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Thema / Archiv | Beitrag vom 10.05.2011

"Geld bahnt sich den Weg"

Naturschützer Thorsten Harder über den Schmuggel von kirgisischen Falken für arabische Scheichs

Thorsten Harder im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Eine Falkenmutter sorgt für ihre Jungen (AP)
Eine Falkenmutter sorgt für ihre Jungen (AP)

Zwar kostet der Schmuggel eines Falkens bis zu 100.000 Dollar, die Nachfrage für die Jagd im Nahen Osten sei aber unverändert groß, sagt Thorsten Harder, Vorsitzender der kirgisischen Naturschutzorganisation NABS. Die Vögel müssten in den Ländern besser geschützt werden, wo das Gros der Population lebt, sagt er.

Stephan Karkowsky: Das saudi-arabische Königshaus hat einen großen Bedarf an Wildfalken für die Jagd. Pro Vogel zahlen die Scheichs bis zu 100.000 Dollar. Ein ehemaliger Falkner des Königs ist heute zum Naturschützer geworden. Er heißt Alan Parrot und er sammelt Beweise für die Beteiligung der arabischen Führungselite am weltweiten Falkenschmuggel.
Thorsten Harder hat die Schmuggler und ihre Methoden jahrelang selbst erlebt. Eigentlich wollte der deutsche Biologe in Kirgistan nur seine Doktorarbeit schreiben, er blieb 15 Jahre, war zeitweise Berater der Regierung und ist Gründer der kirgisischen Naturschutzorganisation NABS. Guten Morgen, Herr Harder!

Thorsten Harder: Guten Morgen!

Karkowsky: Im Jahr 2004 haben Sie einen aufsehenerregenden Falkenschmuggel verhindern können. Wie ist Ihnen das gelungen?

Harder: Ich denke, hier haben viele Faktoren zusammengespielt. Das Erste war vielleicht, wir hatten eine mobile Einsatzgruppe, die sich dem Kampf der Wilderei verschrieben hatte, und mit dieser Gruppe hatten wir schon eine menge Prestige erworben. Also wir haben mehrmals lebendige Schneeleoparden konfisziert. Und mit diesem Image sind wir dann rangegangen und hatten das Glück, dass praktisch aus dem Flugzeug heraus 127 verpackte Sakerfalken beschlagnahmt werden konnten und dann wieder zurück ins Land gebracht werden konnten. Also die standen schon auf der Rollpiste, der Flug sollte nach Damaskus gehen, und Start war von der russischen Militärbasis unweit der Hauptstadt Bischkek in Kirgistan. Ja, und dann war eigentlich der zweite wichtige Schritt, dass wir die Tiere wieder auswildern konnten, das war unser großer Kampf.

Karkowsky: Wie sind Sie denn den Schmugglern auf die Spur gekommen?

Harder: Es gab im Vorfeld ganz verschiedene Informationen, also aus verschiedenen Kreisen, die wir erhalten haben, einmal aus den staatlichen Organen, aber auch von privaten Informanden. Wir hatten also ein riesengroßes Netz von Informanten zu der Zeit. Und unsere Leute standen schon mehrmals vor dem Haus, in dem die offensichtlich gehalten worden sind, bevor sie dann ausgeflogen werden sollten.

Karkowsky: Und Sie sind dann zum Flugzeug hingegangen, haben an die Tür geklopft und gesagt, Moment, was ihr da macht, ist illegal, und die haben gesagt, Entschuldigung, wir geben die Falken gerne zurück?

Harder: Natürlich, genau so war das! – Nein, wir hatten damals in Kirgistan noch eine besondere Abteilung der Staatsanwaltschaft, eine Staatsanwaltschaft, die sich speziell mit der Verbrechensbekämpfung im Naturschutzbereich beschäftigt hat, und mit dieser waren wir dann gemeinsam dort auf dem Flughafen und vor allen Dingen haben natürlich die Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft die Handlungen getätigt. Und die haben dann erst mal die Falken rausgeholt aus dem Flugzeug. Alles Weitere haben wir dann eigentlich schon gemacht.

Karkowsky: Der Sakefalke, was für eine Falkenart ist das, wie selten ist der?

Harder: Dort in der Region, wir hatten in Kirgistan 50 Brutpaare, in Kasachstan waren es knapp 1000, in der Mongolei schätzte man auch zu der Zeit so etwa auf 1000, also er ist schon in der Kategorie der Falken, die demnächst von diesem Erdball verschwinden könnten.

Karkowsky: Und wie viel wert war diese Ladung von 127 Falken?

Harder: Ja, man sagt, auf dem Schwarzmarkt zwischen 20.000 bis 50.000 Dollar ein Falke. Das sind die guten Falken, das sind Falken, die also Wildfang sein müssen. Ja, und dann kann man selber zusammenrechnen, was das wird. Aber 50.000 Dollar für einen Vogel ist eine unvorstellbare Summe.

Karkowsky: War das denn gefährlich, gegen die Schmuggler vorzugehen, vor allen Dingen auch die Falken wieder auszuwildern?

Harder: Es war sehr gefährlich, muss ich sagen. Wir haben damals Blut und Wasser geschwitzt, wir haben Morddrohungen erhalten. Und ich glaube, die drei Tage bis zur Vollendung der Auswilderung habe ich jedes Mal, als ich den Zündschlüssel rumgedreht habe im Schloss, gedacht, vielleicht ist es das letzte Mal, dass du das Auto startest, weil bei so viel Geld, da kann man schon mal einen über die Klinge springen lassen. Und es gab ja ganz unverhohlen und ganz offen Drohungen in unsere Richtung, unsere Handlungen einzuschränken.

