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Thema / Archiv | Beitrag vom 30.12.2013

Gegen rechtsHolocaust-Überlebende: Bundesregierung hätte NPD längst verbieten müssen

Die Musikerin Esther Bejarano über ihr Engagement gegen Faschismus und Antisemitismus

Moderation: Joachim Scholl

Die Musikerin und Autorin Esther Bejarano (picture alliance / dpa / Angelika Warmuth)
Die Musikerin und Autorin Esther Bejarano (picture alliance / dpa / Angelika Warmuth)

Als Mitglied des "Mädchenorchesters von Auschwitz" überlebte Esther Bejarano den Holocaust, heute rappt sie gegen rechts und warnt davor, dass Rechtsradikale wieder Zulauf finden.

Joachim Scholl: Sie war 18 Jahre alt, als sie an den schlimmsten Ort deutscher Geschichte kam: nach Auschwitz. Esther Bejarano entstammt einer deutsch-jüdischen, hoch musikalischen Familie, und die Musik hat wenigstens die Tochter gerettet, ihre Eltern wurden ermordet. Im sogenannten Mädchenorchester von Auschwitz spielte Esther Bejarano um ihr Leben. Fröhliche Melodien zur Beruhigung der Todgeweihten, die in die Gaskammern geführt wurden. Heute tritt Esther Bejarano wieder auf, liest aus ihren Erinnerungen, die es jetzt endlich als Buch gibt. Und auch als Sängerin steht sie auf der Bühne, zusammen mit der deutsch-türkisch-italienischen Rapband Microphone Mafia. Und so hört sich das an:

"Sag nicht keinmal", Musik von Microphone Mafia und Esther Bejarano, die Auschwitz überlebt hat, heute 89 Jahre alt ist und sich so öffentlich gegen Rassismus und Rechtsextremismus wendet. Guten Morgen, Frau Bejarano!

Esther Bejarano: Guten Morgen!

Scholl: Dieses Lied ist eines der berühmtesten Lieder aus dem jüdischen Widerstand, geschrieben im Original von Hirsch Glik 1943 im Getto von Vilnius. Zu finden ist es jetzt in dieser modernen, in Ihrer Fassung auf einer CD, es bedeutet Ihnen viel, nicht wahr?

Bejarano: Sehr viel, sehr, sehr viel. Weil es ganz wichtig ist, dass die Menschen wissen, dass es einen jüdischen Widerstand gegeben hat. Viele Menschen wissen das nämlich überhaupt nicht. Man hat immer gesagt, oder ich habe immer gehört, die Juden haben ja sich auf die Schlachtbank führen lassen, ohne sich überhaupt zu wehren. Und das stimmt einfach nicht. Es waren soundso viele Aufstände in allen möglichen Gettos, in Konzentrationslagern, von denen man sehr wenig gehört hat. Und aus dem Grunde, weil nämlich die Menschen, die wirklich aufgestanden sind gegen diesen ganzen Terror, gegen diesen deutschen Terror, weil die nämlich gar nicht mehr leben, weil sie nämlich alle zu Tode gekommen sind.

Scholl: Und auf diese moderne Weise bringen sie diese historische Erinnerung uns wieder ins Gedächtnis, Frau Bejarano. Wie kam es zu diesem Projekt, zu dieser Zusammenarbeit mit Microphone Mafia, Frau Bejarano? Ihre Kinder spielen da auch mit?

Mit "Mafia" wollte sie nichts zu tun haben

Bejarano: Ja, also, das war so, dass Microphone Mafia den Auftrag bekommen hat vom DGB, glaube ich, eine CD zu machen gegen diese schrecklichen CDs, die von den Nazis in den schulen verbreitet werden. Und das sind ganz furchtbare Texte, die die dort bringen, genau dieselben Slogans wie damals. Und Microphone Mafia wusste nicht, was für Lieder sie dem entgegensetzen soll. Und da hat man eben ihnen den Vorschlag gemacht, die sollen sich mit mir in Verbindung setzen, weil ich eben eine Gruppe habe, und in dieser Gruppe habe ich eben diese Widerstandslieder gesungen. Und so sind wir eigentlich zusammengekommen. Dann hat man uns angerufen, Microphone Mafia, einer von denen, also von den Rappern. Und ich konnte das einfach gar nicht fassen, weil die haben zu mir gesagt: "Hallo, hier ist Microphone Mafia", und da habe ich erst mal gestutzt und habe gedacht, was, mit Mafia will ich nichts zu tun haben! Dann hat der mir erst mal erklärt, dass das nur der Name von seiner Band ist.

