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Profil / Archiv | Beitrag vom 01.10.2012

Frauenrechtlerin im Stillen

Eine indische Ladenbesitzerin unterstützt Frauen aus umliegenden Dörfern

Von Oliver Soos

Frauen aus dem indischen Bundesstaat Rajasthan - die Gesellschaft ist hier streng patriarchalisch aufgebaut.  (picture alliance / dpa / Raveendran)
Frauen aus dem indischen Bundesstaat Rajasthan - die Gesellschaft ist hier streng patriarchalisch aufgebaut. (picture alliance / dpa / Raveendran)

Die Gesellschaft in der indischen Provinz Rajasthan ist streng patriarchalisch und nach dem Kastensystem aufgebaut. Frauen verlassen ihre Häuser nur selten und verbringen den größten Teil ihres Lebens mit Hausarbeiten und Kindererziehung. Eine Ausnahme ist Vijay Laksmi Vyas Pandit.

Die 60.000 Einwohner-Stadt Jaisalmer liegt mitten in der Thar-Wüste, unweit der pakistanischen Grenze. Viele Touristen kommen in diesen romantischen Ort, um Kamelsafaris zu machen und durch die ockerfarbene mittelalterliche Sandstein-Festung zu schlendern.

Durch enge Gassen geht es an Mauern entlang, vorbei an Tempeln und schmalen Steinhäusern, den Havelis. Ab und zu ist eine Kuh im Weg. In der Festung gibt es Hunderte kleine Läden, in denen man Kleider und Kunsthandwerk aus Rajasthan kaufen kann.

Vijay Laksmi Vyas Pandit steht vor einem kleinen Geschäft, vor dem bunte Stoffe ausgebreitet sind und zeigt auf die Straße.

"You don’t see often women walking in the street, you don’t see in the restaurant. Always you see the men. You noticed?"

Man sieht selten Frauen auf den Straßen und in den Restaurants, immer nur Männer, sagt die 32-Jährige, die von allen "Bobby" genannt wird.
Sie ist sehr quirlig, hat ein rundes Gesicht, ein herzliches strahlendes Lächeln und trägt die typischen Merkmale einer verheirateten Hindu-Frau: ein buntes langes Kleid - einen Sari, ein schmuckvolles Nasenpiercing und einen roten Punkt auf der Stirn.

"Das bedeutet, dass dein Mann am Leben ist. Hier heiraten die Frauen so jung, der Mann ist deutlich älter. Wenn er stirbt, müssen wir unseren ganzen Schmuck ablegen. Dann verlassen wir zweieinhalb Jahre lang das Haus nicht, denn für die Leute sind wir schlechte Frauen und schuld am Tod des Mannes. Ohne den Mann ist das Leben schwierig, jeder ist dann dein Boss."

Bobbys Laden ist Teil des Projekts "Belissima". Es ist in ganz Rajasthan aktiv und unterstützt Frauen, die unter Armut leiden oder misshandelt wurden. Doch nur wenige trauen sich, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Eine deutsche Touristin ist ins Geschäft gekommen. Bobby zeigt ihr Regale voll mit bestickten Wandteppichen, Decken und Kissenbezügen, alle mit kräftigen Farben: orange, türkis und purpur. Die Stoffe werden von Frauen aus den umliegenden Dörfern gefertigt.

"Die Hälfte des Geldes geben wir den Frauen für die Ausbildung ihrer Kinder, die andere Hälfte fürs Essen. Viele Frauen haben schlechte Ehemänner. Die arbeiten zwar, aber fahren dann mit dem Geld in die Stadt, um sich mit weißen Frauen zu amüsieren. Die Ehefrauen warten dann mit zwei Kindern zu Hause auf Essen. Man wohnt in der Regel bei der Familie des Mannes. Wenn man sich bei der Schwiegermutter beschwert, sagt die nur: Sprich mit meinem Sohn, du bist mit ihm verheiratet, nicht mit mir."

Wirklich aufgelehnt hat sich Bobby noch nie. Sie ist eher so etwas, wie eine Frauenrechtlerin im Stillen. Dennoch, in Jaisalmer ist sie nicht sehr beliebt, gilt vielen als Störenfried. Allein, dass sie als Frau einen eigenen Laden besitzt, passt vielen ihrer männlichen Konkurrenten überhaupt nicht.

"Wenn jemand bei mir einkaufen will, dann ruft der Mann aus dem Nachbargeschäft: Warum sprichst Du mit dieser Frau? Warum gehst Du in ihren Laden? Und dann bietet er den halben Preis und versucht meine Kunden zu verärgern. Manchmal stiften sie kleine Kinder an, meine Waren schmutzig zu machen. Die Kinder legen Kuhfladen auf meine Sachen und rennen dann weg."

Bobby hat den Laden von ihrem Vater übernommen. Eigentlich gefällt das den Eltern nicht, denn sie hätten Bobby lieber als verheiratete Hausfrau gesehen. Doch gegen eine Hochzeit hat sich Bobby lange gewehrt, bis sie 29 war.

"Eigentlich wollte ich nie heiraten, aber meine Mutter hat die Ehe arrangiert. In Jaisalmer bin ich die Wildkatze, weil mein Mann jünger ist, als ich. Ich bin jetzt 32, er ist 24. Ich wollte nicht heiraten, weil das ein Leben im Käfig bedeutet. Du musst die ganze Zeit kochen und putzen und wirst geschlagen, wenn du mit anderen Männern sprichst."

In Bobbys Ehe lief es anders. Ihr Mann versuchte zwar anfangs, sie zu dominieren, doch er hat sich die Zähne ausgebissen, an der selbstbewussten und deutlich reiferen Frau.

Während Bobby das erzählt, kommt er zur Tür herein: ein korpulenter Typ mit weichem knabenhaftem Gesicht und Schnurrbart. Er guckt grimmig, knallt Bobby ein Handy vor die Füße und verschwindet grummelnd im Nebenzimmer. Bobby grinst.

"Am Anfang in den ersten beiden Monaten wahr er sehr böse und sagte: Du bleibst im Haus bei meiner Familie in Mumbai und kochst und putzt für meine Mutter. Aber ich habe mich durchgesetzt und jetzt sind wir hier.
Ich habe ihn das erste Mal nach der Hochzeit gesehen. Ich dachte damals: er sieht aus, wie ein Affe, so dunkel und dann dieser Schnurrbart. Aber du hast keine Möglichkeit, nein zu sagen. Jetzt sehe eigentlich nur noch sein großes Herz und er liebt mich schon sehr. Am Anfang war er schlimm, aber er ist ein kleiner Junge, er hat sich schnell verändert."

Bobby findet, dass sie mit ihrem Ehemann einigermaßen Glück hatte. Er akzeptiert, dass sie sich ehrenamtlich dem Frauenprojekt widmet und verdient als Online-Aktienhändler so gut, dass auch die gemeinsame Tochter versorgt ist. Bobby konnte sogar ein Bachelor-Studium in Politikwissenschaft abschließen. Dieses Privileg haben nur wenige Frauen in Jaisalmer.

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