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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 16.11.2014

Fussball als Integrationshilfe"Champions ohne Grenzen"

Ein Projekt für Flüchtlinge, das weit mehr bietet als gemeinsames Kicken

Von Ronny Blaschke

Die "Champions ohne Grenzen" in Berlin-Kreuzberg (Deutschlandradio/Ronny Blaschke)
Gemeinsam stark: die "Champions ohne Grenzen" in Berlin-Kreuzberg (Deutschlandradio/Ronny Blaschke)

Im vergangenen Jahr haben in Deutschland fast 130.000 Menschen Asyl beantragt. Die "Champions ohne Grenzen", ein Fußballprojekt für Flüchtlinge in Berlin-Kreuzberg, kicken zusammen, beteiligen sich an Demonstrationen und vermitteln Kontakte zu Lehrern, Ärzten und Anwälten.

"Fußballspielen. Als Flüchtling ist es natürlich schwierig, wenn man zu Hause bleibt. Man hat auch viele Schwierigkeiten, man muss jeden Tag denken, hat Angst um seine Zukunft. Also wie wird es hier sein? Fußball ist etwas: Wenn man neunzig Minuten hierherkommt, spielt und ein bisschen läuft, also man vergisst diese Angst."

"Das war ein super schwieriger Weg"

Hussein Ali Ehsani verbringt seine Freizeit gern in der Wrangelritze, so nennen Kreuzberger den Fußballplatz im Kiez SO36, nicht weit von der Spree entfernt. Hussein ist ein schmächtiger Mann von 21 Jahren, er stammt aus Afghanistan. An einem warmen Nachmittag im August sitzt er auf einem Klappstuhl neben dem Spielfeld und trägt Ergebnisse in eine Tabelle ein. Flüchtlinge, die in Berlin und Brandenburg ein neues Zuhause finden wollen, bestreiten in der Wrangelritze ein Turnier. Hussein blickt über das Gelände, beobachtet Spieler und Zuschauer. Ein Freizeitkick auf Kunstrasen: was für viele Europäer banal klingt, weiß Hussein besonders zu schätzen. Er hat auf der Flucht Entbehrungen in Kauf genommen, er hat sein Leben riskiert, für eine Zukunft in Freiheit.

"Das war ein super schwieriger Weg. Wenn du mir zum Beispiel sagst: ich gebe dir eine Million Euro, dass du noch einmal diesen Weg probierst illegal, also ich würde das nicht machen. Alles Mögliche kann passieren. Es kann sein, dass du stirbst unterwegs auf dem Wasser. Oder die Schleuser, oder Menschenraub."

Hussein Ali Ehsani hat in Afghanistan nie eine Schule besucht. Seine Familie wurde von der Polizei drangsaliert. Mit dreizehn, also vor acht Jahren, ist er ohne Eltern in den Iran geflohen. Dort hat er zweieinhalb Jahre gelebt. Mit dutzenden Landsleuten zog er weiter in die Türkei, einige sind unterwegs an Erschöpfung gestorben. Er zwängte sich mit 37 Menschen in ein kleines Boot. Er hatte Todesangst auf der Überfahrt nach Griechenland. Dort arbeitete er drei Jahre illegal. Hussein Ali Ehsani zahlte insgesamt 3000 Euro für Fluchthelfer, sogenannte Schlepper. Über Paris, Brüssel und Hamburg kam er vor drei Jahren nach Berlin.

"Wenn man in Afghanistan bleibt zum Beispiel, wird man vielleicht getötet, aber wenn man hierher kommt, bekommt man ein psychologisches Problem. Man muss viel um seine Rechte kämpfen. Damit man seinen Aufenthaltstitel bekommt, und sein Asyl. Aber das ist nicht so einfach hier. Ich habe mir gewünscht, dass ich wie andere Menschen hier ein normales Leben haben kann. Das ist ein großer Druck. Ich war ein Jahr im Wohnheim, ich wusste nicht, was soll ich machen. Ich hatte Angst, dass ich abgeschoben werde. Und ich habe niemanden gekannt, der mir helfen würde. Und ich habe gedacht, wenn sie mich nach Afghanistan abschieben würden, dann bringe ich mich um."