Scholl: Blenden wir 70 Jahre zurück, Frau Bejarano, zur furchtbarsten Zeit, zur Tragödie des Holocaust, die auch Ihre Familie grausam erfasst hat.

Bejarano: Ja.

Scholl: Sie waren 18 Jahre alt, als Sie nach Auschwitz deportiert wurden. Wie ging es zu, dass Sie in jenes ominöse Ensemble gelangten, das man als Mädchenorchester von Auschwitz bezeichnet?

Bejarano: Also, das war so, dass ich in einer Arbeitskolonne war, die wirklich ganz schwere Arbeit zu leisten hatte. Und zwar mussten wir auf einem Feld, mussten wir ganz schwere Steine von einer Seite zur anderen Seite des Feldes bringen. Das war also wirklich sehr, sehr anstrengend und ganz, ganz schwierig. Ich habe gedacht, das schaffe ich niemals, ich gehe zugrunde. Das ist ja die Devise von den Nazis gewesen, Vernichtung durch Arbeit. Und obwohl diese Arbeit ja eine völlig unnütze Arbeit war und sie anscheinend keine nützliche Arbeit für uns hatten, haben sie sich ausgedacht, na, dann müssen wir eben Steine schleppen. Als ich zurückkam auf den Block, in dem ich übernachtet habe, da habe ich eine Frau gesehen, die stand da und sie sagte dann, dass sie den Befehl bekommen hat von den Nazis, also von der SS, ein Orchester zu gründen. Und dazu braucht sie natürlich Frauen, die ein Instrument spielen. Ich habe mich dann gemeldet mit noch zwei anderen Frauen, Freundinnen von mir. Die eine konnte Geige spielen, die andere Blockflöte, und ich konnte Klavier spielen.

Scholl: Es gab aber gar kein Klavier, und dann drückte man Ihnen einfach ein Akkordeon in die Hand.

Bejarano: Ja. Die Tschaikowska, so hieß diese Frau, die hat mir gesagt, wenn du Akkordeon spielen kannst, dann werde ich dich prüfen. na ja, ich habe noch nie ein Akkordeon in der Hand gehabt, aber ich habe gedacht, also, du musst unbedingt aus dieser Kolonne raus, dieser schweren Arbeit. Und habe dann gelogen und habe gesagt, natürlich, ich kann auch Akkordeon spielen. Dann sagte die Tschaikowska zu mir, spiel mal den deutschen Schlager "Du hast Glück bei den Frau'n, Bel Ami". Also, ich kannte diesen Schlager, das war ein ganz großer Hit damals, ich habe ihr aber gesagt, ich habe schon ewig kein Akkordeon mehr gespielt, ich muss mich erst mal wieder reinarbeiten. Daraufhin sagte sie zu mir, geh mal da in eine Ecke und probier das aus, und wenn du kannst, dann kommst du zu mir und ich werde dich prüfen. Ja, und dann bin ich in diese Ecke gegangen und habe dann ausprobiert. Also, auf der rechten Seite war das kein Problem, weil, ich hatte ja, da waren ja Klaviertasten. Ich konnte natürlich die Melodie sofort spielen, aber ich brauchte ja eine Begleitung, ich brauchte die Bässe. Und auf der linken Seite waren diese Knöpfe und ich hatte keine Ahnung. Ich hatte nur ein Glück, dass C-Dur, dieser Knopf, der war so eingebuchtet. Und da habe ich gedacht, das ist bestimmt C-Dur.

Scholl: Und das war der Zufall, der Sie dann in dieses Orchester gebracht hat.

