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Radiofeuilleton - Kino und Film / Archiv | Beitrag vom 18.03.2012

Freude an den einfachen Sachen

"Abschied von den Fröschen" zeigt den Berliner Autorenfilmer Ulrich Schamoni in seinem letzten Jahr

Ulrike Schamoni im Gespräch mit Susanne Burg

Ulrich Schamoni 1993 (dpa / picture alliance / Zentralbild)
Ulrich Schamoni 1993 (dpa / picture alliance / Zentralbild)

Aus 170 Stunden Filmtagebuch ihres Vaters hat Ulrike Schamoni einen bewegenden Dokumentarfilm gemacht. Sie hatte einen "Riesenspaß" dabei, die Weisheit und den Humor von Ulrich Schamoni neu zu entdecken.

Susanne Burg: Er war Autorenfilmer, er gründete den Radiosender hundert,6 in Berlin, den Fernsehsender 1A und illustrierte Märchen: Ulrich Schamoni. So sehr er aber auch im Laufe des Lebens immer mehr zum Medienunternehmer wurde, das Filmemachen, das hat ihn nicht losgelassen. Er war schon schwer leukämiekrank, als er sich eine Videokamera kaufte und sein Leben in seinem Haus in Berlin-Zehlendorf festhielt, über eineinhalb Jahre lang bis zu seinem Tod im März 1998.

170 Stunden hat Ulrich Schamoni für dieses Filmtagebuch aufgenommen. Material, das seine Tochter Ulrike Schamoni vor einigen Jahren gesichtet hat und aus dem nun ein Dokumentarfilm geworden ist, der morgen in die Kinos kommt: "Abschied von den Fröschen". Wir erleben darin Ulrich Schamoni, wie er aus seinem Leben berichtet, etwa so:

"Tja, der Professor hat mir das Schlimmste ausgemalt, aber ich hoffe, dass es nicht so weit kommen wird – und er hofft das auch. Werden wir sehen. Aber jetzt wollen wir den Dienstag genießen und die schöne Stimmung hier im Garten, sonnendurchflutet. Manchmal habe ich das Gefühl, ich hab' überhaupt keine Zeit mehr. Und manchmal denke ich, wie viel Zeit ich eigentlich habe, die die anderen nicht haben. Das kostbarste Gut: Zeit."

Ulrich Schamoni aus seinem Filmtagebuch und dem Film "Abschied von den Fröschen". Realisiert hat diesen Film die Fotografin und die Tochter Ulrike Schamoni. Sie ist jetzt hier im Studio, guten Tag!

Ulrike Schamoni: Guten Tag!

Burg: Frau Schamoni, Sie haben diese 170 Stunden Material gesichtet. Zehn Jahre, nachdem ihr Vater gestorben war. Ich stelle mir so ein Wiedersehen nicht ganz einfach vor. Was war das für ein Wiedersehen, und wie wichtig war das für Sie, einen gewissen zeitlichen Abstand auch zum Tode Ihres Vaters zu haben?

Ulrike Schamoni (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)Ulrike Schamoni (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)Schamoni: Der Abstand war wirklich schon wichtig, weil der Schmerz natürlich groß war. Aber als ich mich dann ran gewagt habe, hat das mir so gut getan, und ich habe mich jeden Morgen neu darauf gefreut, mich an den Computer zu setzen und loszulegen. Ich habe die 170 Stunden ja erst mal transkribiert, das heißt, wirklich ganz Wort für Wort, Schwenk für Schwenk alles abgeschrieben, damit ich eine Art Drehbuch hatte.

Burg: Unglaublich!

Schamoni: Und das war aber wie eine Verabredung jeden Morgen mit meinem Vater, er war irgendwie wieder für mich da sozusagen oder ich hatte ihn wieder. Und da das auch so lustiges Material ist, war das eine – das war wirklich eine große Freude, ein großes Geschenk.

Burg: Er erkundet ja wirklich seinen kleinen Kosmos da in seinem Haus, den Garten, man sieht Frösche, Vögel, Schnecken, man bekommt mit, wie auf dem Nachbargrundstück gebaut wird. Ich habe mich gefragt, was hat ihn eigentlich angetrieben, dieses Filmtagebuch zu machen?

Schamoni: Ich denke, auch als Autorenfilmer war er ja ein Mensch, der sich so ausdrückte, mit Bildern, mit Erzählungen, mit der Kamera, und für ihn war das das Natürlichste von der Welt, sich so noch mal zu verewigen ja auch, diese Momente festzuhalten, das kenne ich vom Fotografieren auch, das ist einfach ein schönes Gefühl. Man hat dieses Bild gemacht, man nimmt es mit nach Hause, man hat es jetzt so, es ist jetzt wieder fest und sicher. Und gleichzeitig muss es ihm ja auch Spaß gemacht haben, noch mal kreativ zu werden und Ideen zu entwickeln, sich zu beschäftigen, und vielleicht auch im Kopf immer zu haben, ob es andere Leute dann auch noch mal erfreuen könnte, was man da gerade Tolles gesehen hat und erlebt hat.

