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Thema / Archiv | Beitrag vom 16.04.2009

Experte Nabrings: Bergungsarbeiten am Kölner Stadtarchiv dauern noch Monate

Arie Nabrings im Gespräch mit Susanne Führer

Bücher liegen unter der eingestürzten Hauswand des Historischen Kölner Stadtarchivs. (AP)
Bücher liegen unter der eingestürzten Hauswand des Historischen Kölner Stadtarchivs. (AP)

Der Leiter des Archivberatungszentrums beim Landschaftsverband Rheinland, Arie Nabrings, schätzt, dass die Arbeiten zur Bergung der verschütteten Archivalien in Köln noch etwa ein halbes Jahr dauern werden. Zugleich zeigte er sich erfreut über die Solidarität in der Archivwelt.

Susanne Führer: Sechs Wochen ist es her, dass das Kölner Stadtarchiv eingestürzt ist und mit ihm zigtausende kostbarste und einzigartige Archivalien. Täglich werden Dokumente aus dem Bauschutt geborgen, aus Sicherheitsgründen übrigens nur von Feuerwehrleuten, und manche dieser Archivgüter sind dann fast unversehrt, andere aber in desolatem Zustand. Über den Stand der Rettungs- und Restaurierungsarbeiten will ich nun mit Dr. Arie Nabrings sprechen. Er ist der Leiter des Archivberatungszentrums beim Landschaftsverband Rheinland. Guten Morgen, Herr Nabrings!

Arie Nabrings: Schönen guten Morgen!

Führer: Diese kulturelle Katastrophe hat ja nicht nur die Stadt Köln alarmiert, sondern das gesamte deutsche Archivwesen. Erfahren Sie eigentlich viel Hilfe von Kollegen aus anderen Städten?

Nabrings: Ja, in dieser schwierigen und für die Kölner Kollegen auch bedrückenden katastrophalen Situation ist es erfreulich zu sehen, welche breite Solidarität in der Archivwelt, aber auch darüber hinaus bei den Museen oder anderen Kultureinrichtungen erfahren wird. Es kommen aus dem ganzen Bundesgebiet und zum Teil auch aus den benachbarten Ländern - Niederlande, Belgien - Hilfsangebote, die den Kölner Kollegen zur Seite stehen wollen und auch von ihnen genutzt werden.

Führer: Was denn für Hilfsangebote?

Nabrings: Das sieht so aus, dass sich die Kolleginnen und Kollegen melden, bei den Bergungsarbeiten behilflich sind. Das geschieht - das muss man sagen - vielfach in der Freizeit, am Wochenende. Es werden zum Teil auch Urlaubstage dafür eingesetzt, um in Köln helfen zu können.

Führer: Herr Nabrings, wie hilft denn Ihr Archivberatungszentrum?

Nabrings: Wir haben bei uns in der Archivberatung Archivare, Restauratoren, Fachkräfte, die für diese Aufgabe nun zumindest theoretisch vorbereitet waren und auch praktisch helfen können. Das sieht so aus, dass wir gesagt haben, für die nächsten acht bis zehn Monate wird ein Archivar, Archivarin und ein Restaurator oder eine Restauratorin unserer Dienststelle regelmäßig in Köln tätig sein.

Und weiter sind wir dabei, ein Team zusammenzustellen, die die praktischen Arbeiten bei der Bergung des Materials bewerkstelligen. Dieses Team ist nötig, weil es darauf ankommt, untereinander zu kommunizieren, man muss sich kennen, es sind Handgriffe, die ineinanderfließen müssen. Und da ist es schon ganz wichtig, wenn da ein Zusammenhang da ist. Dieses Team werden wir über Arbeitskräfte versuchen zusammenzustellen bzw. wir haben schon welche gefunden, die über die sogenannten Ein-Euro-Jobber, die ARGE-Kräfte. Und da ist hier die Gesellschaft für gemeinnützige Arbeit im Rhein-Erft-Kreis äußerst konstruktiv und hilfreich und hat uns auch Arbeitskräfte vermittelt.

