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Profil / Archiv | Beitrag vom 08.04.2008

Geschichte eines Nazi-Versuchsobjekts

Architekturfotografin Susanne Kriemann im Porträt

Von Mandy Schielke

Der Schwerbelastungskörper war ein Testobjekt für die Bauarbeiten zu Hitlers Germania. (AP Archiv)
Der Schwerbelastungskörper war ein Testobjekt für die Bauarbeiten zu Hitlers Germania. (AP Archiv)

Ob ein Meteorit aus dem New Yorker Naturkundemuseum oder Ramses-Statue in Kairo - die Architekturfotografin Susanne Kriemann hat ein Faible für monumentale Objekte. Auch den Berliner Schwerbelastungskörper, der den Baugrund für den geplanten Triumphbogen für Hitlers Germania prüfen sollte, bannt sie auf Fotopapier. Auf der 5. Berlin Biennale sind diese Aufnahmen zu sehen.

Susanne Kriemann steht in der Licht durchfluteten Neuen Nationalgalerie. Um sie herum wird geschraubt, gesägt und vermessen. Die Aufbauarbeiten für die zeitgenössische Kunstschau sind an diesem Nachmittag in vollem Gang.

Die zierliche, blonde Frau trägt Jeans, eine Wollstrickjacke und ein fliederfarbenes Halstuch, der einzige Farbtupfer weit und breit. Mit gestreckter Hand zeigt sie auf ihre Fotografien vom Schwerbelastungskörper, die an einer grauen, beweglichen Wand hängen.

Susanne Kriemann: "Die Arbeit heißt Zwölfmillionensechshundertfünfzigtausend, besteht aus 25 Fotografien in schwarz-weiß. Das sind Fotos von 1941 und 2008."

Das Objekt, ein Zylinder aus Beton, schmucklos und ohne Fenster. 14 Meter hoch, 21 Meter im Durchmesser. Der Betrachter sieht einen Sandweg, der durch eine Kleingartenkolonie führt. Am Ende des Weges steht dieser Steinkoloss.

Kriemann: "Er hat eigentlich, wenn man ihn ganz genau anschaut, relativ wenig Informationen, was er ist, außer, dass er wahrscheinlich massiv ist. Aber er ist nicht so etwas wie das Olympiastadion oder das Reichsparteitaggelände in Nürnberg, wo man klar sehen kann, das ist Nazi-Architektur. Und das finde ich interessant."

Gleich zu Beginn der Serie "12.650.000" hängen zwei von der Perspektive identische Fotografien des Steinzylinders nebeneinander. Schlichte, dokumentarische Fotografien ohne künstliches Licht.

Kriemann: "Das eine ist sehr scharf, das andere ist sehr unscharf, man sieht, dass eines alt und eines neu ist. Aber welche Dimension dazwischen ist, welche Zeitspanne? Sind das wirklich diese 67 Jahre, die dazwischen liegen?"

Die Zahl 12.650.000 ist das Einzige, was der Biennale-Besucher sehen wird. Einen Hinweis, dass es sich dabei um das Gewicht des Objekts handelt, sucht man vergeblich. Susanne Kriemann will den Betrachter dazu verführen, nach zeitlichen Parallelen zwischen den 25 Fotografien und der Geschichte, die hinter diesem unauffälligen Objekt steckt, zu suchen.

Kriemann: "Was für mich in der Arbeit funktioniert, ist ein Hin- und Herspringen zwischen den Zeiten, dem Moment des Fertigens und dem Moment des Umbaus."

Akribisch hat die 36-Jährige Informationen über das erste Bauwerk der Germania-Utopie gesammelt. In Archiven hat sie die Fotos aus den vierziger Jahren gefunden, sämtliche Zeitungsartikel über den Schwerbelastungskörper Berlin aufgespürt und für die Biennale in einem Reader zusammengestellt. Sie arbeitet journalistisch, sagt sie, recherchiert und verpasst Objekten eine Geschichte, ihre eigene Geschichte.

Eigentlich lebt Susanne Kriemann mit ihrem Ehemann und ihrem kleinen Sohn in Rotterdam, zur Zeit aber wohnt die Familie in Berlin, in einem Plattenbau am Alexanderplatz. Gleich um die Ecke der Palast der Republik oder das, was davon noch übrig geblieben ist. Hier wird Geschichte abgerissen, sagt sie.

Kriemann: "Es gibt immer diesen Moment der Geschichte, dann geht erst einmal alles weg und dann sehnt man sich wieder danach aus der Erinnerung heraus, dann will man es wieder haben oder man will es wieder finden. Die Suche wird dann zum eigentlichen Thema, sie wird dann so schwer, dass dann irgendwann das, was man gefunden hat, viel wertvoller ist, als es vorher war."

Immer schon hat sich Susanne Kriemann mit schweren Objekten beschäftigt, sie fotografiert und Informationen dazu gesammelt. Immer waren es Objekte, die so schwer sind, dass man sie nur durch Fotos an einen anderen Ort bringen kann: etwa ein Meteorit im New Yorker Museum of Natural History oder die Skulptur von Ramses im Zentrum von Kairo.

Susanne Kriemann ist in Erlangen aufgewachsen. In Paris hat sie Fotografie und Recherche in der Fotografie studiert. Zunächst machte sie nach dem Abitur jedoch eine Fotografenlehre in Stuttgart. Seit anderthalb Jahren ist Susanne Kriemann auch Mutter. Sie reist trotzdem durch die Welt, versucht aber möglichst in der gleichen Zeitzone zu bleiben. Die Informationen zu den Objekten, die sie fotografiert, sucht die 36-Jährige nachts.

Kriemann: "Vor allem geht es prima, weil mein Mann auch Künstler ist. Es geht prima, weil man so viel glücklicher ist als vorher. Dass man so viel Energie hat für die Arbeit. Wir arbeiten meistens ab sieben, wenn der Kleine schläft bis ein Uhr nachts, wir haben also wenig Zeit, um mal zu zweit ins Kino zu gehen – aber im Moment finden wir das noch richtig gut."

Die Fotos vom Schwerbelastungskörper, der seit ein paar Jahren unter Denkmalschutz steht, hat sie Anfang dieses Jahres gemacht, als er aufwendig saniert wurde.

Kriemann: "Und zur gleichen Zeit gibt es Themen, die eigentlich viel hipper sind, viel wichtiger, anregender für das urbane Umfeld, in dem wir leben und die werden vielleicht erst in 60 Jahren touristisch aufgearbeitet."

Vielleicht, so sagt sie, wird es in 60 Jahren einen Themenpark "Palast der Republik" in Berlin Mitte geben.

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