Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature
 
 

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 20.01.2016

Generisches Femininum an der Universität LeipzigHerr Professorin – was wurde draus?

Von Bastian Brandau

Blick in die größtenteils aus Marmor gefertigte Treppenhalle der "Bibliotheca Albertina" der Universität in Leipzig (picture-alliance/ ZB / Waltraud Grubitzsch)
Universität in Leipzig: Laut Grundordnung werden an der Hochschule weibliche Berufsbezeichnungen gewählt, die die männliche Form mitmeinen. (picture-alliance/ ZB / Waltraud Grubitzsch)

Nicht Autor, sondern Autorin. Nicht Professor, sondern Professorin. An der Universität hat die weibliche Schreibweise – in der Grundordnung der Institution – den Vorrang. Diese Entscheidung von 2011 erhitzte die Gemüter.

Manchmal kann ein Artikel große Arbeit machen. Erlebt hat das im Juni 2013 der Gleichstellungsbeauftragte der Uni Leipzig, Georg Teichert. Teichert, typ smarter junger Macher im Anzug, erinnert sich an die zwei verrückten Wochen als Folgen eines Artikels bei "Spiegel Online".

"Guten Tag, Herr Professorin" war die Überschrift. Es fing an mit den Fernsehsendern, später kamen Radio-und Zeitungen weil es ja angeblich an der Uni Leipzig jetzt üblich sei, Professoren mit Professorin anzureden, was natürlich völliger Quatsch war.

Die Uni Leipzig hatte bei einer Neufassung ihrer Grundordnung beschlossen, die weibliche Form von Berufsbezeichnungen zu verwenden. Und anfangs in einer Fußnote klarzumachen, dass stets auch männliche Amtsinhaber gemeint seien. Eher ein Zufallsprodukt im erweiterten Senat, der erst auch beide Schreibweisen verwenden sollte.

"Und unsere Juristen, die fanden das zu umständlich, wir können klassisch doch zur Fußnote zurückkommen, die männliche Form gilt für die weibliche mit. Und dann nach 'ner Debatte gab es dann die nicht ganz ernst gemeinten Wortmeldung von einem Physikprofessor, man könnte das auch komplett im generischen Femininum machen, und das fand damals eine Mehrheit in diesem Gremium."

Medienanfragen aus Russland und Vietnam 

Ende 2011 war das, damals berichteten nur lokale Medien über die neue Sprachregelung. Der Entschluss  wurde trotz einiger Versuche, im Nachhinein daran zu rütteln, umgesetzt und 2013 vom sächsischen Wissenschaftsministerium bestätigt. Der "Spiegel"-Artikel führte dann zu weiteren Berichten und  Medienanfragen etwa aus Russland und Vietnam. Schwierig sei es gewesen, die falschen oder falsch verstandenen Berichte richtigzustellen, sagt der Gleichstellungsbeauftragte Teichert. Aber zumindest uni-intern müsse er über gleichberechtigte Sprachregelungen nicht mehr diskutieren.

"Ich weiß nicht, ob da ein tiefgreifendes Verständnis für Gleichstellungsfragen entstanden ist, da würde ich eher kritisch sein, aber zumindest ist bei auch sehr vielen konservativen Einrichtungen  ein Bewusstsein dafür entstanden, was man mit Sprache machen kann, dass Sprache auch Bewusstsein bildet. Weil, als die Männer mitgemeint waren, tat ihnen das doch mehr weh als früher, als dann die Frauen mitgemeint waren. Von daher, in der Retroperspektive, hat uns das in Gleichstellungsfragen überhaupt nicht geschadet."

Geschlechtsneutrale Sprache bleibt sensibles Thema

Allerdings waren es harte zwei Wochen, sagt Teichert. Zumal es auch heftigen Gegenwind innerhalb der Universität gab.

"Das war für mich fast noch viel schlimmer, als diese schwierigen Briefe von außen, um es mal so auszudrücken, dass da Professorinnen und Professoren unsere Universität nicht in der Lage waren die eigene Berichterstattung – wir haben das ja auch inneruniversitär mit Newsletter und so weiter kommuniziert, dass die das nicht gelesen haben, das fand ich erschreckend."

Ein Zeichen dafür, wie sensibel das Thema geschlechterneutrale Schreibweise immer noch ist. Die Überschrift und einen zumindest missverständlichen Vorspann setzte "Spiegel Online" damals übrigens über einen Artikel, der vorher im seriös-biederen Deutschen Universitätsmagazin erschienen war. Die Überschrift dort: Uni Leipzig verweiblicht ihre Grundordnung.

Mehr zum Thema

Gender-Sprache - Liebe Gäste und Gästinnen!
(Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 29.04.2015)

Aus den Feuilletons - "Auf deutsche Empfindsamkeiten ist noch Verlass"
(Deutschlandradio Kultur, Kulturpresseschau, 23.11.2014)

Kommentar - Das Konzept vom Menschen
(Deutschlandradio Kultur, Sein und Streit, 23.11.2014)

Reizthema Equal Pay
(Deutschlandfunk, Interview, 21.03.2013)

Quotenstreit um Mendelssohn beigelegt
(Deutschlandradio Kultur, Aus der jüdischen Welt, 26.04.2013)

Warum sich Mädchen rosa Prinzessinnenkleider wünschen
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 10.12.2011)

Zeitfragen

Die MagnetbandkassetteGehäuse des wilden Klangs
Audio-Kompaktkassetten (Musikkassette, MC, Audiokassette) verschiedener Hersteller. (picture alliance / dpa / Peter Zimmermann)

Klein und handlich: Als 1963 die Kompaktkassette auf den Markt kam, revolutionierte sie die Kultur des Hörens. Auch heute im Zeitalter von mp3 und i-Tunes gibt es sie noch: Menschen, die ihre Magnetbandkassetten lieben. Mehr

IndienFindig bei Essen und Trinken
Lieferservice für Selbstgekochtes: 200.000 Essen liefern die Dabba-Wallas in Mumbai täglich aus. (Deutschlandradio / Silke Diettrich)

Viele Menschen in Indien haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser oder kein Geld, um sich mittags etwas zu essen zu kaufen. Doch die Inder sind findig - und ihre Ideen landen dann auch schon mal im Guinness-Buch der Rekorde. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur