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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 09.02.2016

FilmwirtschaftWie geht es dem deutschen Film?

Von Michael Meyer

Die Schauspieler Elyas M'Barek und Karoline Herfurth (dpa/Tobias Hase)
Fack Ju Göhte: der größte deutsche Kinohit 2013 (dpa/Tobias Hase)

Zwar gibt es immer wieder Erfolge, die an den Kinokassen viel Geld einspielen, wie etwa die Komödien "Fack Ju Göhte 1 und 2" oder "Honig im Kopf", aber diese Publikumshits können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der deutsche Film ein ständiges Auf und Ab erlebt.

Zwar gibt es immer wieder herausragende Erfolge, die an den Kinokassen viel Geld einspielen, wie etwa die Komödien "Fuck Ju Göhte 1 und 2" oder "Honig im Kopf" mit jeweils über sieben Millionen Besuchern - aber diese Publikumshits können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der deutsche Film ein ständiges Auf und Ab erlebt.

An US-Erfolge wie "Star Wars", "Avatar" oder "Titanic" wird der deutsche Film wohl nie heranreichen, aber, immerhin, im letzten Jahr setzte die deutsche Filmwirtschaft knapp 2,9 Milliarden Euro um. Auch ist Deutschland als Produktionsort durchaus im Fokus internationaler Produzenten und Regisseure: Die US-Serie "Homeland", oder "The Monuments Men" von George Clooney entstanden hier. Und manchmal werden deutsche Filme auch im Ausland große Erfolge, wie etwa "Das Leben der Anderen", "Bella Martha" oder "Das Parfüm".

Weit über 200 Filme werden jedes Jahr hierzulande gedreht, aber nur wenige davon sind richtige Zuschauer-Hits. Dafür machen diese Hits über 90 Prozent der Ticketverkäufe aus. Was ein Erfolg ist, ist aber auch abhängig vom jeweiligen Film: Ein Dokumentarfilm mit 100.000 Zuschauern kann als großer Erfolg gelten, während ein Til Schweiger solche Zahlen bereits an einem Tag einfahren kann. Produzieren wir also zu viele Filme? Gar die falschen? Nein, meint Christine Berg, Leiterin der Förderung bei der Filmförderungsanstalt (FFA).

Gesellschaftlich interessant und wichtig

Die seit 1968 existierende Bundesanstalt für Filmförderung unterstützt Projekte finanziell, die meist einen großen kommerziellen Erfolg versprechen. 600.000 Euro steckt die FFA beispielsweise in die Krimikomödie "Vier gegen die Bank" von Wolfgang Petersen, die in diesem Jahr in die Kinos kommen soll. Die Starbesetzung Mathias Schweighöfer, Jan Josef Liefers und Til Schweiger verspricht Erfolg beim Publikum. Die FFA fördert aber auch kleinere Filme, die künstlerisch wertvoll sind und Förderung verdienen. Manche Filme seien eben gesellschaftlich interessant und wichtig, so Berg:

"Das bedeutet, dass man bestimmte Filme hat, die womöglich an der Kinokasse nicht so erfolgreich sind, die aber einen Anspruch darauf haben, die ganz wichtig sind, dass es sie überhaupt gibt, weil sie ein Spiegelbild sind, vielleicht auch manchmal unbequem sind. Da suchen wir, die Perlen sozusagen und hoffen so eine Perle zu finden. Hannah Arendt war zum Beispiel so eine Perle."

"Hannah Arendt" von Margarethe von Trotta erreichte vor drei Jahren über 400.000 Zuschauer – doch solche Achtungserfolge abseits der Blockbuster á la Til Schweiger sind selten. Von diesen mittleren Filmen, die weder Blockbuster noch Nischenfilm sind, gebe es noch zu wenige, meint Christine Berg von der FFA. Berg sagt auch, dass man sich schon vor Jahren dazu entschlossen habe, weniger Filme zu fördern: Nur noch 44 statt 55 pro Jahr, diese aber mit entsprechend mehr Geld.

Zu viele Gremien

In Deutschland werden jährlich rund 300 Millionen Euro für Filmproduktionsförderung ausgegeben. Zum Vergleich: In Frankreich ist es dreimal so viel. Doch wichtiger als die Höhe der Förderung sind die Vergabestrukturen. Filmförderanstalt, die Filmförderung der Länder, Bundesfilmförderfonds – es gibt viele verschiedene Töpfe, aus denen sich die Kreativen bedienen können. Davon zeugen auch die Abspänne in deutschen Filmen, meist müssen ein Dutzend Förderanstalten erwähnt werden. Ist all das ein Fluch oder Segen? Martin Hagemann, Regisseur, Produzent und Filmdozent an der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen meint, dass sich manchmal einfach zu viele Gremien über eine Filmidee beugen:

"Als Beispiel ich habe gerade einen Film fertig, den wir drei Jahre in Nepal produziert haben, und wir haben 38 Zustimmungen von unterschiedlichsten Förderungen, Gremien, Redakteuren gehabt, also 38 Leute mussten 'ja' sagen, bis dieser Film finanziert war und das ist natürlich eine Situation, in der Sie mit einer, ich sag mal, radikaleren Idee oder eine Idee, die sie schnell umsetzen wollen oder auch müssen, weil das Thema so ist, gar keine Chance mehr haben."

