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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 20.05.2009

"Gepflegte Beatmusik" in Leningrad

Vor 30 Jahren startete Elton John als erster West-Musiker eine Tournee durch die Sowjetunion

Von Stefan Zednik

Der britische Popmusiker Elton John im Kosakensitz auf dem Roten Platz in Moskau.
Der britische Popmusiker Elton John im Kosakensitz auf dem Roten Platz in Moskau.

Elton John gilt als Prototyp der kommerziell erfolgreichen Popmusikers - weltweit. Popgeschichte hat er 1979 geschrieben: durch eine Tournee, die ihn als ersten westlichen Superstar in die damalige Sowjetunion führte. "Man habe nichts einzuwenden gegen gepflegte Beatmusik", so hatte Walter Ulbricht einst verkündet. Und auch Moskau versuchte, sein Image muffiger Strenge durch die Konzerteinladung loszuwerden.

Es sollte keine gewöhnliche Tournee werden, die Elton John, der Megastar der internationalen Popmusik, zusammen mit seinem Manager John Reid und dem Percussionisten Ray Cooper für das Frühjahr 1979 plante.

"Als wir daran dachten, eine Tour zu machen, setzten sich John Reid, Ray Cooper und ich zusammen und sagten: 'Lasst uns dahin gehen, wo wir noch nie waren.' Und John sagte: 'Wie wär's mit Russland?' - 'Ok, aber wie machen wir das?', denn bis dahin stand das nie zur Diskussion. Aber es klappte alles reibungslos. Der russische Konzertverantwortliche kam nach England, sah sich die Show in Oxford an und verlangte keinerlei Änderungen. Er fragte: 'Ist es das, was wir zu sehen bekommen werden?', und wir antworteten: 'Ja, genau das ist es.'"

Zwischen Großbritannien und der Sowjetunion hatte es seit jeher einen regen kulturellen Austausch gegeben, der bislang allerdings eher auf klassische Musik, Oper und Ballett beschränkt war. Westlicher Rock und Pop galten als dekadent, gleichwohl waren sie zu einem festen Bestandteil jugendlicher Subkultur auch in den sozialistischen Ländern geworden.

"Man habe nichts einzuwenden gegen gepflegte Beatmusik", so hatte Walter Ulbricht einst verkündet, doch die Aufruhrpotenziale von Gruppen wie "The Who", "Led Zeppelin" oder den "Rolling Stones" konnten kaum dem Ideal einer dem Gemeinwohl zuträglichen Jugendmusik entsprechen.

Gegen Ende der 70er-Jahre hatte sich die allgemeine Lage jedoch entspannt. Jimmy Carter und Leonid Breschnew verhandelten das Salt-II-Abkommen zur Rüstungskontrolle. In der DDR plante man aus Anlass des 30. Jahrestages der Staatsgründung eine Amnestie für politische Gefangene. Die Volksrepublik China proklamierte ihre Öffnung zum Westen. Und in Moskau stand 1980 die Olympiade bevor, auch hier wollte man das Image muffiger Strenge loswerden. Da erschien eine Einladung an den vor allem wegen seiner exzentrischen Outfits berühmten Paradiesvogel des westlichen Musikbusiness gerade recht.

Am 20. Mai 1979 landet Elton John auf dem Moskauer Flughafen, wenige Tage später steht er auf der Bühne in Leningrad. Die Zuhörer reagieren auf den mit ruhigen Songs beginnenden Abend zunächst zurückhaltend, die wenigsten verstehen Englisch.

"Ich betrat die Bühne bei höflichem Applaus. Es war ein echter Kampf anzufangen. Ich war sehr nervös, ich sprach kein Wort Russisch. Das Eis wurde gebrochen, als das erste Mädchen von hinten kam und mir Blumen überreichte."

95 Prozent der Eintrittskarten waren an linientreue Hoffnungsträger sozialistischer Jugendverbände oder verdiente Mitglieder der Partei gegangen. Der Altersdurchschnitt des Publikums vor allem auf den besseren, vorderen Plätzen liegt jenseits der 40. Dennoch schwindet die Zurückhaltung mehr und mehr. Nach dem Auftritt des Schlagzeugers Ray Cooper beginnt der Applaus in Jubel überzugehen. Die echten Fans kommen nach vorne und beginnen, vor der Bühne zu tanzen.

Das erste Konzert läuft Gefahr, außer Kontrolle zu geraten. Bei den folgenden Auftritten verhindern Ordner, dass das Publikum der Bühne zu nahe kommt. Nachts feiern die Fans vor dem Hotel der Engländer weiter.

Doch die Stimmung bleibt freundlich, die zahlreich anwesende Polizei schaut dem Geschehen eher amüsiert zu. Der Korrespondent der Londoner "Times", Michael Binion:

"Ab einem gewissen Ausmaß sind die Behörden besorgt, das könne wie eine Art Zustimmung zu westlicher Kultur, westlichem Pop-Rock-Geschmack aussehen, der hier keineswegs völlig akzeptiert ist. Sie haben Elton John kommen lassen, sie versuchen das Beste daraus zu machen, und sie sind stolz, der Welt zeigen zu können, dass er wirklich hier ist."

Dass sich Elton John in jener Zeit in einer menschlichen wie künstlerischen Krise befand, blieb dem russischen Publikum verborgen. Sein Drogenkonsum, gesundheitliche Zusammenbrüche, vor allem aber die Trennung von seinem kongenialen Texter Bernie Taupin hatten ihn zutiefst verunsichert. Zudem war der vielfache Millionär musikalisch "out", weder den modernen Discosound noch die aggressive Punkmusik konnte er bedienen. So kam die Tournee von acht Konzerten in Leningrad und Moskau auch für ihn gerade recht. Und die Begeisterung, die er entfachte, ließ erahnen, was wenige Jahre später in den östlichen Ländern unaufhaltsam Wirklichkeit werden sollte.

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