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Interview / Archiv | Beitrag vom 08.04.2016

Gentechnik CRISPR/CasWarnung vor "naivem Fortschrittsglauben"

Peter Röhrig im Gespräch mit Dieter Kassel

Petrischale mit Weizenähre und Biogefährungszeichen (imago / blickwinkel)
Gentechnisch veränderte Pflanzen sind für viele Menschen eine Horrorvorstellung - derzeit wird über eine neue Methode debattiert (imago / blickwinkel)

Ein neues Verfahren verspricht eine Revolution in der Gentechnik: Das sogenannte CRISPR/Cas soll für mehr Pflanzenschutz sorgen. Peter Röhrig vom Bund Ökologischer Lebensmittelwirtschaft ist skeptisch.

CRISPR/Cas ist ein neues Werkzeug der Gentechnik (MP3), mit dem Forscher das Erbgut von Pflanzen, Tieren und Menschen nach dem Copy-Paste-Verfahren austauschen können. Weniger unerwünschte Nebeneffekte, sehr kontrollierte Genmanipulationen – das sind die Versprechen. Bundesregierung und EU prüften gerade Potenziale und Risiken dieser neuen Gentechnik. Bis dahin bleibt die Biobranche auf Distanz und verlangt strikte Kennzeichnung von Produkten, die mit CRISPR/Cas verändert wurden

Auch der Geschäftsführer des Bundes Ökologischer Lebensmittelwirtschaft, Peter Röhrig, beurteilt einen möglichen Einsatz dieses gentechnischen Verfahrens  in der Biolandwirtschaft skeptisch. Man müsse sehr genau prüfen, wo die Risiken und Auswirkungen dieses neuen Verfahrens lägen, sagte er im Deutschlandradio Kultur. Er warnte vor einer zu schnellen Euphorie:

"Uns als Gesellschaft empfehle ich einfach, uns anzugucken: Was kommt denn wirklich am Ende dabei heraus? Und uns nicht voreilig von ein paar Versprechen dort ins Bockshorn jagen zu lassen."

Zu den Grundmaximen der Biolandwirtschaft gehöre es, ohne Gentechnik zu produzieren, betonte Röhrig. Notwendig sei auch die Schaffung eines regulatorischen Rahmens für den Einsatz der Technik "CRISPR/Cas", forderte er:

"Und da erwarten wir vom Gesetzgeber auch, dass er sich dieser Frage sozusagen offen und transparent stellt und auch entsprechende Kennzeichnungsfragen vornimmt."

Versprechen der Gentechnik haben sich nicht erfüllt

Röhrig warnte davor, sich zu einem "naiven Fortschrittsglauben" verleiten zu lassen. Die Versprechen der Gentechnik hinsichtlich der Lösung der Probleme bei der Welternährung hätten sich kaum erfüllt:

"Große Versprechungen – und was rausgekommen ist, sind Funktionen , die eigentlich auf ein Mehr an Herbizid-Einsatz am Ende hinausgelaufen sind."

Der "Sackgassen-Ansatz" der Pestizid-Anwendung und der immer stärkeren Mono-Kultur sei verstärkt worden; eine nachhaltige Lösung der Ernährungsfrage sei nicht geleistet worden, kritisierte Röhrig.


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Seit fast drei Jahrzehnten werden Nutzpflanzen mit regelrechten Genkanonen beschossen, um ihre DNA zu verändern und sie damit zum Beispiel ertragreicher zu machen oder widerstandsfähiger gegen Schädlinge. Das kommt für die Biolandschaft natürlich nicht infrage. Nun aber gibt es eine neue Methode und da stellen sich einige der alten Fragen wieder ganz neu.

(Einspielung Bericht)

Die Biobranche bleibt auf Distanz zu CRISPR/Cas, hieß es da gerade bei Philip Banse. Und wie groß diese Distanz ist, das wollen wir jetzt ausmessen mit Peter Röhrig. Er ist der Geschäftsführer des Bundes Ökologischer Lebensmittelwirtschaft, schönen guten Morgen, Herr Röhrig!

Peter Röhrig: Schönen guten Morgen!

Kassel: Gibt es da nur eine Distanz oder eine Mauer? Ist CRISPR/Cas für Sie Teufelszeug?

Röhrig: CRISPR/Cas ist eine sehr neue Technologie und man muss zuerst mal schauen, wo liegen genau die Risiken, was ist es für ein Verfahren, welche Auswirkungen hat es. Und dort liegen wir tatsächlich mit Urs Niggli über Kreuz, weil wir meinen, dass er eine Reihe von Annahmen dort trifft, die so nicht zutreffen.

