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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 02.12.2014

Genitalverstümmelung Comedy gegen eine grausame Tradition

Theaterstück in Ägypten

Von Elisabeth Lehmann

Das Messer einer Beschneiderin.  (picture alliance / dpa / Wolfgang Langenstrassen)
Mit Messern wie diesem werden Frauen die Klitoris und Schamlippen herausgeschnitten. (picture alliance / dpa / Wolfgang Langenstrassen)

Ein grausames Ritual, unterhaltsam aufbereitet: Eine ägyptische Theatergruppe bringt ein Stück über die Beschneidung der Frau auf die Bühne. So sollen gerade in entlegenen Gebieten junge Frauen für das ernste Thema sensibilisiert werden.

"Was für ein schwarzer Tag: Es ist ein Mädchen!" Die Zuschauerinnen kichern, denn das Mädchen trägt zwar ein pinkfarbenes Kleid; Dreitagebart und tiefe Stimme sind aber alles andere als weiblich.

Die Gruppe "HaraTV", was übersetzt so viel wie "KiezFernsehen" heißt, macht Station in Com Buha, einem kleinen Dorf in Südägypten. Ein karger Raum im Gemeindezentrum dient als Bühne für ihr Comedy-Programm. Dargestellt wird das Leben einer Ägypterin, gespielt von Ahmed. Er beziehungsweise sie muss jetzt dem Vater zuhören, wie ihr Leben aussehen soll.

"Eine wichtige Sache musst du verstehen, mein Mädchen. Die Straße gehört den Jungs, die können Fußball spielen, sie sind frei. Du bist ein Mädchen, meine Kleine, bleibst zu Hause bei deiner Mutter, spülst das Geschirr, machst die Wäsche, putzt die Küche, putzt das Bad..."

Die Mutter legt dem Mädchen nun ein Kopftuch um. Das versteht die Welt nicht mehr.

"Natürlich, meine Kleine, du bist ein Mädchen."

"Du hast dem Vater zu gehorchen, der Mutter, der Oma, dem Opa, dem Onkel, der Tante, dem Hausmeister, seiner Frau, dem Verkäufer, dem Müllsammler, dem Mechaniker. Du hast allen Leuten zu gehorchen, weil du ein Mädchen bist."

Bunt, laut, überdreht

Die Mädchen im Saal hält es vor Lachen kaum noch auf den Holzbänken. Ihnen kommt die Szene bekannt vor. Sie sind auf dem Land groß geworden, hier in Oberägypten, wo Traditionen stark sind. Alle Mädchen tragen das Kopftuch sehr streng gebunden, kein Haar schaut hervor, Hals und Schultern sind bedeckt. Lange Röcke, lange Ärmel, es darf keine Haut zu sehen sein – damit die Männer nicht auf dumme Gedanken kommen. So wie Samy, der im Stück gerade Ahmed durch die Bankreihen jagt.

Samy verfolgt Ahmed im Mädchen-Kostüm mit Sprüchen wie "Hallo Kätzchen, du bist sexy". Er trägt eine rote Plastikbrille, in deren Gläsern sich Spiralen drehen, wie im Comic. Sexuelle Belästigung auf der Straße ist eines der größten Probleme, mit denen Frauen in Ägypten zu kämpfen haben. Es ist trauriger Alltag, den die Theatergruppe "HaraTV" karikiert. Bunt, laut, überdreht. Die Stimmung ist gelöst, bevor die Schauspieler zum finalen Akt ansetzen – dem eigentlichen Grund, warum sie heute nach Com Buha gekommen sind.

Samy ist jetzt in die Rolle einer alten Frau geschlüpft. Sie versucht ihre Tochter davon zu überzeugen, die Enkelinnen beschneiden zu lassen.

Samy (Mann): "Deine Töchter sind groß geworden. Ich nehme sie mit zur Ärztin, um sie beschneiden zu lassen. Damit sie nicht rechts und links schauen." 

Sherin (Frau): "Aber ich will nicht, dass meine Töchter beschnitten werden."

Samy: "Willst du dein ganzes Leben so blöd sein? Ein Mädchen muss beschnitten sein, damit es rein bleibt."

Sherin: "Meine Kinder sind gut erzogen. Die wissen, was richtig und was falsch ist."

Samy: "Trotzdem muss ein Mädchen beschnitten sein, damit es sich nicht rumtreibt."

Sherin: "Das sind meine Töchter und ich will nicht, dass du ihnen etwas wegnimmst. Ich will sie unversehrt. Es reicht, was mir widerfahren ist."

Samy: "Mein Mädchen, das sind doch nicht deine Worte, woher hast du das? Hast du keine Angst vor Gott?"

Sherin: "Ich habe im Fernsehen gesehen, dass das nichts mit Gott zu tun hat."

