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Profil / Archiv | Beitrag vom 17.12.2009

Frau mit wandlungsfähiger Stimme

Die Sopranistin Gerlinde Sämann im Porträt

"Nun komm, der Heiden Heiland" – so heißt eine CD, die gerade erschienen ist - passend zur Adventszeit mit Bach-Kantaten. Gesungen werden sie von der 40-jährigen Sopranistin Gerlinde Sämann. Ihre Stimme ist wandlungsfähig und zeichnet sich durch eine besondere Innerlichkeit aus.

Sämann: "Ich glaube, ich bin schon mit Musik geboren, die Musik war schon immer da. Ich habe alles, was ich gehört habe, was musikalisch war, in mich aufgesaugt."

"Wenn ich sehr gut bei mir bin, ganz in mir bin, dann ‚geschieht’ die Musik - klar, es steht viel dahinter, muss geübt sein, technische Stellen müssen klar sein. Wie man was macht, ist eine Ebene. Und die andere Ebene ist dann das wirklich zu tun und das funktioniert bei mir, wenn ich sehr in mir bin, aber auch gleichzeitig offen nach außen, nicht verkapselt, sondern in mir und gleichzeitig mit sehr weitem Herzen oder sehr weiten Radius von Energie."

Eine Kantate von Johann Sebastian Bach, gesungen von Gerlinde Sämann. Zu Bach hat die 40-jährige Sopranistin ein besonderes Verhältnis, als 11-jähriges Mädchen hörte sie zum ersten Mal die Matthäus Passion. Ein prägendes Erlebnis:

"Es war für mich wie so eine Offenbarung, also ich hab das Gefühl gehabt, dass ich das von meinem Herzen damals wirklich verstanden habe und richtig aufnehmen konnte in mich und vielleicht war das auch schon der Beginn der Idee, Musiker zu sein und mich intensiv beruflich mit der Musik zu beschäftigen. Vielleicht ist es so, weil es war so ein tiefes Erlebnis für mich und das werde ich auch nie vergessen."

Gerlinde Sämann, geboren 1969 in Nürnberg, stammt aus einem Elternhaus, in dem Musik nur insofern eine große Rolle spielte, als die Mutter viel Radio hörte: Volksmusik und klassische Musik. Gerlinde Sämann hat das Glück, auf eine Schule mit guten Musiklehrern zu gehen. Sie lernt Flöte und Klavier. Sängerin zu werden, das ist damals noch nicht ihr Plan. Ihr Leben wäre wohl anders verlaufen, hätte sie nicht von Geburt an eine starke Sehschwäche:

"So im Teenageralter habe ich meinen letzten Sehrest verloren. Ich könnte mir vorstellen, ich wäre wahrscheinlich, wenn ich sehen könnte, Sprechstundenhilfe. Find ich einen tollen Beruf, als ich klein war wollte ich immer Sprechstundenhilfe sein oder vielleicht würde ich was ganz anderes machen."

So aber konzentriert sich die hübsche blonde Frau auf die Musik. Sie schafft es auf das Richard-Strauß-Konservatorium in München, will Kammermusik und Liedbegleitung studieren.

"Ich konnte nie vom Blatt spielen und man muss als guter Liedbegleiter super vom Blatt spielen und das muss ganz schnell gehen, sich irgendwelche Noten anzueignen und nicht durch das auswendig lernen, was ich immer tun musste, das hat nicht funktioniert."

Eine bittere Erfahrung - als "Notlösung" steigt sie um auf Gesang und aus der Notlösung wird ihr Beruf.

Über die Jahre hat sie sich ein breites Repertoire ersungen: Alte Musik, Händel, Bach, Romantik, Impressionismus, Neue Musik. Mit großen Chören und Orchestern oder auf Liederabenden.

Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb einmal über sie:
"Sie singt so schön, dass Mauern dazu tanzen könnten."

Diese Schönheit ist hart erarbeitet, das fängt damit an, dass sie, als Blinde, die Noten ja nicht lesen kann. In ihrem Musikzimmer in ihrer Wohnung in Augsburg, wo sie mit ihrer Tochter lebt, hat sie deshalb neben dem Flügel einen Computer stehen. Sie lässt sich die Noten vorlesen, transkribiert sie und druckt sie dann aus, auf einem Spezialdrucker, in Brailleschrift, mit Löchern ins Papier gestanzt. So kann Gerlinde Sämann die Noten mit den Fingern erspüren. Auch auf den Konzerten hat sie diese Noten dabei.

"Für viele Leute ist das dann so ein Blickfang, man kuckt die Hand an, die sich so hin und herbewegt. Ich habe irgendwo mal gelesen, das ist mein Markenzeichen, die ruhige Hand, die sich so bewegt. "

Eine blinde Sängerin – das fasziniert die Menschen. Als Künstlerin kränkt es sie, auf dieses Handykap reduziert zu werden:

"Viele sagen mir ja: Durch des, dass Sie nicht sehen, singen Sie so schön! Und da werd ich immer … da wird’s mir immer ganz schlecht, gemein find ich das, da sind jahrelanges intensives Training dahinter, viel guter Unterricht, ich hatte sehr glück, mit den Lehrern, die ich hatte und die Innerlichkeit, ich will das nicht festmachen an einem Handykap, das ist schade, das gehört dazu, aber das ist nicht das ausschlaggebende, da fühle ich mich immer sehr abgestempelt, wenn das jemand sagt."

Die Matthäus-Passion, mit der alles begann, die hat Gerlinde Sämann inzwischen selbst oft gesungen, einmal auch genau in derselben Kirche, in der sie damals als 11-jähriges Mädchen saß. Ihre eigene Tochter ist bis jetzt noch nicht infiziert, aber das kann ja noch kommen, sie ist erst neun.