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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 12.10.2015

Gefängnis-BerichtWir sind hier nicht im 4-Sterne-Hotel

Von Charlotte Paul

(dpa/ picture-alliance/ Sven Hoppe)
Justizvollzugsanstalt Stadelheim - 160 Frauen können hier untergebracht werden. Eine von ihnen war für 20 Tage unsere Autorin. (dpa/ picture-alliance/ Sven Hoppe)

Unsere Autorin ist wegen Beleidigung verurteilt und will partout nicht Sozialarbeit leisten. Lieber geht sie ins Gefängnis Stadelheim. Ein Gefängnisaufenthalt kostet den Staat pro Tag so viel wie eine Nacht im 4-Sterne-Hotel. Kann ja dann so schlimm nicht sein. Nach 20 Tagen weiß sie es besser.

 "Nicht im Leben möchte ich hier wohnen."

München Giesing. War mal Kleinbürger- und Arbeiterviertel. Nazis und Kommunisten lebten hier und prügelten sich heftig. Übrig geblieben ist das Kleinbürgertum, was den Stadtteil bis heute prägt. Weiter weg vom Nazi-Wohnungsblockbau, neben kleinen Einfamilienreihenhäusern, auf 14 Hektar eins der größten Gefängnisse in Deutschland, das, wie es so schön in der Chronik heißt, schon 1894 "bezugsfertig" wurde: Stadelheim.

"Stadelheim hat ja auch seine Geschichte."

Viel Blut klebt an dieser Geschichte. Viel Unrecht. Über Tausend Hinrichtungen, fast alle in der Nazi-Zeit, die meisten wegen linker Gesinnung

"aber ich geh ja in den Neubau ..."

In die Justizvollzugsanstalt, kurz: JVA, für Frauen. Etwa zwei Hundert Meter Luftlinie vom Männergefängnis entfernt, wurde 2009 das "erste staatliche Hochhausprojekt im Rahmen von Public Private Partnership", PPP, eröffnet. Der private Investor durfte also zeigen, wie er sich ein modernes, bayerisches Gefängnis für Frauen vorstellt: rostroter Außenanstrich, schießschartenartige Lichtbänder in dem architektonischen Halbrund, ohne die "typischen Umwehrungsmauern". Die unterschiedlichen Größen- und Platzverhältnisse spiegeln zudem das Verhältnis von männlichen zu weiblichen Gefangenen. Das alte Stadelheim kann weit über 1200 Männer aufnehmen, der Neubau 160 Frauen. Zum Eingang muss man um das Gebäude herumgehen:

"Das ist es, das Gebäude, ... dahinter geht dann die Schwarzenbergstraße ... huch, die Stadtwerke ... das dürfte es sein."

Gefangene werden über nichts informiert 

Jetzt bin ich drin. Als ich an der schusssicheren Glasscheibe des Eingangs meine "Ladung" durchschiebe, gefriert die Freundlichkeit der Empfangsbeamtin. Sie scheint mich zuerst für eine Anwältin, Ehrenamtliche oder Sozialarbeiterin gehalten zu haben. Ich gestehe, ich komme zum ersten Mal hierher und verhalte mich so, wie ich es gewohnt bin. Normal. Aber was ist in einem Gefängnis normal?

"Man kommt da rein, und dann wird man mit nichts informiert. Mit gar nichts. Sondern man wird nur kommandiert. Man wird von Anfang an kommandiert!"

Wieder eine Tür, wieder das schwermütig-seufzende Geräusch des Aufschließens, und wieder der dumpfe Knall, wenn die Tür ins Schloss fällt.

"Also, ich bin verurteilt worden, ohne Zeugen, ohne Beweise, einfach so, mit der Behauptung, ich hätte angeblich eine jüngere Frau beleidigt mit dem Schimpfwort "Scheiß-Weib". Deshalb bin ich verurteilt worden zu einer Geldstrafe von 600 Euro, ersatzweise 20 Tage. Also, ich habe mich entschieden, ins Gefängnis zu gehen. Und ich glaub, das wird einige ärgern, weil sie doch viel bürokratische Arbeit mit mir haben, und ich nicht so ganz ins Schema passe. Das wird dann die Steuerzahler stören, die ja pro Tag mindestens neunzig Euro für mich zahlen."