Kassel: Welche denn?

Röhrig: Beispielsweise meinen wir, dass die Patentierung auf Lebensmittel nicht der Weg ist, um unsere Ernährung künftig zu sichern. Urs Niggli meint, dass dieses Verfahren wahrscheinlich nicht mit Patenten belegt sein wird, wir meinen, schon. Das zeigen auch Patentanmeldungen in dem Bereich und wir meinen, dass unsere Lebensmittel patentfrei bleiben müssen.

Streit um Patente für Lebensmittel

Kassel: Aber ist das wirklich ein Problem der Gentechnik? Es gab in letzter Zeit auch beim europäischen Patentamt in München Streit um Patente für Lebensmittel. eine Tomate zum Beispiel, die auf konventionelle Art und Weise, also durch Kreuzung erzeugt wurde. Den Patentstreit und die Frage, auf was darf es Patente geben und nicht, muss man die nicht getrennt sehen von der Frage, mit welcher Technik machen wir das?

Röhrig: Die muss man auch getrennt sehen, selbstverständlich. Bio ist eine werteorientierte Form der Lebensmittelerzeugung, dass wir keine Gentechnik einsetzen in Bioprodukten, ist eine Grundfeste der Bioerzeugung. Daneben wird auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel verzichtet, wir verzichten auf leicht löslichen Mineraldünger und setzen stattdessen auf eine artgerechte Tierhaltung, eine flächengebundene, artgerechte Tierhaltung, Fruchtfolgen, die Pflanzenkrankheiten eindämmen und so auch den vollständigen Verzicht beispielsweise auf Herbizide ermöglichen.

Kassel: Aber gerade da argumentiert ja Urs Niggli, den wir schon erwähnt haben, anders: Er sagt zum Beispiel, wer Ökobier trinkt, der trinkt dann auch Bier, das mit Hopfen gemacht wurde, den man mit Pestiziden, die unter anderem kupferhaltig sind, behandelt hat. Anders ginge das gar nicht, sonst kriegt man den Falschen Mehltau nicht weg, der ein großes Problem ist, nicht nur bei Hopfen. Und er sagt, Kupfer wird wahrscheinlich ohnehin als Zusatz in solchen Mitteln bald verboten werden und das könnte man auch alles verhindern mit CRISPR/Cas.

Röhrig: Auch Biohopfenbauer müssen ihre Pflanzen gesund erhalten, selbstverständlich. Und Kupfer gehört zu diesen Präparaten, um diese Pflanzen gesund zu erhalten. Die Hopfenbauern und auch andere Bioerzeuger sind sehr bemüht, diesen Kupfereinsatz so weit wie möglich zu reduzieren. Die CRISPR/Cas-Technik setzt bei einzelnen Genen an, um dort sozusagen an einzelner Stelle eine Gesunderhaltung von Pflanzen zu ermöglichen.

Wir wissen oder die Erfahrung ist, dass, wenn ich an so einer einzelnen Stelle versuche, eine Krankheit auszuschalten, dass die Natur relativ geschickt ist, das zu umgehen. Und diese Resistenzen halten nur sehr kurz an. Was wir brauchen, ist eine ganz andere Art der Züchtung, eine ganzheitliche Art der Züchtung, die viel dichter an den etablierten Verfahren von Kreuzung und Selektion dran ist, um dort eine breite Resistenz zu ermöglichen. Und da gibt es ja auch viele Beispiele. Wir haben Apfelsorten beispielsweise gezüchtet, im Bereich des Weins gibt es Sorten, die ein höheres Maß an Resistenzen aufweisen, und das ist alles sehr gut möglich ohne diese CRISPR/Cas-Technik.

Gentechnik hat Versprechen nicht eingelöst

Kassel: Dauert aber doch länger bei natürlicher Kreuzung, oder?

Röhrig: Es mag länger dauern und wir müssen dort auch noch sehr viel mehr investieren, als wir dort derzeit investieren können. Aber was nützt mir eine Resistenz, die relativ schnell durchbrochen ist und nach wenigen Jahren bereits verschlissen ist?

