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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 05.02.2015

Geist und Gehirn (2/2)Die Zukunft der Hirnforschung

Von Frank Kaspar

Das menschliche Gehirn, dargestellt in einer Computergrafik (imago/Science Photo Library)
Die Hirnforschung hat in vielen Bereichen die Deutungsmacht übernommen - dagegen gibt es auch Kritik. (imago/Science Photo Library)

Vor zehn Jahren veröffentlichten führende Hirnforscher ein Manifest, in dem sie versprachen, zahlreiche schwere Krankheiten heilen helfen zu können. Was ist daraus geworden?

Wer "Geist" sagt, der muss heute auch "Gehirn" sagen. Wie überhaupt in den Wissenschaften vom Menschen seit einer Weile nichts mehr ohne die magische Vorsilbe "Neuro-" geht.

Neurobiologie, Neurophilosophie, Neuroökonomie, Neuromarketing, Neuromanagement.

"Was man wirklich beobachten kann, das ist bis heute ungebrochen, dass dieses 'Neuro'-Wort selbst ein Label geworden ist. Es ist eine Marke geworden."

Felix Hasler ist Pharmakologe. 2012 erschien sein Buch "Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung".

Neurogermanistik, Neurokommunikation, Neurolinguistik, Neurokunstgeschichte.

"Es ist eine Marke geworden, und zwar eine Marke, die unglaubliche Naturwissenschaftlichkeit, Ernsthaftigkeit verströmt, also, das ist ganz klar: Sobald dieses 'Neuro' irgendwo in einem Kontext auftritt, ist das immer verbunden mit einer ganz großen gesellschaftlichen Hochachtung: Das ist super, das ist Hard Science, das wissen wir jetzt."

Krankenschwester: "Hier ist die Klingel. Wenn etwas sein sollte, können Sie die Klingel drücken!"

Was uns antreibt, was uns Angst macht – wie wir Entscheidungen treffen oder Erinnerungen speichern – was uns glücklich macht oder gefährlich: Manche Neurowissenschaftler erhoffen sich Antworten auf diese Fragen von Bildern aus dem Kernspintomografen.

Rätsel lösen mit Kernspintomografen

Sie sehen aus wie Fotos einer Wärmebildkamera, dabei sind sie in Wirklichkeit nur Bild gewordene Statistik. Für die farbige Darstellung eines Aktivitätsmusters im Gehirn werden in der Regel die Messdaten vieler Versuchspersonen hochgerechnet: Daten, die zeigen, wann und wo in den Gehirnen der Probanden im Durchschnitt mehr Sauerstoff verbraucht wurde. – Aber wer nicht weiß, wie die Bilder zustande kommen, der glaubt darauf zu sehen, was in einem einzigen Gehirn in einem bestimmten Moment geschieht.

"Wir glauben, wir können reinschauen, ja, wir können die unterschiedlichsten Vorgänge sehen, wir sehen es flackern, wir sehen es verschiedene Areale im Gehirn verbinden, wir scheinen zu wissen, was da passiert."

Dirk Baecker ist Soziologe und Kulturtheoretiker. 2014 erschien sein Buch "Neurosoziologie. Ein Versuch".

Ein Patient wird zu Demonstrationszwecken beim Fototermin für die Untersuchung in einem neuen Großgerät der Abteilung Nuklearmedizin im Universitätsklinikum Leipzig am Mittwoch (21.09.2011) vorbereitet. Die Universitätsklinik erhält einen neuartigen Positronenemissionstomografen und Magnetresonanztomografen für die molekulare Bildgebung. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft förderte die Anschaffung mit 3,5 Millionen Euro, weitere 500.000 Euro kamen von der Max-Planck-Gesellschaft. (picture-alliance / dpa / Peter Endig)MRT-Scanner im Universitätsklinikum Leipzig (picture-alliance / dpa / Peter Endig)

"Wer oder was ist eigentlich noch in der Lage, Orientierungsfähigkeit in dieser Gesellschaft zu leisten? Es ist die Politik nicht mehr. Es ist die Wirtschaft auch nicht mehr. Es ist auch nicht eine Moral oder eine herrschende Kultur. Dann muss es also irgendeine Adresse sein, die man ganz woanders suchen muss."

