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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 24.02.2012

Fremde Freunde im Gespräch

Eine Tagung über das Verhältnis von Deutschen und Israelis in Berlin

Von Matthias Bertsch

Willkommen in Israel (Deutschlandradio - Daniela Kurz)
Willkommen in Israel (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

Wie sieht es wirklich aus mit den deutsch-israelischen Beziehungen? Das hat die Heinrich-Böll-Stiftung gefragt. In der Tagung mit dem Titel "Fremde Freunde?" ging es um die israelische und deutsche Sicht auf Staat, Nation und Gewalt.

Sind Deutsche und Israelis Freunde oder sind sie sich eher fremd? Egal, wen man auf der Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung fragte, der Tenor der Antwort war meist ein ähnlicher: Während Israelis die Deutschen als – im europäischen Vergleich – relativ loyal schätzen ,und Berlin bei vielen jungen Israelis geradezu Kultstatus besitzt, ist das Verhältnis in der anderen Richtung deutlich kühler. Die Mehrheit der Deutschen habe für Israel nicht viel übrig, sagt die Journalistin und langjährige Israel-Kennerin Sylke Tempel:

"Ich glaub, vielen ist Israel fremd, das ist anders, dort gibt’s eine Armee, dort ist man wehrhaft, dort redet man von Krieg und von Feindschaft, dort spielt Religion und Tradition noch eine größere Rolle als hier, das ist… im besten Fall ist es Interesse, so ein Interesse, wie man einem ganz fremden Vogel gegenüber bringt, ohne jetzt dass es negativ sein muss, und im schlimmsten Fall ist es Abneigung, aber wenn, dann kommt die im Moment eher aus Deutschland, als dass sie aus Israel kommt."

Ein Befremden, das sehr tief sitzt, ist Michael Wolffsohn überzeugt. Allen offiziellen Bekundungen der gemeinsamen Werte und der tiefen Verbundenheit zum Trotz herrsche zwischen Deutschen und Israelis ein tiefes Unverständnis, so der Historiker. Vor allem beim Thema Gewalt:

"Gewalt als Mittel der Politik, als legitimes also als berechtigtes Mittel der Politik, wird in Deutschland aus jedermann bekannten historischen wie psychologischen Gründen im Prinzip abgelehnt, selbst wenn die Bundesrepublik seit 1999 zunehmend interveniert, aber es ist immer eine aus Sicht der Entscheidungsträger eine humanitäre Aktion, eine humanitäre Intervention. Das heißt, die Deutschen und wirklich die ganz große Mehrheit der Deutschen hat aus der Geschichte gelernt: Nie wieder Täter! Umgekehrt haben nicht nur die jüdischen Israelis, sondern auch die Diaspora-Juden bezüglich der Gewalt gelernt: Nie wieder Opfer!"

Eine Lehre, so der israelische Psychoanalytiker und Journalist Carlo Strenger, die durch die ablehnende bis feindliche Haltung der arabischen Nachbarstaaten immer wieder erneuert wird:

"Unter dem Druck, unter dem Israel ist, ist eine Regression auf ein völkisches Verständnis, das im 19. Jahrhundert in Europa sehr, sehr populär war, leider entstanden, vermischt mit einem messianischen Religionsverständnis, und das ist eine hochproblematische Entwicklung. Und meine Hoffnung ist, Israel sollte sich säkularisieren und sollte natürlich jedem Bürger, ganz gleich, welcher ethnischer und religiöser Provenienz dieselben Rechte geben."

Nach deutschem und europäischem Vorbild sozusagen, doch ganz so einfach ist die Sache nicht. So berechtigt die in den Medien wie an Stammtischen geäußerte Kritik an Israel auch sei, empört auf die diskriminierende Politik des jüdischen Staates zu verweisen, berge immer auch die Gefahr doppelter Standards:

Carlo Strenger: "Ich glaube, dass da oft auch die eigene Problematik unter dem Teppich versteckt wird, wir dürfen nicht vergessen, dass zum Beispiel Sarrazins Buch halt doch der größte Sachbuch-Bestseller in der deutschen Geschichte geworden ist, das heißt, dass die Angst vor der islamischen Überschwemmung hier eigentlich recht stark ist. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Tatsache, dass die Türkei am Ende nicht in der EU integriert wird, ja letztlich einen ganz einfachen Grund hat: Es ist ein islamisches Land."

Unter Intellektuellen allerdings haben Sarrazins Thesen keinen guten Ruf. Seinem als drohende Katastrophe formulierten Buchtitel "Deutschland schafft sich ab" setzte der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik auf der Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung ein anderes Verständnis der deutschen Nation entgegen:

"Nation nicht als Herkunftsgemeinschaft von Menschen gemeinsamer Sprache und Kultur, sondern als Zukunftsgemeinschaft aller in ihren Grenzen lebenden und in ihre Grenzen einwandernden Personen, also der Bevölkerung, während der Staat Israel als zionistischer Staat immer mehr zu einer der letzten Verkörperungen der Idee des klassisch romantischen Nationalstaats geworden ist."

Progressiver Staatsbürger- oder Verfassungspatriotismus versus rückständigem Stammesdenken: Brumlik sprach vielen Tagungsteilnehmern wohl aus dem Herzen – auch Carlo Strenger sieht sich den universellen Idealen der Aufklärung verpflichtet. Doch der Psychoanalytiker warnt vor einer falschen Überheblichkeit:

"Ich glaube, es ist wirklich wichtig, dass diese globale Schicht nicht einfach auf die anderen herunterschaut, immer sich darin erinnert, dass wir eben auch ein Stamm sind. Wir fühlen uns untereinander wohl, wir sprechen dieselbe Sprache, wir haben dieselben Werte, wir können immer wieder miteinander kommunizieren, wir haben mehr oder weniger dieselben Bücher gelesen, wir kennen mehr oder weniger dieselbe Musik und wir fühlen uns dann ganz wohl. Ich glaube, dass das Spannungsfeld zwischen Stammeszugehörigkeit, sei es nun ethnischer, nationaler oder religiöser Natur und dem ehrlichen Versuch, einen Aufklärungsuniversalismus zumindest in den Grundstrukturen zu stabilisieren, dieses Spannungsfeld ist nicht lösbar. Wir müssen uns darin so gescheit wie möglich verhalten."

Sich möglichst gescheit verhalten. Im deutsch-israelischen Verhältnis hieße das für Michael Wolffsohn vor allem eines:

"Dass man nicht auf dem eigenen Modell besteht sondern mehr Bereitschaft aufbringt, sich in den anderen denkfühlend hineinzuversetzen: Holla, hat der oder die vielleicht auch Recht oder zum Teil Recht, und dann ist man vielleicht in der Lage, die eigenen Positionen zu relativieren, ohne sie aufzugeben, aber zumindest wirklich Verständnis aufzubringen. Freundschaft, wirkliche Freundschaft, die gibt es heute nicht, allen Schabbes- und Sonntagsreden zum Trotz."

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