"Ich habe auch viele Freunde hier gefunden"

Hussein Ali Ehsani sagt, dass ihm in Berlin immer wieder Abneigung entgegen schlägt, auch in Behörden. Schroffe Antworten, Ignoranz, abfällige Blicke. Er ging hier in eine Schule, zum ersten Mal überhaupt. Er wollte die neunte Klasse abschließen, um dann einen Beruf erlernen zu können, er möchte Erzieher werden. Doch der Schulunterricht war zu schwer, Hussein bestand die Prüfungen nicht. Er war verzweifelt, wusste nicht wohin, fühlte sich allein gelassen. Im Flüchtlingsheim stieß er auf ein Plakat. „Champions ohne Grenzen", Fußball für Flüchtlinge. 2012 ging er zum ersten Mal in die Wrangelritze.

"Ich spiele auch Fußball, aber nicht so gut. Aber es macht mir Spaß, wenn ich die anderen Leute treffe, also die Afrikaner. Hier sind aus verschiedenen Ländern die Spieler und wir spielen zusammen. Ich habe auch viele Freunde hier gefunden. Es gibt hier keine rassistischen Sachen. Das finde ich ganz cool."

In der Wrangelritze in Kreuzberg hat Carolin Gaffron keine ruhige Minute. Die Kulturwissenschaftlerin ist Gründerin und bis heute prägender Kopf der Champions ohne Grenzen. Gaffron ist in Berlin aufgewachsen, mit elf fing sie an Fußball zu spielen. Immer wieder hat sie die Welt bereist und sich in sozialen Projekten eingebracht. Mit Freunden gründete sie den Verein „Weil Fußball verbindet!". 2012 ist die Kontakt- und Beratungsstelle für Migranten und Flüchtlinge auf den Verein aufmerksam geworden. Sie organisierten ein Fußballtraining für Flüchtlinge, in der Wrangelritze, dem Sportplatz des Vereins Hansa 07. Das Projekt stieß auf Resonanz und so bemühte sich Carolin Graffron um weitere Spieler. Sie verteilte Flyer und klebte Plakate, in Wohnheimen oder Beratungsstellen. Inzwischen kommen bis zu fünfzig Kicker zum Training.

"Also für viele ist es einfach ein Ausgleich vom tristen Alltag. Viele wohnen auch noch in Wohnheimen, viele wissen am Anfang gar nicht, wo sie sich sportlich betätigen können. Der Weg zum Verein ist einfach zu groß, gerade auch was die Sprachkenntnisse angeht. Im Verein wird nicht unbedingt darauf Rücksicht genommen, wenn da jemand die deutsche Sprache nicht so gut beherrscht. Sie kommen hier untereinander zusammen. Aber oft sind die Flüchtlinge auch unter sich, die Afghanen mit den Afghanen, die Kameruner mit ihren Kamerunern. Und hier kommen sie auch unter ihren Nationalitäten zusammen. Nicht nur mit Deutschen, sondern auch Afghanen mit Iranern oder Kamerunern, was Internationalität auch fördert. Wir versuchen Deutsch zu sprechen. Wir übersetzen aber auch für Leute, die es noch nicht so gut können. Aber an sich versuchen wir schon, in einfacher deutscher Sprache das alles zu vermitteln."

Seit Monaten wird in Deutschland über Flüchtlinge berichtet und diskutiert, vor allem in Berlin. In Kreuzberg hatten Flüchtlinge auf dem Oranienplatz Zelte aufgeschlagen. Sie demonstrierten: für eine Arbeitserlaubnis. Und gegen die Residenzpflicht, die ihnen untersagt, den Landkreis zu verlassen. Einige hielten eine Schule besetzt, andere ein Gewerkschaftshaus oder das Dach einer Jugendherberge. Im Oktober schloss der Senat vorübergehend die Erstaufnahme für Flüchtlinge, zu groß sei der Ansturm gewesen. Ähnlich war die Lage in Bayern oder Nordrhein-Westfalen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge rechnet für 2014 mit 200.000 Erstanträgen auf Asyl, so viele waren es seit den frühen 90er-Jahren nicht mehr. Die Politik sucht nach Alternativ-Unterkünften, zum Beispiel Containerdörfer.