Führer: Herr Nabrings, noch laufen ja die Bergungsarbeiten in der Severinstraße. Ist denn abzusehen, wie lange das noch dauern wird?

Nabrings: Da gibt es unterschiedliche Aussagen, das ist auch nicht verwunderlich. Man muss sagen, dass die Arbeiten zurzeit sehr gut voranschreiten, so gut, dass man optimistisch davon ausgeht – so sind die Zahlen, die mir genannt worden sind –, vielleicht in sechs Monaten fertig zu sein, aber es kann auch noch bis zu einem Jahr dauern. Das hängt eben eigentlich von der Situation ab, die man vorfindet. Man kommt jetzt in immer tiefere Schichten, und je tiefer man kommt, desto schwieriger wird es.

Führer: Wenn jetzt also die Feuerwehrleute sagen wir mal ein Buch oder einen Aktendeckel jetzt aus dem Schutt gezogen haben, was passiert dann damit?

Nabrings: Also es gibt die Bergungsstelle, das ist der Ort des Stadtarchivs an der Severinstraße. Dort wird das Material von Hand verlesen von Mitarbeitern der Feuerwehr und des Technischen Hilfswerks. Das wird dann etwas getrennt von der Bergungsstelle an einem Ort zusammengeführt, dann in Kartons verpackt, sofern es trocken ist, und es wird, sofern es nass ist, in spezielle Behälter verbracht, um es gefrierzutrocknen bzw. erst einmal schockzugefrieren und dann gefrierzutrocknen. Das tut man, um weitere Schädigungsprozesse, zum Beispiel durch Schimmelpilz, womit man bei diesen Temperaturen rechnen muss, dass er sich bildet, aufzuhalten und zu stoppen.

Führer: Wo werden die Sachen dann hingebracht, die sind doch teilweise sehr kostbar? Dürfen Sie das überhaupt verraten, wo das hingebracht wird?

Nabrings: Das werde ich auch nicht verraten, sie werden aber an einen sicheren Ort verbracht, ein sogenanntes Erstversorgungszentrum, wo eine weitere, ja, sagen wir mal erste Hilfe an den Archivalien erfolgt. Das ist in Köln, und dort sind sehr viele Kolleginnen und Kollegen von morgens bis spätabends im Einsatz, um das, was geborgen wurde, wieder in Kartons einzupacken, um es dann in Archive auszulagern, die Regalflächen frei haben. Archive sind ja so angelegt, dass sie auf Zuwachs geplant sind, aber für eine gewisse Zeit stehen diese Regalflächen dann zur Verfügung. Unter anderem haben wir ja auch hier beim Landschaftsverband Rheinland in unserem Archiv gut ein Kilometer Material zwischengelagert.

Führer: Genau, das kommt an die verschiedensten Orte, überall, wo Platz ist. Dr. Arie Nabrings, Leiter des Archivberatungszentrums beim Landschaftsverband Rheinland im Deutschlandradio Kultur, sechs Wochen nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs sprechen wir über den Stand der Rettung der Archivgüter. Herr Nabrings, gab es eigentlich bei den Bergungs- und, ja, wie soll man sagen, ersten Sicherungsarbeiten der Archivalien eigentlich besonders positive oder negative Überraschungen?