Burg: Wir haben Ihren Vater eingangs gehört, wie er genau beschreibt, welcher Tag ist, wie wichtig ihm Zeit ist – das ist natürlich alles verständlich, wenn man weiß, dass man todkrank ist und einem die Zeit ja wirklich davonläuft. Trotzdem spricht er vergleichsweise selten eigentlich von seiner Krankheit, obwohl es in einem Filmtagebuch natürlich auch sehr viel Platz haben könnte. Warum taucht die Krankheit so wenig auf?

Schamoni: Ich denke, das ist eigentlich seine Lebenshaltung. Er hat ja auch nie Filme gemacht über Schmerz. Also 90 Minuten Tagebuch über eine schmerzhafte Krankheit würde, glaube ich, auch keiner jetzt sehen wollen, und es entsprach auch nicht seiner Realität. Er hat – natürlich hat auch er Schmerzen gehabt, aber das hat er dann mehr mit sich ausgemacht. Und für ihn war das Entscheidende: Wie gehe ich damit um? Es ist nun mal so, ich habe diese Krankheit, ich habe diese letzten Zeiten, aber ich genieße die jetzt noch mal. Und das fand ich so toll, und es war mir auch das Anliegen, das wirklich mitteilbar, erlebbar zu machen, weil das anderen ja vielleicht auch weiterhelfen kann. Oder auch wenn man nicht krank ist, dass man den Tag genießt, dass man es sich schön macht und durchaus auch Freude hat an einfachen Sachen, ob das Käfer auf der Blume sind oder Windrauschen im Garten. Das hört sich so banal an, aber manchmal ist das Banale das wirklich Sensationelle. Also ich werde das jetzt oft gefragt: "Wo sind die Schmerzen?" Und ich muss sagen, ich finde das andere auch wesentlich spannender.

Burg: Ich fand das manchmal fast wie so eine friedliche Meditation über das Leben und das Sterben, oder über das Glück, noch am Leben zu sein, wenn er dann so voller Energie sich am Tag erfreut oder sagt, die Sonne geht, die Sonne kommt, so vergeht eine Stunde nach der anderen. Im Privaten wird dann ja fast so ein bisschen das ganz große Thema angesprochen.

Schamoni: Ja, das stimmt. Ich war auch überrascht, welche Weisheit teilweise in diesem Material steckt, es hat mir auch eine ganz große Ruhe noch mal mitgegeben, und das war für mich und auch die Cutterin Grete Jentzen, mit der ich das ja zusammen bearbeitet habe, jedes Mal auch, wenn wir in unseren Schnittraum gingen, so als würden wir in den Garten gehen und haben uns auf die Blumen gefreut, dann auf den schönen Tag, der uns wieder bevorstand, und hatten auch an seinen Filmausschnitten, die ich eingearbeitet hatte, hatten wir auch einen Riesenspaß, wieder das neu zu entdecken und letztlich auch zu entdecken, dass das auch alles zusammenhängt.

Burg: Ulrike Schamoni ist zu Gast hier im Deutschlandradio Kultur, wir sprechen über den Film, den sie aus dem Filmtagebuch ihres Vaters realisiert hat, "Abschied von den Fröschen" heißt der, und kommt morgen in die Kinos. Sie haben es eben erwähnt, Sie haben ja Szenen aus seinen Filmen mit eingebaut, unter anderem aus dem Film "Chapeau Claque". Den fand ich besonders interessant, denn in dem hat ja Ulrich Schamoni auch mitgespielt, wie er es oft getan hat. Da spielt er einen Mann mit Geld, der dem Müßiggang frönt und alle möglichen Dinge sammelt. Insofern habe ich mich gefragt, ist dieses ja eigentlich private Tagebuch, was er dann kurz vor seinem Tod geführt hat, eine logische Fortsetzung des Filmemachers Ulrich Schamoni?

Schamoni: Also es kam mir oft so vor, als hätte er das einfach fortgeführt, wie "Chapeau Claque 2", bloß diesmal als Dokumentation. Und auch wenn er dann selber nicht mitgespielt hat, die anderen Filme, "Es" und "Quartett im Bett", also irgendwie, ich hatte das Gefühl, es ist wie… am Ende, wenn man die Arbeit eines Künstlers sich anguckt, als würde er den Faden von all diesen Arbeiten aufnehmen und noch mal am Ende zu einem großen Werk verbinden, weil man dort wirklich alles gefunden hat noch mal, was er vorher so angelegt hat, wie er gedacht hat, was ihn bewegt hat, was ihm Spaß gemacht hat.