"Das mediale Bild, egal ob das jetzt positiv oder negativ ist, ist oft so: der Flüchtling als Opfer. Entweder negativ dargestellt: sie sind nur Sozialschmarotzer. Oder aber auch: och, die armen Flüchtlinge wohnen in einem schlechten Heim. Aber hier sind sie einfach ganz normale Menschen, wie wir alle, die einfach nur Fußball spielen, die einfach nur Spaß haben wollen und irgendwie unter Freunden sind. Und da macht es keinen Unterschied, ob sie jetzt Flüchtlinge sind oder nicht. Der Fußball ist einfach eine medienwirksame Sache, die viele Menschen anspricht, wo viele Menschen einfach etwas mit anfangen können. Und da lässt sich einfach leichter ein Zugang auch zu Menschen finden, die vielleicht vorher nicht so viel mit der Flüchtlingsthematik zu tun hatten."

Mannschaft hilft auch beim Kampf mit der Bürokratie

Während des Turniers in der Wrangelritze spielen keine gewachsenen Teams gegeneinander. Die Spieler wurden unterschiedlichen Mannschaften zugeordnet, so dass sie sich besser kennenlernen können. Neben dem Platz reihen sich Informationsstände aneinander, von Flüchtlings- und Menschenrechtsorganisationen. Dahinter zeigt eine Fotoausstellung Mitglieder der Champions ohne Grenzen. Mit dabei: Ali Ahmadi, der Torwart des Teams.

Der 22-Jährige stammt ebenfalls aus Afghanistan. 2010 war Ali Ahmadi nach Europa aufgebrochen, sein gespartes Geld überließ er den Fluchthelfern. Die Route führte ihn über die Türkei nach Griechenland, von Italien über Frankreich nach Deutschland. Er übernachtete in einem türkischen Eselstall, musste sich von griechischen Polizisten freikaufen, schlief in Paris auf der Straße. Das schlimmste auf seiner zwei Monate dauernden Flucht sei die Schiffsüberfahrt nach Italien gewesen, sagt er.

"Wir haben gar nicht gedacht, dass es so lange dauert, vier Nächte und drei Tage. In einem kleinen Schiff mit 72 Leuten, also gar keinen Platz hatten wir. Zwei oder drei Mal ist das Wasser reingekommen und wir mussten pumpen. Es gab keinen Platz, um zu schlafen. Ich konnte nicht essen, weil sich das Schiff so bewegt hat. Ich habe einmal versucht zu essen, aber dann habe ich mich umso mehr übergeben. Aber ich habe es geschafft."

Ali Ahmadi würde am liebsten nie wieder von seiner Flucht erzählen. Doch er weiß: nur so kann er vielen Klischees in Deutschland entgegen wirken. Er möchte sich nicht dafür rechtfertigen, in Frieden leben zu wollen. Er will auch nicht als Sozialschmarotzer gelten. Ali Ahmadi hat einen Deutschkurs und ein Praktikum als Tischler absolviert. Er möchte eine Ausbildung machen. In Afghanistan hat er nie die Schule besucht, trotzdem traut er sich nun einiges zu, dank der Champions ohne Grenzen.

"Die Mannschaft macht nicht nur Fußball. Sie helfen uns auch in der Ausländerbehörde oder wenn es um Papier geht für das Jobcenter. Also wenn ich selbst vom Jobcenter Papier bekomme, versuche ich zuerst, es zu verstehen. Wenn etwas auszufüllen ist, versuche ich selbst, es auszufüllen. Wenn nicht, dann zeige ich es ihnen, sie helfen mir."

