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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.03.2011

Fernsehen und Internet als Partner

Mainzer Tage der Fernsehkritik mit Debatten über Facebook und "Guttenplag"

Von Ludger Fittkau

Satelllitenschüsseln an der Fassade eines Hochhauses (picture alliance)
Satelllitenschüsseln an der Fassade eines Hochhauses (picture alliance)

Wie können Journalisten angesichts von Atomkatastrophe und Krieg gegen Gaddafi berichten, was wirklich passiert? Welche Quellen sind zuverlässig? Darüber wurde in Mainz engagiert diskutiert.

Sogar Internet-Nutzer finden angesichts der japanischen Atomkatastrophe über das Netz verstärkt den Weg zu den "alten" Medien - auch zum Fernsehen. Der Grund: Die Suche nach verlässlichen Informationen. ZDF-Intendant Markus Schächter:

"In der Tat. Eine Bestätigung, dass die Menschen uns glauben. Sie kommen in solchen Krisen auf uns zu. Wir haben eine Akzeptanz der besonderen Art. Und zwar eine Akzeptanz über ganze Strecken. Jetzt, am 11. Tag, lässt nichts nach, weil die Fragen so bleiben wie sie sind."

Diese Fragen führen mehr und mehr zu einer eine medialen Wechselwirkung von Internet und
klassischen Massenmedien. Die Internet-Communities, Zeitungen sowie Radio und Fernsehen gehen verstärkt eine multimediale Symbiose ein, durch die so viel Informationen wie möglich bereitgestellt werden können. Vor allem Facebook mit seinen 600 Millionen Nutzern weltweit bildet einen Kristallisationspunkt, so Markus Schächter. Das sei seiner Meinung nach zwar ein Hype, der in einigen Jahren sicher wieder vorbei sei. Aber:

"Welche Kraft dahintersteckt, sagen uns unsere Auslandskorrespondenten, zum Teil in der tunesischen Revolution. In dem, was in China abgeht, was in Japan als Kommunikationselement stattfindet oder das, was ich bei meinen Kindern zuhause sehe. Die sind untereinander deutlich kommunikativer als mit mir, weil sie mit den neuen Medien so umgehen."

Doch wie müssen und können Journalisten angesichts von Atomkatastrophe und Krieg gegen Gaddafi berichten, was wirklich passiert? Führen zivilisatorische Krisen wie in Japan oder in Libyen nicht zwangsläufig auch zu einer Krise des journalistischen Erzählens?

Für den Münchener Physiker und Fernsehmoderator Professor Harald Lesch sind fehlende Daten etwa über das Ausmaß der Tsunami-Schäden in Fukushima das vorläufige Ende einer seriösen Berichterstattung:

"Und dann kann man nix mehr erzählen. Da gibt es keine Erzählungen mehr, sondern da muss man erst mal sammeln, um darauf eine solche Erzählung von so einer Katastrophe machen zu können."

Das Sammeln von Informationen sollte nicht darauf beschränkt bleiben, sich im Internet oder im Fernsehen zu informieren. Dafür plädierte in Mainz die ehemalige Bischöfin Margot Käßmann. Das persönliche Gespräch unter Anwesenden könne durch elektronische Medien nicht ersetzt werden. Wenn jetzt zum Beispiel die Glaubwürdigkeit der Bundesregierung bei der Atompolitik in Frage gestellt werde, würde sie im Zweifel auf ein persönliches Gespräch mit den Verantwortlichen setzen, so Käßmann:

"Ich sage, das Unbehagen und der Verdacht sind da. Und gleichzeitig, wenn mir jemand gegenüber treten würde und sagen würde: Das erschüttert mich jetzt derart und stellt meine Grundvoraussetzung, die ich bis dato gesehen, völlig auf den Kopf, jetzt muss sich was ändern, ich denke, dann würde ich ihm auch einen Vertrauensvorschuss geben, Ich denke, man muss jemanden auch zugestehen, dass eine Katastrophe seine Meinung ändert. (…) Das alles, was Politiker tun unter dem permanenten Verdacht steht, sie tun es nur aus taktischen Gründen, niemand tut mehr was aus Überzeugung, das fände ich auch schwierig. Wer will dann noch Politiker sein in diesem Land? Ich kann machen was ich will, als Politiker, man traut mir nicht zu, das ich es ehrlich meine…"

Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit – das ist gerade in Zeiten großer politischer Erschütterungen auch etwas, das die Mediennutzer bei öffentlich-rechtlichen Medien suchen. Die Fernsehsendungen dienen unter anderem als Filter und Einordnungsinstanz dessen, was im Internet recherchiert wurde. Auch beim Plagiatsfall zu Guttenberg habe es ein sogenanntes "social crowding" im Netz gegeben, an das das Fernsehen und andere Medien anknüpfen konnten, beschreibt ZDF-Chef Markus Schächter:

"Hier in dieser Situation von Guttenberg gab es eine Bewegung, wo eine wissenschaftliche Community über die Frage 'Was ist erlaubt, was ist möglich?' von mal zu mal über neue Suchmaschinen sich zusammengefunden hat, um zu sagen: Das ist ja nicht nur ein Zitat aus der FAZ, sondern es geht weiter. Für uns war das eine einzuordnende Geschichte, die zum Schluss – auch wieder 'Heute Journal' – den Nachfolger des Doktorvaters in Bayreuth gefragt hat: 'Wie ist das wissenschaftlich zu bewerten?' Das war für uns, wenn ich das richtig sehe, auch der Schlusspunkt einer Einordnung die letzten Endes auch zu Konsequenzen auch in verschiedenen anderen Formen geführt hat."

Das heißt im Klartext: Die Recherchen von "Guttenplag" im Internet haben dazu geführt, dass der Bayreuther Rechtsgelehrte Oliver Lepsius im "Heute Journal" klipp und klar von einen Betrugsfall sprechen konnte und damit den Rücktritt zu Guttenberg mit erzwungen hat.
Ein schlagendes Beispiel für die neue Kooperation von chaotischer Schwarmintelligenz im Internet mit der abwägenden journalistischen Entscheidung der hierarchischen Organisation Fernsehen - wie Harald Lesch die beiden Medien in Mainz strukturell voneinander abgrenzt. Damit sind dann auch die politischen Grenzen einer Verschmelzung von TV und Internet gesteckt.

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