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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 30.12.2015

Geografischer Streifzug durch die GeschichteWie weit reicht Europa?

Von Susanne Billig und Petra Geist

Eine grüne Europakarte (imago / INSADCO)
Was wir heute als Europa kennen, ist das Ergebnis einer jahrhundertelangen Entwicklung. (imago / INSADCO)

Heutige Staatsgrenzen gelten als unumstößlich. Klar ist, wer zu Europa gehört und wer nicht. Dabei tauchte die Bezeichnung erst im 6. Jahrhundert auf und wurde über die Jahrhunderte hinweg immer wieder anders definiert - oftmals abhängig von politischen Strömungen.

Sie selbst stammt nicht aus Europa – die schöne Königstochter und mythische Namensgeberin des europäischen Kontinents. Ihr Vater beherrschte eine phönizische Seestadt: Wo heute das in Gewalt versinkende Syrien und der Libanon mit seinen Millionen syrischer Flüchtlinge das Mittelmeer berühren, dorther kommt Europa. Der Sage nach verschleppte - oder verführte - Zeus die junge Frau in Gestalt eines Stiers nach Westen auf die Insel Kreta. Die Geschichte hat viele verschiedene Fortsetzungen – Zeus nahm die Prinzessin zur Frau oder vergewaltigte sie. Sie gebar ihm drei Söhne oder flüchtete. Sie starb auf der Flucht und Zeus taufte die Erde, auf die sie stürzte, aus Kummer auf ihren Namen: Europa. Dunkles Land, in dem die Sonne versinkt.

"Das kann man nun verschieden interpretieren. Man kann es übertragen und sagen, Europa hat seine Wurzeln im Osten oder im Orient. Man hat das versucht, etymologisch zu erklären: Aus Osten blickt man eben nach Westen, zum Abend hin in das dunkle Land. Aber genauso gut ist es auch denkbar, dass es eben Priesterinnen, die Europa hießen, gegeben hat, also Priesterinnen der großen Göttin, oder dass es topografisch auch in Mazedonien, vielleicht Bulgarien einen Ort mit dem Namen Europa gegeben hat."

Der Mythos um die verschleppte Königstochter weiß etwas, das die Europäer oft vergaßen: Kulturen sind Amalgame. Sie verwandeln, saugen auf, verbinden und verschmelzen. Nicht umsonst stammte die Prinzessin Europa von der syrischen Mittelmeerküste, wo die alten Hochkulturen Babylonien und Ägypten ineinander flossen. Von dort übernahmen die Bewohner Kretas im dritten vorchristlichen Jahrtausend Verwaltung, Schrift und Palast-System und machten daraus die minoische, die älteste Hochkultur auf europäischem Boden. Doch wer sich klar definieren möchte, muss harte Grenzen ziehen. Wo fängt Europa an, wo hört es auf? Was liegt innen, gehört dazu – und was bleibt fremd, außen vor?

Im Mittelalter war der Nabel der Welt Jerusalem

Das antike Griechenland kümmerte sich noch nicht um die Ausmaße Europas. Hier die Hellenen, dort Barbaren und Perser – das war der Horizont, das war der Gegensatz, um den es ging. Anfang des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts taucht die Bezeichnung "Europa" für den Raum zwischen Gibraltar und dem Schwarzen Meer auf. Im frühen Mittelalter entstehen dann Karten, die sich weniger für Topografie – also Gebirge, Flüsse, Meeresengen – interessieren und mehr für Heilserwartungen. Auf den kreisrunden Karten trägt Christus die Welt mit seinem Körper. Den Nabel bildet Jerusalem. Die obere Kartenhälfte enthält Asien, die untere Afrika – und Europa.

"Europa wird da jetzt ganz für sich sichtbar. Das ist sicherlich ein Hinweis auf einen Identitätsbildungsprozess, dass der Kontinent für sich dargestellt wird."