Mit ihren suggestiven Bildern sei die Hirnforschung in diese Lücke gesprungen, sagt Dirk Baecker. Anders als Politik und Wirtschaft, Moral oder Kultur beruft sie sich auf naturwissenschaftliche Experimente. Dass sie versucht, den menschlichen Geist im Gehirn dingfest zu machen, verleiht ihr eine besondere Autorität.

"Wenn wir das Gehirn des Menschen beschreiben können als eines, in dem eine Genetik, eine Operationsfähigkeit, eine Gedächtnisfähigkeit vorliegt, die mit außerordentlich stressreichen, außerordentlich ungewöhnlichen, außerordentlich vielfältigen menschlichen Lebensumständen umzugehen vermag, dann ist das das Ding, an dem wir uns orientieren können sollten. Dann sollten wir darüber so viel wie möglich wissen, um – auf Deutsch gesagt: zu wissen, wie wir ticken. Wir ticken nicht mehr moralisch, wir ticken nicht mehr politisch, wir ticken neuronal."

Wissenschaft braucht Visionen. Aber die Hirnforschung hat es damit wohl ein bisschen übertrieben. In den letzten 25 Jahren weckte sie große Erwartungen und wirkte dabei weit über ihr eigentliches Feld hinaus. 1990 rief der amerikanische Präsident George Bush die "Dekade des Gehirns" aus. Bush förderte Forschungsprogramme, er machte Alzheimer- und Parkinson-Patienten Hoffnung auf neue Heilmethoden. Im Jahr 2004 veröffentlichten elf führende deutschsprachige Neurowissenschaftler in der Zeitschrift "Gehirn und Geist" ein "Manifest über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung".

Die Autorinnen und Autoren, allen voran prominente Neurobiologen wie Wolf Singer und Gerhard Roth, erklärten mit großem Optimismus, es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis man psychische Leistungen wie Imagination, das Erleben von Gefühlen oder die Planung von Handlungen vollständig als physikalisch-chemische Vorgänge beschreiben könne. Auch die molekularbiologischen Grundlagen psychischer Erkrankungen werde man innerhalb der nächsten zehn Jahre besser verstehen. Die Forscher stellten einen Quantensprung für die Medizin in Aussicht:

Zitat: "In absehbarer Zeit wird eine neue Generation von Psychopharmaka entwickelt werden, die selektiv und damit hocheffektiv sowie nebenwirkungsarm in bestimmten Hirnregionen an definierten Nervenzellrezeptoren angreift. Dies könnte die Therapie psychischer Störungen revolutionieren."

Eine überzogene Prognose, sagt der Psychiater und Suchtmediziner Felix Tretter:

"Wir haben in der Psychiatrie, in der Klinik, in der Behandlung von Menschen mit Schizophrenie, Depression oder Alzheimer-Demenz schon 2004 mehr oder weniger gewusst, dass wir, was die Grundlagenforschung betrifft, keine richtigen Impulse bekommen können."

Felix Tretter hat als Psychologe über Hirnforschung und als Soziologe über das Gesundheitssystem promoviert. 2010 veröffentlichte er zusammen mit Christine Grünhut das Buch "Ist das Gehirn der Geist? Grundfragen der Neurophilosophie".

"Der erste Fehler ist die Annahme, dass sich auf molekularer Ebene die Gehirn-Geist-Problematik, die nicht nur philosophischer Natur ist, sondern uns wirklich auch empirisch in der Praxis, in der Klinik Rätsel beschafft, dass man das auf diese Weise lösen kann, also: Irgendein Medikament mit einer bestimmten Struktur würde dann die Schizophrenie abstellen oder Depressionen abstellen. Das ist naiv. Und das zweite ist eben eng damit verknüpft. Ich habe dann so viele Nebenwirkungen, weil ich eben nicht grundsätzlich davon ausgehe, dass das Gehirn ein Netzwerk ist. Das heißt, wenn ich irgendwo interveniere, irgendwo einen molekularen Schalter betätige, dann werden noch viele andere molekulare Schalter mit eingeschaltet oder ausgeschaltet, die dann eben zu diesen Nebenwirkungen führen."

Felix Tretter plädiert deshalb für einen systemischen Denkansatz der Hirnforschung.