Samy: "Ach, schaust du Fernsehen? Du hörst nur das, was du hören willst. Außerdem: schau uns doch an. Wir sind auch beschnitten und uns ist nichts passiert. Im Gegenteil, wir sind so toll."

Das Thema ist Tabu

Beschneidung von Mädchen ist ein jahrhundertealtes Ritual in der ägyptischen Gesellschaft. 9 von 10 Frauen unter 50 sind beschnitten. Das ist sehr viel. Höhere Zahlen gibt es nur in Somalia, Guinea und Djibouti. In Ägypten werden den Mädchen bevor sie geschlechtsreif sind, die Klitoris und die inneren Schamlippen entfernt. Meist von einem Arzt, oft aber auch von einer so genannten Beschneiderin, einer alten Frau im Dorf. Doch obwohl fast alle Frauen davon betroffen sind, ist das Thema ein Tabu. Eine Diskussion über Beschneidung zu führen, bedarf viel Fingerspitzengefühl. Dessen ist sich Nada Sabet, die Regisseurin von "HaraTV", bewusst.  

"Ich denke, weil es ein Spiel ist und es lustig ist und wir nicht so streng aussehen, akzeptieren die Menschen eher, dass wir über das Thema reden. Solange wir den Menschen nicht sagen, was sie zu tun und zu lassen haben oder so tun, als hätten wir die Lösung, sind sie entspannter und reden mit uns über ihre Erfahrungen."

Die Gruppe macht eine kurze Pause in einem kleinen Café am Ufer des Nils. Nada kippelt mit ihrem Plastikstuhl am Geländer. Von der nahegelegenen Brücke beobachten ein paar Jungs die Gruppe. Die Hauptstädter fallen auf hier im ländlichen Süden.

"Es kommt auch vor, dass Zuschauer sagen, ich bin für Beschneidung. Dann ist es unsere Aufgabe zu sagen, ok, wir hören uns alle Argumente an und am Ende müsst ihr selbst entscheiden, was ihr macht. Wir fahren sowieso wieder weg. Wir machen Kunst. Wir wollen erreichen, dass die Menschen Themen diskutieren können, die die Gesellschaft normalerweise nicht akzeptiert."

Regisseurin Nada Sabet hat die Theatergruppe "HaraTV" im Auftrag der  Vereinten Nationen konzipiert. Im Schnitt drei Vorstellungen haben sie und die drei Schauspieler Ahmed, Samy und Sherin pro Tag. Jedes Mal in einem anderen Dorf, jedes Mal vor anderem Publikum.

In Kairo hetzt Ahmed Magdy von Termin zu Termin. Auch er will die Ägypter aufklären. Er sitzt im Vorstand des Dachverbandes aller ägyptischen NGOs, die sich gegen Genitalverstümmelung engagieren. Früher hat Magdy als Arzt gearbeitet, heute ist er hauptberuflicher Aktivist und zwischen zwei Terminen in ein Café in Downtown Kairo gekommen:

"Genitalverstümmelung ist ein sehr kontroverses Thema. Denn es ist anders als bei sexueller Belästigung zum Beispiel. Das ist zwar gesellschaftlich verbreitet, aber es gibt starke Gruppen, die sich dagegen aussprechen. Beschneidung hingegen wird nicht als Gewalt gegen Frauen angesehen, sondern dient der Reinheit der Frau, und das ist etwas sehr Gutes. Das ist sozial sehr akzeptabel. Das macht es so schwer, dagegen zu kämpfen."

Frauen sollen rein bleiben

Frauen sollen rein bleiben. Das ist das Argument. Es wird den Frauen unterstellt, ihren Sexualtrieb nicht kontrollieren zu können. Deswegen werden ihnen die Körperteile genommen, durch die sie Lust empfinden. Die Mädchen haben nach dem Eingriff starke Blutungen, die Wunde verheilt bei den meisten sehr schlecht. Die seelischen Verletzungen bleiben ein Leben lang. Zudem leiden die Frauen auch im Erwachsenenalter oft unter Entzündungen oder Schmerzen beim Sex.

"Ursprünglich hat das nichts mit Religion zu tun, gar nicht. Beschneidung gab es lange vor der Religion. Es ist ein afrikanisches Stammesritual. Aber durch die Religion ist es nachhaltiger geworden. Im Islam ist es verknüpft mit der Züchtigkeit der Frau, damit sie den Partner nicht so häufig wechselt. Die Frau hat nur einen Mann zu haben. Das Ritual wurde also mit dem Islam verknüpft, gleichzeitig aber auch mit dem Christentum. Christen tun es also genauso wie Moslems in Ägypten."

Das Problem bei der Bekämpfung sei auch, dass es kaum verlässliche Zahlen gebe, auf die man sich stützen kann. Vor allem, was die Ausbreitung in andere Länder angeht, meint Aktivist Magdy.

