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Lesart / Archiv | Beitrag vom 03.10.2010

Folter, Isolationshaft, Ausgrenzung

Sibylle Plogstedt: "Knastmauke", Das Schicksal von politischen Häftlingen der DDR nach der deutschen Wiedervereinigung Psychosozial-Verlag, Gießen 2010

Rezensiert von Udo Scheer

Ehemalige Häftlinge aus der DDR berichten von ihrem Schicksal. (AP)
Ehemalige Häftlinge aus der DDR berichten von ihrem Schicksal. (AP)

Wie es Regimegegnern in den Gefängnissen der DDR erging und wie sie nach der Wende ein zweites Mal zum Opfer wurden, schildert Sibylle Plogstedt in ihrem Buch "Knastmauke". 21 ehemalige Häftlinge geben darin Selbstauskunft über Folter, Isolationshaft und ihren Kampf um eine angemessene Opferrente.

Häftlinge erfinden zu allen Zeiten ihre eigene Knastsprache. Da heißt es: "Wenn Du auf den Leo gehst, drück den Bello" - also den Spülknopf nach Benutzen des Zellenklos. Mauke, eigentlich eine Hautkrankheit bei Tieren, wird zur Knastmauke und meint jenen besonderen psychischen Zustand, der sich einstellen kann, wenn Gefangene schutzlos Schikanen und Entmündigung ausgeliefert sind.

Es gibt nur wenige Prominente wie Karl Wilhelm Fricke oder den 1999 viel zu früh verstorbenen Jürgen Fuchs mit seinem wieder neu verlegten Buch "Vernehmungsprotokolle", die mit ihren Dokumentationen zur politischen Verfolgung eine breitere Öffentlichkeit erreichten.

Im Allgemeinen überwiegt in unserer Gesellschaft Täterfaszination bei Weitem das Interesse an Opferschicksalen. Umso verdienstvoller sind die von Sibylle Plogstedt versammelten Selbstauskünfte von 21 ehemaligen politischen Häftlingen aus 40 Jahren SED-Diktatur. Die Autorin schreibt dazu:

"In dieser Studie geht es mir um den Preis, den all diese Menschen für die Freiheit gezahlt haben. Es geht mir um die Beziehungen, die durch die Haft kaputt gingen, weil die Partner unter Druck gesetzt wurden, und es geht mir um die Langzeitfolgen der Haft, um die heute noch bestehenden psychischen und physischen Belastungen, vor denen sich weder Arbeiter noch Intellektuelle, weder Männer noch Frauen, Junge noch Alte schützen konnten."

Alle diese Menschen hatten die vom System gesetzten engen Schranken durchbrochen. Sie wollten ihren individuellen Traum von Freiheit leben oder sie protestierten gegen SED-Machtmissbrauch.

Nach einer 50-seitigen Einführung, die durchaus prägnanter möglich gewesen wäre, bietet "Knastmauke" auf gut 200 Seiten authentische Erfahrungsberichte über die ganz normale Absurdität eines diktatorischen Strafregimes, das jeden treffen konnte.

Da ist Roland Bude, der 1950 als Student wegen Verbreitung verbotener Bücher und Informationen verhaftet wurde. Weil er eine Spitzeltätigkeit für die Staatssicherheit verweigerte, wurde er zu zwei Mal 25 Jahren Zwangsarbeit im sibirischen Workuta verurteilt.

"Zu den Methoden in der Untersuchungshaft gehörte die Beschimpfung. 'Solche wie Sie', sagte der Vernehmer zu mir, 'landen auf dem Kehrichthaufen der Geschichte'. Es gab schon damals so etwas wie psychische Folter, zum Beispiel die schlimmen Spielchen mit dem Kettengerassel. Man hörte die Ketten, und dann kam man mit Häftlingen zusammen, die das erlebt hatten. Mein bester Freund hat mir gesagt, die hätten ihn zwei Tage und zwei Nächte so zusammengeschlagen, dass er alles unterschrieben habe ... Wenn man das hört, hat man natürlich immer Angst."