Mehr Netzwerk als gewöhnliches Fußballteam

Die Champions ohne Grenzen verstehen sich als Netzwerk. Sie haben ehrenamtliche Kräfte aus Berlin gewonnen, die den Flüchtlingen zur Seite stehen, bei der Arbeitssuche, oder in Sozialämtern. Sie vermitteln Ärzte, Anwälte, Übersetzer. Und sie empfehlen andere Projekte, Theatergruppen oder Musikformationen. Ali Ahmadi gibt seine Erfahrungen weiter, auch als Trainer und Betreuer von Flüchtlingskindern.

"Manche fragen mich, ob ich Zeit habe zum Übersetzen, dabei helfen, beim Sozialamt oder beim Arzt. Ich finde, man muss als Trainer zu Kindern nicht aggressiv sein. Und deshalb mache ich mit Kindern viele lustige Sachen, bevor ich mit dem Training anfange. Vielleicht Tanzen und Singen und so weiter."

Ein Flüchtlingsheim im Nordosten Berlins, es ist bis auf den letzten Schlafplatz gefüllt. Die Leiterin möchte nicht, dass in dieser Sendung die Straße oder der Kiez der Unterkunft genannt wird, sie habe zuletzt auch schlechte Erfahrungen mit Journalisten gemacht. Doch die Leiterin ist kooperativ. Sie gestattet es den Champions ohne Grenzen, Werbung zu machen. Die Gründerin Carolin Gaffron und ihre Mitstreiterin Carmen Grimm bauen am Eingang einen Tisch auf. Mit Flyern, Broschüren und einem Laptop. Darauf läuft ein Film, der Frauen aus verschiedenen Ländern beim Fußball zeigt, viele von ihnen mit Kopftuch.

Am frühen Nachmittag kommen junge Frauen mit ihren Kindern am Infostand vorbei, die meisten stammen aus dem Nahen und Mittleren Osten. Carmen Grimm möchte mit ihnen ins Gespräch kommen. Sie engagiert sich für das Projekt Discover Football, dass seit fünf Jahren Frauenrechte fördert, im und durch Fußball. Mehr als 1000 Frauen aus vierzig Ländern sind in Initiativen von Discover Football zusammengekommen. In ihren Heimatländern war es für sie kaum möglich, Fußball zu spielen, in einigen Regionen war es verboten. Diese Voreingenommenheit spürt Carmen Grimm nun auch im Flüchtlingsheim.

"Im letzten Heim, da haben eben viele Frauen damit argumentiert, dass sie ja sowieso schon total viel Sport machen, indem sie irgendwie den ganzen Tag Fenster putzen müssen und anderen häuslichen Tätigkeiten nachgehen müssen. Und dann sagen wir: Das ist ja bei uns Sport und Zeit, um irgendwie abzuschalten. Und eben auch ein Raum, in dem Kraft geschöpft werden kann für andere Sachen. Ein weiteres Argument der Frauen ist häufig, dass viel zu wenig Zeit da ist, dass viele Behördengänge anstehen. Und dann betonen wir eben, dass wir nicht nur ein reiner Sportklub sind, oder ein reiner Sporttreff. Sondern dass sich ausgetauscht werden kann: mit Frauen, die schon länger hier sind; mit Frauen, die auch von hier kommen; und mit anderen Frauen aus anderen Heimen."

Auf Spenden angewiesen

Die Champions ohne Grenzen sind auf Spenden und Ehrenamtliche angewiesen, sie kooperieren mit Vereinen wie Hansa 07 oder dem FC Internationale. In vielen Fragen betreten sie Neuland, weil es ein vergleichbares Projekt noch nicht gab. Wenn die Flüchtlinge zu einem Freizeitturnier nach Rügen reisen wollen, müssen sie sich eine Genehmigung holen. Carolin Gaffron und ihr Team haben keine Probleme mehr, männliche Kicker zu finden, das Projekt ist stadtweit bekannt. Auch mit Kindern und Jugendlichen zwischen sechs und fünfzehn Jahren arbeiten sie verstärkt zusammen. Dieses Projekt trägt den Namen: „Champions ohne Grenzen Kids". Nur bei Frauen haben sie es schwer. Carolin Gaffron hört oft die gleiche Antwort: Frauen hätten keine Zeit für Fußball, vor allem wegen ihrer Kinder. Was entgegnet sie darauf?