Nächster Gang. Wieder warten. Bis mir eine Dreierbrigade entgegen schlendert, hellgrünes Hemd, braune Hose, musternder Blick. Ohne Begrüßung, aber mit entschlossener Routine geht es in die "Kleiderkammer". Ich muss meinen Taschen-Rucksack und meinen Stoffbeutel auspacken.
Gesichtsreinigungsmilch - enthält Alkohol! Q-Tipps - Plastik! Zahnseide - geht gar nicht. Wahrscheinlich kann man damit jemanden erdrosseln. Ein flacher Wecker mit Knopfbatterie? Was meinen Sie, was man mit dem alles anstellen kann! Waschlappen, Unterhosen, Wolljacke - bekomme ich doch alles gestellt. Briefumschläge - enthalten Klebstoff. Hat was mit Drogen zu tun. Briefmarken darf ich behalten. Das Geld wird auf einem "Einkaufskonto" gutgeschrieben, von dem ich alles, was ich hier nicht mitnehmen und was einem auch niemand mitbringen darf, über die Einkaufsliste des Supermarktmonopolbetreibers für alle Gefängnisse Deutschlands kaufen kann. Für meine sehr teure Haarbürste - was kann man nicht alles unter dem Gummipolster verstecken! - erhalte ich stattdessen sofort aus dem Wandschrank hinter dem Tresen eine knallharte, schwarze Plastikbürste. Macht 1,50 Euro.

"Meine schönen Din-A-5-Ringbücher, wo ich Tagebuch schreiben wollte! Da musste ich die Metallringe mit der Kneifzange abknipsen. War sehr mühsam, und ich hab mich ziemlich blöd angestellt, dann hat die Beamtin das gemacht. Eine von der Lesbenfront."

Zwischendrin in die Schreibstube nebenan, das "Verbrecherfoto" machen. Man kennt diese Porträts von den Fahndungsplakaten. Die nicht-uniformierte "Inspektorin" hat auch schon etliche Jahre Routine drauf. Im Gegensatz zu mir. Muss zu lang überlegen, ob ich in eine Einzel- oder Viererzelle will, was anderes gibt es nicht. Überhaupt nerve ich mit Verständnisfragen. "Das hier ist kein Wünsch-dir-was!" bellt sie. Und schon unterschreibe ich, und sie hat ihren Feierabend gerettet.

Eingeschlossen. Raum für Raum. Gang für Gang

Eine Gefängniszelle mit Pritsche, Tisch, Schrank und Regal in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim, aufgenommen am Samstag (13.03.2010) in München. (dpa / picture alliance / Tobias Hase)Eine Einzelzelle im Gefängnis Stadelheim in einer Aufnahme von 2010. Unsere Autorin hat eine Vierer-Zelle vorgezogen. (dpa / picture alliance / Tobias Hase)

Zurück zu den drei Uniformierten. Ausziehen. Nackt. Vor dem Tresen. Umdrehen. In die Hocke gehen. Aha, Peepshow, sage ich in einem Anflug von trockenem Humor. Woraufhin die kurzgeschorene, stämmige Beamtin unerschrocken antwortet: "Für uns ist der Anblick auch nicht schön."

Meine Kleidung verschwindet auch im Kleidersack. Dafür erhalte ich einen Frotteebademantel, Plastikschlappen und zwei kleine Handtücher und muss mich im nächsten, diesmal gekachelten Raum duschen. Und warten. Allein. Ich kann weder durch die eine Tür zurück noch durch die andere weiter. Bin eingeschlossen. Raum für Raum. Gang für Gang. Überall diese verschlossenen Stahltüren. Man sagt mir nicht, wie es weitergeht, wie es überhaupt geht. Ich lerne: Das ist Programm. Fragen ist verdächtig, nachfragen lästig. Sie wollen wohl Ansprüche stellen? Nach jeder Bitte, jedem Hinweis, jeder Anmerkung heißt es fortan mit drohendem Unterton:

"Wir sind hier kein Vier-Sterne-Hotel!"

