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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.12.2009

Film toppt, Spiel floppt

"Avatar" bleibt als Spiel hinterm Film zurück

David Hain im Gespräch mit Joachim Scholl

Szene aus dem Computerspiel "Avatar" nach dem gleichnamigen Film. (AP)
Szene aus dem Computerspiel "Avatar" nach dem gleichnamigen Film. (AP)

Mit viel Aufwand wird derzeit der Film "Avatar" und das dazugehörige Spiel beworben. Doch die Gameversion ist eher ein Ballerspiel "ohne große Highlights", mäkelt David Hain vom Portal "gamona.de". Eine wirkliche "mediale Konvergenz" zwischen Film und Spiel sei hier nicht gelungen.

Joachim Scholl: Hartwig Tegeler über das Ereignis "Avatar" – ein Film, der Kino und Computerspiel zusammenbringt. Im Studio begrüße ich nun David Hain, er leitet das Ressort Kino/DVD beim Onlineunterhaltungsportal "gamona.de". Guten Tag, Herr Hain!

David Hain: Hallo, ich grüße zurück!

Scholl: Das Computerspiel "Avatar", das kam schon vor drei Wochen auf den Markt, Sie kennen auch den Film, Herr Hain. Geht denn dieses crossmediale Konzept Ihrer Ansicht nach auf?

Hain: Das wird sich erst mal zeigen müssen in den nächsten Wochen. Zum einen muss sich zeigen, wie der Film performt an den Kinokassen, zum anderen muss sich zeigen, wie das Spiel denn wirklich sich verkauft. Wenn es nach den Produzenten geht, dann geht's natürlich auf, allerdings ist es nicht das erste Mal, dass versucht wird, Computerspiel und Film zusammenzubringen und beides zusammen zu entwickeln, und in der Vergangenheit ist es bisher nie gelungen. Also ich denke, eher nicht.

Scholl: Das vertiefen wir gleich. Wie müssen wir uns denn das Spiel zum Film vorstellen?

Hain: Das Spiel erzählt im Prinzip die Vorgeschichte. Also der Film spielt auf Pandora, das ist ein ferner Planet, und jetzt ist es dann so, dass das Spiel quasi diesen Konflikt zwischen Mensch und Na'vi, dieser einheimischen Rasse, erzählt, wie es denn dazu gekommen ist, und dann schlüpft man in die Rolle von Mensch oder Na'vi und schießt sich dann quasi zum Ende des Levels.

Scholl: Ein Ballerspiel also?

Hain: Es ist ein Ballerspiel, genau.

Scholl: Wie finden Sie es?

Hain: Ich muss sagen, ich finde es nicht gut, also die Kommentare der Presse sind nicht gut. Wir haben es auch schon gespielt, und es ist eigentlich ein sehr generischer Titel. Das heißt, es läuft dann im Prinzip darauf hinaus, dass man die ganze Zeit nur prügelt oder ballert und ja, das ohne große Highlights und spektakuläre Momente, eigentlich sehr langweilig.
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Scholl: Braucht der Computerspieler den Film und wird der Kinogeher eventuell zum Computerspielen animiert?

Hain: Ich denke, eher nicht. Das Problem ist ja, dass beides auch sehr unterschiedliche Anforderungen hat. Also als Kinogänger wird man mit dem Computerspiel nicht unbedingt was anfangen können und umgekehrt. Im Kino ist man ja darauf angewiesen, dass man zwei Stunden lang unterhalten wird, und im Computerspiel möchte der Computerspieler hineingezogen werden in die Erfahrung und interaktive Aktionen erledigen können. Das heißt, beide Lager sind im Prinzip voneinander getrennt, und ich denke nicht, dass eins von beiden den anderen da rüberziehen wird.

Scholl: Jetzt sagen Sie, dass es eigentlich ein banales Ballerspiel ist. Ich bin doch ein bisschen verwundert. Also seit Wochen hören wir von diesem Megaereignis, Computerspiel und Film, und der Film soll also ein Wahnsinnsteil sein mit 300 Millionen Produktionskosten, das Spiel ist auch seit Jahren entwickelt, also alle Beteiligten tröten dermaßen ins Horn, und jetzt ist dieses Spiel eigentlich für einen Profi wie Sie blöd?

