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Thema / Archiv | Beitrag vom 18.02.2014

Filmland NordkoreaAlles nur Propaganda?

Nordkorea-Experte Uwe Schmelter über den nordkoreanischen Film

Moderation: Frank Meyer

Nordkoreas Diktator Kim Jong Un während einer Rede. (picture alliance / dpa / Kcna)
Die UNO droht dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un mit einer internationalen Anklage (picture alliance / dpa / Kcna)

Der Film "Comrade Kim goes flying" sei der erste nordkoreanische Film, der eine ideologische Ausrichtung überwindet, sagt Uwe Schmelter, der Kurator der nordkoreanischen Filmwoche in Berlin. In Nordkorea sei der Film ein Riesenerfolg, schon jetzt ein Kultfilm.

Frank Meyer: Aus Nordkorea dringt wenig nach draußen an Nachrichten und Berichten. Eine Kommission der Vereinten Nationen hat aber in dieser Woche einen Bericht über die Menschenrechtslage in Nordkorea veröffentlicht, und die Berichterstatter der UN schreiben in dem Bericht, die Führung des Landes begehe schwere Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das Regime betreibe Vernichtung, Versklavung und das Aushungern der Bevölkerung.

Diese Führung müsse deshalb vor dem Internationalen Strafgerichtshof angeklagt werden, fordern die Experten. Filme aus Nordkorea zeigt eine Filmwoche, die gestern in Berlin eröffnet wurde, und zwar mit einer Seltenheit, einer Koproduktion zwischen Nordkorea, Großbritannien und Belgien. Dem Film "Comrade Kim goes flying".

Anke Leweke stellt Ihnen .

Anke Leweke über den Film "Comrade Kim goes flying". Mit diesem Spielfilm wurde gestern die nordkoreanische Filmwoche in Berlin eröffnet. Uwe Schmelter hat diese Filmwoche kuratiert. Er war lange Zeit Regionalleiter der Goethe-Institute in Ostasien, unter anderem in Südkorea, und jetzt ist er hier im Studio.

Willkommen, Herr Schmelter!

Uwe Schmelter: Herzlich willkommen!

Meyer: Wie sind Sie denn auf diesen Film "Comrade Kim goes flying" - ist das für Sie auch Propaganda, wie es in unserem Beitrag ja gesagt wurde, oder leichte Propaganda? Wie sehen Sie diesen Film?

Schmelter: Ja, leichte Propaganda, schwere Propaganda - wenn man sich ein wenig auskennt im Umfeld des nordkoreanischen Filmschaffens, dann darf man, was diesen Film anbetrifft, mit Fug und Recht sagen, er ist in der Tat der erste, und das ist auch im Zusammenhang mit der politischen Entwicklung im Nordkorea der letzten ein, zwei Jahre vielleicht nicht so ganz überraschend, er ist in jedem Fall der erste, der die ideologische Ausrichtung der Spielfilme, die normalerweise überall vornean steht, überwindet, sie hinter sich lässt und eben eine Geschichte erzählt, die zum ersten Mal, was nordkoreanische Filme anbetrifft, wirklich als universell bezeichnet werden kann.

Es ist der erste Girl-Power-Film, die Geschichte eines jungen Mädchens, Ihre Einleitung hat das ja gerade schon kurz dargestellt, dass eben alle Zwänge traditioneller Art, Familienzwänge, also das Leben als Kohlenminenarbeiterin, überwindet, gegen alle Ratschläge des Kollektivs, gegen alle Rückschläge und Misserfolge und sich als junges Mädchen eben dann doch durchsetzt und sich ihren beruflichen Traum erfüllen kann.

Meyer: Das, was ja auch neu ist an diesem Film, ist diese Koproduktionsgeschichte, dass mit europäischen Partnern gearbeitet wurde. Was versprechen sich da eigentlich die Partner auf beiden Seiten davon? Fangen wir mal bei Nordkorea an.