Wolfgang Schmale ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Wien. Die mittelalterlichen Karten sind nach Osten ausgerichtet – liegt nicht im hellen lichten Osten das Paradies?

Europa als "Welt im Leib Christi" - noch ist es eine mythische Figur; als sich aber das Abendland mehr und mehr für die empirische Erforschung der Welt interessiert, steigt allmählich das Interesse an praktisch nutzbaren topografischen Karten. Sie zeigen Kontinente, Regionen und größere Städte – aber in der gesamten frühen Neuzeit keine politischen Grenzen.

"Meistens sind es ja Kupferplatten ohne Grenzen. Und wenn man jetzt heute Grenzen findet, dann sind die von Hand mit Farbe eingetragen worden. Das kann im Verlag geschehen, das kann aber auch einfach der Besitzer einer Karte von jemand haben machen lassen."

Hier Klarheit zu schaffen, tritt ab dem späten 18. Jahrhundert eine neue, wissenschaftliche Geografie an. Politische Umwälzungen stehen dahinter: Ein Europa der Nationen und der politischen Räume entsteht. Bislang hatten Geografen die Länder der Erde in voluminösen Texten beschrieben, ihren Reichtum vermessen und statistische Daten zusammengefasst. Vor dem Hintergrund des politischen Wandels erweist sich das nun als unzureichend.

"Es gibt natürlich die napoleonischen Feldzüge, die die politischen Herrschaftsverhältnisse in weiten Teilen des Kontinents durcheinander wirbeln. Das heißt, man muss immer wieder fragen, wo ist jetzt eigentlich des Deutschen Vaterland – es gibt also ein großes Interesse an Grenzen, an Grenz-Verschiebungen; es gibt ein großes Interesse daran, die Gebiete, die bestimmten Völkern zugedacht werden, zu formen und an der Geografie eben auch festzumachen."

Iris Schröder, ist Professorin für Globalgeschichte des 19. Jahrhunderts an der Universität Erfurt. Karten visualisieren Raumvorstellungen und geben ihnen den Glanz des objektiv Vorhandenen. Im politischen Wirrwarr sollten solides Kartenmaterial und klare Konzepte Orientierung und Überblick bieten. 1779 wird in Quedlinburg Carl Ritter geboren. Er gilt als Begründer der wissenschaftlichen Geografie.

"Seine Idee war, dass man aus der Naturbetrachtung heraus gewissermaßen die natürlichen Länder entdecken könne und dass dieser natürlichen Ordnung die Politik zu folgen habe. Und es war natürlich auch die Idee, dass es eine Friedensordnung sein solle: Denn wenn man einmal diese richtige, natürliche politische Ordnung entdeckt hätte, dann wäre gewissermaßen kein Krieg mehr nötig gewesen."

Eurasien? Eurafrasien? Alles absurd?

Die "reine Geografie", Ritters Ideal, lieferte die Leitidee des neuen Faches, eröffnete sie doch die atemberaubende Perspektive, eine ewige, für alle Zeiten gültige Geografie zu schreiben. Dazu mussten Fachleute lediglich die natürlichen Länder auf der Erdoberfläche finden. Doch was sich so einfach anhört, entpuppte sich als langwieriges Projekt, blieben doch die Kriterien der Grenzziehung von Anfang an umstritten. Sollte allein die Topografie gelten? Oder zählten auch wirtschaftliche und kulturelle Argumente? Und ganz am Anfang stand die große Frage: Gibt es diesen eigenständigen Kontinent Europa überhaupt?

"Das mit der Eigenständigkeit Europas als Kontinent – als wären die Kontinente quasi Erdoberflächenstücke, die real existierten und die man dann nur entsprechend auflisten, beschreiben müsste – das ist ein sozusagen ein geografisches Wespennest."