"Das Gehirn ist ein komplexes System, nicht nur strukturell, sondern auch in seiner Prozess-Dynamik, und deswegen sollten wir die Kenntnisse, die Physiker, Mathematiker zum Beispiel bei der Analyse der Wettersysteme oder Klimasysteme gesammelt haben, mit einbinden."

Erhoffte Durchbrüche in der Forschung sind ausgeblieben

Im November 2014 trafen sich Neurobiologen, Mediziner, Psychologen, Sozialforscher und Philosophen an der "Berlin School of Mind an Brain" zu einer Konferenz über die aktuelle Situation der Hirnforschung. Zehn Jahre nach dem Manifest von 2004 zogen die Wissenschaftler eine ernüchternde Bilanz. Die erhofften Durchbrüche sind ausgeblieben. Außerdem hat die Neurowissenschaft, die sich auf solide naturwissenschaftliche Methoden viel zu Gute hält, damit zu kämpfen, dass ein überwältigender Anteil der veröffentlichten Forschungsergebnisse fehlerhaft ist.

"80 Prozent aller biomedizinisch publizierten Befunde sind vermutlich falsch. Und das erklärt sich aus vielen Faktoren: Falscher Einsatz von Statistik, der Zwang, erfolgreich zu sein, die Tatsache, dass Medien positive Befunde lieben und nicht negative, der Konkurrenzdruck, die Förder-Institutionen, politische Erwartungen. Das ist erschreckend."

Der Psychiater und Philosoph Henrik Walter leitet an der Berliner Universitätsklinik Charité den Forschungsbereich "Mind and Brain".

"Eine der wichtigsten Sachen in der Wissenschaft ist halt Transparenz: dass man sagt, was man gemacht hat, dass klar ist, wer was bezahlt, was raus gekommen ist, und was nicht raus gekommen ist."

Um den Stand der Forschung realistisch abzubilden, sollten in Zukunft auch solche Studien zugänglich gemacht werden, deren Ausgangs-Hypothese nicht bestätigt werden konnte. Dies fordern auch die Organisatoren der Konferenz, Isabelle Bareither, Felix Hasler und Anna Strasser in einem gemeinsamen Positionspapier in der aktuellen Ausgabe des Magazins "Gehirn und Geist".

Zitat: "In Fachzeitschriften werden meist nur noch die positiven, möglichst spektakulären Ergebnisse veröffentlicht. Dies führt zu einer dramatischen Verzerrung, zumal die statistische Aussagekraft vieler Resultate sehr gering ist. Ein einzelnes Studienergebnis kann immer auch durch Zufall entstanden sein. Erst nach mehreren Wiederholungen mit ähnlichem Resultat – also der Replikation mit entsprechend höheren Fallzahlen – kann ein Befund als wissenschaftlich gesichert gelten."

Aber Replikationsstudien sind teuer und bringen wenig Anerkennung, erklärt Felix Hasler. Angesehene Fach-Journale wie "Nature" oder "Science" könnten Anreize für eine bessere Forschung schaffen, indem sie ihre Auswahlkriterien verändern.

Hasler: "Beispielsweise, dass nicht beurteilt wird, was herauskommt bei einer Studie, weil – dann ist ja immer der Anreiz da, man frisiert die Daten so lange, bis man etwas gefunden hat, weil man es sonst nicht publizieren kann – sondern 'Nature' und 'Science' könnte sagen: Wir prämieren sehr gute Forschungs-Designs, die super durchdacht sind, und wenn unsere Reviewer dieses Versuchs-Design gut finden, sichern wir euch eine Publikation zu, selbst wenn die tatsächlichen Daten dann zeigen, dass diese Forschungsfragen nicht beantwortet werden können."

Erste wissenschaftliche Journale wie "Cortex" und "Perspectives on Psychological Science" testen dieses "Pre-publication-Prinzip" bereits. Denn nur, wenn künftig auch Fehlschläge veröffentlicht werden, kann die Gemeinschaft der Forschenden aus ihnen lernen und braucht sie nicht zu wiederholen – ohne dass irgendjemand die immense Vergeudung von Zeit, Geist und Geld überhaupt bemerken würde.

Neuro-Enthusiasmus, Neuro-Optimismus, Neuro-Ehrfurcht, Neuro-Utopie, Neuro-Skepsis.