Schmelter: Der Vorschlag für diese Koproduktion ist nicht neu. Die allerersten, die eine wirklich tragfähige und sehr erfolgreiche Koproduktion gemacht haben, waren übrigens Deutsche. Das waren wir mit dem Dokumentarfilm von Uli Gaulke, "Leinwandfieber".

Ein Episodenfilm über Filmvorführer rund um die Welt, und da war Nordkorea mit einer Filmvorführerin vertreten, ein Film, der vor allen Dingen in den USA auch ein Riesenerfolg hat, alle Preise eingeheimst hat. Und jetzt eben die erste Spielfilm-Koproduktion, wie Sie gesagt haben richtig, mit Großbritannien und Belgien.

Der Impetus kam aus Europa, also aus Großbritannien und Belgien, von den beiden westlichen Koproduzenten; wurde dankbar aufgegriffen 2011, bei Korfilm, da zeichnete sich also - man ist immer vorsichtig mit so Worten wie Öffnung, aber da zeichnete sich doch eine zunehmende Bereitschaft und ein bisschen Öffnung ab, solche Experimente zu wagen.

Meyer: Ganz kurz: Korfilm ist die staatliche Filmagentur in Nordkorea.

Schmelter: Das ist die staatliche Filmagentur, ja, Import- und Export-Corporation, ja.

Meyer: Dieser Film, wird der auch in Nordkorea breit gezeigt?

Schmelter: Oh ja. Er ist ein Riesenerfolg. Er ist also ein Kultfilm, bei den jungen Menschen vor allem, die nun alle für diese Trapezkünstlerin/Schauspielerin schwärmen und sie zum Vorbild haben.

Meyer: Jetzt zeigen Sie nicht nur diesen Film, sondern auch viele andere, auch ältere Filme, bei der Filmwoche, auch Filme aus den 60er- und 70er-Jahren. Ich hab schon mal so eine Inhaltszusammenfassung vorhin zitiert. Der Held, Kang Ho Jong, kämpft mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln für den Sieg seines Vaterlandes. Ich kenne jetzt nur diese kurzen Zusammenfassungen, die klingen nach Hardcore-Propagandafilm. Ist es das, was Sie zeigen, auch?

Schmelter: Man muss wissen, diese Filmwoche, die jetzt gestern im Babylon startet und übermorgen in Kiel losgeht und dann im Mai in Köln und möglicherweise Ende Mai auch noch in München, wurde designed, sozusagen inhaltlich entworfen, von uns gemeinsam mit den Nordkoreanern, und es war geplant, sie im letzten Jahr, nämlich zum 60. Jahrestag des Koreakriegsendes, zu zeigen.

Historische Dokumentarfilme

Darum diesmal eine "militärische Ausrichtung". Es ist eher eine historische Ausrichtung. Also, es geht um Korea, auch vor der Teilung natürlich. Es zeigt die Geschichte Koreas. Korea ist eines der - ganz Korea ist das einzige Land in der Welt, das nie einen Angriffskrieg geführt hat, bis es zum Koreakrieg kam. Korea musste sich immer verteidigen. Also Kriegsgeschehen ist über 2.000, 3.000 Jahre in Korea hartes Brot gewesen. Und das war der Grund, warum wir jetzt historische Dokumentarfilme, die zum ersten Mal übrigens im westlichen Ausland zu sehen sind, und Spielfilme ausgewählt haben, gemeinsam mit den Koreanern, die diese Thematik umreißen.

Meyer: Gut, das ist der Stoff. Meine Frage zielte eher auf die Darstellung. Sind das jetzt reine Selbstdarstellungen des nordkoreanischen Regimes, die in diesem Film durchschlagen, auch in diesen älteren Filmen zu militärischen Sujets?

Schmelter: Also, mit Sicherheit sind es natürlich alle Filme, die ihren Krieg oder ihre Besatzung, einige Filme spielen ja in der japanischen Besatzung, die natürlich ihren Krieg, ähnlich wie seinerzeit die Sowjetunion und eigentlich bis heute auch Russland den großen vaterländischen Krieg, in Filmen jetzt nicht verherrlichen, aber doch auf ihre Art darstellen und natürlich aus ihrer Sicht auch als siegreiche Nation aus diesem Krieg hervorgegangen sind.