Hans-Dietrich Schultz ist emeritierter Professor für Geographiedidaktik an der Berliner Humboldt-Universität. Für Carl Ritter, den Begründer der wissenschaftlichen Geografie, waren die Kontinente "Erdindividuen", zweifelsfrei existierende Raumgebilde. Andere Geografen sahen Europa eher als Halbinsel am westlichen Rande Asiens und Teil des Kontinents "Eurasien". Wieder andere wollten von "Eurafrasien" sprechen, schließlich hängen Afrika an Asien auch zusammen. Nur vereinzelt erhoben Geografen damals schon Einspruch gegen die ganze Idee.

"Immer mal wieder taucht auch ein Geograf auf, der sagt: Europa ist eine Fiktion, ein Phantom, hat es nie gegeben. Und wenn die Menschen dann in Gibraltar stünden und nach Afrika guckten, oder in Konstantinopel nach Asien guckten und dann womöglich noch sich überlegten, dass es noch weiter weg dann immer asiatischer werde oder immer afrikanischer – das sei absurd. Aber das sind Minderheitenstimmen."

Die politische Idee eines eigenständigen, deutlich abzugrenzenden Europas war zu wirkmächtig, als dass die Mehrheit der Geografen darauf verzichtet hätte, an seiner Erzeugung mitzuwirken. Doch selbst im Norden, Süden und Westen, wo das Meer an Festlandküsten wogt, taten sich Geografen schwer damit, ihrer Disziplin die ersehnte Eindeutigkeit abzuringen. Was zum Beispiel sollte man mit den Inseln im nördlichen Eismeer tun? Denn diese Inseln liegen so, ...

"... dass da kein Kontinentalsockel mit Europa mehr zusammenhängt. Wie kommen die dann da hin? Jede einzelne Insel im nördlichen Eismeer – ob ich die Faröer habe, ob ich die Bäreninsel habe und Franz-Josef-Land: Überall muss ich eine Entscheidung treffen."

Ähnlich wie die russische Regierung heute einen untermeerischen Rücken herbei zitiert, um sich den Nordpol geografisch einzuverleiben, verwiesen Geografen damals auf einen Rücken zwischen Island und Festland-Europa. Im Mittelmeer sah es nicht weniger kompliziert aus.

"Die Balearen und Sardinien, Korsika, Sizilien, das ist klar, aber dann wird's schon schwierig. Die Malta-Inselgruppe, die wird in der Regel eindeutig zu Europa gezählt, aber Lampedusa nur aus politischen Gründen – und nicht geografisch."

Denn geologisch gehört Lampedusa – heute italienische Sehnsuchtsinsel afrikanischer Emigranten – zum afrikanischen Kontinent. Zypern hingegen sitzt auf dem asiatischen Festlandsockel, ebenso wie die Inseln in der östlichen Ägäis, die heute wie selbstverständlich als griechisch gelten. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts waren Rhodos oder Patmos für die wissenschaftliche Geografie eindeutig asiatisch. Doch als sich die politischen Grenzen verschoben, bemühten sich die Experten, auch die natürlichen Grenzen an neuer Stelle auszumachen.

Hafen auf der Mittelmeerinsel Lampedusa, Aufnahme von 2009 (picture-alliance/ dpa)Hafen auf der Mittelmeerinsel Lampedusa, Aufnahme von 2009 (picture-alliance/ dpa)

"Da wird dann gesucht, ja, da gibt es im Mittelmeer eine Tiefenlinie und diese Tiefenlinie rechtfertigt, dass wir da die Grenze hinlegen. Oder dann sucht man auch in den Tiefen des Meeres zum Beispiel nach Unterschieden und stellte dann fest: Aha, hier ist die Molluskenfauna etwas anders und das rechtfertigt nun hier die Grenze. Also heute könnte man drüber lachen über so was. Aber das wurde tief ernst in den Handbüchern diskutiert."

Die brennende Frage der wissenschaftlichen Geografie aber blieb die Grenze nach Osten. Meeresküsten helfen hier bekanntlich nicht, denn ein Reisender gelangt trockenen Fußes bis nach Arabien. Oder Südindien. Oder Ost-China. Interessanterweise drängte das Thema im 18. Jahrhundert noch nicht. Der Historiker Wolfgang Schmale.