"Manchmal geht es halt auch nicht anders, weil zum Beispiel kein Mann da ist, oder der Mann arbeitet. Und dann sagen wir auch. Ok, sie können die Kinder mitbringen. Und wir machen dann auch eine kleine Kinderbetreuung. Ein bisschen Sport, Spiel, Spaß."

Das Abgeordnetenhaus in Berlin, Mitte Oktober. Nach zweieinhalb Jahren ihres Bestehens laden die Champions ohne Grenzen zum ersten Flüchtlings-Sport-Kongress. Sie hatten mit 150 Teilnehmern gerechnet, vielleicht mit 200. Aber der Saal ist voll, mit mehr als 300 Gästen, die Anmeldeliste musste geschlossen werden. In Vorträgen, Diskussionen, Workshops möchten die Initiatoren Menschen zusammenbringen: Flüchtlinge und Funktionäre, Trainer und Politiker, Wissenschaftler und Journalisten. Maßgeblich an der Organisation beteiligt ist die Politikberaterin Breschkai Ferhad, deren Eltern in Afghanistan aufgewachsen sind. Ferhad war für das Bündnis für Demokratie und Toleranz tätig, auch für den Berliner Fußball-Verband. Sie hat für die Champions ohne Grenzen wichtige Türen geöffnet.

"Und da ist eben das Thema Flüchtlinge ein komplett neues Thema. Das ist eins, wo man auch nicht viel darüber weiß. Was können eigentlich Politik und Verwaltung, in dem Fall auch Vereine und Verbände, was können die eigentlich auch ganz konkret tun? Wo ist es vielleicht aufgrund von kleinen Änderungen im Pass- oder im Meldewesen dann auch möglich, Flüchtlingen noch mehr die Möglichkeit zu geben? Viele Flüchtlinge haben zum Beispiel eine Zeitlang auch aus Unwissen der Vereine, aber auch der Betreuer in Flüchtlingsheimen oder Sozialarbeiter, dann nur am Trainingsbetrieb teilnehmen können. Aber konnten an Punktspielen - man muss ja in Deutschland einen Spielerpass haben – konnten an denen aber nicht teilnehmen. Und da dann auch wirklich Aufklärung betreiben."

"Fußball verbindet", so der Slogan eines Integrationsspots des DFB. Flüchtlinge müssen bei einem der 21 Landesverbände eine Meldebestätigung mit Mindestlaufzeit vorlegen. Danach geht ihr Antrag auf Spielgenehmigung vom deutsch en Verband zum Heimatverband des Flüchtlings - auch dann, wenn er dort nie Mitglied war. Sollte aus der Heimat nach dreißig Tagen keine Antwort kommen, so kann der DFB einen Spielerpass ausstellen. Derweil müssen minderjährige Flüchtlinge ohne Eltern die Unterschrift eines Vormunds vorlegen, eines Heimleiters oder Sozialarbeiters. Lange wurde diese Regel streng ausgelegt: der Weltverband Fifa wollte Menschenhändler abschrecken, die talentierte Kicker aus Afrika nach Europa bringen wollten. Breschkai Ferhad möchte die Bürokratie abbauen.

