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Profil / Archiv | Beitrag vom 22.09.2011

Gegen die Sonne entsteht Horror

Der Schweizer Jungregisseur Tim Fehlbaum

Von Christian Geuenich

Der Regisseur Tim Fehlbaum wächst in der Nähe von Basel auf. (picture alliance / dpa / Jean-Christophe Bott)
Der Regisseur Tim Fehlbaum wächst in der Nähe von Basel auf. (picture alliance / dpa / Jean-Christophe Bott)

Mit dem Endzeit-Thriller "Hell" zeigt der Schweizer Nachwuchsregisseurs Tim Fehlbaum, dass ein fesselnder Genrefilm mit internationalem Format auch aus Deutschland kommen kann. Für "Hell" wurde der Jungregisseur mit dem Förderpreis Deutscher Film ausgezeichnet.

Filmausschnitt "Hell"
Elisabeth: "Seit drei Jahren gibt es keine Ernte mehr, nur wenige von uns haben überlebt. Manche sagen, dass es über der Baumgrenze wieder regnet, ich glaube nicht daran."

Das Jahr 2016. Durch die verstärkte Strahlkraft der Sonne hat sich die Erdatmosphäre um zehn Grad erwärmt, die Gesellschaft, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr. Marie, ihr Freund und ihre kleine Schwester fahren in einem abgedunkelten Auto in die Berge,

Filmausschnitt "Hell"
"weil es dort wieder Wasser geben soll. Die haben nämlich nichts mehr zu essen und zu trinken, es ist alles knapp. Und unterwegs bemerken sie halt, dass es da noch ganz andere Gefahren gibt als das Sonnenlicht."

Tim Fehlbaum steht immer noch unter Strom. Vor einer Stunde hat er seinen packenden Debütfilm zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt, die Resonanz war außerordentlich gut, aber das hat er noch nicht ganz realisiert. Den 29-Jährigen Nachwuchsregisseur beschäftigt gerade nur, dass die Farbgebung der Kopie nicht ganz seinen Vorstellungen entsprach. Für den normalen Zuschauer sind diese minimalen Nuancen nicht erkennbar, für den Perfektionisten mit dem blassen Gesicht und den rotblonden schulterlangen Haaren schon:

"Mich fasziniert das Handwerk. Ich bin auch eher so ein Frickler und bin auch sehr technisch orientiert, und das ist das, was mir Spaß macht daran, dass man ein Handwerk hat, aber damit was kreieren kann, was dann auf der Leinwand läuft."

Dem Schweizer, der mit seinen vier Geschwistern in der Nähe von Basel aufgewachsen ist, war schon früh klar, dass er später einmal zum Film möchte.

Schon mit zehn Jahren beginnt er, mit Knetmännchen erste Filme zu drehen. Sein Vater, ein Unternehmer, ist privat ein filmbegeisterter Technik-Freak, der sich für Kameras interessiert und ihn unterstützt. Schon als Jugendlicher dreht Tim Fehlbaum erste Kurzfilme und macht das, was er bis heute macht – unglaublich viele Filme gucken, erstaunlicherweise am liebsten mit Kopfhörern am Laptop:

"Ich gucke Filme auch sehr gerne auf handwerkliche Punkte hin. Bei mir ist es auch so, dass ich, wenn ich einen Film richtig mag, dass ich ihn dann gerne nicht, zwei bis drei Mal gucke, sondern zehn bis 15 Mal und auch gerne in einer Woche sieben bis acht Mal. Und klar, da guckt man jedes Mal auf andere Sachen."

Tim Fehlbaum war schon immer von eher düsteren Stoffen fasziniert, hat sich im Kino gerne gegruselt. Warum, das weiß er nicht:

"Tschuldigung, ich bin echt ungeübt, das tut mir leid."

Der Jungregisseur im einfachen weißen T-Shirt, grauer Jeans und Wildlederschuhen rutscht sympathisch verlegen auf dem Stuhl hin und her, es ist erst das dritte Interview in seinem Leben. Man merkt ihm an, dass er gerne druckreif sprechen würde, aber auch nicht zu viel von sich preisgeben möchte – Privates schon gar nicht, außer, dass er im Münchner Schlachthofviertel wohnt und dort zum Vegetarier geworden ist.