Ist die Neuro-Euphorie verklungen?

Wie steht es also um die Hirnforschung und ihre großen Ambitionen? Ist die Neuro-Euphorie verklungen? Steckt die Forschung in der Krise? Der Berliner Philosoph und Neuroskeptiker Jan Slaby bemerkt eher eine Beruhigung der Gemüter:

"Es geht hier um Grundlagenforschung, und wir haben es mit dem kompliziertesten Organ des bekannten Universums zu tun. Insofern: Wenn man den großen Anspruch zurückfährt, dass sofort bahnbrechende, die Gesellschaft verändernde Ergebnisse kommen sollen, ist das noch keine Krise, sondern ein Stück weit Realismus, die Lautsprecher wurden ein bisschen zurückgeschraubt und die vollmundigen Proklamationen. Das ist nicht schlecht!"

2007 gründete Jan Slaby mit Gleichgesinnten das internationale Netzwerk "Kritische Neurowissenschaft", eine Initiative, die die Rahmenbedingungen der Hirnforschung hinterfragt.

"Die Hirnforschung ist in der Gesellschaft komplex verortet. Sie ist in unserer Gegenwart in der Wissenschaftslandschaft positioniert, sie ist verbandelt mit technologischen, ökonomischen, politischen Tendenzen, und es gibt sozusagen so etwas wie eine politische Ökonomie der Hirnforschung."

Wer an der Zukunft der Hirnforschung interessiert ist, darf das Geschehen im Labor nicht isoliert betrachten, sondern sollte die richtigen Fragen stellen.

"Wer profitiert eigentlich? Wer fördert die Neurowissenschaften? Wo kommt das Geld her? Was für Allianzen und Groß-Initiativen werden geschmiedet? Es sind ja nicht nur die Universitäten, die hier fördern, sondern es kommen Drittmittel von außen, es gibt jetzt das 'Human Brain Project', das von der 'Digital Agenda' der EU gefördert wird – also, da geht es ganz stark auch um den Computer und Computer Science und IT-Entwicklung der Zukunft."

Zehn Jahre Laufzeit und mehr als eine Milliarde Fördermittel der Europäischen Union. Das "Human Brain Project" startete im Oktober 2013 mit dem Ziel, ein Computermodell des menschlichen Gehirns zu entwickeln. Das Vorhaben mutet an wie eine Weltraum-Mission. Es sind vor allem Physiker, Informatiker und Ingenieure, die sich für diesen Flug ins innere Universum rüsten. Viele Neurowissenschaftler kritisieren, dass das Ziel nach heutigem Wissensstand unerreichbar sei. Der Leiter des "Human Brain Projects", der Schweizer Hirnforscher Henry Markram, erklärte, die Computer-Simulation werde ein besseres Verständnis für Hirnerkrankungen ermöglichen. Aber der entscheidende Antrieb für das Projekt dürfte woanders liegen, vermutet der Neurobiologe Steven Rose von der Open University in London:

"In der Neurowissenschaft ist mittlerweile eine Menge Geld im Spiel. Das 'Human Brain Project' der Europäischen Union zeigt deutlich, wie sehr die Hirnforschung von wirtschaftlichen Interessen getrieben ist. Das Projekt fördert die Entwicklung neuer Computersysteme und nützt damit vor allem der europäischen IT-Industrie. Die Forscher reden von Therapien für Alzheimer oder Schizophrenie, aber tatsächlich geht es hier um das große Geld und nicht um Gesundheit."

"Es geht um das große Geld, nicht um Gesundheit"

Steven Rose beobachtet seit Jahren, wie die Hirnforschung für gesellschaftliche Belange in Beschlag genommen wird. Ob die Neurowissenschaften unser Menschenbild verändern, ist nicht nur eine akademische Frage. Ihre Definitionsmacht hat handfeste Auswirkungen. Um das zu erkennen, braucht man nur in die Schule zu gehen, sagt Steven Rose.