"Im 18. Jahrhundert ist man doch noch viel zu neugierig und offen, um den Osten einfach zum Osten zu machen, der vom Westen getrennt ist. Von der antiken Tradition her ist ja Russland nicht so sehr der Osten, sondern gehört eher zum Norden und dieses Verständnis hält sich erstaunlich lange. Also im Grunde genommen muss man bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts warten, bis der sprichwörtliche Osten – und dann ja auch der sprichwörtliche Balkan – im westeuropäischen Diskurs gesetzt sind."

Dann aber erlebt Westeuropa den raketenhaften Aufstieg der Industrialisierung und auch für die wissenschaftliche Geografie bedeutet "Osten" jetzt nicht mehr "lichtes Paradies", sondern: rand- und rückständig, kulturloser als der Westen. Die kulturelle Abwertung erklärt endlich auch, warum Europa keinesfalls Asiens Halbinsel sein kann. Der Geograf Hans-Dietrich Schultz:

"Dieser Osten Europas, der ist was völlig anderes. Der ist eine andere Welt! Man hat nicht viel Ahnung von der Landesnatur – und so monoton und homogen, wie dieses Land ist, so sind auch die Menschen in ihrem Denken. Und die brauchen auch politisch keine Demokratie; die brauchen jemand, der ihnen sagt, wo es lang geht – also die Diktatur des Zaren ist völlig erdgerecht."

1856 schreibt der Geograf Moritz Wagner über Russland:

"Dieses einförmige Land von Steppen und Föhrenwäldern, dieser flache schwerfällige ungeheure Körper war mit seinen Völkern von der Natur verdammt zu werden, was er war, ist und bleiben wird: einförmig und eintönig in seiner Cultur und Geschichte."

Auf der Suche nach Europas Grenze im Osten

Mühelos gleitet die Geografie von erdgeschichtlichen Formationen über religiöse Zuschreibungen zur Kulturgeschichte und wieder zurück. Entsprechend viele Ideen legen Geografen für die "natürliche" Grenze zwischen West und Ost vor, suchen die Erde nach Wasserscheiden ab, präferieren verschiedenste Flüsse und Hügelketten.

"Die westlichste Grenze mit, die gelegt wird, die reicht Pi mal Daumen vom Weißen Meer zur Donaumündung. Bis dahin reicht Europa."

Aus der Ferne und um Europa nicht allzu klein geraten zu lassen, bietet sich auch der Ural an, immerhin zieht sich das Gebirge rund zweieinhalbtausend Kilometer von Nord nach Süd durch den mittleren Westen Russlands.

"Der Ural ist natürlich kein Hochgebirge, wie die Alpen oder der Himalaja, und wird dann auch oft sozusagen herabgedimmt zu einer leicht überwindbaren Gebirgsschwelle; das machen diejenigen, die Europa vorher enden lassen wollen – während die anderen es dann doch als markantes, hinlänglich markantes Gebirge dann ausmachen."

Wer die Grenze nach Osten hin geologisch begründen möchte, kann auch tief in die Geschichte der Gesteine eintauchen.

"Das ist dann ein uralter Festlandschilf, und die europäischen Gebirge, die tertiäre Faltung, hat einen anderen Baustil als die asiatischen Faltengebirge; also so wird dann auch argumentiert und so versucht man dann, Russland abzudrängen, herauszudrängen."

Geologisch vielversprechend schien auch das Motiv der "Tiefenlinien". Für Geografen, die Russland als weitgehend uneuropäisch ansehen, erstreckt sich eine solche Tiefenlinie vom Weißen Meer nahe der Skandinavischen Halbinsel bis zur Krim – also ein gutes Stück westlich des Ural.