Nabrings: Positiv war erst einmal festzustellen, dass es zum Teil Archivalien gab, die geradezu unversehrt geborgen werden konnten. Also Sie haben Kartons sichern können, wo Sie die Akten herausnahmen, die geradezu unversehrt waren. Es ist also nicht alles völlig vernichtet. Es gab aber auch Erschreckendes, wo man noch nicht weiß, ob es je wiederherzustellen sein wird. Also Papier, was durch den Steinabrieb, dadurch, dass es zwischen die Trümmer geraten ist, geradezu zerschreddert ist, wo Sie nur noch Fetzen haben. Was eigentlich sehr schön ist, es gab einige Punkte, besonders wertvolle Bestände, zum Beispiel Teile der 550 Schreinsbücher, die im 13. Jahrhundert beginnen und bis zum Ende des 18. Jahrhunderts reichen – das sind die ältesten Kataster- und Liegenschaftsaufzeichnungen, die wir in Deutschland haben–, wurden gerettet, Teile davon. Die bekannten Bücher Weinsberg aus dem 16. Jahrhundert sind geborgen worden, obwohl es auch da Schäden gibt. Ja, und so gibt es unterschiedliche Sachen. Was für Aufsehen gesorgt hat, waren zum Beispiel zwei Handschriften des Albertus Magnus. Also es gibt so einige Ringeltauben, wo man sagen kann, das ist schön und das gibt auch Mut und Optimismus, mit den Arbeiten weiter fortzufahren.

Führer: Habe ich das richtig verstanden, dass bisher eigentlich gesichert und gesichtet wird, eigentliche wirkliche Restaurierung findet dann erst später statt?

Nabrings: Völlig richtig, wir sind im Augenblick in der Phase der Bergung, das heißt, das Archivmaterial aus der Unglücksstelle herauszuholen, und dann fangen die Restaurierungsarbeiten erst an.

Führer: Manche munkeln ja jetzt schon, dass die Kosten der Restaurierung den Wert des Materials übersteigen.

Nabrings: Ja, das ist immer so, dass viel spekuliert wird. Ich glaube, wir wissen im Augenblick noch nicht, wie teuer es wird. Es wird Geld kosten, das ist völlig richtig. Wie viel es sein wird, kann seriös im Augenblick niemand sagen.

Führer: Herr Nabrings, Sie haben eingangs gesprochen von Ihren Mitarbeitern, dass die theoretisch auf so eine Situation vorbereitet waren. Was heißt denn das, machen Sie sozusagen Übungen, wie ich sie noch aus der Schule kenne zu Feueralarm, oder in Japan gibt es ja Übungen für Erdbeben?

Nabrings: Ganz genau, so etwas geschieht, und zwar haben wir in unserer Archivberatungsstelle auch ein Fortbildungszentrum, und dieses Fortbildungszentrum bietet schon seit mehreren Jahren sogenannte Notfallvorsorgeseminare und Notfallplanungen an. Bei diesen Seminaren werden nicht diese Situationen, wie Sie sie jetzt erlebt haben, durchgespielt, aber es wird durchgespielt, wie müssen wir uns in Schadensfällen verhalten. Die klassischen Schadensbilder oder Schadensfälle für ein Archiv ist Feuer und Wasser, dass ein Archiv im Boden versinkt, dieses Schadensbild hatten wir noch nicht, das ist klar. Aber auch in dieser Schadenssituation kommt es darauf an, dass man koordiniert vorgeht, dass man einen Schritt nach dem anderen macht, und das kann man in diesen Notfallplanungen sehr gut üben. Und das wird auch, ja, nicht gerade trainiert, aber es wird doch durchgespielt. Und das kommt jetzt natürlich auch allen zugute …

Führer: Also die haben sich bewährt, sagen Sie?

Nabrings: Ich denke, das hat sich bewährt, ja. Allerdings ist das etwas, was nicht nur für Archive gilt, sondern in jeder Kommune ist es wichtig, dass die Kultureinrichtungen kooperieren und sich gegenseitig helfen. Und das Bundesamt für Katastrophenschutz leistet hier ja auch wertvolle Arbeit und bietet Seminare für diesen Bereich an.

Führer: Dr. Arie Nabrings, der Leiter des Archivberatungszentrums beim Landschaftsverband Rheinland. Ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch, Herr Nabrings!

Nabrings: Ja, bitte, auf Wiederhören!

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