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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.06.2013

Flotte Emotionsgeschichte

Ute Frevert: "Vergängliche Gefühle", Wallstein-Verlag, Göttingen 2013, 96 Seiten

Heute duelliert man sich nicht mehr, um Ehrverletzungen zu ahnden (picture-alliance / dpa)
Heute duelliert man sich nicht mehr, um Ehrverletzungen zu ahnden (picture-alliance / dpa)

Mit "Vergängliche Gefühle" bietet Ute Frevert einen gelehrsamen Überblick, wie sich der Stellenwert von Ehre, Scham, Mitleid und Empathie in den letzten drei Jahrhunderten verändert hat. Dabei nutzt die Historikerin Quellenmaterial von Philosophen, Moraltheologen und Schriftstellern.

Seit Langem gehören Gefühle nicht mehr den Psychologen alleine, längst hat auch die Hirnforschung Ansprüche angemeldet – und inzwischen auch die Geschichtswissenschaft. Denn so flüchtig und instabil Gefühle sind, so sehr sind sie in ihrem sozialen Gewicht, in ihrer Wirkung auf uns, historischen Konjunkturen unterworfen.

Die Historikerin Ute Frevert erforscht seit 2008 als Direktorin am Berliner Max-Planck-Institut in einer Arbeitsgruppe mit Ethnologen, Soziologen, Literatur-, Kunst- und Musikwissenschaftlern die Geschichte der Gefühle. Dass sie sich unaufhörlich verändern, ist die Grundthese ihres handlichen Essays.

Selbst wenn Gefühle in ihrer biochemischen, physikalischen und neuronalen Komposition unwandelbar wären, was laut Frevert unbewiesen und nicht wahrscheinlich ist, gilt das nicht für die Art, in der sie von Menschen empfunden, interpretiert und ausgedrückt werden. Welche Kursänderungen im Lauf der Geschichte eintraten, verdeutlicht die Autorin an zwei Begriffspaaren: Ehre und Scham; Mitleid und Empathie. Weshalb die Ersteren nach stürmischen Hochs auf die Verliererseite gerieten, während die Letzteren gegenwärtig zu den historischen Gewinnern gehören, das analysiert sie materialreich und pointiert.

Im christlich-jüdischen Kulturkreis, den Frevert ins Zentrum stellt, folgte die Scham auf die Erbsünde und betraf lange Zeit Mann und Frau gleichermaßen. "Scham" diente einerseits als anatomischer Ausdruck für beider Genitalien, stand aber auch für ein moralisches Gefühl. Erst mit der Urbanisierung, als sich die geschlossenen Familienverbände auflösten, also Mitte des 19. Jahrhunderts, bezeichnete er, wie die Autorin schlüssig nachweist, nur noch das weibliche Genital, gekoppelt an Anstands- und Reinheitsgebote, die mit einer zwanghaften Kontrolle weiblicher Sexualität einhergingen.

Von der Ehre zur Empathie

Männer hingegen waren für die Ehre zuständig, ein Gefühl, das oft genug auf der Degenspitze ausgetragen wurde und das Adel und Bürgertum dazu diente, die eigene Klasse "sauber" zu halten. Heute duelliert man sich nicht mehr, um Ehrverletzungen zu ahnden. Aber in migrantischen Milieus kommen Morde unter dem Banner der vermeintlichen Familienehre vor.

Als soziale Aktivposten, die seit der Aufklärung einen beispiellosen Siegeszug absolviert hätten, macht die Autorin Mitleid und Empathie aus. Deren Aufschwung verknüpft sie überraschend mit dem des Kapitalismus und der Nationalstaaten. Auf dass die "Volksfamilie" zusammenhalte und leistungsfähig bleibe, ist es wichtig, auch sozial Schwächere mitzunehmen. Außerdem stärkt praktische Empathie auch den Status des Mitleidenden.

Flott formuliert, gelehrsam ohne Fachjargon, befragt Frevert in ihrem Gang durch die Emotionsgeschichte eine Fülle von Quellenmaterial aus den letzten dreihundert Jahren, Philosophen, Moraltheologen, Schriftsteller und immer wieder Lexika als Wissensspeicher mit sozialer Deutungsmacht. Neben Exkursen zu Effi Briest oder Nietzsches ’Mitleid-macht-schwach’-Verdikt ruft sie ganz nebenbei auch evolutionsbiologische Debatten darüber auf, was angeboren sei und was erworben.

Zweifellos, und das zeigt diese kurzweilig-vorwitzige Spritztour ins Abendland, hat sich die Emotion neben Begriffen wie Klasse oder Produktionsmittel, Geschlecht oder Ethnie einen festen Platz in der Geschichtswissenschaft erobert. Als taktgebender Motor unseres Handelns.

Besprochen von Edelgard Abenstein

Ute Frevert: Vergängliche Gefühle
Wallstein-Verlag, Göttingen 2013
96 Seiten, 9,90 Euro

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