"Die hat dann auch einen schönen Namen. Das ist der "Warägische Grenzsaum", wo einst die Waräger langgezogen sind. Und da, vor dieser Tiefenlinie, liegen noch die Rokitno-Sümpfe oder Prypjat-Sümpfe. Und da endet dann für die Europa. Und deswegen empfahlen Geografen dringend, Russland wieder auf sein eigentliches natürliches Gebiet, nämlich hinter Europa zurückzudrängen."

Wer allerdings kulturgeografisch argumentiert, arbeitet mit einer neuen Unterscheidung: zwischen "Kerneuropa" und "Halbasien".

"In Richtung Osten verdämmern die europäischen Farben sozusagen allmählich und werden dann schließlich ganz asiatisch. Oder wie man sagte, dass im Osten, wenn man im Osten über die Grenze geht, man gegen eine 'kalte Wand' läuft."

Solche kulturgeographischen Argumentationen erzeugen einen willkommenen Nebeneffekt: Feste Grenzen gibt es nicht mehr, Europa kann stetig expandieren; der Geograf muss nur untersuchen, wie weit sich europäische Lebensart und Bodenkultivierung schon ausgedehnt haben. So entwickelt der deutsche Geograf Friedrich Gustav Hahn, 1899 zum Rektor der Universität Königsberg ernannt, ein Konzept der "dynamischen Grenzen" und schreibt:

"Eine Grenze kann nie eine dauernde sein, sie ändert sich mit dem langsamen, aber doch merkbaren Vordringen der Civilisation gegen Osten und Südosten."

Europas Landesinnere spornte seine Bewohner an, sich zu entwickeln

Reichten die neuen Eisenbahnschienen erst einmal bis nach Sibirien und seien die jetzt noch menschenarmen Gebiete östlich des Ural und im russischen Turkestan erst einmal mit Siedlungen bedeckt:

"Dann wird auch jene jetzt gebräuchliche konventionelle Grenze Europas ihre Geltung allmählich einbüßen und die Kartenzeichner werden abermals Gebiete, die man sonst ohne Widerspruch Asien überließ, unserem Erdteil einverleiben."

Schultz: "Und so wandert dann diese Grenze und wer weiß, wo sie dermaleinst liegen wird! Natürlich werden immer Argumente angeführt. Niemand sagt, das hab ich einfach als Hirngespinst und Phantom mir in meinem Kopf ausgedacht, sondern das wird natürlich immer als Wissenschaft präsentiert, keine Frage."

Für die alte, länderkundliche Geografie des 17. und 18. Jahrhunderts überstrahlte Asien als überlegener Erdteil den Westen. Im 19. Jahrhundert aber drängt Europa in die Herrschaftsrolle – und die Geografie liefert Argumente aus nichts Geringerem als der "Erdnatur".

"Wie ist die Umrissgestalt der Kontinente? An den Umrissen der Kontinente kann man deren weltgeschichtliche Rolle feststellen, kann dieser Geograf – also heute ist das absurd, aber damals war das keine Pseudowissenschaft – kann dieser klassische Geograf dann feststellen, wie die Weltgeschichte verlaufen soll."

Das einst so bedeutende China fällt nun durch seine ungünstige Gestaltung auf. Der Himalaja? Eine Sperrmauer. Das Landesinnere? Formlos und viel zu homogen. Die Küsten? Viel zu schlicht, kaum vorgelagerte Inseln. Die Folge: kultureller Stillstand.

Schultz: "Europa ist außerordentlich zerklüftet, viele selbstständige vorgelagerte Inseln, hat viele Halbinseln, ist durch viele Nebenmeere aufgeschlossen – das ist aus der Sicht der Geografen ein riesiger Vorteil."

Schröder: "Es ist der Kontinent der Vielfalt, in der Sprache der Zeit, und das wird immer kontrastiert mit der großen Landmasse Asiens, mit der großen Landmasse Afrikas."