Karkowsky: Und würden Sie sagen, das war eine Ausnahme, einen so großen Fund zu machen, oder hat sich am Falkenschmuggel bis heute eigentlich nichts geändert?

Harder: Also damals war es natürlich eine Ausnahme, es war was ganz Einmaliges und ich glaube auch bis heute, es ist die größte Ansammlung von Sakerfalken, die jemals wieder ausgewildert worden ist nach so einer Aktion. Leider, muss man sagen, hat sich da nicht viel geändert. Was wir in den letzten Jahren mitbekommen haben, ist ein bisschen eine Veränderung in der Strategie, in der Herangehensweise der Schmuggler, dass sie also mehr dazu übergehen, Tiere auszutauschen, als jetzt einfach zu fangen und auszuführen.

Karkowsky: Sie hören im Deutschlandradio Kultur Thorsten Harder, Vorsitzender der kirgisischen Naturschutzorganisation NABS, mittlerweile zurück in Deutschland, er leitet hier den Hamburger Traditionsverein Jordsand zum Schutze der Seevögel und der Natur e.V. Herr Harder, reden wir über den Vogelschutz: Sie haben gesagt, dass die Schmuggler zu einer neuen Strategie übergegangen sind. Was heißt jetzt, dass sie die Falken austauschen?

Harder: Man kommt mit Falken, die in irgendwelchen Anlagen gezüchtet worden sind von, ich sag mal in Anführungsstrichen, "minderwertigen", also nicht Falken, die in der Natur aufgewachsen sind, nimmt diese Falken und fährt mit denen in die Länder, wo man Falken ausführen will, also schmuggeln will, wildern will. Man kommt zum Flughafen, führt einen Falken ein oder zwei oder fünf, sagt, dass man damit jagen will, obwohl es eigentlich nichts mehr zu jagen gibt in den Ländern, und man nimmt genau so fünf wieder mit raus. Und das Dilemma ist natürlich, dass diese Falken erstens unterwegs ausgetauscht werden, es kommen also wertvolle Wildfänge raus aus dem Land, und die genetisch auch nicht völlig intakten, teilweise auch hybridisierten Falken werden im schlechtesten Fall freigelassen.

Karkowsky: Was heißt das, hybridisierte Falken?

Harder: Ja es gibt Kreuzungen zwischen Wanderfalken und Sakerfalken, Gerfalken und Sakerfalken, die werden also künstlich in irgendwelchen Gehegen gemacht, um die besonders groß erscheinen zu lassen …

Karkowsky: … und in der freien Natur würden die sich nicht miteinander …

Harder: … wir hoffen nicht, wir haben dafür keine Anzeichen. Das ist natürlich, wenn man einen Falken auswildert, der sag ich mal zu einer Art gehört wie Sakerfalke, kann das schon passieren, dass die sich paaren und dann ihr völlig verändertes genetisches Material … Wenn ich jetzt einen Falken habe, der aus Europa eingeführt wurde, dort in die Population Kirgistan einbringe, das wäre natürlich fatal für die ganze wildlebende Population.

Karkowsky: Was meinen Sie nun, wie sich dieses Problem bekämpfen ließe? Einfach nur durch verbesserte Fahndungsmethoden, mehr Kontrollen an den Flughäfen? Oder würde es auch helfen, in den arabischen Nachfrageländern aufzuklären?

Harder: Ich denke, fahnden kann man, man kann die Kontrollen verschärfen, alles … Es wird nicht helfen, solange die Nachfrage da ist, wird sich immer ein Weg finden, Geld bahnt sich den Weg. Besonders, wenn es um so große Summen geht, denke ich, sind die einfallsreich genug, immer wieder irgendeine Möglichkeit zu finden, Tiere zu fangen und auszuführen. Viel wichtiger wäre glaube ich, in den Ländern zu arbeiten, wo die Nachfrage erzeugt wird. Denn wenn die eines Tages wegfällt, dann fällt auch das Interesse weg, die Vögel zu fangen. Mein letzter Kenntnisstand scheint das unverändert in der Nachfrage und auch in der Popularität zu sein, dieser ganze Falkenschmuggel. Bisher gibt es da keine positiven Tendenzen.

Karkowsky: Mit welchen Folgen, welche Falkenarten sind ganz konkret durch die Falknerei und durch den Falkenschmuggel vom Aussterben bedroht?

Harder: Das sind der Sakerfalke, der Wanderfalke, dann der Wüstenfalke und der Gerfalke, der dort in Mittelasien immer selten mal durchzieht, aber auch ein großer Falke, sehr begehrt. Ich weiß ganz aktuell aus Kasachstan, da gab es vor sechs Jahren in Westkasachstan Täler mit Paaren, 250, 300 Brutpaare, die sind alle weg, habe ich vor Kurzem gehört. Und das ist also für mich ein Schock, ich hätte nie gedacht, dass also so eine Riesenpopulation innerhalb von ein paar Jahren einfach ausgelöscht werden kann. Und das ist ein sicherer Hinweis darauf, dass es weitergeht, unvermindert weitergeht, wir hier uns zwar in Europa anstrengen können, künstliche Nisthilfen machen, aber das Gros der Population, der Weltpopulation lebt dort, und dort müssen wir sie schützen.

Karkowsky: Zum Falkenschmuggel hörten Sie den Vogelschützer Thorsten Harder, Gründer der kirgisischen Naturschutzorganisation NABS. Mehr von der großen Vogelschau im Deutschlandradio Kultur gibt es heute Mittag um kurz vor zwölf, dann lernen Sie die Entenrettungsstation Marzahn kennen, die die Tiere von den Dächern Berlins holt. Das komplette Programm zur großen Vogelschau finden Sie bei uns im Internet auf dradio.de.

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