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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 10.06.2012

Fußballfaktenhuberei

Die EM-Sonderhefte sparen Politisches konsequent aus

Von Günter Herkel

Fußball mit dem Logo der Euro 2012 (picture alliance / ZB/ Jens Kalaene)
Fußball mit dem Logo der Euro 2012 (picture alliance / ZB/ Jens Kalaene)

In Polen und der Ukraine rollt der Ball, und das allein interessiert die Sonderhefte von "Kicker", "Sport Bild" und "11 Freunde". Ließe sich aus deutscher Sicht nicht Substantielleres etwa zu den Gastgeberländern der EM berichten?

"Wir haben wirklich einen Mix aus Reportagen, Interviews, Hintergrundstories, historischen Stories, lustigen, ironisch, komisch, satirischen Geschichten. Und all das machen ja klassische Sonderhefte nicht, die ja eigentlich vor allen Dingen sehr straight auf ein Ereignis vorbereiten wollen."

Meint Christoph Biermann, stellvertretender Chefredakteur von "11 freunde", dem Magazin für Fußballkultur. Tatsächlich unterscheidet sich "11 freunde" wohltuend von der eher humorlosen Faktenhuberei der Konkurrenzpublikationen. Auf ein Ranking der "ödesten EM-Spiele aller Zeiten" folgt in der Rubrik "Längst vergessene Bundestrainer" das Fragment eines Starschnitts "Hol dir Erich Ribbeck" oder auch eine originelle Fantypologie "zum Ausschneiden und Aufkleben". Aber war da nicht noch mehr? Ließe sich aus deutscher Sicht nicht Substantielleres etwa zu den Gastgeberländern berichten?

Christoph Biermann: "Manchmal ist der Fußball da auch so'n bisschen bigott. Er möchte dann politisch sein, wo es gut ist, wo es der Völkerverständigung dient usw. Wenn’s dann problematisch ist, ist der Fußball dann plötzlich unpolitisch, wie zum Beispiel in dieser Debatte um die Situation in der Ukraine."

Der Erkenntnis folgten leider keine Taten. "11 freunde" bietet zwar viel Material über die teilnehmenden Mannschaften. Politik, etwa eine Auseinandersetzung mit Menschenrechtsfragen oder eine Aufarbeitung der nicht immer freundschaftlichen Fußballbeziehungen zwischen Deutschland und den Gastgeberländern findet nicht statt.

Christoph Biermann: "Wir haben darüber natürlich auch debattiert, und haben jetzt aber auch keinen 11 freunde-typischen speziellen Zugang dafür gefunden. Wir sind ja jetzt nicht das Medium, das so 'ne Art von politischer Debatte so führt, wie es in Tagesmedien geführt wird."

Und deshalb beschränkt sich "11 freunde" – ähnlich wie der "Kicker" und "Sport Bild", die anderen beiden Klassiker unter den Sonderheften – weitgehend auf Zahlen, Daten, Fakten zur EM, wenn auch etwas amüsanter aufbereitet. Mit einer bezeichnenden Ausnahme: In einer Reportage über die EM-Austragungsorte wird – wie in vielen anderen Medien auch – erwähnt, Bundeskanzlerin Angela Merkel habe einen "Boykott der EM-Spiele in der Ukraine" gefordert.

Ein folgenschweres Missverständnis, findet Thomas Urban, Polen- und Ukraine-Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung":

"In der Ukraine ist das so angekommen, als wollten die Deutschen ihre Mannschaft zurückziehen und durchsetzen, dass die EM verlegt wird. Zumal irgendwelche Hinterbänkler aus dem Bundestag und die Bild-Zeitung ja wieder die deutschen Stadien ins Spiel gebracht haben. Dabei stand das ja nie zur Debatte, sondern es wurde nur debattiert, ob irgendwelche Minister in Kiew auftauchen oder nicht."

Natürlich plädiert Urban nicht dafür, im Kontext der EM-Berichterstattung über die Ukraine Menschenrechtsfragen auszuklammern. Allerdings hält er auch nichts von einer mit nationalen Stereotypen aufgeladenen Debatte, wie sie lange Zeit nicht nur die Boulevardmedien geführt hätten. Die ständige Sorge um eine rechtzeitige Fertigstellung der Stadien etwa bekommt angesichts jüngerer Erfahrungen zum Beispiel mit dem Berliner Zentralflughafen schon fast eine komische Note.

Für Diethelm Blecking, Sportwissenschaftler an der Uni Freiburg, steckt hinter dieser leicht hysterisierten Medienöffentlichkeit vor allem Ignoranz:

"Die Deutschen interessieren sich nicht für ihren östlichen Nachbarn. Wenn man in Deutschland Europäisierung sagt, meint man Westeuropäisierung. Und das schlägt natürlich jetzt wie ein Bumerang zurück, wenn man mit zwei Ländern wie Polen und der Ukraine eine Fußball-EM organisiert."

Auf diese Weise würden viele Chancen verpasst, bedauert "Süddeutsche"-Korrespondent Thomas Urban. Bei allem Jubel über die Tore von Lukas Podolski und Miroslav Klose: Wer weiß schon, dass unter der deutschen Besatzung von 1939 bis 1945 organisierter Sport für Polen streng verboten war, der Fußball im Untergrund organisiert wurde? Ein wenig mehr Tiefgang an dieser Stelle, findet Urban, hätte auch einem Magazin wie "11 freunde" und anderen Medien gut zu Gesicht gestanden:

"Die Deutschen und der Fußball im besetzten Osteuropa, was hat sich in Polen getan, was hat sich in der besetzten Ukraine, also sprich damals Sowjetunion, getan? Das wäre sehr wünschenswert, wenn dieses Thema auch weiter verbreitet würde."

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