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Interview / Archiv | Beitrag vom 30.01.2014

ForschungVom Kampf gegen vernachlässigte Krankheiten

"Ärzte ohne Grenzen" beklagt mangelnde Unterstützung für Afrika

Malaria, Aids oder Tuberkulose seien noch immer ein Problem in afrikanischen Ländern, sagt der Arzt Maximilian Gertler von "Ärzte ohne Grenzen". Die zur Verfügung stehenden Medikamente seien of schlecht verträglich und wenig effektiv. Die Organisation vergibt heute gemeinsam mit anderen Initiativen den Memento-Preis für vernachlässigte Krankheiten.

Nana Brink: Wir hier in Europa haben uns ja daran gewöhnt, dass Krankheiten wie Keuchhusten oder Diphtherie, aber auch Tuberkulose als weitgehend besiegt gelten. Dabei zählt vor allem in armen Ländern wie Afrika oder Asien Tuberkulose zu den sogenannten vernachlässigten Krankheiten. Nicht nur ihre Behandlung, also Impfungen oder Medikamente, sind für Milliarden Menschen unerreichbar. Auch die Forschung widmet sich nicht in ausreichendem Maße diesen Krankheiten, weshalb die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" zusammen mit anderen Initiativen den Memento-Preis für vernachlässigte Krankheiten heute vergeben wird. Maximilian Gertler arbeitet für die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" und war für sie zuletzt im Tschad. Schönen guten Morgen, Herr Gertler!

Maximilian Gertler: Guten Morgen, Frau Brink!

Brink: Welche vernachlässigten Krankheiten sind Ihnen denn im Tschad begegnet?

Gertler: Nun, in den Einsätzen, in denen ich in Afrika, letztes Jahr im Tschad tätig war, hatte ich vor allem mit Malaria, HIV Aids und Tuberkulose zu tun. Das sind immerhin Krankheiten, für die prinzipiell Medikamente und Therapie-Regime existieren, aber die doch so teuer oft sind, dass sie den Menschen in diesen Ländern im Afrika südlich der Sahara nicht ohne weiteres zur Verfügung stehen und die dann oft mit so fortgeschrittenen Krankheitsbildern zu uns kommen, dass wir auch oft nicht mehr viel machen können.

Brink: Warum werden diese Krankheiten vernachlässigt, gerade Malaria und Tuberkulose, wo wir uns ja denken, mein Gott, das hat man ja längst im Griff?

Absatzmarkt für Profit orientierte Unternehmen uninteressant

Gertler: Gegen Malaria haben wir tatsächlich in den letzten zehn Jahren Medikamenten-Kombinationen bekommen, die sehr gut wirksam sind und mittlerweile auch relativ verbreitet, wiewohl es leider auch gegen diese modernsten Kombinationen mittlerweile die ersten Resistenzen gibt. Das ist ein großes Problem. Bei Tuberkulose gibt es seit Jahrzehnten keine wirklich guten Innovationen mehr, was neue Medikamente angeht, und besonders problematisch ist das bei den multiresistenten Formen, wo wir teilweise toxische Medikamente einsetzen müssen, um dann in langen therapeutischen Regimen die Patienten zu behandeln.

Warum? – Die meisten der Patienten in den Ländern, in denen wir arbeiten, sind arm, haben kein Geld für teure Medikamente und sind daher natürlich als Absatzmarkt für Profit orientierte, forschende Unternehmen völlig uninteressant. Und dann müssen wir feststellen, dass es zahlreiche Krankheiten auch außer Tuberkulose und Malaria gibt, für die es teilweise überhaupt keine wirklich wirksamen und auch noch gut verträglichen Medikamente gibt.

Brink: Sie sagen ja, das ist kein Markt, keiner hat Interesse, Leute, die nicht bezahlen können für die Medikamente, dahin will man auch keine schicken als Industrie. Aber liegt es auch an den Ländern selbst, dass dort zum Beispiel die Zusammenarbeit nicht funktioniert? Wie haben Sie das erlebt?