Nach dem Anblick der eingepferchten Tiere in den vorbeifahrenden Lkw konnte er kein Fleisch mehr essen. Ein Vegetarier, der Filme über Zombies und Menschenfresser macht, da muss er selbst ein wenig lachen. Denn ursprünglich sollte "Hell" ein Zombie-Film mit viel Blut werden:

"Das war so ein fünfminütiger Film, wir haben in zwei Tagen gedreht, hatten eine Woche Vorbereitung, der sollte das schon mal demonstrieren, wie dieser Film sein sollte. Und den konnte ich dann zeigen und sagen, das will ich in lang machen."

Das war vor mehr als fünf Jahren, damals studierte Tim Fehlbaum noch an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Zusammen mit einem Produzenten, der durch den Kurzfilm auf ihn aufmerksam wurde, entwickelte er die Idee dann zum Endzeit-Thriller weiter.

"Also Schreiben war von dem ganzen Produktionsprozess für mich jetzt das Schlimmste, auch das, was mir am wenigsten liegt. Man sitzt halt vor einem Papier und muss sich da was aus den Fingern saugen. Und ich würde es gerne vermeiden."

Dabei gelingt es dem Nachwuchsfilmer, der in seinem apokalyptischen Thriller selbst die zweite Kamera bedient hat, mit relativ einfachen Mitteln und ohne große Spezialeffekte, Spannungsmomente und eine bedrohliche Atmosphäre zu kreieren.

Durch die Kameraperspektive aus den schmalen Schlitzen im gegen die Sonne abgedunkelten Auto entsteht ein psychologischer Horror, der den Einfluss seiner Vorbilder Alfred Hitchcock, David Lynch oder Christopher Nolan deutlich erkennen lässt.

"Aus’m deutschsprachigen Raum ist mein großer Held Michael Haneke. Weil die Filme von dem sind immer so unglaublich radikal und konsequent, und ich finde, dass der immer superspannende Themen hat. Das ist auch meistens düster und über irgendwelche Abgründe, und das ist einfach ein wahnsinnig toller Filmemacher."

Filmausschnitt "Hell"
Elisabeth: "Die Sonne wird dich verbrennen."

Nachdem er die bisherigen Arbeiten von Tim Fehlbaum gesehen und das Drehbuch gelesen hatte, unterstützte der große Endzeit-Meister Roland Emmerich den Film begeistert als ausführender Produzent, vor allem aber als Mentor des Nachwuchsregisseurs.

Die apokalyptischen Bilder in "Hell" sind bei Tag in ein überstrahltes weiß-gelb getaucht, umweht von jeder Menge Staub. Allein in einer Woche haben Fehlbaum und sein Team auf Emmerichs Anraten für die ausgetrocknete Steppenatmosphäre eine Tonne Staub verblasen – aus Gesundheitsgründen wurde dafür Heilerde verwendet.

"Also wir hatten schon geplant, Staub im Hintergrund immer wieder so durchwehen zu haben. Und dann hat er gesagt, nee, ihr müsst nicht so ein bisschen Staub da im Hintergrund haben, ihr müsst richtig die ganze Zeit immer diesen Wind und diesen Staub haben, und das macht die Atmosphäre aus. Das Budget vom Staub könnt ihr gleich verdreifachen, wo er einfach Recht behalten hat."

Emmerichs gutem Namen ist es sicherlich auch zu verdanken, dass Fehlbaum unglaubliche drei Millionen Euro für sein Debüt zur Verfügung hatte.

"Ich hatte natürlich auch irre Angst. Gerade beim Drehen hatte ich ein paar schlaflose Nächte, auch danach noch und jetzt auch, also jetzt bin ich gespannt, wie der Film wahrgenommen wird."


Links bei dradio.de:

Filme der Woche: "Hell" - ein Katastrophen-Science-Fiction von Tim Fehlbaum

Homepage zum Film "Hell"

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

"Hell"

Externe Links:

Homepage zum Film "Hell"

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