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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.07.2013

Gelangweilt von starren Konventionen

Xavier Coste: "Egon Schiele. Ein exzessives Leben", Knesebeck Verlag, München 2013, 72 Seiten

Der Maler Egon Schiele um 1910 (dpa / picture alliance / Imagino)
Der Maler Egon Schiele um 1910 (dpa / picture alliance / Imagino)

Das kurze, turbulente Leben des Malers Egon Schiele erzählt der französische Comic-Zeichner Xavier Coste als Graphic Novel. Es geht um künstlerischen Aufbruch, unzählige Frauenbeziehungen und den Ersten Weltkrieg.

Wie ein Häufchen Elend sitzt der junge Maler vor seiner Staffelei. Der Lehrer hat kein gutes Wort für ihn übrig. Er konzentriere sich nicht genug, sein Strich sei ungelenk, es mangele ihm an Sorgfalt. Doch der Moment der Zerknirschung ist kurz. Schnell rappelt sich der Gescholtene wieder auf und blickt dem Kritiker verächtlich ins Gesicht: "Die Meinung eines Versagers interessiert mich nicht."

Nur eine Seite, sechs Einzelbilder und neun Sprechblasen benötigt der Comic-Zeichner Xavier Coste, um die Auseinandersetzungen zwischen dem künstlerischen Ausnahmetalent Egon Schiele und seinem Lehrer in Szene zu setzen. Tatsächlich war der neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka wichtigste Vertreter der Wiener Moderne 1906 bereits als 16-Jähriger an der Akademie aufgenommen worden. Knapp drei Jahre und unzählige Wortgefechte später hatte er jedoch hingeschmissen. Gelangweilt von starren Konventionen und traditionellen Bildthemen war Schiele seitdem seinen eigenen Weg gegangen.

Es sind die wichtigen Themen und Personen, Schlüsselmomente wie der Akademieabbruch, an denen sich Xavier Coste für seine gezeichnete Biografie "Egon Schiele. Ein exzessives Leben" orientiert: Schieles Aufbruch in neues Kunstterrain, die Freundschaft zu seinem Mentor Gustav Klimt und seine unzähligen Frauenbeziehungen. Auch die Anklage wegen Verführung Minderjähriger und der anschließende – für Schiele traumatische – Gefängnisaufenthalt nehmen großen Raum ein. Am Ende stehen der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und der Tod von Schieles schwangerer Frau Edith durch die spanische Grippe, die zwei Tage später am 31. Oktober 1918 auch den Künstler dahinraffen wird.

Ringen um den rechten Ausdruck

Diese Auswahl von Schlüsselszenen ist ebenso überzeugend wie die Bildsprache des 1989 in der Normandie geborenen Zeichners. Costes Szenerien entwickeln von der ersten Seite an einen ganz eigenen und eigentümlichen Sog. Durchweg gedämpfte, erdige und düstere Farben sowie ein starker und kantiger Strich geben den Ton an. Beides passt hervorragend sowohl zu der Stimmung Wiens vor dem aufziehenden Krieg als auch zu dem künstlerischen Ringen Egon Schieles um den rechten Ausdruck und das rechte Motiv.

Bisweilen gelingen Coste herausragende Sequenzen. Etwa wenn er den Maler und sein Modell im Atelier zeigt und dabei berühmte Werke gleichsam ein zweites Mal entstehen lässt. Oder wenn er Schieles Stimmungen, wie seine Verzweiflung während des Gefängnisaufenthaltes oder nach dem Tod Klimts, mit fast ins Abstrakte gehenden Detaildarstellungen einfängt. Meisterhaft illustriert hier eine einsame Waschschüssel die Abwesenheit des Lebens oder zwei vors Gesicht geschlagene Hände ein bodenloses Leid.

Der junge Xavier Coste hat ein beeindruckendes Debüt (!) hingelegt. Es besticht durch Sachkenntnis, den Mut zur Reduktion und die Freiheit einer eigenen Bildsprache. Gut möglich, dass es den ein oder anderen Graphic-Novel-Fan nun auch ins Museum treibt. Dann hätte Coste seinem Idol Schiele gar ein neues Publikum erschlossen.

Besprochen von Eva Hepper

Xavier Coste: Egon Schiele. Ein exzessives Leben
Aus dem Französischen von Carolin Müller
Knesebeck Verlag, München 2013
72 Seiten, 19,95 Euro

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