"Kindern, die in der Schule Probleme haben, werden heute lauter Label angeheftet: Fällt ihnen das Lesen schwer, dann haben sie eine Dislexie, kommen sie im Rechnen nicht mit, eine Diskalkulie, und wenn sie nicht still sitzen können, heißt das jetzt ADHS. In jedem Fall wird das Problem im Gehirn des Kindes gesucht. Man fragt: Ist das genetisch bedingt? Ist es eine Entwicklungsstörung? Gibt es ein Medikament dagegen? All das läuft darauf hinaus, dem Kind eine Störung zu attestieren, anstatt sich das Umfeld anzusehen, in dem es aufwächst. Das ist eine Richtung, in die die Hirnforschung sich gerade entwickelt."

Die Begriffe, mit denen Wissenschaftler das Gehirn beschreiben, sind nicht neutral. Sie sind politisch aufgeladen, unterliegen wechselnden Zeitströmungen und spiegeln konkrete Interessen, betont Jan Slaby:

"In England war das ganz deutlich, dass immer wieder versucht wird, die Bevölkerung sozusagen 'biopolitisch' zu managen, dass man fragt: Wie kann man es schaffen, dass aus den Unterschichten mehr Leute Bildungsabschlüsse bekommen? Wie kann man es schaffen, dass dort weniger psychiatrische Erkrankungen diagnostiziert werden? Also, kann man sozusagen die 'mentalen Ressourcen' von Bevölkerungsschichten anders erschließen?"

"Mentales Kapital" ist die neue Zauberformel, bestätigt die Soziologin Hilary Rose:

"Bildungspolitiker in Großbritannien betrachten Hirnforschung als Ressource für 'mentales Kapital': Die Neurowissenschaften sollen Schülern zu besserer Bildung verhelfen und Kindern aus sozial schwachen Familien zu einer besseren Entwicklung. Auf diese Weise will man Kosten für Gefängniszellen und Sozial-Programme sparen. Denn dank der Neurowissenschaften werden all diese Kinder ja zu braven Mitbürgern, die hart arbeiten und ihr Glück machen!"

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Hirnforscher haben oft Anstoß erregt mit ihrem Anspruch, Phänomene zu erklären, die traditionell im Feld der Geisteswissenschaften liegen: Bewusstsein, Persönlichkeit, Gefühl und Wille. Der Neurobiologe Gerhard Roth, ein Initiator und Mitautor des Manifests von 2004, unternahm gerade einen weiteren Vorstoß auf dieses sensible Terrain. Sein 2014 zusammen mit der Fachkollegin Nicole Strüber verfasstes Buch heißt "Wie das Gehirn die Seele macht". Kann die Neurobiologie diese Frage inzwischen alleine beantworten? Gerhard Roth schraubt die Ansprüche zurück:

"Natürlich ist das eine naturalistische, naturwissenschaftliche Erklärung, aber die gewisse Eigenheit des Seelischen, des Psychischen kann man dabei immer respektieren. Wir wollen nicht alles abschaffen und nur noch die Neurobiologie, der Psychiater, der Psychotherapeut, die müssen bleiben, und wir sind sozusagen eine Hilfswissenschaft, um die Dinge besser erklären zu können, vielleicht auch die Therapie zu verbessern, in dieser bescheidenen Rolle sehen wir uns und müssen wir uns auch immer sehen."

Die Hirnforschung als Hilfswissenschaft? In der kontroversen Debatte über Geist und Gehirn sind das ungewohnt diplomatische Töne.

"Die Hirnforschung in diesem Bereich, über den wir reden der Bereich also: psychische Prozesse, psychische Erkrankungen oder Geist und Bewusstsein, da ist völlig klar, dass das ein multidisziplinärer Prozess ist, und da muss sich die Hirnforschung noch viel mehr auf die Psychiatrie, Psychotherapie einlassen. Da gibt es viele Feindschaften, aber die Feindschaften sind zum Teil noch viel größer anders herum."

Die Reibereien, auf die der Neurobiologe anspielt, entzünden sich regelmäßig am Selbstverständnis der Naturwissenschaften als "Hard Science". – Ein rhetorischer

Kampfbegriff, der in die Irre führt, meint der Philosoph Jan Slaby:

"Denn erstens sind die vermeintlich 'harten' Wissenschaften nicht so hart wie einem Glauben gemacht werden soll, und auf der anderen Seite sind aber auch die sogenannten 'weichen' Wissenschaften nicht so weich. Denn wenn man die Sprache erforscht, wenn man den Diskurs erforscht, wenn man politische Institutionen erforscht, dann erforscht man genauso konkrete, 'harte' Realität. Und andererseits sind Deutungen, Interpretationen in den Naturwissenschaften – gerade, wenn es Naturwissenschaften vom Menschen sind – ebenso weit verbreitet."

