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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.02.2012

Gas geben fürs Selbstwertgefühl

Verkehrspsychologe über das Rasen auf deutschen Straßen

Karl-Friedrich Voss im Gespräch mit Jörg Degenhardt

Ein LKW rast auf einen Fußgängerüberweg zu (Stock.XCHNG A. Murphy)
Ein LKW rast auf einen Fußgängerüberweg zu (Stock.XCHNG A. Murphy)

Dem Auto werde oft eine Bedeutung zugemessen, die ihm überhaupt nicht zukomme, sagt der Verkehrspsychologe Karl-Friedrich Voss. Viele zu schnelle Fahrer hätten auch Schwierigkeiten, ihre Augen über verschiedene Informationsquellen wie Spiegel und Tacho laufen zu lassen.

Jörg Degenhardt: Jetzt um 8:47 Uhr kommen wir zu einem durchaus heiklen Thema. Menschen mit dicken, sprich teuren Autos nehmen anderen im Straßenverkehr öfter die Vorfahrt. Das haben US-amerikanische Forscher herausgefunden und das haben wir heute Morgen in den Kulturnachrichten gehört. Außerdem bremsten sie weniger oft für Fußgänger, die an einem Zebrastreifen warteten. Wahrscheinlich fahren sie auch schneller, um nicht zu sagen zu schnell, einfach wegen der besseren PS-Ausstattung. In Deutschland haben Raser auch größere Chancen, zu Punkten in Flensburg zu kommen.

Heute will Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer von der CSU die Eckpunkte seiner Reform der Verkehrssünderkartei vorstellen und wir wollen mal der Frage nachgehen, ob Punkte und Bußgelder wirklich helfen, um zum Beispiel Raser und Drängler zu stoppen. Karl-Friedrich Voss ist Verkehrspsychologe und jetzt mein Gesprächspartner. guten Morgen, Herr Voss.

Karl-Friedrich Voss: Guten Morgen.

Degenhardt: Warum fahren einige Menschen schneller als erlaubt, aus Spaß, um Zeit zu gewinnen, oder einfach, um eine Art Überlegenheit zu demonstrieren?

Voss: Zunächst mal muss man sagen, dass diejenigen, die im Straßenverkehr auffallen, nicht unbedingt schnell sind in Bezug auf ihre absolute Geschwindigkeit. Sie sind nur zu schnell für die jeweils zulässige Höchstgeschwindigkeit. Die Gründe dafür können sein, dass es sich dabei um Leute handelt, die hauptsächlich ihre Termine im Auge haben und die ungeschickt planen, so dass sie glauben, mit dem Auto die zeitliche Verspätung sozusagen aufholen zu können. Und dann gibt es natürlich Leute, die einfach gedankenlos an Verkehrsschildern vorbeifahren und deren Bedeutung einfach nicht in eine entsprechende Reaktion, also Anpassung der Geschwindigkeit, umsetzen. Viele Leute haben auch einfach Schwierigkeiten, die Augen so über die verschiedenen Informationsquellen im Auto, Spiegel und so weiter und auch Tacho, laufen zu lassen, so dass man auch über den jeweiligen Stand informiert ist. Viele sind da einfach auch nachlässig, so dass man da nicht unbedingt ein einheitliches Bild zeichnen kann, sondern eigentlich mehr eines, das aus mehreren Faktoren zusammengesetzt ist.

Degenhardt: Sie sprachen gerade von "den Leuten". Sind das vor allem Männer, die da nicht die richtige Geschwindigkeit finden, um nicht zu sagen, die zu schnell fahren?

Voss: Es gibt natürlich auch Frauen, aber da die Verkehrsbeteiligung von Frauen etwas geringer ist, fallen die natürlich nicht so oft auf. Außerdem ist es bei Frauen so, dass die eigentlich sehr viel regelbewusster sind, zum Beispiel was Dinge anbetrifft, die vor Fahrtantritt geklärt werden können, zum Beispiel Fahren unter Alkoholeinfluss und so etwas. Frauen sind auch beim Überholen zurückhaltender, so dass sie eigentlich eher solche Dinge wie Geschwindigkeitsvorschriften akzeptieren wie Männer.

