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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 31.12.2015

Forscher konservieren die schwäbische MundartEn guada Rutsch on a guads neis

Von Mike Herbstreuth

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Die Altstadt von Tübingen am Neckar in Baden-Württemberg am Neckar, links der Hölderlinturm: Bei der Stadtentwicklung setzt man auf Baugemeinschaften. (picture alliance / dpa)
Wo die schönsten Dialekte gedeihen: Baden-Württemberg, hier die Altstadt von Tübingen (picture alliance / dpa)

Die regionalen Dialekte sterben aus, fürchten Traditionalisten. Um den schwäbischen Dialekt für die Nachwelt zu erhalten, hat Baden-Württemberg eine Million Euro an Fördermitteln genehmigt - für ein Projekt der Uni Tübingen.

Die regionalen Dialekte sterben aus, fürchten Traditionalisten. Um den schwäbischen Dialekt für die Nachwelt zu erhalten, hat Baden-Württemberg gerade Fördermittel in Höhe von einer Million Euro genehmigt - für ein Projekt der Uni Tübingen, das Mike Herbstreuth besucht hat.

"Reichabach on Glatta, ond Widlenschweiler, on Glatte hätt Maischterschaft sicher ghet, wenn se ned Sonndich vorhäär gega Lombach verlore hettet ..."

Eine Aufnahme aus dem Jahr 1955. Ein Junge aus dem Nordschwarzwald erzählt von der örtlichen Fußballmeisterschaft - dass Glatten die Meisterschaft gewonnen hätte, hätten sie nicht sonntags gegen Lombach verloren.

Glatten, das ist mein Heimatdorf. Ich habe lange ähnlich gesprochen wie der Junge, kahs au emmer no, wenn i will, aber dann verstehen Sie mich wahrscheinlich nicht so richtig gut. Das Besondere bei uns im Nordschwarzwald und generell in Baden-Württemberg: Jedes Dorf, auch das direkt nebenan, hat seine sprachlichen Eigenheiten. Zum Beispiel das Wort "geritten". Das heißt in meinem Heimatdorf: "gridde".

Ein paar Kilometer weiter südöstlich klingt das schon anders:

"Gritta."

Das ist Ludwig Bosch. Er kommt aus dem Dorf Jungingen bei Tübingen. Statt "gridde" sagt er "gritta".

"Wir sind jetzt schon im Südschwäbischen, da sind diese "p", "t", "k"'s härter. Sie machen eine ganz kurze Pause über dem "t": Gri-tta. Während das sonst im Schwäbischen ein ganz normales "d" ist. Das ist sehr interessant, weil das hier losgeht, bis in die Alpen rein. Hier ist so eine Grenze ..."

sagt Hubert Klausmann. Er leitet die Arbeitsstelle "Sprache in Südwestdeutschland" an der Universität Tübingen und arbeitet daran, den schwäbischen Dialekt zu katalogisieren. Dafür reist er in ganz Baden-Württemberg herum und interviewt Einheimische, so wie Ludwig Bosch.

"Und hier, wie sagen sie dazu: Die Katze gehört uns."

"Die Katz gheiert aus."

"Und die Katze gehört euch?"

"Ond seale Katz gheirt ui."

Forscher und Dorfbewohner arbeiten einen zehnseitigen Fragenkatalog durch

Es ist ein zehnseitiger Fragenkatalog mit einzelnen Sätzen und Wörtern, den Klausmann und seine Studierenden der Empirischen Kulturwissenschaften mit Dorfbewohnern wie Ludwig Bosch durcharbeiten.

In Klausmanns Büro an der Uni Tübingen lagern insgesamt über 800 Stunden Interviewmaterial von hunderten Menschen aus Baden-Württemberg.

"Aufnahme 8: Utzmemmingen ..."

"On no isch der do na gange ond hat ..."

Bereits in den 50er Jahren haben Mundartforscher mit Aufnahmen begonnen, Hubert Klausmann führt ihre Arbeit nun fort. Die Wand voller Tonbänder wurde digitalisiert, verschriftlicht und akribisch verschlagwortet.

Das feinsäuberliche Archivieren der regionalen Sprachschätze kostet das Ländle immerhin eine Million Euro. Für Nordwürttemberg gibt es dann einen gedruckten Sprachatlas, für den Rest eine digitale Version. Eine Internetseite mit 50 Orten - klickt man auf sie, öffnet sich eine Leiste mit 200 Wörtern und man kann hören, wie diese Wörter unterschiedlich ausgesprochen werden.

Zudem soll ein großes Archiv von geführten thematischen Interviews aus den letzten 60 Jahren entstehen, das vor allem kulturwissenschaftlich interessant ist, meint der Sprachforscher Klausmann:

"Weil darin Themen enthalten sind, die noch garn nicht erforscht worden sind. Dieses ganze Material, diese ganzen Erzählungen über Volkskrankheiten und Heilung - wie hat man das damals gemacht, wenn kein Arzt da war? Wie hat man geerntet? Wie hat man geschlachtet? Wie hat man gefeiert? Wie hat man die Schule erlebt? Man kann sagen, das ist eine Kulturgeschichte des Landes Baden-Württemberg von 1880 bis 2000."

Neben dem Dialekt soll auch die Geschichte der Menschen erhalten werden

Es geht dem Tübinger Dialektforscher darum, diese Geschichten der Menschen zu erhalten und für alle hörbar zu machen. Sprache beschreiben und ihre Ursprünge aufzeigen. Klausmann betont die Bedeutung von Dialekten

"Wenn man Dialekt spricht, dann bin ich im Familiären, Vertrauten wieder zuhause. Und für viele ist das emotional ein sehr wichtiger Faktor. Wenn sie den ganzen Tag in der Großstadt waren und am Abend nach Hause kommen, dann sind sie bei den Freunden und gleichzeitig bei der Sprache der Freundschaft - das ist der Ortsdialekt."

Einen Dialekt vor dem Aussterben retten zu wollen, wie ihm manchmal vorgeworfen wird, davon hält Mundartforscher Klausmann aber nichts.

"Man kann Sprache nicht künstlich erhalten. Wenn sie dem Tod geweiht ist, dann ist es nun mal so. Da würden wir dann auch nicht anfangen, dafür zu kämpfen. Wenn die Sprecherinnen und Sprecher das nicht mehr wollen, dann ist es vorbei."

Ähnlich sieht das auch der Junginger Ludwig Bosch. Er liebt seinen Dialekt zwar, aber auch er will kein Hüter des reinen Schwäbisch sein. Für ihn zählt etwas anderes viel mehr, bemüht er sich möglichst dialektfrei zu sagen:

"Wichtig finde ich, dass alle einander verstehen! Dass einer in Flensburg den in Berchtesgaden auch versteht. Dass wir eine gemeinsame Sprache haben. Und dann kann dazwischen blühen was will."

So wie auch der Dialekt in meinem Heimatdorf. In diesem Sinne: En guada Rutsch on a guads neis. On vor allem Gsondheit - des ischs wichtigschde.

(Auf Hochdeutsch: Einen guten Rutsch und ein gutes neues Jahr. Und vor allem Gesundheit - das ist das Wichtigste.)

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