Die vielen Fördertöpfe, aus denen sich Produzenten und Filmemacher bedienen können oder müssen, führten eben auch zu einer Art kreativen Energieverlust, meint Martin Hagemann:

"In Deutschland wird kontrolliert, was gemacht wird, bevor der Film gemacht werden kann, ich plädiere stärker für ein System, was anschließend die Kontrolle macht: Man kriegt erstmal die Chance, den Film zu machen, und muss dann aber hinterher sich damit auseinandersetzen, hat man genug Zuschauer gefunden, hat man künstlerisch-kulturell erreicht, was man wollte und dann muss man dann eventuell dort die Kontrolle über diese Förderung einführen."

Ein strukturelles Problem?

In den 70er-Jahre war es schon mal so: Damals wurde, angeblich, dem jungen Wim Wenders eine Förderung allein auf Grundlage des von ihm eingereichten Handke-Romans "Die Angst des Torwarts beim Elfmeter" erteilt. Offenbar gingen Gremien damals noch künstlerische Risiken ein, ohne ausgearbeitete Drehbücher, bekannte Namen und andere Sicherheiten zu verlangen. Allerdings gab es insgesamt viel weniger Produktionen. Doch haben wir in Deutschland heute wirklich ein strukturelles Problem? Kirsten Niehuus, Geschäftsführerin der Filmförderung im Medienboard Berlin-Brandenburg, sieht in den vielen Fördertöpfen in Deutschland eher einen Vorteil:

"Weil es die Möglichkeit eröffnet, wenn es an einer Stelle nicht klappt, umzuswitchen und an einer anderen Stelle Geld zu bekommen. Das ist zum Beispiel in Frankreich sehr viel schwieriger möglich und erlaubt deutschen Produzenten ein Szenario B und C aufzustellen und Filme dann doch noch zu realisieren, auch wenn eine oder zwei Förderinstitutionen ein Projekt abgelehnt haben. Das führt mich zu dem Schluss, dass ich denke, dass in Deutschland ein Film von handelsüblicher Qualität, um das mal so zu sagen, in jedem Fall hergestellt werden kann."

Und doch stellt sich die Frage, ob in Deutschland es beispielsweise einen ausreichenden Abstand zwischen der Ästhetik des Fernsehens und des Kinos gibt, immerhin sind fast alle deutschen Kinofilme mit TV-Sendern koproduziert. Vieles sieht zu sehr nach Fernsehen aus, und das wird dann auch lieber auf dem heimischen Sofa geschaut. Der Regisseur Volker Schlöndorff hatte sich schon vor Jahren zu diesem Problem geäußert. Martin Hagemann meint auch, dass beides oft nicht gut zusammengeht:

"Der Kinofilm ist etwas ganz anderes als der Fernsehfilm, es hat wirklich etwas damit zu tun, im Fernsehen wird anders rezipiert als im Kino. Und deswegen muss der Kinofilm spezifischer werden, er muss radikaler werden, er muss stärker wieder ein Kinofilm werden und das ist mit dieser Finanzierung halt schwierig."

Derzeit wird über eine Novelle des Filmfördergesetzes beraten, die 2017 in Kraft treten soll. Sie wird aber, aller Voraussicht nach, strukturell nur wenig ändern. Filmproduzenten wie etwa Stefan Arndt von "X-Filme" werden nicht müde, mehr Geld und einfachere Strukturen zu fordern, sonst werde man nie konkurrenzfähig, so Arndt.

Die Förderung guter Filme, die dann auch ein Publikum finden, wird ohnehin immer schwierig bleiben, meint der Regisseur Christoph Hochhäusler, der im letzten Jahr gute Kritiken einfuhr mit seinem Journalistenthriller "Die Lügen der Sieger":

"Jedes System der Filmproduktion in der ganzen Welt und in der Geschichte des Films, sehr sehr mächtige Effekte hat, die erstmal behindern, dass gute Filme entstehen. Das heißt: Der gute Film ist immer die Ausnahme und ist eigentlich die Anomalie, würde ich denken. Also jedes System produziert eine bestimmte Art von Rhythmus und Routine und Bedürfnisse, die systemimmanent sind, die nichts damit zu tun haben, was gute Kunst ist. Und jeder Künstler ist im Kampf damit, und natürlich wäre es wünschenswert, wenn Produzentin mehr Souveränität gewönnen, ich glaube, dass man wahnsinnig viel verlieren würde, wenn man alles abholzen würde, und dass innerhalb dessen, was wir jetzt haben auch viel Gutes möglich ist."

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