"Dass man einfach Flüchtlinge, Fremde nicht an als Bedrohung, sondern als Bereicherung sehen kann. Das ist nicht nur eine soziale Tat, die du tust, in dem du einen Flüchtling in deinem Verein eben die Möglichkeit gibst, Fußball zu spielen. Sondern du kannst einen absoluten Nutzen davon haben. Indem du einfach neue Betreuer findest, neue Trainer findest. Gibt zum Beispiel bei Inter einen Trainer, der Flüchtling auch ist, auch anerkannt inzwischen ist, kommt aus Ghana und hat dort eben auch wirklich professionell Fußball gespielt. Ist jetzt schon älter, kann aber nur englisch. Und Inter hat ihn dann trotzdem genommen. Und der trainiert jetzt eine zweite C-Jugend. Und macht das aber alles auf Englisch. Es ist ja international. Die Spieler empfinden das als was ganz besonderes, als eine große Ehre auch. Und es ist gleichzeitig auch ein Englisch-Unterricht, also jetzt mal ganz praktisch gesagt."

1. FC Nürnberg verteilte 3500 Freikarten an Flüchtlinge

Beim Flüchtlings-Sport-Kongress waren Vereinsvertreter anderer Sportarten zu Gast, Spitzenfunktionäre des DFB oder des Deutschen Olympischen Sportbundes aber fehlten. Der DFB ließ ausrichten, dass er das Thema vertiefen werde. Im Nordosten der Republik kann er auf Vorarbeit zurückgreifen: Der Berliner Fußball-Verband möchte auf seiner Internetseite einen Wegweiser veröffentlichen. Dadurch sollen Vereine und Flüchtlingsunterkünfte in naher Umgebung aufeinander zugehen können. Gemeinsam suchen sie nach Fußballplätzen, denn die Kapazitäten sind fast erschöpft. Auch das Sammeln von gebrauchten, aber gut erhaltenen Sport-Utensilien wollen sie organisieren. Und in der Nachbarschaft, in Potsdam, fördert der SV Babelsberg eine Flüchtlings-Auswahl. Sie soll bald als dritte Mannschaft des Vereins Pflichtspiele bestreiten.

Die Tafelhalle in Nürnberg, Ende Oktober. Die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur verleiht auf ihrer jährlichen Gala den Bildungspreis an Champions ohne Grenzen. Die Akademie möchte in einer Debatte, die oft von Klischees geprägt ist, ein optimistisches Zeichen setzen. Das Preisgeld von 5000 Euro hilft den ehrenamtlich tätigen Projektbetreuern enorm.

Das Engagement der Champions ohne Grenzen strahlt aus. Aktivisten stärken zunehmend Flüchtlinge durch Fußball, in Leipzig, Frankfurt oder Stuttgart. Der 1. FC Nürnberg verteilte für sein Zweitligaspiel gegen St. Pauli 3500 Freikarten an Flüchtlinge. Bundesweit möchten immer mehr Menschen helfen: Kirchen bieten Sachspenden an, Musiker laden Flüchtlinge in ihren Chor ein, Studierende entwickeln mit ihnen ein Filmprojekt. Doch oft wissen die Ehrenamtlichen nicht genau, an wen sie sich wenden können. Flüchtlingsräte wie der in Berlin bieten Fortbildungen an, sagt Sprecherin Martina Mauer. Sie bringt die unterschiedlichen Initiativen zusammen.

"Es gibt ein Projekt, das heißt Berlin Mondiale, das hat der Rat für die Künste ins Leben gerufen. Verschiedene Berliner Kulturinstitutionen wie das Deutsche Theater gehen in Sammelunterkünfte und machen zusammen Projekte mit den BewohnerInnen dort. Und es geht einfach darum, die Isolation aufzubrechen. Ich finde aber auch, dass es nicht nur darum geht, die Leute zu bespaßen, in Anführungszeichen. Und irgendwie Schöner leben im Lager zu ermöglichen. Doch dass diese Form des Engagements immer verbunden sein muss mit einer politischen Arbeit. Dass man darauf hinwirkt, die Sammelunterkünfte Geschichte werden zu lassen und den Menschen ein ganz normales Leben ermöglicht, in Wohnungen. Und darauf hinzuarbeiten, dass die Gesetze wie Residenzpflicht, Lagerzwang, Arbeitsverbot, das die abgeschafft werden."