Gertler: Wir selbst bringen ja unsere Medikamente im Allgemeinen mit und stellen die Therapie auch kostenlos zur Verfügung, und das klappt im Allgemeinen sehr gut und dann können wir auch handeln. Aber es gibt in vielen Ländern, in denen wir arbeiten, Krankheiten, die wir gar nicht behandeln können. Meine Kollegen arbeiten im Süd-Sudan und Äthiopien und kämpfen da mit Leishmaniose oder im Kongo mit der Schlafkrankheit, in Südamerika mit der Chagas-Krankheit. Die therapeutischen Regime dafür, die sind oft toxisch, schlecht verträglich und wenig effektiv.

Brink: Was kann man denn tun? Es gibt keine Medikamente, sagen Sie. Dann würde ich ja weiter denken: Es gibt auch keine Forschung dann für solche Medikamente, weil es sich nicht lohnt?

Patente werden lieber für reiche Länder angemeldet

Gertler: Viel zu wenig. Die Erreger von diesen Krankheiten, die sind ja teilweise seit Jahrzehnten bekannt. Der Erreger der Tuberkulose wurde von Robert Koch vor über 100 Jahren in Berlin vorgestellt und trotzdem gibt es so wenig innovative Medikamente für diese Erkrankung. Deswegen ist das auch ganz klar nicht nur eine Vernachlässigung der Krankheiten, sondern auch eine Vernachlässigung der Patienten. Die Patienten können für diese Medikamente nicht bezahlen, es gibt keine Profit-Perspektive für die forschenden Unternehmen, die Patente auf Medikamente anmelden wollen und dann damit auch jahrelang Geld verdienen möchten, und dann werden lieber Patente angemeldet für Krankheiten, die eine Rolle spielen in Ländern, wo die Patienten viel Geld haben, es gute Krankenversicherungen gibt.

Brink: Und was ist mit der Forschung an den Universitäten?

Gertler: Es gibt öffentliche Forschung und da gibt es auch in Deutschland teilweise gute erste Schritte in den letzten Jahren, aber es braucht viel mehr. Es sind so wenig wirklich innovative Medikamente in den letzten Jahren für diese Erkrankungen auf den Markt gekommen, und dann fast ausschließlich durch öffentlich geförderte Projekte, das ist bei weitem nicht ausreichend.

Brink: Dafür kann ja so ein Preis, der heute vergeben wird, der Memento-Preis für vernachlässigte Krankheiten, vielleicht auch etwas bewirken. Verzweifeln Sie da manchmal als Arzt, wenn Sie so zurückblicken auf Ihre Zeit in Afrika oder jetzt ganz akut im Tschad?

Gertler: Ich glaube, Verzweiflung ist kein gutes Mittel in diesem Beruf und wahrscheinlich in vielen anderen auch nicht. Ganz klar! Es gibt kleine Erfolge und das wollen wir ja auch heute Abend mit den Preisträgern feiern. Aber die WHO, also die Weltgesundheitsorganisation, schätzt, dass doch mindestens doppelt so viel Mittel aufgewendet werden müssen, wie derzeit aufgewendet werden für vernachlässigte Krankheiten. Außerdem fragen wir uns, ob nicht grundsätzlich dieses rein patentbasierte Forschungssystem ausreichend Anreiz bietet. aus unserer Sicht gar nicht. Wir brauchen diese öffentliche Forschung, denn Patente auf Medikamente für Menschen, die kein Geld haben, bringen den Menschen überhaupt nichts. Es findet keine Forschung statt.

Brink: …, wenn man keine Lobby dafür hat. – Der Berliner Arzt Maximilian Gertler. Schönen Dank, dass Sie mit uns gesprochen haben.

Gertler: Herzlichen Dank, Frau Brink.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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