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Thema / Archiv | Beitrag vom 30.05.2011

FIFA ist "ein Synonym für Bestechung"

Sportredakteur Kistner wettet kein Weißbier auf Blatters Wiederwahl

Thomas Kistner im Gespräch mit Klaus Pokatzky

Wackelt FIFA-Präsident Josef Blatter? (AP)
Wackelt FIFA-Präsident Josef Blatter? (AP)

Laut Thomas Kistner trägt bei dem Weltfußballverband FIFA zwar alles die Handschrift von Präsident Joseph Blatter. Dennoch hält der Sportjournalist der "Süddeutschen Zeitung" eine Suspendierung des FIFA-Chefs durch die verbandseigene Ethikkommission für möglich.

Klaus Pokatzky: Der australische Politiker Nick Xenophon will vom Fußball-Weltverband FIFA die australischen Ausgaben für die Bewerbung um die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 erstattet haben. Die Begründung von Nick Xenophon lautet so: Wir haben fast 46 Millionen Dollar für eine Bewerbung ausgegeben, mit der wir nicht den Hauch einer Chance hatten, weil Stimmen mit Bestechungsgeldern gekauft wurden. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 geht ja bekanntlich in die Wüste von Katar, und das hat der Präsident des Fußballverbandes dorthin gekriegt, Mohamed bin Hammam. Der wollte eigentlich am Mittwoch gegen den FIFA-Präsidenten Sepp Blatter antreten und der oberste Chef des Weltfußballs werden, aber nun, am Wochenende, ist Mohamed bin Hammam gemeinsam mit einem Kollegen erst einmal für 30 Tage von seinen FIFA-Ämtern suspendiert worden, weil er angeblich Stimmen kaufen wollte. In Zürich, der braven Stadt in der Schweiz, wo das alles über die Bühne gegangen ist, begrüße ich nun Thomas Kistner, Sportredakteur der "Süddeutschen Zeitung" – guten Tag, Herr Kistner!

Thomas Kistner: Guten Tag!

Pokatzky: Herr Kistner, Sie haben am Freitag im Magazin der "Süddeutschen" einen großen Artikel geschrieben über den Blatter-Konkurrenten Mohamed bin Hammam als den möglichen Blatter-Nachfolger – hätten Sie sich diese Entwicklung vorstellen können, als Sie letzte Woche Ihren Artikel geschrieben haben?

Kistner: Durchaus, denn ich weise in diesem Artikel ja auch darauf hin, dass alles möglich ist und dass die Schlammschlachten toben werden, dass alle möglichen Materialien bereits im Umlauf sind, die einer gegen den anderen ausspielen kann, und insofern hat das Ganze ein bisschen seherische Kraft entwickelt.

Pokatzky: Genau. Sie schließen ja gar nichts aus, also so ein bisschen könnte man fast das Gefühl haben, hier könnte schon eine Verschwörung dahinterstecken, denn Sie stellen ja auch die Frage in Ihrem Artikel vom Freitag: Worauf spielte Mohamed bin Hammams Rivale Sepp Blatter an, als er im März im Schweizer Fernsehen bezweifelte, dass bin Hammam am Ende überhaupt gegen ihn kandidieren werde. Haben wir es also hier mit einer Verschwörung zu tun?

Kistner: Ganz offenkundig, der Überzeugung sind mittlerweile nicht nur die Betroffenen. Im Übrigen ist hier in der FIFA-Fußballwelt so ziemlich alles so eng verkleistert und verfilzt miteinander, dass es ziemlich schwer ist, irgendwelche Entscheidungen und Vorgänge so zu interpretieren, als gäbe es da kein kollusives Zusammenwirken von einem oder von einigen oder gar sehr vielen Mitgliedern. Also das ist hier sicherlich der Fall, wobei die damals von bin Hammam benannte Verschwörung, dass Blatter also versucht, beim Emir gegen ihn vorzugehen, gegen ihn zu intrigieren ...

Pokatzky: Also dem Herrscher des Staates Katar ...

Kistner: Genau, beim Emir von Katar – den Versuch hat es in der Tat gegeben, dort zu intervenieren, aber bin Hammam ist nicht zurückgepfiffen worden.

Pokatzky: Warum hat er jetzt überhaupt kandidiert? Hat er auch so ein großes Ego wie Sepp Blatter oder ist er wirklich doch eher so ein altruistisch geprägter Mensch, der uns diese schönste Nebensache der Welt möglich machen will?