Im Rahmen der Antirassismuswochen im Fußball hat auch das Netzwerk Football Supporters Europe einen Spendenaufruf gestartet. Die Kampagne will Kleidersammlungen organisieren: Trikots, Schals, Trainingsjacken, Bettwäsche oder Fußbälle. Dadurch können sich lokale Partnerschaften bilden. Und neue Flüchtlingsteams.

"Der Sport hat, glaube ich, den Vorteil, dass es einfach durch die körperliche Anstrengung total befreiend wirken kann. Wenn man psychisch belastet ist, unter dieser ganzen Last und der Angst vor der Abschiebung und dem Nichtwissen, was kommt. Und den Erfahrungen, die man im Herkunftsland und während der Flucht gemacht hat. Dass es natürlich befreiend ist, sich irgendwie körperlich auszupowern."

"Die Vergangenheit läuft immer hinterher"

Zurück in die Wrangelritze, auf den Fußballplatz im Herzen von Kreuzberg. Bitu Barua hat schon vor Jahren eingesehen, dass er kein besonderes Talent als Fußballer hat. Doch er bringt sich bei den Champions ohne Grenzen ein. Er spornt seine Freunde an, bringt sie zum Lachen. Er hilft bei der Organisation von Turnieren und beteiligt sich an Kundgebungen gegen Rassismus. Bitu Barua hat in seiner Heimat Bangladesch erfolgreich Journalismus studiert und dann als Fernsehreporter gearbeitet. Er berichtete kritisch über die Machthaber. Und so wurde er bald von Polizisten bedroht. Und ausgegrenzt, selbst von Freunden.

"Mittlerweile besuche ich auch eine Schule hier, zweiter Bildungsweg, damit ich Mittlere Reife schaffen kann. Und später möchte ich einen Ausbildungsplatz kriegen und weiter studieren."

Bitu Barua wird bald dreißig Jahre alt. Wie seine Mitspieler möchte er sich schnell integrieren. Er ist neugierig, möchte dazulernen, an der deutschen Gesellschaft teilhaben. Bitua Barua schaltet inzwischen den Fernseher aus, wenn Nachrichten über Flüchtlinge gesendet werden. Er kann es nicht ertragen, wenn hunderte Menschen im Mittelmeer ertrinken. Wenn Sicherheitskräfte in Flüchtlingsheimen gewalttätig werden. Oder wenn die NPD gegen Zuwanderung hetzt.

"Ich leide auch an einer psychologischen Krankheit. Ich gehe auch zum Arzt. Ich habe immer einen Termin jeden Monat, ein Mal oder zwei Mal. Die Vergangenheit läuft immer hinterher. Und das Wetter und die Situation hier in Deutschland. Das ich keinen Bescheid bekomme, ob ich bleiben darf, das ist sehr schwer."

Wenn die Champions ohne Grenzen für ein Teamfoto posieren, dann lachen sie und liegen sich in den Armen. Sprechen Arabisch, Französisch, Farsi – aber meistens Deutsch. Einige von ihnen wollten Berliner Vereinen beitreten. Sie wurden freundlich weggeschickt, mit dem Hinweis, dass die Vereine überlastet seien. Und das alteingesessene Mitglieder von Flüchtlingen nicht abgeschreckt werden sollen. Bitu Barua ist ein schmächtiger Mann mit dünnen Armen. Er fragt sich, wie er jemanden abschrecken könne.

"Ich bin ein fröhlicher Mensch, ich war immer ein fröhlicher Mensch. Ich wollte hier auch ein fröhlicher Mensch werden, aber die Situation macht mich immer so traurig hier. Durch den Kumpel, als ich Fußball angefangen habe hier zu spielen, also ich kann ein bisschen spielen, ein bisschen Spaß haben, ein bisschen lachen. Ich glaube, ich fühle mich ganz wohl hier im Fußball und mit den Menschen Kontakt zu haben. Wir sind alle gleich und wir lernen von denen sehr gut. In alle Richtungen: wie man mit Menschen umgeht oder Beziehungen führt. Und wie man mit Deutschen umgeht – wir lernen alles."

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