Degenhardt: Schnell fahren – Sie haben es angedeutet – hängt ja auch damit zusammen, dass man gerne pünktlich sein möchte, pünktlich zu einem Termin erscheinen möchte. Wie passen überhaupt Pünktlichkeit und Verkehrssicherheit zusammen?

Voss: Ja, das ist natürlich so eine Sache. Es gibt die einen, die zu schnell sind und trotzdem dabei aus ihrer eigenen Sicht kein besonders erhöhtes Risiko eingehen, und es gibt natürlich auch diejenigen, die mehr oder weniger panisch reagieren und nur noch ihren Termin im Auge haben, und das geht natürlich auch zu Lasten der Verkehrssicherheit dabei.

Degenhardt: Wie bremse ich denn Raser aus, auch wenn ich das jetzt vielleicht etwas negativ formuliert habe, also Leute, die zum Beispiel zu einem Termin müssen? Wie kann ich denen beibringen, langsamer zu fahren? Was führt da am ehesten zu einem Umdenken? Ein Punkt in Flensburg doch wohl eher nicht.

Voss: Nein. Das sind ja meistens Dinge, die erst mal als Einzelfall betrachtet und irgendwie abgehakt werden. Es geht eigentlich darum, dass man schon bei der Fahrausbildung auf solche Phänomene Bezug nimmt, denn es ist ja nun leider so, dass die Fahrausbildung sich im wesentlichen auf Strecken innerhalb geschlossener Ortschaften erstreckt und nicht so sehr im Hinblick auf die Fragen, die wir jetzt gerade besprechen, und da ist es schon wichtig, dass man ein vernünftiges Zeitmanagement und so weiter überhaupt erst mal vorstellt und auch versucht, so was dann in der Praxis umzusetzen.

Degenhardt: Und wenn ich nun permanent zu schnell fahre, oder es gibt Leute, die das tun, vielleicht auch aus Protzerei – darüber haben wir jetzt noch gar nicht gesprochen -, es gibt ja auch die dicken Autos, die gerne vorgezeigt werden, was hilft denn da am ehesten? Es gibt Experten die meinen, Punkte in Flensburg, die verfehlen ihre Wirkung, es zählt nur eines: das ist der Verlust des Führerscheins.

Voss: Also so einfach ist das nicht. Ich hatte mal einen, der fühlte sich beleidigt, als man ihm den Führerschein wegen eines Fahrverbotes abgenommen hat, und er ist dann zum Bäcker gefahren und prompt dabei erwischt worden, weil er damit zeigen wollte, dass er noch Autofahren kann. Aber darum geht es ja gar nicht. Es geht oft darum, dass dem Auto eine Bedeutung beigemessen wird, die dem Auto überhaupt nicht zukommt, also alles, was so in Richtung Selbstwertgefühl und so etwas geht. Da kommt es dann darauf an, das sozusagen umzuschichten auf Bereiche im Beruf und in der Familie, damit das Auto nicht mit solchen zusätzlichen Wirkungen sozusagen ausgestattet wird, die es selber ja gar nicht hat. Das ist allerdings eine Sache, die dann ein Verkehrspsychologe machen kann und die sich nicht unbedingt von selbst in dem Kopf eines davon Betroffenen in Gang setzt.

Degenhardt: Das Autofahren, zumal das schnelle – wir haben es gerade gehört –, das ist offensichtlich ein weites Feld. Das war der Verkehrspsychologe Karl-Friedrich Voss über Verkehrssünder und Lerneffekte. Heute will der Bundesverkehrsminister seine Reformpläne für die Flensburger Verkehrssünderkartei vorstellen. Der Verlust des Führerscheines soll dann schon bei 8 statt bisher 18 Punkten drohen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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