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Thema / Archiv | Beitrag vom 05.12.2013

GeistesgeschichteEs begann mit einer Tracht Prügel

Die Geschichte der kapitalistischen Wirtschaftstheorie

Georg von Wallwitz im Gespräch mit Christine Watty

Der Philosoph Voltaire. (picture alliance / dpa)
Wegbereiter der modernen Ökonomie: Der französische Aufklärer Voltaire (picture alliance / dpa)

In seinem neuen Buch beschreibt Georg von Wallwitz, wie Wirtschaft und Politik zusammenwuchsen. Diese Entwicklung begann mit Voltaire, der England als Vorbild für einen zukunftsfähigen Staat sah.

Christine Watty: "Die Geschichte der modernen Ökonomie beginnt, wie so viele gute Geschichten, mit einer Rauferei und einer Demütigung." Mit diesem Satz beginnt auch das neue Buch des Philosophen und Mathematikers Georg von Wallwitz. Und, ich muss sagen, erleichtert lehnt man sich nach diesem Start in dieses Buch zurück, weil das zumindest schon mal verheißt, hier könnte man was verstehen von der Ökonomie, der Wirtschaft, und vielleicht auch nachvollziehen, warum das alles nicht richtig funktioniert, sodass uns am Ende die wirtschaftlichen Katastrophenmeldungen immer wieder um die Ohren fliegen. Guten Morgen, Georg von Wallwitz! Schön, dass Sie da sind!

Georg von Wallwitz: Guten Morgen!

Watty: Alles begann also mit dieser Tracht Prügel, die der französische Aufklärer Voltaire von den Lakaien eines Adligen erhalten hat, weil dieser sich arrogant behandelt fühlte. Was ist da genau geschehen, und wieso vor allem ist daraus die kapitalistische Markttheorie entstanden?

von Wallwitz: Voltaire war damals ein aufstrebender, junger Poet am französischen Hof und hatte ein sehr großes Selbstbewusstsein und legte sich damit eben an mit einem Vertreter der alten Familien dort und bekam diese Tracht Prügel und stellte danach fest, dass seine Freunde, oder jedenfalls diejenigen, von denen er glaubte, dass es seine Freunde sind, alle zu dem Angreifer hielten. Das hat ihn sehr verbittert, weil er eben feststellte, er hatte auch keine Machtmittel. Dann ist er nach England gegangen ins Exil, weil er wurde dann auch mehr oder minder rausgeschmissen aus Frankreich, und hat dort festgestellt, dass das Staatswesen in England einfach sehr viel besser organisiert ist, dass eben Stand und Adel eigentlich nur noch eine sehr geringe Rolle spielen, und dass die Kaufleute dort, die reißen wirklich was, die handeln bis nach Indien, und überhaupt um die ganze Welt, und die verschaffen dem Land Wohlstand. Die organisieren das Staatswesen nach rationalen Kriterien.

Und dort lernt er einmal diese Ordnung kennen, von der er ziemlich schnell sieht, dass es der alten Ordnung, Frankreich, im absolutistischen Frankreich meilenweit überlegen ist. Und er lernt kennen, dass, wenn man Geld hat, man unabhängig ist. Und auf diese Weise kam eben sein Hang zum Geldverdienen in sein Leben, und auf der anderen Seite schrieb er dann ein Buch an seine französischen Landsleute, Briefe aus England, worin er den Landsleuten erklärt: Leute, die Zukunft, das ist in England. Da passiert was. Wir Franzosen konzentrieren uns nur auf Frankreich, wir halten uns für die Krone der Schöpfung, aber das stimmt nicht. In England, dieser Staat der Kaufleute, das ist die Zukunft.

Watty: Das ist natürlich nachvollziehbar, der Wohlstand, den Sie auch erwähnt haben, dass der ein Antrieb sein kann zu sagen, das ist dann die Zukunft. Wann ist dann die Ökonomie aber zur politischen Ökonomie geworden? Weil, bis dahin könnte man sich noch vorstellen, sie ist eben da, um zu sagen, dann sind wir hinterher alle reich, oder zumindest geht es uns gut.

von Wallwitz: Ökonomie als Fach gab es schon lange. Aristoteles schreibt darüber schon, aber 2000 Jahre existierte Ökonomie neben der Politik nebenher. Voltaire verbindet das dann. Bei Voltaire geht das wirklich zusammen. Er sagt, man muss den Staat nicht zuletzt nach ökonomischen Kriterien auch ordnen, und das war richtig neu. Dieser Gedanke setzte sich dann in der Aufklärung fort, und Adam Smith hat daraus dann ein sehr, sehr dickes Buch gemacht, in dem er alles Mögliche abhandelt, aber unter anderem eben auch unsere moderne Ökonomie als Wissenschaft begründet.

Aber das geht bei Adam Smith auch sehr stark einher eben mit der Ordnung des Staates. Politische Ökonomie heißt das dann. So hieß diese, die Ökonomie grundsätzlich bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Erst danach hat man das Politische Weggelassen, was meines Erachtens auch ein Fehler war, weil letztlich ist es ein politisches Ding geblieben, die Ökonomie, und so zu tun, als sei das nicht politisch, was in der Ökonomie passiert, ist letztlich – war nicht von Erfolg gekrönt.