Kassel: Es gibt natürlich noch ein anderes Problem bei der ökologischen Landwirtschaft, das kennen Sie auch, das Argument, dass, wenn man nun wirklich die ganze Welt damit ernähren wollte, dass diese Form der Landwirtschaft einfach nicht ertragreich genug ist. Die konventionelle ist es, aber sie ist nicht unbedingt gut für unsere Umwelt und auch nicht für die Menschen. Könnte nicht CRISPR/Cas eine Chance sein, da einen Kompromiss zu finden? Im Prinzip schon noch Bio, aber eben doch ertragreicher als bisher?

Röhrig: Ich glaube, wir dürfen uns nicht zu einem naiven Fortschrittsglauben verleiten lassen. Die Gentechnik als solches hat all die Versprechen, die Frage der Welternährung wird sozusagen gelöst sein in nur wenigen Jahren, (nicht erfüllt). Wenn wir auf diese Technik setzen, wenn wir uns anschauen, was dort in den letzten 20, 30 Jahren passiert ist, ist das ja ausgeschlossen ernüchternd. Große Versprechungen, und was herausgekommen ist, sind Funktionen, die eigentlich auf ein Mehr an Herbizideinsatz am Ende hinausgelaufen sind, die diesen Sackgassenansatz der Pestizidanwendung und immer stärkeren Monokultur nur verstärkt hat und nicht zu einer wirklich nachhaltigen Lösung der Ernährungsfrage beigetragen hat.

Noch dazu wurde es ja nur angewendet bei ein paar wenigen Cash Crops, also bei Pflanzenarten, die vor allen Dingen für den Export und in den Industrieländern relevant sind. Das heißt, wir müssen sehr genau auch auf das sozioökonomische Umfeld schauen, deswegen habe ich auch die Patentfrage vorhin erwähnt: Wenn wir nachhaltige Lösungen wollen, brauchen wir angepasste Technologien, wie der ökologische Landbau mit vielen Innovationen zeigt, dass es gehen kann.

Und ich möchte Ihnen auch widersprechen, wenn es um die Frage der Welternährung geht: Sehr wohl können wir mit ökologischem Landbau auch die Welt ernähren. Gerade in Gebieten, die nicht so vorteilhaft von ihrer Naturausstattung sind, was Böden und Klima betrifft wie in Mitteleuropa, haben wir deutlich höhere Erträge durch ökologische Anbauverfahren, beispielsweise durch Humuswirtschaft in Trockengebieten, wo wir den Boden in die Lage versetzen, viel stärker auch Wasser zu binden und zu halten durch diesen höheren Humusanteil, der dann möglich ist. Und solche ökologischen Anbauverfahren gewährleisten viel mehr Ertrag.

Weil, es ist ja nicht die Genetik alleine, die eine Pflanze zu mehr Ertrag bringen, sondern das macht ja nur einen kleinen Bruchteil an Voraussetzungen aus, um am Ende tatsächlich mehr auf dem Teller zu haben. Da zählen Fragen des Wassers insbesondere dazu, da zählen Fragen der Lagerung dazu, all diese Fragen müssen wir uns zusammen anschauen und dann gucken, an welcher Stelle fehlt es wirklich. Und ich glaube, dass die Frage der Genetik dort gar nicht die prioritäre Frage ist.

Gesetzgeber muss eine Kennzeichnung vornehmen

Kassel: Aber sagen Sie denn, CRISPR/Cas und ähnliche Methoden grundsätzlich auf gar keinen Fall? Oder sagen Sie, wir warten ab und müssen gucken, wie sich das entwickelt, schließen es aber nicht hundertprozentig aus?

Röhrig: Uns als Gesellschaft empfehle ich einfach, uns anzugucken, was kommt denn wirklich am Ende dabei heraus, und uns nicht voreilig von ein paar Versprechen dort ins Bockshorn jagen zu lassen. Eine Grundfeste von Bio ist, dass wir ohne Gentechnik produzieren. Wenn diese Technik Gentechnik ist, dann werden wir sie nicht einsetzen. Und diese Bewertung, ob es jetzt Gentechnik ist oder nicht und an welcher Stelle – weil, man kann dieses Verfahren unterschiedlich einsetzen –, dazu müssen wir erst mal einen regulatorischen Rahmen schaffen, da erwarten wir vom Gesetzgeber auch, dass er sich dieser Frage sozusagen offen und transparent stellt und auch entsprechende Kennzeichnungsfragen vornimmt.

Kassel: Herzlichen Dank! Peter Röhrig war das, er ist der Geschäftsführer des Bundes Ökologischer Lebensmittelwirtschaft und er hat seine Ansichten klargemacht zu etwas, was viele für eine Chance für die Zukunft halten und andere eben nicht, nämlich CRISPR/Cas. Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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