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Ortszeit / Archiv | Beitrag vom 18.10.2013

Gefangen jenseits des Polarkreises

Bisher alle Einsprüche abgelehnt: Russische Justiz zeigt volle Härte gegen Greenpeace-Aktivisten

Von Gesine Dornblüth

Mannes Ubels, Greenpeace-Aktivist, im Gebietsgericht von Murmansk (cture alliance / dpa)
Mannes Ubels, Greenpeace-Aktivist, im Gebietsgericht von Murmansk (cture alliance / dpa)

Sie sitzen in Murmansk hinter Gittern: Die rund 30 Aktivisten der Umweltorganisation Greenpeace, die mit der russischen Justiz in Konflikt geraten sind, werden wohl nicht so schnell freikommen. Heute sind weltweit Protestaktionen geplant.

Ein Industriebezirk in der nordrussischen Stadt Murmansk. Eine hohe Mauer, ein Tor – das Untersuchungsgefängnis. Dmitrij Artomonow steht vor dem geöffneten Kofferraum eines Autos und packt eine Tasche mit Lebensmitteln. Nudeln, Tütensuppen, Birnen, eine Apfelsine.

"Frisches Obst ist wichtig. Im Gefängnis sind Vitamine ein Problem. Die Häftlinge kommen zu wenig an die frische Luft. Die Apfelsine schneiden sie sicher auf, bevor sie sie aushändigen. Alles wird kontrolliert. Damit ja nichts Gefährliches drin ist."

Dmitrij Artomonow ist Mitarbeiter der Umweltorganisation Greenpeace in St. Petersburg. Seit Tagen ist er in Murmansk jenseits des Polarkreises, um die 30 Umweltschützer zu unterstützen, die hier seit knapp einem Monat in Untersuchungshaft sitzen. Die Frauen in Einzelzellen, die Männer jeweils mit ein oder zwei einheimischen Häftlingen zusammen.

"Wir schicken ihnen zwei Mal pro Woche etwas. Das Essen im Gefängnis ist sehr schlecht. Gesetzlich sind pro Person maximal 30 Kilo im Monat erlaubt. Deshalb packen wir vor allem trockene Lebensmittel ein, die sind leichter."

Etwas später im Gebietsgericht von Murmansk. Der Saal ist frisch renoviert, hohe Säulen mit imitiertem Goldornament. In einem Kasten hinter Glas steht Mannes Ubels, drahtig, in Jeans und T-Shirt, die Gesichtsfarbe etwas grau, Ringe unter den Augen.

Mannes Ubels ist der Mechaniker der Arctic Sunrise. Er kommt aus den Niederlanden, wo das Greenpeace-Schiff auch registriert ist. Ubels muss sein Ohr in einen schmalen Spalt in der Glaswand pressen, um die Dolmetscherin zu verstehen.

Alle 30 Angeklagten haben Einspruch gegen die richterlich angeordnete Untersuchungshaft eingelegt. Derzeit laufen die Verhandlungen, meist je zwei bis drei an einem Tag. Bisher haben die Richter in Murmansk alle Einsprüche abgelehnt.

Mannes Ubels, Greenpeace-Aktivist, im Gebietsgericht von Murmansk (cture alliance / dpa)Auf dem Weg zum Richter: Mannes Ubels, Mechaniker der Arctic Sunrise (cture alliance / dpa)Ubels Anwalt trägt die Gründe für den Einspruch vor. Die Besatzung der Arctic Sunrise habe lediglich friedlich protestiert. Von "bandenmäßiger Piraterie", wie es die Anklage behauptet, könne keine Rede sein. Piraten würden Flugzeuge oder Schiffe überfallen. Die Ölplattform, gegen die sich der Protest von Greenpeace richtete, sei aber gar kein Schiff. Schließlich beantragt er, den Niederländer aus der Untersuchungshaft zu entlassen, notfalls gegen Kaution.

Nach einer guten Stunde fällt das Urteil. Auch Ubels muss in Haft bleiben. Es bestehe Fluchtgefahr, so der Richter. Auch könne der Angeklagte Beweismaterial vernichten. Martin Groenstege schüttelt den Kopf. Er ist Konsul der Niederlande in St. Petersburg und kommt mittlerweile regelmäßig nach Murmansk.

"Das war keine Überraschung. Die Entscheidung entspricht allen vorherigen. Ich habe das erwartet."

Die russische Justiz zeigt volle Härte. Aus Moskau kämen keinerlei Signale, dass sich das ändern könnte, heißt es von westlichen Diplomaten. Die Greenpeace-Mitarbeiter bemühen sich dennoch um Optimismus. Dmitrij Artomonow schultert zwei Taschen und macht sich auf Richtung Gefängnistor.

"Die Ermittler, die Richter und die Staatsanwälte, alle wissen, dass die Anschuldigungen absurd sind. Und alle wissen, dass diese Frage auf politischer Ebene geklärt wird. Mir macht Hoffnung, dass Menschen auf der ganzen Welt unsere Aktivisten unterstützen. Millionen Menschen sind auf unserer Seite. Sie machen Druck auf ihre Regierungen, damit die Druck auf die russische Regierung machen. Unsere Leute werden früher oder später freikommen."

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