Hain: Es ist erstaunlich: John Landau, der Produzent des Films, hatte vor Kurzem gesagt, dass Computerspiele niemals in der Lage sein werden, so gut die Geschichten zu erzählen wie Kinofilme. Und daran zeigt sich im Prinzip schon, dass der Mann nicht wirklich eine Ahnung hat, wo Computerspiele sich heutzutage befinden, wenn man sich gerade mal die großen Highlights dieses Jahres allein anguckt, was jetzt im Winter herausgekommen ist. Nehmen wir mal zum Beispiel ein aktuelles Beispiel: "Dragon Age Origins" ist ein Rollenspiel, wo eine ganz großartige Geschichte erzählt wird, wo man zudem aber auch eigene Entscheidungen treffen kann und Teil des Spiels wird. Und auf narrativer Ebene befinden sich Computerspiel und Film sicherlich irgendwo auf einer Ebene, allerdings hat, was das Gesamt-Geschichten-Erzählen angeht, das Computerspiel den Film längst überholt.

Scholl: Nun haben Sie es vorhin schon erwähnt, Herr Hain, es hat schon vorher dieses Spiel-zum-Film-Ding gegeben, also bei "Matrix" oder beim "Herrn der Ringe" haben wir das gesehen, bei "Batman", und es hieß in Ihrer Branche oft: Der Film toppt, das Spiel floppt. Und Sie erwarten das auch bei "Avatar", so wie ich Ihre Rede höre. Warum ist das eigentlich so?

Hain: Na ja, das ist ja schon eine lange Geschichte. Eins der ersten, wo ich mich erinnern kann, dass es so gemacht wurde, war "E.T.", und "E.T.", das Computerspiel, gilt als einer der größten Flops der gesamten Branche und auch als eines der schlechtesten Computerspiele der Geschichte, und ich glaube auch, die Spieler lassen sich nicht mehr hinters Licht führen. Die wissen einfach, die Spiele dazu, die sind nicht gut, und ja, es bestätigt sich halt immer wieder und jetzt bei "Avatar" halt auch.

Scholl: "Avatar", der Film, das Spiel hier in einer Analyse des Spieleexperten David Hain, zu Gast im Deutschlandradio Kultur. John Landau, Sie haben den Namen auch schon genannt und ihn gleich sozusagen mit dem Prädikat des Ahnungslosen versehen, wenn es um Computerspiele geht. Er hat die Hoffnung geäußert also, dass nun mit diesem Film eine neue Ära beginnen möge, dass Hollywood und die Spieleindustrie erfolgreich zusammengehen, neue Märkte erschließen, neue Zielgruppen. Beginnt nun wirklich eine neue Zeit für beide Medien, Film und Spiele, wie sehen Sie das?

Hain: Ich denke, eher nicht. Dafür müsste wirklich auf beiden Seiten auch ... Dafür müsste man sich wirklich zusammensetzen und gucken, wie kann man wirklich mediale Konvergenz erschaffen, dass Computerspiel und Film sich perfekt ergänzen. Bisher ist das einfach noch nie der Fall gewesen, und man müsste wirklich zusammenarbeiten. Hier bei "Avatar" merkt man ganz stark, dass ein Computerspielteam engagiert wurde, dem man gesagt hat, hey, macht mal aus dem Film ein Computerspiel, und dann wurden die Jungs alleine gelassen. Jetzt das Ergebnis zeigt ganz deutlich, dass da nicht zusammengearbeitet wurde. Also wenn man da in der Lage ist, das in der Zukunft besser zu gestalten, dann könnte das schon sein. Ich denke aber, dass …

Scholl: Die Protagonisten, die behaupten ja, dass sie doll zusammengearbeitet haben. Also dieser Janis Mellard, der Chefentwickler des Spiels der Firma Ubisoft, der also, der hat ganz begeistert erzählt, dass James Cameron immer gekommen sei und sie hätten dann Figuren erfunden. Er hätte gesagt, diese Figuren sind toll, die übernehme ich dann in meinem Film, also Konvergenz der Medien sei hier schon hergestellt, ja. Na gut, das ist natürlich die Promotereuphorie, die teilen Sie keineswegs.