Burg: Was waren das für Sachen, die ihm Spaß gemacht haben, was waren die Themen?

Schamoni: Ich glaube, gut, das Leben als solches, das sieht man ja in dem ganzen Tagebuch, aber auch das Sammeln, das Geschichtenerzählen, die Kreativität, der Humor, Geist – er war befreit von speziellen Sammelthemen, was ich immer ganz toll fand. Er war generell, glaube ich, ein sehr offener Mensch.

Burg: Sie haben ja dann den Film montiert auf der Grundlage der Tagebücher. Bei 170 Stunden Material gibt es da ja einen ziemlichen Spielraum. Was war Ihnen wichtig, welches Bild von Ihrem Vater entsteht?

Schamoni: Also ich habe festgestellt, beim Abschreiben dieser Arbeit, dass im Grunde durch alles – es war wie ein einziges großes Tagebuch, und ich musste das nur zusammenfassen, und es war auch gar nicht die Gefahr irgendwie, es in ein anderes Licht dadurch zu rücken, weil es so stark durchdrungen war von ihm selbst. Und solang ich ihn selber zu Wort kommen lasse, war man irgendwie auf der sicheren Seite. Wenn ich jetzt angefangen hätte mit Fremdkommentaren, anderer Musik als die aus seinen Filmen, da mit hineinzuwirken, dann hätte sich es, glaube ich, verschoben, aber so blieb es seinem Werk treu und hat, glaube ich, das ganz gut eingefangen, was er in der Hauptsache mitgeteilt hat.

Burg: Gab es denn auch irgendwelche Szenen, wo Sie sagten, aus der Distanz, nein, das hat er vielleicht für die Öffentlichkeit bestimmt gehabt, aber das ist besser, wenn es privat bleibt?

Schamoni: Das lässt sich so nicht sagen, er hatte da sowieso niemals so eine große Scheu davor. Für ihn war so diese Nähe eigentlich ziemlich selbstverständlich. Es gibt natürlich so Momente, weil ja auch meine Stiefmutter da mit im Haus gelebt hat, oder mit Besuch, wo es dann einfach viele lange Gespräche gab, die jetzt für andere vielleicht etwas langweilig auch gewesen wären, weil sie so intern waren, also wo man dann gucken musste, dass sich – ich wollte ja nicht langweilen.

Burg: Ja, und dann gibt es ja durchaus auch Prominenz aus der weiten Welt, die ja dann nun durchaus auch da durch den Garten scharwenzelt. In einer Szene, die Sie mit eingebaut haben, ist Mel Brooks bei Ihrem Vater zu Hause zu sehen, wie er sagt, Ulrich sei ein bisschen "verruckt", als der über das Eis des Swimmingpools läuft. Was war das eigentlich für ein Verhältnis zwischen Mel Brooks und Ihrem Vater?

Schamoni: Die kannten sich und haben sich gegenseitig mit ihrer Arbeit auch geschätzt, und in diesem Fall war er zu Gast bei Albert Krogmann in der Sendung "Bitte umblättern". Und da Albert Krogmann wiederum ein enger Freund meines Vaters war, hat er ihn gebeten, ob sie diesen Beitrag für die Sendung "Bitte umblättern" im Haus filmen könnten. Ich glaube, er war damals zur Berlinale in der Stadt.

Burg: Haben Sie denn jetzt eigentlich bei allem Sichten noch Neues über Ihren Vater erfahren?

Schamoni: Im Grunde kannte ich ihn so – das ist ja auch das Schöne, das wirklich Authentische an diesem Material, aber ich war sehr ergriffen davon, welche Stärke er hatte zum Schluss, und das es sich jetzt auch so mitteilt, dass ich jetzt meinen Vater sozusagen teilen kann mit anderen, das ist schon ganz großartig. Also dass er die Stärke hatte, dass es jetzt auch bis nach New York geht, das Museum of Modern Art zeigt den Film nächstes Jahr, und dass das da auch verstanden wird, da bin ich schon ziemlich stolz auf ihn.

Burg: Morgen kommt der Film, über den wir eben gesprochen haben, über Ulrich Schamoni in die Kinos, basierend auf dem Filmtagebuch von Ulrich Schamoni. Der Film heißt "Abschied von den Fröschen" und realisiert hat ihn seine Tochter Ulrike Schamoni. Vielen Dank fürs Gespräch, Frau Schamoni!

Schamoni: Gern, danke auch für die Einladung!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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