Natürlich nicht.

"Sie sind so ausgeliefert! Sie sind total ausgeliefert. Die lügen und verdrehen, die Beamtinnen jetzt. Die sind genauso wie die, die drin sitzen. Wobei die Bandbreite derer, die drin sitzen, größer ist. Echt."

Nach einer gefühlten Ewigkeit lande ich in Zelle F.1.130 C/D und bin von nun an unauslöschlich registriert als "Buchnummer 1481/15". "Guten Tag, ich heiße Charlotte." Ich gebe jeder die Hand: der 69-jährigen Anna, der 48-jährigen Agnes und der 61-jährigen Marita. Agnes und Marita kommen beide aus Ungarn, haben sich aber erst in der Zelle kennen gelernt, und können weder Deutsch noch Englisch.

"Glauben Sie nicht, dass irgend jemand von den Beamtinnen sich bemüßigt fühlt, vielleicht 'nen Dolmetscher zu engagieren oder, die eine wollte dann ein Wörterbuch haben. Nein, geht nicht. Ich hab für die dann die ganzen Anträge geschrieben, weil, man muss für alles 'nen Antrag schreiben. Ob Sie 'nen Kurs machen wollen, ob die Bücher haben wollen, ob die 'nen Termin haben wollen, ob die 'nen Pflichtverteidiger haben die beide gebraucht, und und und. Die beiden Ungarinnen wurden dann getrennt. Die hat dann 'ne Herzattacke gekriegt und war dann fünf Tage im Krankenhaus. Konnte mir grad noch sagen, ich hab schon gedacht, sie hat Schmerzen - das ging immer so mit Gestik und Zeichensprache - dann hab ich noch schnell 'nen Antrag, 'nen Antrag! auf 'nen Doktor geschrieben für sie, und dann war sie auch schon eine Stunde später im Krankenhaus."

Auf circa vier mal sechs Metern befinden sich: zwei mal zwei Stockbetten, vier schmale Spinde, vier Regale für das Aluminium-Essgeschirr und die offene Plastikkanne für Tee, ein rechteckiger Tisch mit vier Stühlen, ein Waschbecken, eine abgetrennte Toilette. Die Spanplattenabtrennung wieder in dieser rostroten Farbe des Außenanstrichs.

Eigentlich habe ich es mir von Anfang an damit verscherzt, dass ich immer nach dem Namen gefragt habe. Ganz schlecht. Und wie heißen Sie? Die Beamtin, die mich gerade noch schikaniert hat, fährt mich an: Wollen sie sich über mich auch beschweren?! Nein, ich möchte nur wissen, wie Sie heißen. Ist es nicht normal, dass man einander mit Namen anspricht und so buchstäblich "ansprechbar" wird? Die Beamtinnen müssen nicht antworten, die Mitgefangenen im Hof reagieren deutlicher:

"Am zweiten Tag kam dann die Souschefin im Hof und hat mich vorgewarnt. Mit den Namen, das sollte ich mir abgewöhnen, das klappt hier nicht. Mir wurde angedroht, und das auch 'ne Zeitlang durchgezogen, dass man mich isoliert, sozusagen. Mich nicht mehr grüßt, nicht mehr mit mir redet. Ich hab zwar erklärt, dass es für mich 'ne Art ist, Beziehung aufzunehmen. Wenn namenlos, dann ist 'hallo', und dann ist wurscht. Dann kann ich auch mit dem anderen so umgehen, als wär das ein Kleiderständer."

Jeden Tag derselbe Rhytmus - und keine Zeit für sich

Tagesablauf.

Sechs Uhr: Wecken.

