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Thema / Archiv | Beitrag vom 13.09.2011

Für jüngere Juden ist Deutschland "wieder die Heimat geworden"

Direktor des Jüdischen Museums in Berlin: Deutschland bietet jüdischen Bürgern ein positives Leben

W. Michael Blumenthal im Gespräch mit Britta Bürger

Die Erinnerung an die jüdische Kultur vor dem Holocaust trägt nach Ansicht von Blumenthal kaum zu einem Heimatgefühl bei Juden in Deutschland bei. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Die Erinnerung an die jüdische Kultur vor dem Holocaust trägt nach Ansicht von Blumenthal kaum zu einem Heimatgefühl bei Juden in Deutschland bei. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Er habe ein "warmes Gefühl" für Deutschland, aber seine Heimat seien die USA, sagt der Direktor des Jüdischen Museums in Berlin, Michael Blumenthal. Mit der Ausstellung "Heimatkunde. 30 Künstler blicken auf Deutschland" feiert das Museum sein zehnjähriges Bestehen.

Britta Bürger: Das Jüdische Museum Berlin präsentiert zu seinem zehnjährigen Jubiläum eine große Sonderausstellung, in der 30 Künstler unterschiedlicher Herkunft auf Deutschland blicken. "Heimatkunde" ist das Motto dieser Schau, die am Donnerstag beginnt und uns dann auch hier im Radiofeuilleton beschäftigen wird. Doch was bedeutet der Begriff Heimat eigentlich für den Direktor des Jüdischen Museums Michael Blumenthal? Schönen guten Morgen, Herr Blumenthal!

W. Michael Blumenthal: Guten Morgen!

Bürger: Ja, was bedeutet dieser Begriff für Sie persönlich, Heimat?

Blumenthal: Heimat ist ein mit Emotionen geladener Begriff. Meine Heimat ist seit vielen Jahrzehnten USA im Allgemeinen und die schöne Universitätsstadt Princeton im Staate New Jersey im Besonderen. Das ist das Land, das mich aufgenommen hat in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts, in dem meine Kinder leben, meine Frau, meine Familie, die mich mit offenen Armen aufgenommen hat, in der ich mich wohlfühle. Und das ist etwas, was ich als Heimat betrachte. Das bedeutet nicht, dass andere Länder oder andere Städte – ich denke ganz besonders an Berlin in Deutschland, wo ich als Kind aufgewachsen bin bis zu meinem 13. Lebensjahr – nicht auch einen warmen Platz in meinem Herzen haben. Aber es ist nicht Heimat. Heimat ist etwas, was man fühlt, sozusagen im Bauch fühlt. Und für mich ist das natürlich Princeton, New Jersey, in Amerika.

Bürger: Welche Rolle spielt die Frage, ob sich Juden in Deutschland heimisch fühlen können, für das Konzept und für die Ausrichtung des Jüdischen Museums Berlin?

Blumenthal: Ich glaube, das ist eine wichtige Frage. Kein Mensch hätte gedacht nach den schrecklichen Ereignissen des Zweiten Weltkriegs, dass sich Juden je wieder in Deutschland heimatlich fühlen werden oder Deutschland als ihre Heimat erkennen würden. Und wie das so im Leben ist: Wunder geschehen. Und heute, 65 Jahre nach dem Ende des Krieges, leben wieder über 200.000 jüdische Bürger in diesem Land. Und ich glaube, besonders für die jüngere Generation ist es wieder die Heimat geworden. Für die Älteren, für die Überlebenden des Holocaust, war das viel schwieriger. Meine eigene Erfahrung ist es, dass, wenn ich mit dieser älteren Generation spreche und ich diese Frage an sie stelle, ich oft nur mit Schwierigkeit eine Antwort bekomme. Eine bekannte jüdisch-deutsche Persönlichkeit hat einmal zu mir gesagt, das ist schwer für mich zu beantworten, aber – fügte sie dann hinzu – Berlin ist absolut meine Heimat. Man kann sich eventuell mit einem Ort, mit einer Stadt identifizieren und das als Heimat nennen, aber Deutschland als solches war für die Älteren, für die Überlebenden natürlich psychologisch schwierig. Aber das ändert sich nun langsam.