Bejarano: Das war der Zufall, ja, ja. Und dann habe ich ausprobiert, ja. Ich hatte ein sehr gutes musikalisches Gehör. Und habe dann die Begleitung gefunden für diesen Schlager da.

Scholl: Sie kamen aus einer musikalischen Familie, Frau Bejarano, Ihr Vater war Oberkantor. Es muss nun für Sie doch furchtbar und auch gespenstig gewesen sein, jetzt flotte Lieder zu spielen für die Häftlinge, die dem Tod geweiht waren.

Musikbegleitung für den Weg in die Gaskammer

Bejarano: Ja. Also, zuerst haben wir ja am Tor gestanden und haben gespielt, wenn die ganzen Arbeitskolonnen ausmarschiert sind zur Arbeit und dann am Abend wieder zurückkamen. Nachher hat sich die SS einfallen lassen, wir müssen auch am Tor stehen und spielen, wenn neue Transporte ankommen. Und diese Transporte kamen auf bestimmten Gleisen an. Und die Züge, die auf diesen Gleisen ankamen, das wussten wir, die fahren direkt in die Gaskammer. Die Menschen haben uns zugewunken. Ich bin ja damals in Viehwagons nach Auschwitz gekommen, aber diese Menschen waren in ganz gewöhnlichen Zügen und die haben die Fenster geöffnet und die haben uns zugewunken und haben sich gefreut, dass da Musik spielt. Wahrscheinlich haben sie gedacht, wo Musik spielt, kann es ja nicht so schlimm sein. Aber wir wussten genau, wo diese Menschen hinfahren. Und wir hatten Tränen in den Augen. Es war für uns eine Katastrophe eigentlich. Wir konnten überhaupt auch nicht aufhören zu spielen, weil hinter uns die SS stand mit ihren Gewehren. Und wenn wir aufgehört hätten zu spielen, dann hätten sie uns wahrscheinlich abgeknallt.

Scholl: "La vita continua", "Das Leben geht weiter", so heißt die CD von Bejarano und Microphone Mafia, die Band, mit der Sie auftreten als Mahnung, als Warnung vor dem neuen Rechtsextremismus. Wir wollen wieder ein Stück hören, Frau Bejarano. Sie haben sich eins gewünscht: "Auf dem Weg steht ein Baum".

Bejarano: Ja.

Scholl: Warum gefällt Ihnen das besonders gut?

Bejarano: Das gefällt mir sehr gut, weil es so diese menschlichkeit ausdrückt. Das handelt von einem kleinen Jungen, der auf einen Baum steigen will und den Baum, ihm irgendwelche schönen Melodien vorzusingen, weil alle Vögel schon weggeflogen sind von diesem Baum. Und die Mutter möchte das natürlich nicht. Und zum Schluss heißt es in diesem Lied: "Meine Mutter hat aus Liebe zu mir mir nicht erlaubt, auf diesen Baum zu steigen."

Scholl: Sie hat Auschwitz überlebt im sogenannten Mädchenorchester. Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit Esther Bejarano, jetzt sind ihre Erinnerungen als Buch erschienen und das gerade war Musik aus der CD, die Esther Bejarano mit der Band Microphone Mafia eingespielt hat. Sie sind nach '45 nach palästina gegangen, ins damalige britische Protektorat, haben dort geheiratet, eine Familie gegründet, Musik studiert. Später sind Sie dann mit Ihrem Mann doch wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Das hatte auch politische Gründe, weil Ihr Mann nicht zum israelischen Militär eingezogen werden wollte. Aber wie war diese Rückkehr für Sie, Frau Bejarano, dann wieder in das Land, das Ihre Familie umgebracht hat?