Perfekt ist das Landesinnere Europas gestaltet. Seine feine Kammerung, die Gebirge von idealer Höhe, die mächtigen integrierenden Flüsse in ihrem vollendetem Verlauf – sie ließen die Völker Europas vielfältig gedeihen und spornen sie nun zu Arbeit und Wettbewerb an. Hans-Dietrich Schultz.

Schultz: "Dann das Klima! Das gemäßigte Klima! Im Norden, wo's lausig kalt ist, da müssen die Menschen gucken, wie sie überleben, da haben sie gar keine Zeit, noch irgendwie nachzudenken. In den Tropen? Fällt ihnen alles in Mund. Da müssen sie überhaupt nicht arbeiten! Da legen sie sich in Hängematten und machen den Mund auf und dann fallen die Früchte ihnen in den Mund."

"Zentrum des Menschengeschlechts", "Gesetzgeberin des Universums" lauten nun geografische Ehrennamen Europas. Der Begründer der wissenschaftlichen Geografie selbst, Carl Ritter, schreibt Mitte des 19. Jahrhunderts:

"Europa ist zum classisch gebildeten Erdindividuum für alle andern Theile der Erde geworden, die geistige Metropole, der Brennpunkt des Planeten, der Focus, der alle Lichtstrahlen sammelt und neu reflectiert. Es ist der pädagogische Erdtheil für das Menschengeschlecht, sein Weltmarkt, auf dem jede Ware ihren Preis findet, dessen Ideen und Taten die Welt durchdringen."

Andere Erdteile können daneben nur verblassen. Getragen von einem ungebrochenen Geist des Kolonialismus kann Carl Ritter schon an der Form Afrikas die Monotonie des Kontinents erkennen. Kein Wunder, dass Afrika "Naturantriebe" fehlten, die das Bewusstsein seiner Bewohner hätten fortentwickeln können.

"Und wie der ganze Erdteil geschlossen in den Banden der starren Continentalform liegt, ebenso hat sich sein Bewohner, die afrikanische Menschenrasse, in die Knechtschaft führen lassen, weil ihm, bei dem Mangel der individualisierten Entwicklung, auch die Kräfte nicht zu Gebote standen, seine Freiheit zu behaupten."

Die Bosporus-Brücke in Istanbul bei Nacht (picture alliance / dpa / Sedat Suna)Die Bosporus-Brücke in Istanbul bei Nacht (picture alliance / dpa / Sedat Suna)

So zeigt sich das Spannungsfeld, in dem die wissenschaftliche Geografie von Beginn an agierte: hier das Bemühen um wissenschaftliche Objektivität, dort die Bereitschaft, sich als politischer Steigbügelhalter anzudienen. Der Eifer, ideologische Konstrukte direkt auf die Topografie der Erde zu projizieren, trieb erstaunliche Blüten. Zum Beispiel in dem Konzept der "Doppelkontinente", das sich einigen Geografen beim Blick auf die Landkarte aufdrängte. Jedem fortschrittlichen Erdteil fielen, so meinten sie, natürlicherweise seine Tropen zu – Nordamerika sollte Südamerika bekommen, Australien Asien und Europa Afrika.

Schultz: "Der eine liefert das und der andere das, und das ist doch eine einzige wechselseitige Hilfsgemeinschaft! Später, im 20. Jahrhundert, tauchen dann auch durchaus politische Ideen organisatorischer Art auf, wie zum Beispiel 'Atlantropa'. Als Idee, Europa mit Afrika zu verbinden – das Mittelmeer zu sperren, dort ein Riesenkraftwerk bei Gibraltar zu bauen, Seen in Afrika zu schaffen, in Mittelafrika, und zwischen beiden einen entsprechenden wirtschaftlichen Austausch dann hinzukriegen."