Kistner: Ich würde mal sagen, keines von beiden. Er hat weder auch nur annähernd dieses ausgeprägte Ego, das Blatter eignet, noch hat er altruistische Ziele. Die hat meines Wissens eigentlich niemand in diesem Vorstand, da muss man es auch erst mal hineinschaffen. Und spätestens dann hat man, glaube ich, diese Dinge wirklich abgelegt. Wir dürfen nicht vergessen, zehn der 24 FIFA-Vorständler im Moment waren schon Gegenstand der Ethikkommission. Also das würde ich beides verneinen. Bin Hammam hatte sehr persönliche Ziele, er wollte vor allem die Ära Blatter beenden und gar nicht so sehr selber Präsident werden. Und wenn man sieht, wie die Entwicklungen im Moment sind, dann besteht immer noch die Möglichkeit, dass er sein Ziel erreicht, denn die Präsidentschaft könnte dann irgendeinem Dritten, den wir jetzt noch nicht kennen, zufallen.

Pokatzky: Was hätte denn eine Wahl von bin Hammam oder jetzt vielleicht von einem möglichen Dritten, was könnte das denn für die FIFA und den internationalen Fußball bedeuten, abgesehen davon, dass es das Ende der Ära Blatter wäre?

Kistner: Das wäre sicherlich schon mal der bedeutendste Schritt überhaupt, denn die Ära Blatter, das ist ja nicht irgendeine Einzelära, sondern das ist im Grunde genommen die Geschichte der FIFA in den letzten 36 Jahren. Joseph Blatter hat in verschiedenen Funktionen erst als Direktor, dann als Generalsekretär und schließlich 13 Jahre lang nun immerhin auch schon als Präsident die Geschicke der FIFA gelenkt, also hier trägt wirklich alles seine Handschrift. Und wer auch immer ihn in diesem Amt mal beerben sollte – vielleicht demnächst, vielleicht auch erst in vier Jahren wieder –, wird da für einen Umbruch stehen. Das wäre sicherlich die gute Nachricht aus Sicht des Weltfußballs. Wer es dann ist und was er dann jeweils für eigene Ziele und Ambitionen hat, das muss man dahinstellen. Dazu muss man wissen, wer antritt – Mohamed bin Hammam hatte immerhin in seinem Wahlprogramm einige Punkte geführt, die zumindest gut klangen, man hätte ihn daran messen können und hätte ihn dann immer noch attackieren können. Aber anders als Blatter hat er konkrete Programme und Ziele benannt, und dass er sie nicht mehr umsetzen werden kann, das ist mittlerweile klar.

Pokatzky: Welche konkreten Ziele wären das, die jetzt vielleicht ein Dritter dann umsetzen könnte?

Kistner: Das war beispielsweise die Begrenzung der Amtszeit für Spitzenfunktionäre auf acht Jahre. Er hat das begründet mit der Feststellung, dass man in acht Jahren alle Vorstellungen und Ideen einbringen könne, die man hat, danach geht es ans Verwalten – das ist eine sehr richtige Feststellung. Die Frage wäre hier natürlich gewesen, ob er sich selber dran hält, ob er das dann auch wirklich so umsetzt. Er wollte weiter die Saläre für Spitzenfunktionäre offenlegen, auch das wäre ein sehr guter und wichtiger Schritt gewesen, wäre ihm sogar abzunehmen gewesen, denn bin Hammam hat sicherlich keine Geldsorgen, aus dem reichen Katar stammend, als Unternehmer, und der hätte sicherlich kein Problem mit einer Offenlegung gehabt. Und er hat dann auch für ein freies WM-Vergabesystem propagiert. Er hat gesagt, also er würde sich dafür einsetzen als Präsident, dass künftig per freier Abstimmung gewählt würde – das würde dann entsprechende Deals verhindern.

Pokatzky: Wie schafft es eigentlich Joseph alias Sepp Blatter immer, immer wieder, die Entwicklung in seinem Sinne so zu beeinflussen, wie das gerade wieder passiert? Was macht ihn so stark?

Kistner: Na ja, er kennt alles und jeden in dieser Fußballwelt, und nicht wenige von denen, die in den letzten 10, 20, 25 Jahren im Fußball groß geworden sind in irgendwelchen Funktionärsdiensten, hat er mit befördert oder steht sonst wie in seiner Abhängigkeit, schuldet ihm Dank oder was auch immer. Und dann hat er dafür gesorgt, dass er immer wieder sich solcher Personen entledigt hat oder entledigen ließ, die ihm zu stark geworden sind. Er hat selbst an dem großen Kontinentalpräsidenten immer wieder rumgerüttelt, er hat versucht, den afrikanischen Kontinentalchef zu ersetzen durch einen Gegenkandidaten, das Gleiche auch mit bin Hammam – daher rührt der Streit zwischen den beiden –, und in der UEFA hat er es sogar geschafft mit seinem eigenen Assistenten, Michel Platini, einen neuen Präsidenten zu installieren gegen den damaligen Erzfeind, den er hatte, Lennart Johansson.

Pokatzky: Wie beschädigt ist denn jetzt der Fußball durch diese Schlammschlacht, die es ja so in der Geschichte der FIFA noch nicht gegeben hat?