Ausgabe von einem Liter lauwarmen Tee an der Zellentür. Laut Hausordnung sollte man dazu gewaschen und angezogen sein.

Zehn bis elf Uhr: Hofgang.

Alle, bis auf einige Untersuchungshäftlinge, haben dieselben Sachen an: Anstaltskleidung in Weiß: Unterhemden und -hosen, Socken, T-Shirt, Sweatshirt - und Blau: Jeans oder Rock, Strickjacke, Kapuzenmantel. Schwarze Schnürschuhe, schwarze Plastiksandalen. Auch das Bettzeug ist weiß-blau. Dazu kommen zwei Handtücher, zwei Waschlappen, ein geblümtes Nachthemd.

Gewaschen wird alles mit allem in der hauseigenen Wäscherei bei 40 Grad. Alles von allen zusammen gewaschen? Auch die Unterhosen? Die Bettwäsche? Alles. Von wegen Hygiene.

Elf Uhr bis elf Uhr fünfundvierzig: Mittagessen. Aufschluss. Abspülen. Zelle säubern.

Die beiden "Hausmädchen", die Mitgefangenen also, die die Hausarbeit für einen Euro pro Stunde machen dürfen, fahren einen großen Servierwagen mit großen Alu-Töpfen von Zelle zu Zelle. Und klatschen mit großen Schöpfkellen die - laut Hausordnung - "ausgewogene Nahrung" in die Aluschalen. Viele Nudeln, viel Reis, ganz viele Kartoffeln, wenig Fleisch mit viel Sauce, viel püriertes Gemüse, Eintopf. Manchmal Salat oder gestreckte Suppe. Das Essen und der Tee werden aus dem Männergefängnis angeliefert, dort wird gekocht, und es geht das Gerücht um, dass Saucen und Tee mit Hormonen angereichert sind, die den männlichen Trieb dämpfen sollen. Mahlzeit!

Vierzehn Uhr: Ausgabe an der Zellentür von Abendbrot und Frühstück.

Vierzehn Uhr fünfzehn bis fünfzehn Uhr dreißig: Aufschluss.

"Aufschluss heißt, man kann sich auf dem Flur bewegen und in die Nachbarzellen gehen. Aber eine Stunde Hofgang, eine Stunde Mittagessen, viertel vor zwölf wird wieder eingeschlossen. In der Zeit muss man duschen, abwaschen, und Bürofragen, Sachen erledigen. Und Aufschluss ist dann viertel nach zwei, und Einschluss ist dann wieder halb vier. Bis nächsten Vormittag zehn Uhr Hofgang. Das ist 'ne lange Zeit."

Zeit zu lesen, Bücher aus dem "Anstaltsreservoir" oder Zeitschriften wie AutoMotorSport oder "Bild der Frau", die man über den Supermarkteinkauf bekommt. Tageszeitungen kann man nur als eingeschweißtes Jahresabo bestellen. Zeit, Karten zu spielen. Briefe zu schreiben.

Für die Analphabetin zum Beispiel. Oder Anträge schreiben. Zeit, zu trösten. Nur nicht Zeit für sich. 21 Stunden eingeschlossen sein in der Einzelzelle ist nicht unbedingt die bessere Alternative. Und was ist mit Arbeit? Gibt es kaum und gilt, wie Hausarbeit, als Privileg.

In der Viererzelle gibt es drei vergitterte Fenster, die mit einer Höhe von 1,60 Meter nicht nur in den Himmel, sondern auch hinunter in den Hof blicken lassen. Oh, staunt Laura, die vorher im größten deutschen Frauengefängnis, in Aichach, gewesen ist. Dort gibt es nur diese Schlitzfenster oben an der Decke und nur Kaltwasser am Waschbecken. Na, bitte, wir sind hier kein 4- Sterne, wir sind ein 5-Sterne-Hotel!

"Da war so'n relativ kleiner Innenhof. Also, mit der Bewegungseinschränkung, der auch körperlich kaputt macht. Beziehungsweise Aggressivität züchtet geradezu. Und dann sind Sie in der Vier-Bett-Zelle, also vier Leute zusammen. Da sind auch wieder solche und solche, das kann schon schwierig werden. Man ist ja völlig sich selbst überlassen, ne."