Das kann man propagandistisch nennen, man kann es aber auch natürlich so sehen, dass ein Land in seinen Filmen, noch dazu, wenn sie diese Thematik haben, ein Land so darstellt, wie man sich selber sieht, wie man sich versteht und wie man gesehen werden möchte, sowohl in der eigenen Bevölkerung wie natürlich auch im Ausland.

Meyer: Ich hab vorhin ja schon einmal diesen Bericht der Vereinten Nationen über Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Nordkorea erwähnt, wo es darum geht, dass Zehntausende politische Gefangenen eingesperrt sind, dass Frauen und Kinder ausgebeutet und misshandelt werden in Nordkorea nach diesem Bericht. Dass die Bevölkerung zum Teil ausgehungert wird. Vor diesem Hintergrund, dessen, was wir gerade in dieser Woche erfahren über diesen UN-Bericht, was sagen Sie da, welchen Sinn hat dann so eine Filmwoche, bei der Sie solche Filme zeigen?

Schmelter: Ich glaube, gerade wir Deutschen - nicht nur wir, aber gerade wir Deutschen haben, glaube ich auch, aus unserer eigenen Nachkriegsvergangenheit zumindest, aber letztlich auch schon davor, doch gelernt, dass es nicht sehr hilfreich ist, wenn man es mit schwierigen Staaten zu tun hat, ich will das mal ganz allgemein so nennen und meine auch nicht nur Nordkorea - dass es nicht hilfreich ist, Tür und Fenster zuzumachen, Eisernen Vorhang runter, isolieren, sanktionieren.

Man muss, um zu Essentials zu kommen in solchen Systemen, muss man hineinkommen in diese Systeme. Und gerade über Nordkorea wird ja nun zu Recht, wurde und wird weiterhin auch immer wieder gesagt, wie schwierig es ist, in ein so isoliertes Land hineinzukommen. Wenn dann kulturelle Zusammenarbeit, in diesem Fall jetzt hier Film, wenn aber auch auf anderen Gebieten der kulturellen Zusammenarbeit, des Wissenschaftleraustausches, der Musikzusammenarbeit zwischen Orchestern, Auszubildenden, Musikhochschulen und so weiter. Wenn es dadurch gelingt, und das haben wir Deutschen aus unserer eigenen Vergangenheit eigentlich gelernt, schon nach 1945, wenn es dadurch …

Eine relative Erfolgsstory

Meyer: Sie meinen die Annäherungspolitik zwischen West- und Ostdeutschland.

Schmelter: Genau. Bevor es dazu kam, vor '71, waren es die kulturellen Kanäle vor allem zwischen der Bundesrepublik und der DDR, die, obwohl es links und rechts hin und wieder knallte, offen blieben. Und so haben wir das aus der Sicht damals in Seoul, als ich dort saß, in Südkorea, auch angefangen, weil wir uns gefragt haben, wir haben die Teilung überwunden, ich sitze hier in einem Land, das immer noch geteilt ist, auch als Folge eines Krieges und einer Teilung durch Fremde, ähnlich wie bei uns, auch, wenn das nicht wirklich vergleichbar ist.

Warum versuchen wir eigentlich nicht, durch Deutschland als Mittlernation hier kulturelle Kanäle zu öffnen. Und dies ist, wie man weiß, vor 15 Jahren begonnen und es ist eigentlich auch eine relative Erfolgsstory bis heute.

Meyer: Und einen Versuch in diese Richtung, solche Fenster zu öffnen, ist die nordkoreanische Filmwoche, gestern wurde sie in Berlin eröffnet, kuratiert von Uwe Schmelter. Vielen Dank für den Besuch, Herr Schmelter!

Schmelter: Herzlichen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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