weisheit schwirrt dann durchs Netz – wenn es sie überhaupt noch gibt.

Kulturpresseschau

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