Vier Fremde in einem Zimmer bedeutet immer Stress

Blick in den Innenhof der neuen Frauenabteilung der Justizvollzugsanstalt Stadelheim in München (dpa/ picture-alliance/ Andreas Gebert)Blick in den Innenhof der Frauenabteilung der Justizvollzugsanstalt Stadelheim in München: 160 Plätze für Frauen und 60 für den Jugendarrest, außerdem zehn Plätze für Mütter mit Kleinkindern. (dpa/ picture-alliance/ Andreas Gebert)

Die Vier-Bett-Belegung ist auch keine gute Idee. Sie bedeutet auch bei bestem Verstehen untereinander Stress. Weil der Fernseher, den man sich für 20 Euro im Monat anschließen lassen kann, keine Kopfhörer hat. Oder weil geschnarcht wird. Oder nachts ständig jemand zur Toilette muss. Oder jemand nur bei geschlossenen Fenstern schlafen kann. Oder nur bei offenen Vorhängen, so dass das grelle Flutlicht über dem Gefängnishof die Zelle ausleuchtet. Oder jemand nicht nur aus dem psychischen Lot gerät, sondern gleich komplett durchdreht, ihre Einrichtung zerlegt oder die anderen terrorisiert. Weil ständig jemand verlegt wird und Neue kommen.

Zum Beispiel Katja, 40, die Wert darauf legt, dass sie "Künstler" sei, in der männlichen Form. Wegen permanenten Schwarzfahrens zu mehreren Monaten Geldersatzstrafe verdonnert. Schreibt ständig Bettelbriefe an die Filmwelt, doch ihre Strafe zu zahlen, damit sie an ihrem Filmprojekt arbeiten können wollen sollte. Sie beansprucht also immer den ganzen Tisch. Und wird furchtbar neidisch auf mich, was sich am dritten Abend, wir sind zu dritt in der Zelle, ganz unvermittelt in einer wahnsinnigen Hassattacke entlädt:

"Ich hab keinen Ton gesagt, weil ich wusste, die schlägt mich sonst. Also, zwanzig Minuten, also wirklich Jauche über mich gekippt, ja. Beleidigt ist überhaupt kein Wort, sondern wirklich Jauche. Dieses Monsterskelett! und so. Kommt Pipi aus dem Körper! Ich hab das gar nicht behalten, sondern nur so erstarrt da gesessen und nur gedacht, bleib ruhig, bleib ruhig. Und die Dritte immer: Katalinchen, Katalinchen, aber du musst doch nicht ... war völlig entsetzt, Also, das war heavy."

Alle Zellen liegen im 1. und 2. Stock zum Hof hin. Der ist geschätzte 14 mal 28 Meter klein. Immerhin gibt es hier neben einem Volleyballplatz und zwei Tischtennisplatten aus Beton einen Streifen Wiesengrün, Büsche und sogar ein paar Bäume. Allerdings keine Vögel, die scheuen offenbar den hohen Anflug über die antennenbewehrte Festung. Dafür eine Entenfamilie, Vater, Mutter, Küken. Die Idylle schlechthin. Man könnte soviel von der Entenfamilie lernen! Respekt, Toleranz, Großzügigkeit, Achtsamkeit, sozusagen die Basics des menschlichen Zusammenlebens. Wenn man denn wollte.

"Und dann hat die Beamtin einen Tobsuchtsanfall gekriegt, shut up! Und in die Zelle gejagt. Angeblich hätte die ihr Essen vorher auf den Boden ausgekippt - wahrscheinlich hatt sie's nicht gemocht. Da kamen zehn Frauen, davon bestimmt sechs Polizistinnen, und zwar solche, 'ne! Um die Frau in den Bunker zu bringen. Und Bunker heißt, 'ne Zelle ohne Fenster. Nur kahle Zelle, nur 'ne Matratze auf dem Boden. Und hat nur 'ne Decke. Die war dann da zwei, drei Tage. Die kriegt dann wie so'n Hund 'ne Essensschale rein, ne."

