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Frankfurt streitet um das Institut für vergleichende Irrelevanz

Räumungsklage gegen selbstverwalteten Kulturort der Studenten

Von Ludger Fittkau

Oliver Sonnenschein studiert im Wohnzimmer des Instituts für vergleichende Irrelevanz (IvI) in Frankfurt am Main
Oliver Sonnenschein studiert im Wohnzimmer des Instituts für vergleichende Irrelevanz (IvI) in Frankfurt am Main (dpa / picture alliance / Emily Wabitsch)

Wissenschaftler und Künstler unterstützen den Kampf der liebevoll "IvI" genannten Frankfurter Gegen-Uni, die seit neun Jahren in einem besetzten Gebäude aktiv ist. Gegen die Studenten läuft eine Räumungsklage, nachdem die Universität das Haus an einen privaten Investor verkauft hat.

"Sie sind einmal an dem Morgen angerückt, mit einem Trupp von Bauarbeitern und konnten ins Haus kommen und haben dann hier Strom und Wasser abgestellt und haben dann die Originaltür von dem Kramerbau einfach ausgebaut und entwendet."

Christian Temm ist Mitarbeiter des Frankfurter Instituts für vergleichende Irrelevanz. Marx-Lektürekurse, Filmabende, Kunstperformances und Partys – seit neun Jahren ist das von Insidern liebevoll nur "Ivi" genannte funktionalistische Gebäude des Frankfurter Uni-Baudirektors Ferdinand Kramer ein angesagter Kulturort am Rande des Uni-Campus Bockenheim.

Christian Temm und Mitaktivist Oliver Sonnenschein bitten zum Gespräch in die Bibliothek des Hauses:

"Nachdem das Gebäude zwei Jahre leer stand von der Uni, haben die Leute gesagt: Das sehen wir nicht ein."

Die Lage des Gebäudes ist prominent: Wer vom Eingang des altehrwürdigen Frankfurter Senckenberg-Naturkundemuseums über die Straße schaut, kann es kaum übersehen: Der Name "Institut für vergleichende Irrelevanz" ist mit gut einem Meter großen schwarzen Druck-Buchstaben auf ein rund 15 Meter langes weißes Banner geschrieben, das am Balkon der dritten Etage des gegenüberlegenden Gebäudes angebracht ist. Ein Stockwerk tiefer hängt ein handgeschriebenes Transparent mit einem roten Stern mit dem Motto: "Kritisches Denken braucht und nimmt sich Zeit und Raum".

Seit einigen Wochen hängen drumherum weitere Transparente an den schmucklosen gelblichen Kacheln des Gebäudes aus den 60er-Jahren: "IvI bleibt" ist darauf zu lesen. Dass die Uni das Gebäude für rund eine Million Euro an einen privaten Investor verkauft hat, ohne den Aktivisten des alternativen Zentrums eine Alternative zu bieten, stößt auch beim AStA auf Kritik. Daniele Lichére, AStA-Referentin für Hochschulpolitik:

"Es ist eindeutig, dass die Verantwortung jetzt bei der Uni liegt. Die Universität hat fast zehn Jahre das IvI geduldet und hat damit zumindest einen Freiraum für kritische Theorie und für studentisches Leben ermöglicht. Diesen Freiraum hat sie jetzt für eine verhältnismäßig geringe Summe verkauft und selbst der Stadtrat sieht die Universitätsleitung in der Verantwortung."

Gerümpel und Bücher stapeln sich in den Räumen des "IvI"Bücher und Raum für ein kritisches Denken im IvI (picture alliance / dpa /Boris Roessler)So wird sich die Frankfurter Unileitung kaum der Teilnahme an einem Runden Tisch zum Thema verschließen können, die der neue SPD-Oberbürgermeister der Stadt dem Vernehmen nach nun plant. Die Grünen im Römer, dem Frankfurter Rathaus, unterstützen den Vermittlungsplan des OB, die CDU hingegen ist skeptisch und zeigt Verständnis für die Räumungsklage des neuen Eigentümers.

Auch prominente Uni-Professoren wie Axel Honneth oder Micha Brumlik, die den Aufruf zur Unterstützung des IvI unterzeichnet haben, sehen nun vor allem die Uni in der Pflicht. Sie müsse dem alternativen Zentrum Ersatzräume anbieten. Die Aktivisten des IvI hängen jedoch am Gebäude des Uni-Baumeisters Ferdinand Kramer, den die Nazis 1938 in die Emigration gezwungen hatten. Oliver Sonnenschein:

"Wir haben das Gebäude mit der Übernahme 2003 der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht und wir finden auch, dass das ein Gebäude ist, das für die Öffentlichkeit gebaut wurde und das der Öffentlichkeit erhalten werden muss."

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