Viele der Befragten berichten über die psychische Folter, ständig unter Druck und im Ungewissen gehalten zu werden. Besonders wirksam war die Psychofolter in Kombination mit Isolationshaft und extremem Reizentzug.

Zwei Drittel der Untersuchungsgefangenen machten Erfahrung mit Einzelhaft. Die verschärfte Form, 21 Tage in einer ungeheizten Kellerzelle auf blankem Betonfußboden, machte jeder Fünfte durch. Folgen dieser Tortur sind nachwirkende Hörstörungen, Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme, Panikattacken.

Nach der Isolationshaft wurde das Redebedürfnis der Häftlinge von Vernehmern gezielt für falsche Geständnisse missbraucht. Eine bis 1989 benutze Folterpraxis waren Nasszellen, in denen der Häftling bis zu den Knöcheln, aber auch bis zu den Hüften in kaltem Wasser stand. Nierenschäden waren die häufige Folge.

Heute beklagen ehemalige politische Gefangene, welchen unsäglichen Kampf sie um die Anerkennung ihrer Haftfolgeschäden durch Versorgungsämter führen müssen. Die Beweislast liegt bei den Opfern. Annegret Stephan, die erste Leiterin der Stasi-Haft-Gedenkstätte in Magdeburg, sagt über ihre Erfahrung in der Häftlingsbegleitung:

"Ärzte gehen oft mit einer unglaublichen Unkenntnis über die Verfolgung in der DDR an die Dinge heran. Wenn sich dann solch ein Arzt und Gutachter mit der neuesten Forschung nicht befasst hat, kommt er zu dem Schluss: Da das traumatisierende Ereignis schon jahrzehntelang zurückliegt, könne es heute nicht mehr wirken ... Was diese sogenannten Gutachter oder Mitarbeiter in dem Ämtern an erneutem Schaden anrichten, sollte mittlerweile als Körperverletzung strafrechtlich relevant sein."

Im zweiten Teil ihres Buches untermauert Sibylle Plogstedt diese Erfahrungen in einer Feldstudie der Universität Düsseldorf-Essen, für die 800 politische DDR-Häftlinge befragt wurden. Sozial integrieren konnten sich am ehesten die in die Bundesrepublik Freigekauften.

Noch heute werden 62 Prozent regelmäßig von Albträumen heimgesucht, 47 Prozent bekommen Platzangst, zwei Drittel leiden an Schlafstörungen, Bluthochdruck und Rückenproblemen, fast jeder Zweite ist nach dieser Statistik herz- und magenkrank. Diese Zahlen wären noch aufschlussreicher, hätte die Autorin statistische Vergleichsdaten herangezogen. Zur finanziellen und sozialen Situation fasst das Buch zusammen:

"Heute verdienen 49 Prozent der ehemaligen Häftlinge weniger als 1.000 Euro im Monat. Bei den Frauen sind es sogar 56,9 Prozent. Entsprechend ist die Einkommenszufriedenheit der ehemaligen Häftlinge gering. Überproportional viele leben unter der Sozialhilfegrenze."

Cover "Knastmauke" von Sibylle Plogstedt (Psychosozial-Verlag)Cover "Knastmauke" von Sibylle Plogstedt (Psychosozial-Verlag)Die mühsam durchgesetzte Opferrente von 250 Euro im Monat stößt da vielfach auf Kritik. Denn Anspruch auf sie hat nur, wer mindestens 180 Tage politische Haft nachweisen kann und ein Monatseinkommen von weniger als 1078.- Euro netto bezieht. Eigentlich erwarten die Betroffenen eine angemessene Ehrenrente statt einer Opferrente.

In ihrer sozialen Ausgrenzung – auch das zeigt Sibylle Plogstedt – sehen viele frühere Opfer sich heute ein zweites Mal als Opfer. Es erschüttert, welche Ignoranz unsere Gesellschaft ihnen gegenüber dabei an den Tag legt. Auch das macht dieses Buch deutlich.

Sibylle Plogstedt: Knastmauke. Das Schicksal von politischen Häftlingen der DDR nach der deutschen Wiedervereinigung
Psychosozial-Verlag,Gießen, Sept 2010

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