Bejarano: Ja, also, das war natürlich am Anfang sehr schlecht, sehr schlimm. Ich hatte eine Bedingung: Wenn ich nach Deutschland zurückfahre, dann gehe ich nicht, will ich nicht in einer Stadt leben, in der ich schon vorher mal mit meinen Eltern gelebt habe. Und ich hatte Freunde in Hamburg, die mir immer Briefe geschrieben haben und die geschrieben haben, ach, es gibt ja jetzt keine Nazis mehr und es ist ein ganz anderes Leben. Und so bin ich nach Hamburg gekommen. Aber es war für mich am Anfang sehr, sehr … sehr schwer, sehr bedrückend. Ich hatte auch richtiggehende Angst, als ich die ersten deutschen Polizisten gesehen habe. Da habe ich ganz automatisch an die Gestapo gedacht. Ich hatte auch so einen Horror davor, in irgendwelche … irgendetwas zu erledigen, weil ich nicht wusste, wie die Menschen darauf, diejenigen, mit denen ich dann zu tun hatte, wie sie darauf reagieren, dass ich jetzt wieder nach Deutschland zurückgekommen bin.

Scholl: Sie haben viele, viele Jahre geschwiegen, Frau Bejarano, nichts erzählt von Auschwitz, dem Schrecken, dem Leid. Was hat Sie dazu bewogen, schließlich doch Ihr Schweigen zu brechen und direkt in die Öffentlichkeit zu gehen?

Bejarano: Ich hatte in Hamburg eine kleine Boutique. Und eines Tages hat vor meiner Boutique plötzlich ein Infostand gestanden, und ich wollte gern mal wissen, was ist denn das überhaupt, was sind das für Leute? Und ich bin rausgegangen, ich habe geguckt, und ich habe festgestellt, das ist die NPD. Ich habe einen schreck gekriegt, ich habe aber gesehen, dass dann auch andere Menschen ankamen mit Transparenten, darauf hat gestanden "Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg", das hat mir natürlich sehr gut gefallen. Was mir allerdings nicht gefallen hat, war die Polizei, die sich vor die Nazis gestellt haben und die die Nazis geschützt haben vor diesen Menschen, die demonstriert haben gegen die Nazis. Das hat mich auf die Palme gebracht sozusagen. Und ich habe gesagt, so, jetzt musst du etwas unternehmen, jetzt musst du den Menschen mal zeigen oder sie müssen unbedingt wissen, was damals geschah.

Scholl: In Deutschland hat man sich ja viel oder intensiv mit dieser entsetzlichen Zeit auseinandergesetzt und tut es weiterhin. Es gibt Gedenktage, die Erinnerung wird wachgehalten von zahlreichen Institutionen, den Medien, Bücher erscheinen und auch von Menschen wie Ihnen, die sich unermüdlich engagieren. Wie schätzen Sie, Frau Bejarano, denn diesen Umgang mit dem furchtbaren historischen Erbe in unserem Land ein, tun wir genug oder vielleicht doch auch Falsches?

Bejarano: Also, meiner Meinung nach tun wir nicht genug. Und vor allen Dingen die Regierung tut nicht genug. Ich will nicht sagen, dass sie gar nichts tun, aber ich finde, dass man schon längst sich hätte darum kümmern müssen, dass die NPD verboten wird. Und nicht nur die NPD, sondern alle, die diese Institutionen oder Gesellschaften, die eben diese schreckliche, Menschen hassende Ideologie haben wie die Nazis. Das hätten sie verbieten müssen. Wenn wir uns so umgucken und wir sehen, dass es ganz, ganz viel zum Beispiel arbeitslose Menschen gibt, dann muss ich sagen, es ist eine große Gefahr, dass diese Menschen, die eben diese schreckliche Ideologie haben, dass die eben wieder hier Fuß fassen können. Und das möchte ich verhindern.

Scholl: Herzlichen Dank, Esther Bejarano …

Bejarano: Ja!

Scholl: … für dieses Gespräch und dass Sie bei uns waren!

Bejarano: Ich danke Ihnen auch!

Scholl: Und Ihnen und Microphone Mafia wünschen wir alles Gute, weiterhin die Kraft und den Mut, Front zu machen gegen rechts. Das Buch von Esther Bejarano, "Erinnerung", ist jetzt im Hamburger Laika-Verlag erschienen mit 208 Seiten und einer DVD mit Aufnahmen und einem schönen Porträt von Esther Bejarano. Und von der CD hören wir jetzt noch das Stück "Wir leben trotzdem".

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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