Heutige Debatte ist emotionaler

Watty: Adam Smith übrigens ist natürlich auch der Titelgeber sozusagen. "Mr. Smith und das Paradies" heißt das Buch, das Sie geschrieben haben. Und außergewöhnlich ist natürlich, dass Sie den Bogen eben zurück schlagen bis zu Voltaire. Warum sollte man diese Zusammenhänge quasi ab dann verstehen, um, was ich ja immer hoffe, am Ende zu verstehen, was heute passiert, oder wie sich bis heute alles entwickelt hat?

von Wallwitz: Weil man erstens damals auch schon gewisse Einsichten hatte, die heute nach wie vor aktuell sind, etwa bei Adam Smith ist eine schöne Stelle, wo er über die Regulierung bestimmter Industrien spricht und den Politikern empfiehlt, nicht auf die Leute zu hören, die da reguliert werden sollen, weil die werden einem immer weiß Gott was erzählen, dass Regulierung nicht nötig ist und das überhaupt ganz nette Leute sind und niemals eine Schweinerei machen würden. Und da sagt Adam Smith, glaubt das nicht, liebe Politiker, sondern schaut euch sehr genau an, was die Unternehmer machen.

Solche Dinge sind nach wie vor aktuell, und wenn man einfach in die Historie zurückschaut, kann man auch freilegen Dinge, die durchaus heute wissenswert sind, und die damals aber vielleicht auch einfach klarer waren un die man natürlich, wenn man mit heutigen Beispielen arbeiten würde, ist das natürlich viel emotionaler, weil irgendwie hat jeder eine Meinung zur Regulierung der Pharmaindustrie und der Banken und ich weiß nicht, was. Wenn man über den Weizenhandel im 18. Jahrhundert spricht, dann ist die Sache wesentlich weniger emotional aufgeladen.

Henry Ford und seine Ford Motor Co. revolutionierten mit der Massenproduktion des Model-T die industrielle Produktionsweise. (picture alliance / dpa)Henry Ford und seine Ford Motor Co. revolutionierten mit der Massenproduktion des Model-T die industrielle Produktionsweise. (picture alliance / dpa)

Watty: Der Philosoph und Mathematiker Georg von Wallwitz im Gespräch im Radiofeuilleton im Deutschlandradio Kultur. Trotzdem noch mal auf diesen Blick zurück – wie zeitgeistabhängig ist denn die politische Ökonomie? Also, es gibt diese großen Bögen, die Sie auch schlagen, die wiederum uns heute auch was erklären können, aber nichtsdestotrotz verändert sie sich im Lauf der Jahrhundert, Jahrtausende geradezu.

von Wallwitz: Tausende schaue ich ja nicht zurück, aber 300 Jahre etwa, und da kann man guten Gewissens feststellen, dass die Ökonomie und die ökonomische Theorie sich eben immer als Kind ihrer Zeit erweist. Also, das 18. Jahrhundert, das Zeitalter der Aufklärung hat eben versucht, ganz rational die Dinge anzugehen und eine Ökonomie zu entwerfen, die ganz ohne Staat auskommt. Und dann war das Resultat aber, dass große Teile der Bevölkerung verarmten in der industriellen Revolution und ein elendes Dasein führten. Dann kam so eine Art Sozialdemokratisierung in den Zeitgeist, und das bildete sich sowohl in der Philosophie als auch in der Literatur ab. Zola und solche Leute, die eben wahnsinnig schimpfen, oder Charles Dickens, schimpfen einfach über die sozialen Zustände, und das findet man dann sehr schnell nicht nur bei Karl Marx, sondern auch bei ganz unverdächtigen, liberalen Denkern wie John Stuart Mill, findet man dann eben plötzlich eine Sozialdemokratisierung auch der ökonomischen Theorie. Dass man eben sagt, na ja, als Ökonomen wollen wir uns doch auch Gedanken machen, in was für einer Gesellschaft wir eigentlich leben wollen.

Und so schlägt dieses Pendel immer mal hin und her, aber immer ist die Ökonomie ein Kind ihrer Zeit, auch wenn sie in einem anderen Gewand daherkommt. Die Ökonomie tritt immer auf mit ewigen Wahrheiten und im Gewand der Naturwissenschaften, der mathematischen Methoden, und sagt immer, ja, ja, das, was ich hier als Gesetz verkünde, das gilt für die Ewigkeit. Aber das ist eine wichtige Erkenntnis aus dem Studium der Geschichte der Ökonomie, dass das eben einfach nicht stimmt. Die ewigen Gesetze sind sehr wandelbar.

Watty: Dann schauen wir zum Abschluss noch einmal auf die heutige Situation. Wie verhalten sich denn ökonomische Theorie und wirtschaftliches Praxis heute zueinander?

von Wallwitz: Heute schwingt es wieder zurück, das Pendel, weg von der reinen marktwirtschaftlichen Lehre, hin zu einem mehr Keynesianischen Modell. Man stellt fest, der Staat muss doch regulierend sehr viel stärker eingreifen als man das vorher oder in den letzten 20, 30 Jahren gedacht hätte, wo man sehr stark auf Selbstregulierung geachtet hat. Heute stellt man fest, das hat nicht funktioniert, und insofern sind jetzt auch die ökonomischen Theorien, die wieder stärker hochgekocht werden, räumen dem Staat wieder eine größere Rolle ein. Ordo-Liberalismus ist da vielleicht etwas, was wieder aus der Mottenkiste geholt wird. Aber so schwingt das Pendel immer mal hin und her. Derzeit allerdings muss man sagen, in Richtung Staat, und das ist, nach den Erfahrungen der letzten Jahre wahrscheinlich auch gar nicht so schlecht.

Watty: Danke schön an Georg von Wallwitz. Sein neues Buch heißt "Mr. Smith und das Paradies". Danke, dass Sie uns besucht haben hier im Radiofeuilleton.

von Wallwitz: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

Georg von Wallwitz: Mr. Smith und das Paradies
200 Seiten, 22 Euro 
Berenberg Verlag, Berlin 2013
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