Bürger: Das Jüdische Museum befasst sich ja bewusst nicht nur mit der Erinnerung an die Schoah, an den Holocaust, sondern spiegelt die 2000-jährige Geschichte der Juden. Wir brauchen gar nicht so weit zurückschauen jetzt, sondern nur in die 1920er-Jahre, um zu sehen, wie erfolgreich und integriert Juden in Deutschland damals waren. Hilft diese Erinnerung dabei, sich heute in Deutschland heimisch zu fühlen? Oder gibt es andere wichtige positive Identifikationsbrücken?

Blumenthal: Nachdem ich nicht in Deutschland lebe und kein Deutscher bin, ist es schwer für mich, das richtig zu beantworten. Ich glaube, dass es nicht viel hilft, so wie ich das beurteile, aber das ist nur meine persönliche Meinung. Aus folgendem Grund: Der Bruch durch die Jahre der Nationalsozialisten 1945 war so einschneidend und so groß, dass die jüdischen Bürger, deutschen Bürger heute in diesem Land keine Kontinuität mit dieser Vorgeschichte nicht nur aus den 20er-Jahren, sondern in dem gesamten ersten Teil des 20. und sogar letzten Teil des 19. Jahrhunderts haben. Also, es ist wieder eine ganz neue Erfahrung. Aber dadurch, dass die heutige Bundesrepublik ein ganz anderes Land ist und wirklich sich der Geschichte gestellt hat und der eigenen Geschichte gestellt hat und sich darum bemüht, auch jüdischen Mitbürgern ein positives Leben hier zu ermöglichen, ist glaube ich der Hauptgrund, warum immer mehr und mehr deutsche Juden dieses Land wieder als ihre Heimat betrachten.

Bürger: Zehn Jahre Jüdisches Museum in Berlin, das ist ein Jubiläum, das wir würdigen hier im Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit dem Museumsdirektor Michael Blumenthal. Sie haben es angedeutet, Herr Blumenthal, der zeitliche Abstand zum Holocaust wächst, es gibt immer weniger Zeitzeugen. Verändert sich dadurch eigentlich auch die Konzeption Ihrer Ausstellungen und Projekte, hat das Einfluss auf die Gewichtung der Schoah im Museum?

Blumenthal: An sich nicht. Denn wir haben von Anfang an mit einem Konzept gearbeitet auf der Basis, dass wir die gesamte Geschichte des Zusammenlebens zwischen jüdischen und nicht jüdischen Bürgern auf deutschem Boden über – wie Sie schon erwähnt haben – 2000 Jahre, seit der Römerzeit, zeigen wollen, in der die Schoah natürlich ein Teil dieser Geschichte ist, aber nur ein kleiner Teil. Ein sehr schlimmer, scheußlicher Teil, aber nur ein kleiner Teil. Und in dem es ja auch viele gute und positive Zeiten gibt, Zeiten, in denen das Zusammenleben sehr fruchtbar war, in denen es beiden Teilen, sowohl Nichtjuden als auch Juden von großen Nutzen war, und wo jüdische Mitbürger auf allen Gebieten der Kunst, der Wissenschaft, der Wirtschaft, der Medien viel Positives auch für die Modernisierung Deutschlands geleistet haben.

Das wollen wir zeigen und darum ist die nun weiterschreitende Zeit seit 1945 an sich für unser Konzept und für das, was wir hier in diesen Dauer- und Wechselausstellungen den Besuchern zeigen, an sich nicht so furchtbar wichtig. Und die Anzahl der Besucher ist ja erstaunlich groß: Wir haben eine Dreiviertelmillion Besucher jedes Jahr. Für die ist mehr die Geschichte und auch etwas über Judentum zu lernen an sich wichtiger, als nur an die Schoah erinnert zu werden. Das lernen die jungen Deutschen sowieso in der Schule.

Bürger: Gerade am Standort Berlin ist ja die Frage, ob das Verhältnis von Juden und Muslimen für sie in der zurückliegenden Dekade, aber vielleicht auch, was die Zukunft betrifft, immer wichtiger geworden ist und immer wichtiger werden wird?