Kistner: Der ist sicherlich im Moment kaum zu bewerten, der Schaden, der da entstanden ist. Das Kürzel FIFA ist sicherlich ein Synonym für Bestechung mittlerweile geworden und wird es auch lange Zeit bleiben. Das war ja vorher schon ein ziemliches Schattenreich, wie man weiß, aber mittlerweile glaube ich, die Vorgänge hier setzen den ganzen Betrachtungen da noch die Krone auf. Wir müssen ja sehen, wir stecken noch mittendrin in diesen Entwicklungen, da kann noch einiges kommen, es sind noch zwei Tage hin bis zum Kongress am Mittwoch, und noch immer sind keine strafrechtlich relevanten Dinge aufgetaucht, die es fraglos geben dürfte.

Pokatzky: Also auch, wenn ich am Anfang diesen australischen Politiker, der originellerweise jetzt das Geld von der FIFA als Schadensersatz zurückhaben will, was Australien investiert hat für 2022, damit kein Missverständnis entsteht, es geht jetzt nicht darum, dass damals Katar möglicherweise geschmiert hätte, sondern bei dem aktuellen Fall geht es darum, dass Stimmen gekauft wurden, was bin Hammam vorgeworfen wird, und zwar vor allem aus der karibischen, der zentralamerikanischen Fußballkonföderation. Wie sind denn überhaupt die FIFA-Statuten zu solchen Geschichten überhaupt zu Korruption, reichen die aus?

Kistner: Die reichen in keinster Weise aus, die sind extrem elastisch. Das wird ja auch immer wieder beklagt von den Bewerbern, dass sie im Grunde genommen ständig – das hat im Übrigen auch Katar beklagt –, man müsse ständig auf die anderen schauen, weil die Statuten eigentlich so viel Spielraum lassen für alle möglichen Durchstechereien, dass man sich gar nicht drauf verlassen kann, dass andere, die unsauber spielen, auch wirklich auffliegen. Und das impliziert ja auch schon das Eingeständnis, dass man zur Not lieber selber auch alles Mögliche versucht, was nur machbar ist. Wenn wir jetzt die Vorwürfe dazunehmen, die in England, vom Bewerber England erhoben worden sind, vorm Parlament immerhin, unter diesen Bedingungen, dass nämlich FIFA-Offizielle selber gekommen sind zu den Bewerbern und gefragt haben, was habt ihr denn für mich, und teilweise mit konkreten Vorschlägen, dann ergibt sich hier natürlich schon ein Bild, dass hier klare Korruption herrscht. Und daraus kann man als unterlegener Bewerber dann auch ableiten, dass man von vornherein nie wirklich eine Chance hatte.

Pokatzky: Es wird jetzt Sepp Blatter auch vorgeworfen, dass er selber möglicherweise Stimmen gekauft hat, er soll der nord- und zentralamerikanischen und karibischen Fußballkonföderation eine Million Dollar geschenkt haben. Sepp Blatter will ja offenbar heute Abend um 18 Uhr auf einer Pressekonferenz dazu Stellung nehmen, zu diesen Vorwürfen. Herr Kistner, was würden Sie wetten, dass der FIFA-Präsident am Mittwoch tatsächlich noch Sepp Blatter heißt?

Kistner: Im Moment würde ich nicht über den Preis einer Apfelschorle hinausgehen, denn ...

Pokatzky: Also noch nicht mal Weißbier?

Kistner: Auch nicht Weißbier, nein – denn im Moment ist da wirklich alles möglich. Die Ethikkommission, die gestern ja seinen Herausforderer, bin Hammam, mit der ausdrücklichen Erklärung, dass er nicht schuldig sei, sondern dass man ihn einfach aus dem Verkehr ziehen müsse jetzt, sprich suspendieren, weil man die Sache untersuchen müsse, mit der gleichen Begründung müsste die Ethikkommission jetzt an diese Sache rangehen, denn die Vorwürfe sind massiv und sie sind in gewisser Weise schon bestätigt worden – Michel Platini kennt den Vorgang zumindest –, es müsste jetzt untersucht werden.

Pokatzky: Der Vertreter von Sepp Blatter.

Kistner: Der vorhin schon erwähnte Vertreter von Sepp Blatter, der Chef des UEFA-Verbandes. Und dann müsste hier mit gleicher Elle gemessen werden und man müsste ein Verfahren wiedereröffnen und Blatter suspendieren – ohne Schuldzuweisung natürlich. Aber er könnte ja diesen Prozess auch behindern, und das würde dann bedeuten, dass am Mittwoch nicht gewählt wird, sondern irgendein Interregnum installiert würde.

Pokatzky: Und ob er dann am Mittwoch tatsächlich noch der FIFA-Präsident ist, Sepp Blatter, darauf würde unser Kollege Thomas Kistner, Sportredakteur der "Süddeutschen", auf jeden Fall kein Weißbier wetten. Herr Kistner, ganz herzlichen Dank und viel Spaß heute Abend bei der Pressekonferenz in Zürich mit dem Noch-FIFA-Präsidenten Joseph Blatter – tschüss!

Kistner: Ciao!

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