"Mülltüte", nennt es eine Mitgefangene. Wir sind Mülltüte. Bei jedem Neuzugang wieder eine Mülltüte, die auf den anderen Müll gekippt wird:

"Das dritte Spezialerlebnis, das war, als vor drei Tagen die Alzheimer ältere Frau kam. Dann geht die Zellentür auf, das war so Nachmittag, und die tapert dann darein. Die war verwirrt, also, Alzheimer im Anfangsstadium, aber trotzdem, fremde Umgebung und so, können die überhaupt nicht ab, 'ne. Wirklich, ich hatte das Empfinden, die wird auf die Müllkippe geworfen. Da wird nicht gesagt, das ist Frau Soundso, es wäre nett, dass Sie darauf achten, weil sie Alzheimer hat, dass Sie mit ihr entsprechend umgehen. Fände ich normal. Dann ist man informiert und wird gebeten, sich um sie zu kümmern, weil die Beamtinnen kümmern sich ja nicht, ne."

Wir Zellengenossinnen haben das mit Frau K.s Alzheimer ganz gut hinbekommen. Frau K. war ja nicht deppert. Hat nur vergessen, dass sie immer wieder dasselbe erzählt. Offenbar hat sie mit ihrem Mann eingeübt, was sie erzählt und was lieber nicht, nämlich nicht den Ort zu nennen, wo sie lebt, von wegen der Schande! Um ihre Unruhe und Ängste in fremder Umgebung zu dämpfen, sucht sie verzweifelt ihre Tablette, die ihr besorgter Mann extra den Beamtinnen gegeben hat, damit sicher gestellt ist, dass sie sie auch nimmt.

Sie findet sie nicht, wir suchen mit ihr, endlich drückt sie nach viel Zureden den Notknopf und erhält über den Zellenlautsprecher tatsächlich die Standard- Antwort:

"Mitgebrachte Medikamente werden nicht weitergegeben. Wenn Sie Tabletten brauchen, müssen Sie sich am nächsten Tag vom Arzt welche verschreiben lassen."

Dementsprechend verläuft die Nacht. Am nächsten Morgen kommt die apathische, bleiche Frau K. auf unseren Hinweis hin zum Arzt, der schickt sie ins Krankenhaus. Um fünf Uhr am Nachmittag geht die Zellentür auf, und Frau K. ist, wie sie frisch erholt erzählt, aus ihrem "Hafturlaub" zurück. Wir haben zusammen einen richtig vergnügten Abend. Am nächsten Tag ist es wieder vorbei mit lustig. Frau K.s Hand ist ganz blau und dick angeschwollen. Wie sich herausstellt, war es das Ergebnis von "Schwester Gudruns" Spritze.

Morgens um halb sieben zum Röntgen - Grund unbekannt

Zum Röntgen. Wozu, wohin? Keine Auskunft. Morgens um halb sieben Abmarsch der Neuzugänge, runter in den Zwischenraum. Schuhe ausziehen, Untersuchung am Körper.

Warteraum. Ich bin kurz vorm Kollabieren. Drücke den Notknopf, möchte nur wissen, wie lange wir noch warten müssen und ob ich mich irgendwo hinlegen kann. Drücke nochmal den Notknopf. Eine Vollzugsbeamtin erscheint, putzt mich runter, weil ich den Notknopf gedrückt habe, ach, Sie wollen sich nicht röntgen lassen? Dann verbringen Sie Ihre gesamte Haftzeit mit Mundschutz in der Isolationszelle! Und holt "Schwester Gundula", die mir mit höhnischem Kommentar den Puls misst. Ich, die ich normalerweise 90 zu 60 habe, habe zum ersten Mal in meinem Leben 130. Angst macht es möglich. Oder habe ich gar nicht 130?