Hain: Das sei mal dahingestellt. James Cameron gilt als großer Pedant, der sich in sein Werk vor allen Dingen auch nicht hineinpfuschen lässt. Wenn man jetzt das Endergebnis sieht, dann wage ich stark zu bezweifeln, dass James Cameron da einmal ein Auge drauf geworfen hat. Möglicherweise auf die Grafik, denn grafisch sieht das Ganze ganz okay aus. Auch da muss man sagen, ist der Film weit voraus dem Computerspiel, und das Computerspiel hinkt aktuellen Computerspielstandards stark hinterher. Aber ansonsten denke ich nicht, dass da James Cameron irgendwie mit involviert gewesen ist, sonst würde man es dem Spiel halt doch etwa anmerken.

Scholl: Ich möchte mal auf das zurückkommen, was Sie vorhin sagten, dass eigentlich die richtig guten Computerspiele fast die besseren Geschichten erzählen als im Kino. Ich meine, die wirtschaftliche Zielgruppe jetzt auch bei diesem "Ereignis" in Anführungszeichen sind ganz klar die jungen Leute, die mit Computerspielen aufwachsen, also meine Generation wird da gar nicht mehr mit berechnet. Wie ist Ihre Erfahrung, die Sie auch bei Ihrer Firma gamona machen. Interessieren sich also die jungen sogenannten Gamer überhaupt noch fürs traditionelle Kino?

Hain: Sehr stark sogar. Gamona war ja früher eigentlich nur ein Spielemagazin, und wir haben dann gemerkt, dass das Interesse für Kinofilme so stark ist bei der jungen Zielgruppe, dass es für uns Sinn machen würde, sogar uns das auszuweiten. Und jetzt merkt man ganz klar, gerade auch an den vielen Filmen, die zu Computerspielen entwickelt werden, dass diese Zielgruppen beinahe miteinander verschwimmen. Und ja, also es ist auf jeden Fall so.

Scholl: Also wenn ich Sie recht verstehe, ist eher eigentlich eher der umgekehrte Effekt dann vielleicht die Zukunftstendenz, also nicht mehr, dass sozusagen Film und Computerspiel zusammengehen, sondern dass aus den Computerspielen die erfolgreichen Filme entwickelt werden?

Hain: Das ist tatsächlich in den letzten Jahren zu beobachten. Wenn man mal gerade "Tomb Raider" nimmt mit Lara Croft, da waren auch die Filme sehr erfolgreich, und auch da wurden ja jedes Jahr mehrere Filme entwickelt, die auf Computerspielen basieren. Da ist es allerdings auch umgekehrt, so wie Sie vorhin sagten, der Film toppt, das Spiel floppt – da ist es meistens so, dass das Spiel toppt und der Film dann floppt, weil so funktioniert es leider auch nicht.

Scholl: Was wären denn noch so Spiele, wo diese Art von Bimedialität wirklich gelingt, Film und Computerspiel wirklich so eine Einheit bilden?

Hain: Mir würde jetzt im Prinzip eigentlich nur aus der Vergangenheit "Enter the Matrix" einfallen, das ist das Spiel zum Film "Matrix Reloaded" gewesen, der 2003 in die Kinos kam. Da war es wirklich auch so, dass die Wachowski-Brüder, die den Film gedreht haben, das Drehbuch für das Spiel geschrieben haben und dann quasi die Szenen, die im Film nicht zu sehen waren, konnte man als Spieler dann im Spiel nachempfinden. Und das war dann quasi wirklich so, dass man, wenn man das komplette Ereignis "Matrix" haben wollte, dann musste man beides auch gespielt haben. Das wäre das Beispiel, wo ich finden würde, das ist am besten gelungen.

Scholl: "Avatar" und die Zukunft des Kinos und der Computerspiele. Das war David Hain von dem Unterhaltungsportal gamona.de. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Hain: Ich danke auch, auf Wiedersehen!

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