Schröder: "Das ist das hochimperiale Zeitalter, das heißt, die Geografen glauben auch das, was auf der politischen Agenda steht. Das frühe 19. Jahrhundert, da ist Europa gewissermaßen doch sehr viel mehr auf der Suche nach seinem eigenen Ort der Welt. Im späten 19. Jahrhundert ist man sich sehr gewiss, dass man der Mittelpunkt der Welt ist."

Vom nordöstlichen Anatolien aus wuchs das Osmanische Reich zu einem mächtigen Vielvölkerstaat heran und beherrschte in seiner Blütezeit im 17. Jahrhundert über drei Kontinente hinweg den Balkan, Teile Arabiens und Nordafrikas. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts lebte Westeuropa mit einem eher diffusen, breiten Saum der Überschneidungen und Vermischungen zwischen Okzident und einem Orient, leicht rückständig, aber auch schillernd und vielversprechend. Reisende finden in Städten oder sogar Stadtvierteln "Inseln des Ostens", wo das Andere mit einem Mal sichtbar wird. Die Historikerin Iris Schröder.

"Und das konnte selbst noch in Gebieten sein, die eigentlich eher diesem alten Europa zugeordnet worden wären. Sie gingen in die Stadtviertel und sagten, hier ist sozusagen schon der Orient vorhanden, hier ist es gewissermaßen unübersichtlich, hier ist es nicht so, wie wir das aus Europa gewohnt sind. Also diese eindeutige Grenzziehung, die gibt es eigentlich im mittleren 19. Jahrhundert so noch nicht."

Zudem gab es an den südöstlichen Rändern Europas bis in das 19. Jahrhundert noch immer Terra incognita – geografisch unerforschtes Gebiet, das auch wenig interessierte. Auf den Landkarten trug man hier die Kartenlegende ein, damit die weißen Flecken nicht auffielen.

"Ob da Gebirgszüge sind, ob da Flüsse sind, man wusste es einfach nicht und man hat es überspielt."

Wohin mit dem "Türkenreich" im Süden?

Uneindeutigkeit auch in der Politik: In den langen Jahrhunderten, in denen das so genannte "Türkenreich" in Südosteuropa immer weiter expandierte und sich mit Venedig und Österreich in Kriege verstrickte, waren die Beziehungen zwischen Osmanen und westeuropäischen Christenstaaten keineswegs nur feindschaftlich. Im alltäglichen Umgang halfen diplomatische Allianzen, militärische Kooperation und Handelsabkommen. Markus Koller, Professor für die Geschichte des Osmanischen Reichs und der Türkei an der Ruhr-Universität Bochum:

Koller: "Es gab dann, gerade im 18. Jahrhundert, Europakonzepte, wonach das Osmanische Reich als Teil dieser europäischen Staatenwelt angesehen wurde; das ist ja die große Debatte, die große Diskussion: Inwieweit das Osmanische Reich – zumindest strukturell, politisch – gegebenenfalls auch Teil eines europäischen Staatensystems war."

Die Politik des 18. Jahrhunderts betrieb ihr Geschäft pragmatisch im Geiste der Aufklärung. Für sie musste das europäische Mächtesystem ausbalanciert werden und, gleich ob Christ oder Muslim – wer Politik ebenso rational betrieb, gab einen akzeptablen Partner ab. Auch für viele Geografen gehörte das Osmanische Reich damals "dazu". Noch 1812 konnte man im "Hand- und Lehrbuch der reinen Geografie nach natürlichen Grenzen" von Friedrich Dittberger lesen:

"Die Türkei ist eine große Halbinsel im Südosten Europas."

Und eine "Elementar-Erdkunde" von 1889 spricht noch mit großer Selbstverständlichkeit von dem

"europäisch-muhamedanischen Staat der Türken"

"Und dann hat sich ein Europabegriff immer stärker heraus zu kristallisieren begonnen, in dem sich dieses Europa – aber immer im Sinne einer Staatenwelt – als kulturzivilisatorisch überlegen definierte und betrachtete gegenüber anderen Regionen, anderen Mächten, so dass dann praktisch in diesen Europavorstellungen das Osmanische Reich weniger oder kaum noch, eigentlich fast nicht mehr, als dessen Teil erschien oder eingebettet worden war."