Fragwürdige Verbindung der Hirn-Scans mit psychischen Phänomenen

Von wegen "Hard Science", sagt auch Steven Rose. Die allseits bekannten Bilder seien natürlich verführerisch, aber mit großer Vorsicht zu genießen:

"In einzelnen Regionen leuchten Farben auf, die angeblich auf einen Blick den Verliebten, den Kriminellen, den Psychopathen oder das Mathe-Ass verraten. Aber sobald man sich den Versuchsaufbau und die Daten dahinter genauer ansieht, wird jedem Neurobiologen klar, wie fragwürdig die Verbindung der Hirn-Scans mit psychischen Phänomenen ist. – Außerdem ist die Vorstellung, dass man einzelnen Hirnregionen spezifische Funktionen zuordnen könnte, eigentlich überholt und mit neueren Erkenntnissen über das hochdynamische System Gehirn nicht zu vereinbaren. Gefährlich wird der Deutungsanspruch der Neurowissenschaft, wenn Forscher behaupten, dass sie eine psychische Veranlagung für kriminelles Verhalten im Gehirn lokalisieren können. Dann geht es nicht mehr um die Verantwortung einer Person für ihr Handeln, sondern es entsteht der Eindruck, dass das Gehirn einen Menschen dazu treibt, sich kriminell zu verhalten."

Computergrafik des menschlichen Gehirns von hinten. (imago/Science Photo Library)Computergrafik des menschlichen Gehirns: Lässt ein Abbild Rückschlüsse auf die Persönlichkeit zu? (imago/Science Photo Library)

Ob Annahmen dieser Art je bestätigt werden, kann niemand sagen. Aber als Zukunfts-Visionen spielen sie bereits eine Rolle, wenn Hirnforscher über künftige Anwendungsmöglichkeiten ihres Fachs spekulieren. Gerhard Roth plädiert dafür, zu untersuchen, ob Messungen der Hirn-Aktivität einmal helfen könnten, das Rückfallrisiko eines pädophilen Straftäters einzuschätzen.

Roth: "Also, das ist die Frage: Gibt es da wirklich Zusammenhänge, die bei wachsender empirischer Untersuchung immer eindeutiger werden? Dann kann man auch auf den Einzelfall mit einer Wahrscheinlichkeit von 70, 80, 90% schließen, und das würde juristisch ausreichen. Und das will man ja auch, sonst würde man ja keine Gutachten anfordern. Aber diese rein psychologischen Gutachten, die taugen nichts. Und wenn aber dann die Einschätzung eines Forensikers durch eine neurobiologische Untersuchung untermauert würde, hätte das ja eine viel höhere Aussagekraft, und dann hieße es: Mann, wir sollten den nicht raus lassen aus den und den Gründen."

Bisher seien solche Einzelfall-Einschätzungen noch längst nicht möglich, aber Gerhard Roth vertraut auf die Ausdauer der Forschung.

"Niemand kann beim Blick ins Gehirn eines Individuums sagen: Der hat das und das, sondern das kann man erst mal nur statistisch sagen. Aber das ist dann die Frage der nächsten 20 Jahre."

Wer Gerhard Roths und Nicole Strübers Buch liest, wird eine interessante Akzentverschiebung bemerken. Sie betrifft die Beurteilung des Menschen und seiner Biologie. Welche Faktoren sind entscheidend für unsere Entwicklung: Legen unsere Erbanlagen uns weitgehend fest, oder kommt es eher auf die Umwelt an? Diese Frage bildete den Kern vieler Kontroversen um die Hirnforschung, in denen Natur- und Geisteswissenschaften, "Hard" und "Soft Sciences", aneinander rasselten.