Blumenthal: Das wird immer wichtiger, das sehen wir auch ganz so. Und wir eröffnen nächstes Jahr die Akademie, die pädagogische Akademie des Jüdischen Museums, in einem Neubau gegenüber vom Libeskind-Bau, in dem wir uns besonders mit der Frage des Einlebens von Minderheiten in eine Gesellschaft befassen werden, allen Minderheiten: religiösen, ethnischen und kulturellen Minderheiten. Auch natürlich von Muslimen. Und wir haben schon jetzt alle möglichen Programme, in denen wir Juden, Christen und Muslime zusammenbringen, besonders jüngere Menschen, um uns über dieses Thema zu unterhalten. Und außerdem auch sind wir dabei, wissenschaftliche Forschungen und ähnliche Programme zu entwickeln, die sich mit diesem ganzen Fragenkomplex befassen.

Bürger: Die neue Sonderausstellung zum Thema "Heimatkunde" weist ja bereits in die Zukunft …

Blumenthal: … ganz richtig …

Bürger: … indem es nicht mehr ausschließlich um die Auseinandersetzung von oder mit Juden geht, sondern Künstler unterschiedlichster Herkunft und Religion sich eben mit der Frage nach einer nationalen Identität auseinandersetzen.

Blumenthal: Sie haben vollkommen recht und so ist dieses Sonderausstellung auch aufgebaut, indem wir Künstler mit verschiedenem Hintergrund eingeladen haben, ihre Idee über Heimat hier in diesem Land, über ihr Gedächtnis an die Vergangenheit, zusammengebracht mit der Gegenwart und der Zukunft für sich selbst und für ihre Familien, zu zeigen. Und das ist glaube ich sehr interessant, da sieht man, wie vielfältig auch in Deutschland die Gesellschaft ist – was ja im 21. Jahrhundert, in dem die Grenzen nicht mehr das bedeuten, die nationalen Grenzen, wie das früher der Fall war, absolut verständlich ist – und warum es auch so wichtig ist, dass Toleranz für die Verschiedenheit von Minderheiten besteht, aber man damit doch gleichzeitig auch anerkennen kann, dass Menschen mit verschiedenen Hintergründen trotzdem alles gute und gleichberechtigte Bürger dieses Landes sein können.

Bürger: Gibt es, Herr Blumenthal, einen Platz im Jüdischen Museum, den Sie neben Ihrem Büro besonders häufig aufsuchen, weil er Ihnen etwas bestimmtes sagt?

Blumenthal: Na ja, ich gehe oft in den Bereich des Museums, in dem die modernere Geschichte, das heißt, die Geschichte des ersten Teils des 20. Jahrhunderts und letzten Teils des 19. Jahrhunderts erzählt wird, und in dem gezeigt wird, wie verflochten – meine Vorfahren, meine Familie, so weit ich zurückforschen kann, hat immer hier in Deutschland gelebt –, wie sie verflochten waren mit der deutschen Gesellschaft, und auch, wo besondere Beiträge von deutsch-jüdischen Bürgern geleistet wurden. Denn ich denke dann an meine Eltern und meine Großeltern und Urgroßeltern und die davor, die nun leider nicht mehr hier sind, um dieses Museum miterleben zu können, aber wo ich mir vorstellen kann, dass sie sich freuen würden, dass ihr Leben und ihre Zeit nicht vergessen worden ist und durch dieses Museum und diese Ausstellung auch zukünftigen Generationen weiter gezeigt werden kann.

Bürger: Vor zehn Jahren wurde das Jüdische Museum Berlin eröffnet. Wir haben zurück und nach vorn geschaut mit Michael Blumenthal, dem Direktor des Hauses. Herr Blumenthal, herzlichen Dank fürs Gespräch!

Blumenthal: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


Links auf dradio.de zum Thema:

Interview (DKultur) - Jüdisches Museum ist mehr als ein "Holocaust-Museum"
Andruck (DLF) - Auf den Spuren des jüdischen Lebens
Fazit (DKultur) - Mehr Platz im neuen Libeskind-Kubus


Link zum Jüdischen Museum:

Jüdisches Museum Berlin

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