Wir werden mit dem grünen Gefangenentransporter ins Männergefängnis gefahren, wo ich endlich erfahre, dass die Lungen, und zwar "wegen TBC", geröntgt werden. Wir verbringen so viel Zeit mit "warten" hüben und drüben, dass wir den "Hofgang" und damit eine knappe Stunde Bewegung an der Luft verpassen. Auch das ist Routine.

Komm, wir machen kleine Gymnastik, sagt Ljerka, nachdem sie unsere Zelle so sauber geschrubbt hat, dass sogar die Wände und Neonlampen wieder weiß strahlen. Es ist ja nicht die Strafe in Form von Freiheitsentzug, was einem zu schaffen macht. Sondern die 21-stündige Begrenzung auf maximal zwei Mal zwei Metern. Kein Platz, keine Bewegung. Kein Auslauf. Kein Abbau von Aggressionen. Keine psychosoziale Restitution. Und was ist mit der Resozialisation?

Am Info- Brett auf dem Flur kann man sich in diverse "Kurse" eintragen. Ich nehme alles mit, was mich aus meiner Zelle rausbringt. Yoga, Chanten, Meditation, Tanz, Poesiegesprächskreis, Gottesdienst. Aber auch die Kurse sind - wie die kaum vorhandenen Arbeitsmöglichkeiten - ein Privileg und können jederzeit als Disziplinarmaßnahme gestrichen werden. Und sie finden höchstens einmal pro Woche statt. Ich bewundere die Kursleiter, wie sie mit den aufgeladenen Gefangenen umgehen und, nein, weil sie sie "normal", einfach mit Respekt, als Menschen behandeln. So könnte Resozialisierung aussehen.

Graziela ist nachts um 3 Uhr vor einer Promi-Diskothek festgenommen worden. Eine Verwechslung, sagt sie, aber das wollten die Polizisten gar nicht hören. Stattdessen ist sie am Tag drauf auf der Polizeiwache im Erbrochenen aufgewacht, und zwei Tage später, immer noch mit den Blutergüssen von den Handschellen, in U-Haft gekommen. Mit nichts als ihrem Disco- Outfit, wegen "Fluchtgefahr". Graziela, nur zu Besuch in Deutschland, ist verzweifelt.

Sie kennt nicht ihre Rechte, und sie darf niemanden "draußen" benachrichtigen. Das geht nur über Anträge über die Sozialarbeiterin des Gefängnisses, und dauert, viele Tage, manchmal Wochen. Telefonieren geht sowieso nicht. Graziela schämt sich. Aber sie ist gläubig. Und so betet sie inbrünstig auf Knien vor einem Jesusbildchen.

Es gibt viele Grazielas, die willkürlich und lange Zeit in U-Haft rutschen, die währenddessen oft ihre Arbeitsstelle verlieren, ihre Wohnung verlieren, ihre Kinder und Partner verlieren und froh sein können, wenn sich jemand um sie kümmert.

Beate Zschäpe ist die Königin unter den Gefangenen

Beate Zschäpe hat den größten Promi-Faktor unter den weiblichen Gefangenen in Stadelheim. Für unsere Autorin ist der Hype um sie beängstigend. (picture alliance / dpa / Peter Kneffel)Beate Zschäpe (picture alliance / dpa / Peter Kneffel) 
Siebzehn Nationen zähle ich allein während des Hofgangs. Nicht nur leichte Fälle. Auch Mord und Totschlag, was man groß in der Zeitung lesen konnte. Die 40-Jährige, die ihre Mutter mit einer Wäscheleine erdrosselt hat. Die 30-jährige Hebamme, die im Kreissaal mit einer hochdosierten Heparin-Spritze das Leben von Schwangeren und deren Ungeborenen gefährdet haben soll. Die Mittzwanzigerin, die ihre Nebenbuhlerin um ein Haar umgebracht hätte. Den eigentlichen Promifaktor aber genießt eine "Politische", und das mit vollem Klarnamen: Beate Zschäpe.