"Heute weiß man, dass die Gene im engeren Sinne wenig machen, und dass das allermeiste, was uns steuert, so genannte epigenetische Prozesse sind, auf einem Niveau im Gehirn, auf dem Gene und Umwelt aufs Engste miteinander wechselwirken. Das heißt, was die Gene tun und wie sie das tun, wird weitestgehend von der Umwelt bestimmt. Und das rausgekriegt zu haben in den letzten zehn, fünfzehn Jahren, ist eine Sensation der Neurobiologie."

Das aber ist die Pointe der interdisziplinären Annäherung: So wie Gerhard Roth die Sache sieht, ist es die Hirnforschung, die Kraft ihrer Autorität ein gutes Stück Terrain an die Soziologie zurückgibt.

"Die Rolle der Umwelt, warum die wichtig ist, ist eine naturwissenschaftliche Erkenntnis, und das ist natürlich um eine Größenordnung wichtiger, als wenn irgendein Soziologe sagt: Ja, aber die Umwelt ist doch viel wichtiger. Das konnte ja stimmen und musste nicht stimmen. Wenn aber jetzt die Hirnforschung als Naturwissenschaft sagt, du hast Recht. Und ich erkläre dir auch, warum du Recht hast, und ich erkläre dir auch, wie das molekular und zellulär passiert, hat das eine ganz andere Dimension."

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In den Gesellschaftswissenschaften war das Gehirn lange Zeit kein Thema. Als Voraussetzung für menschliches Verhalten hat man es einfach hingenommen und nicht weiter hinterfragt. Fast wäre der "Neuro"-Boom an der Soziologie vorbei gegangen.

Baecker: "Die Soziologie ist es gewohnt, zögerlich zu reagieren. In meinem Verständnis ist die Soziologie eine der mürrischsten Wissenschaften, die wir in der Gesellschaft haben. Und dieser mürrische Umgang mit der Welt, dieses sich erst mal nicht beeindrucken lassen, ist in meinen Augen auch eine extreme Tugend: nicht jedem Hype hinterherlaufen zu müssen."

Am Ende ist der Soziologe Dirk Baecker selbst dem Reiz der Hirnforschung erlegen, zumal ihr Gegenstand dem seines eigenen Fachs nicht unähnlich ist.

"Wir kennen ja vielleicht sowieso nur drei wirklich komplexe Phänomene, nämlich das Universum, die Gesellschaft und das Gehirn. Über das Universum haben wir dank astronomischer Forschung so viel erfahren, dass wir jetzt nicht unbedingt noch auf die letzten Details scharf sind. Das reicht uns, was wir da in populärwissenschaftlichen Fachzeitschriften nachlesen können. An die Komplexität der Gesellschaft trauen sich nur Soziologen ran, dafür gibt es ein verblüffendes Desinteresse in der Gesellschaft selber. Bleibt also das Gehirn als im Moment stärkste Faszination des Umgangs mit Komplexität, der Operationsfähigkeit von Komplexität, der Lebensfähigkeit von Komplexität."

Was Dirk Baecker besonders hellhörig machte, war die Tatsache, dass die Hirnforschung selbst bisher über keine allgemein anerkannte Theorie verfügt, um diese Komplexität zu bändigen und schlüssig zu erklären, wie wir uns in einer ebenso komplexen Umwelt zurechtfinden. Es gibt aber ein lohnendes Gedankenexperiment, um eine solche Theorie zu überprüfen, sagt der Psychiater Henrik Walter:

"Warum kann ich mich nicht selber kitzeln? Kitzeln ist ja eine sensorische Empfindung, warum kann ich mich nicht selber kitzeln? Versuchen Sie es mal! Wenn Sie sich unter den Armen pieksen, kitzelt das irgendwie nicht. Die Erklärung dafür ist, dass in dem Moment, wo ich eine Bewegung mache, das Gehirn von diesem Befehl der Bewegung Signale weitergibt an die Empfindungsregionen, und dann die Empfindungsregion eigentlich schon weiß, was für ein Empfindungssignal gleich ankommt. Und das ist nicht überraschend, das kommt genauso wie vorhergesagt, deswegen passiert nicht viel. Aber wenn Sie mich kitzeln würden oder ich Sie – in einer unvorhersagbaren Weise, das ist ganz wichtig – dann kann das Gehirn diese Vorhersage nicht treffen, und dann passiert Informationsverarbeitung."