"In Indonesien und Malaysia ist der Einfluss der ägyptischen Azhar-Universität sehr groß. Wenn die Menschen hier studieren, dann nehmen sie nicht nur Wissen wieder mit nach Hause, sondern auch die ägyptische Auffassung vom Islam und die Traditionen, die sagen, du musst die Mädchen beschneiden."

Dabei haben islamische Gelehrte, auch der einflussreichen ägyptischen Azhar-Universität, wiederholt klargemacht, dass Beschneidung nichts mit dem Islam zu tun hat. Ali Gomaa, bis vergangenes Jahr Großmufti, also oberster Religionsgelehrter von Ägypten, sprach sich schon 2007 in einem Interview im ägyptischen Fernsehen dagegen aus.

"Bei der Entfernung begeht man ein Verbrechen, das gemäß islamischem Recht eine komplette Entschädigungszahlung erfordert. Und zwar in Höhe des für die Tötung einer Person zu zahlenden Betrags. Das, was geschieht, ist definitiv ein Verbrechen und das zieht eine Strafe nach sich. Und wenn das vor 100 Jahren ungestraft geblieben ist, so ist es heute anders. Und wenn jemand sagt, das sind die Gesetze Gottes und die ändern sich nicht, dann sage ich, das hat mit den Gesetzen Gottes nichts zu tun." 

Seit 2008 ist Beschneidung in Ägypten auch gesetzlich verboten. Trotzdem müssen nach wie vor jährlich tausende Mädchen den Eingriff erleiden. Wo kein Kläger, da kein Richter. Und so gab es bisher nur einen Fall, der vor Gericht gelandet ist. Sohair Al Bataa starb im Sommer 2013, nachdem ein Arzt ihr die Klitoris und die Schamlippen entfernt hatte. Ihr Vater und der Arzt wurden freigesprochen, weil es eine außergerichtliche Einigung mit der Familie gab. Damit werden Beschneidungen weiterhin sozial akzeptiert bleiben, befürchtet Nada Nashat vom "Zentrum für juristische Unterstützung ägyptischer Frauen". Zudem sei es ein politischer Prozess gewesen. Der Richter wollte nicht der erste in der Geschichte sein, der jemanden wegen einer anerkannten Praxis ins Gefängnis schickt. Noch dazu, weil er selbst sie für richtig hält, sagt Nashat.

"Beschneidung hält Mädchen rein"

"Was wirklich passiert ist bei diesem Prozess war, dass die eigene Kultur, die eigenen Überzeugungen dem Richter in die Quere gekommen sind. Das wurde ziemlich schnell klar, als einer unserer Anwälte die Verhandlung verfolgt hat. Er hat beobachtet, dass es die Überzeugung des Richters war, die diskutiert wurde, und nichts anderes. Es war nicht das Gesetz oder so. Es war allein die Überzeugung des Richters."

Zurück nach Südägypten. Die Schauspieler von "HaraTV" führen ihr Stück zum zweiten Mal heute auf. Wieder amüsieren sich die Zuschauerinnen über Ahmed im pinkfarbenen Kleid, wieder jagt Samy ihn durch die Stuhlreihen, wieder wird ein Mädchen beschnitten. 

Regisseurin Nada Sabet unterbricht das Stück nach jedem Akt und fragt die Mädchen und Frauen im Raum, was sie denken. Anders als bei der ersten Aufführung des Tages sitzen diesmal auch ältere Frauen im Publikum. Batta Abd El Munaim ist etwa um die 50, trägt ein schwarzes, langes Gewand, der massive goldene Ring in ihrem rechten Ohr hebt sich von ihrem sonnengebräunten Gesicht ab.

"Beschneidung muss sein, denn es hält die Mädchen rein. Wir sind hier auf dem Land und die Mädchen müssen mit auf dem Feld arbeiten. Ich kann ja nicht auf jedes aufpassen. Es sind gute Mädchen, aber durch Handys und das Internet wissen sie doch heute über alles Bescheid."

Regisseurin Nada hört sich die Meinung an, bedankt sich und gibt sie weiter in die Runde.

Ein junges Mädchen ganz in Blau gekleidet mit strahlenden grünen Augen meldet sich. Rada Abd El Sabour ist gerade 18 und sie traut sich, auszusprechen, was viele junge Mädchen im Raum denken:

"Wir sind hier alle beschnitten, natürlich. Aber wir wissen jetzt, dass Beschneidung den Mädchen Probleme bereitet. Und wir werden das unseren Töchtern sicher nicht antun. Wir wollen nicht, dass sie so leiden, wie wir. Wenn unsere Familien gewusst hätten, dass sie uns schaden, hätten sie es nicht gemacht. Aber so ist nun einmal die Tradition und der mussten sie folgen."

Diese Tradition zu brechen ist schwer, sehr schwer. Das wissen die Macher von "HaraTV". Denn was über Jahrhunderte gewachsen ist, lässt sich nun einmal nicht durch 30 Minuten Comedy umwerfen. 

Weltzeit

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