Die Geographie zog mit. Während sich das Osmanische Reich radikal verwestlichte, europäische Verwaltungspraktiken, politische Ideen, sogar Kleidung und Bildung übernahm, galt es der hiesigen Geografie als immer rückständiger und fremder. In den weiten Steppen Anatoliens fließe "das Blut Asiens", erklärte 1909 Ewald Banse. Für ihn war "der Orient" ein eigener Erdteil – charakterisiert durch den Islam. Sein Argument fand er...

"... durchaus geografisch, denn die Religion Mohammeds ist so sehr einer gewissen Natur angepasst, so bodenbedingt wie keine zweite."

Spätestens als der Westen das Osmanische Reich industriell und militärisch abhängte, war es mit der "europäischen Türkei" ganz vorbei und auch die Geografie setzte auf den harten Unterschied.

Schröder: "Und zwar auch in Form eines Kontrastmodells: hier Europa, dort Asien; hier die Zivilisation, dort – also jetzt mal ganz in der Sprache der Zeit gesprochen – die sogenannten 'wilden Horden'."

Schultz: "In dem Moment, wo man solche natürlichen Räume konstruiert, dann sind die Osmanen, sind die Türken das falsche Volk für diese osteuropäische Halbinsel. "Die gehören da nicht hin. Die haben auch die Wirtschaft dort völlig ruiniert. Die müssen zurück, die müssen aus Europa vertrieben werden."

Der Bosporus ist in wenigen Minuten überquert

Nach dem Ersten Weltkrieg liegt das alte Osmanische Reich tatsächlich in Trümmern. Harte Friedensverträge löschen es weitgehend aus und gründen die Türkei in ihren heutigen Grenzen. Die hat sich für die Geografie gründlich von einer europäischen Halbinsel weg entwickelt und ist nun, wie 1926 der Geograf Hermann Lautensach erklärt:

"Die einzige westliche Halbinsel Asiens."

Zwei Meeresengen sind heute als geografische Grenze geblieben – die Dardanellen zwischen der Ägäis und dem Marmarameer, 65 Kilometer lang und nirgendwo breiter als sechs. Und der Bosporus in Istanbul, der Schwarzes und Marmarameer verbindet. Denn für die Menschen in Istanbul trennt der Bosporus nichts. Die Grenze zwischen Asien und Europa: ein kleiner Fußweg. Eine Brücke, über die täglich Menschen gehen.

Die mythische Geschichte der schönen Königstochter Europa verliert sich im Nebel zahlloser Fortsetzungen und Varianten. Zweihundert Jahre lang sollten die Grenzen Europas in einer "reinen Geografie" für alle Zeiten festgeschrieben werden und änderten doch ständig ihren Verlauf. Und heute? Seit ihrer Gründung versäumt es die politische Union der europäischen Staaten, ihre Außengrenzen genau zu definieren. 2004 trat Zypern der EU bei, eine asiatische Insel. Debatten um die zukünftige territoriale Ausdehnung der EU gab es damals kaum, auch nicht, als der Ukraine-Konflikt explodierte. Die zeitgenössische Geografie allerdings hat sich aus der Grenz-Debatte zurückgezogen, weil ihr klar ist, was sich in der Schulgeografie noch nicht allgemein durchgesetzt hat: Räume sind nicht objektiv vorhanden, sie werden gemacht.

"Aber das war mal lange Zeit wirklich Mode, Wissenschaft, darüber wurde diskutiert, das waren wissenschaftliche Probleme, bis es irgendwie durch war, dass das doch eher Konstrukte sind, die unhaltbar sind. Ich meine, Konstrukt ist ja alles, was wir treiben, aber es gibt halt solche, die man gut begründen kann – und solche, die man nicht so gut begründen kann, wenn man so will."

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