Die Theorie des "vorhersagenden Gehirns"

Das Gehirn ist demnach jederzeit darauf eingestellt, zu erwartende Reize bereits vorwegzunehmen und eingehende Reize mit diesen Vorannahmen abzugleichen. So jedenfalls lautet die Grundannahme einer Theorie des "vorhersagenden Gehirns".

Walter: "Das Prinzip ist eine Vorhersage-Maschine, die dabei hilft, ihren Träger, nämlich den Organismus, durch die Umwelt erfolgreich zu navigieren und überleben zu lassen."

Baecker: "Und das bedeutet, dass das Gehirn ein laufend arbeitender Apparat ist, das Gehirn ist wie eine Art Radar, der immer dem Geschehen ein paar Zehntelsekunden – oder Hundertstelsekunden, ich weiß es nicht – voraus ist und sagt: Das ist auch wieder nichts Neues, was ich da erlebe, um in diesem Radar dann die wenigen Dinge, die doch neu sind, als solche adressieren und dann entweder fliehen oder neugierig beobachten zu können."

Dass das Gehirn ständig Vorhersagen trifft und sie anhand von Umweltreizen überprüft, ist an sich keine neue Idee. Der Physiker und Psychologe Hermann von Helmholtz sah das vor über hundert Jahren schon genauso. Neu ist allerdings der Versuch des Londoner Neurowissenschaftlers Karl Friston, diese Interaktion von Gehirn und Umwelt in mathematischen Formeln zu beschreiben und damit überprüfbar zu machen. Forscher in aller Welt experimentieren zurzeit mit Fristons Theorie des sogenannten predictive coding. Es ist ein strikt naturwissenschaftlicher Ansatz, der das Gehirn dennoch nicht isoliert betrachtet.

Slaby: "Gerade das Gehirn kann uns, glaube ich, lehren, wie sehr der Organismus mit der Umwelt verbunden ist, wie sehr das Soziale und das Materielle in der Menschenwelt nicht unterschieden sind, sondern einfach eine Kette von Interaktionen."

Biologie und Kultur sind nicht trennscharf auseinander zu halten. Allein mit einem Blick auf die Synapsen kommt man der Wahrheit des Gehirns nicht näher, sagt Jan Slaby.

"Das Gehirn ist ja nicht isoliert. Wenn ich es experimentell isoliere und rein zoome, dann bin ich auf einer anderen Ebene. Und jetzt müsste man ja annehmen, dass diese Ebene allein kausal verantwortlich ist für Makro-Behaviour, Makro-Verhalten in der Gesellschaft. Das ist unrealistisch. Wir werden nicht magische, Kontext übergreifende Erklärungen auf der neuronalen Ebene finden. Das ist eine Illusion, und das wird auch eine bleiben."

Die enge Verflechtung des Gehirns mit seiner Umwelt macht die Suche nach den wirklich spannenden Erklärungen langwierig und kompliziert. Hirnforscher faszinieren uns mit ihren Fragen, schreibt Felix Hasler in seinem Buch "Neuromythologie", aber sie vertrösten uns regelmäßig mit den Antworten.

Zitat: "Beliebt ist die Standardfloskel, dass es zwar noch ‚großer Forschungsanstrengungen bedarf, um das Phänomen XY zu verstehen’, die sicher bald einmal gewonnenen ‚Einsichten in die zugrunde liegenden biologischen Prozesse’ letztlich aber zur Entwicklung ganz neuer Anwendungen beziehungsweise Therapien führen werden."

Wie steht es also um die Zukunft der Hirnforschung? – Die Zukunft war lange Zeit das Beste, was sie hatte. Es wird den Forschern und ihrer Sache gut tun, wenn sie in den nächsten Jahren nicht nur nach vorne, sondern auch nach rechts und links schauen. Wer "Gehirn" sagt, der muss heute auch "Gesellschaft" sagen. Anders wird man über den menschlichen Geist nicht vernünftig reden können.

 

Mehr zum Thema:

Geist und Gehirn (1/2) - Das rätselhafte Organ
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 04.02.2015)

"Neurosoziologie" - Das Gehirn mal aus neuer Perspektive erforschen
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 16.01.2015)

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Tagung - Soziales Gehirn und Schwarmintelligenz
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(Deutschlandfunk, Sprechstunde, 07.10.2014)

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