"Sie ist die Königin. Sie ist die Chefin. Viele Frauen liegen ihr zu Füßen. Sie ist sehr sportlich. Wir kennen das ja aus den Zeugenaussagen, dass sie da bei den Camping-Urlauben an der Ostsee auch viel Ball, Volleyball gespielt hat. Und das macht sie auch, gut. Also, die spielen immer Volleyball, und sie mit, und hat ein völlig aufgesetztes Verhalten, finde ich. Lacht immer mit denen. Viele sagen, na ja, aber sie ist ja keine Mörderin. Kann man so oder so sehen. Das hat mich schon erschreckt."

Mitgefangene erzählen, dass es auch beim Wachpersonal Frauen gibt, die ihr - so wörtlich - "in den Arsch kriechen". Den Eindruck, den sie im Gericht vorgibt, widerspricht dem im Gefängnis fundamental. Sie hat die Leute im Griff. Und die Leute haben Angst, etwas über sie zu erzählen.

"Was eben viele fasziniert, dass sie prominent ist, und viele finden das toll. Prominenz. Prominenz hebt den eigenen Status, ja."

Ich sehe im Hof, wie "nett" das NSU-Mitglied zu Ausländerinnen ist. Wie sie eine türkischstämmige Mitgefangene, die in ihrem Schoß liegt, streichelt. Wie sie im Hof immer von einem Pulk von Mitgefangenen umgeben ist, der oft wie ein Kordon aus Bodyguards wirkt. Wie sie großzügig Tabak verteilt. Beate Zschäpe hat offenbar das Resozialisierungsziel schon in ihrer Untersuchungshaft erreicht: Total sozial integriert.

"Immer chic gekleidet, mit pinkfarbenen Turnschuhen, passendes T-Shirt. Tolle Haare. Also, die sieht richtig gut aus. Die ist prima, oder mindestens nett. Die hat keine Feindschaft dort. Noch nicht mal Vorbehalte. Frau Zschäpe geht's gut! Sind wir doch beruhigt. Oder?!"

Nach Einschluss wird die Musik aufgedreht

Luxusleben im Gefängnis? Nach Einschluss fängt die eigentlich verbotene Kommunikation von Zellenfenster zu Zellenfenster an, quer über den halligen Hof. Beschimpfungen, Infos, Tändeleien. Bei den Roma-Mädchen steigt jetzt die Stimmung.

"Und dann machen die die Fenster auf, ja, und dann wird Musik aufgedreht. Das war dann immer dieselbe Scheibe - vor zwei Abenden hat jemand sogar Opernarien abgespielt. Hab ich gedacht, hei, wer ist das denn? Aber die konnt sich nicht lang halten. Und dann lachen die! Die lachen, und prusten, und laut - aber fröhlich. Also, da war Leben."

"Über meinem Schreibtisch hängt ein Zitat von Tolstoi. Guckt euch die Gefängnisse an in einem Land, in einem Staat, und ihr wisst, wie der Staat mit seinen Bürgern umgeht. Ich kann nur sagen, dieser Staat geht schlecht mit seinen Bürgern um."

Wie hat die Vollzugsbeamtin gehöhnt? Es wird schon einen Grund haben, weshalb Sie hier drin sind! Strafe muss sein. Wir leben in einem Rechtsstaat. Und ist es nicht woanders - Russland, China, Amerika - viel schlimmer? Aber was heißt "Strafe"? Gehören Willkür und die tägliche Prise Sadismus auch zur "Bestrafung"?

"Man ist ständig, von Anfang an, in so 'ner Spannung drin. Weil, es ist nicht nur der Kommandoton, sondern es kostet unheimlich viel Kraft und Stärke, sich nicht davon beeindrucken oder vereinnahmen zu lassen. Wer da nach längerer Zeit rauskommt, längerer Zeit heißt schon ein paar Monate, geschweige denn Jahre, und hat noch einen Funken von Würde, also kommt da innerlich unbeschadet raus, ja, das ist echt 'n Glück."

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