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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 03.04.2006

"Etwas entgleist"

Bettina Röhl über ihre Eltern Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl

Moderation: Jürgen König

Bettina Röhl (Focus Agentur/Paul Schirnhofer)
Bettina Röhl (Focus Agentur/Paul Schirnhofer)

Nach Ansicht von Bettina Röhl, Autorin des Buches "So macht Kommunismus Spaß. Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret" sind nicht nur private Gründe für den Gang ihrer Mutter in den Untergrund ausschlaggebend gewesen. Ende der 60er Jahre seien ihre Eltern auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs "etwas entgleist". Neben dem Zerbrechen ihrer Ehe hätten die politischen Ereignisse Ulrike Meinhof nach Berlin getrieben.

Jürgen König: Frau Röhl, wie macht denn der Kommunismus Spaß?

Bettina Röhl: Ja, "So macht Kommunismus Spaß", das war so der Titel, der mir eingefallen ist, in dieser Mischung aus Berlin Geld zu bekommen für eine Zeitschrift, aber gleichzeitig im süßen Westen, im Kapitalismus zu leben und ich sage mal, nach Kampen fahren zu können, an die Riviera fahren zu können und eigentlich alle Vorteile zu haben des Westens und gleichzeitig sich eigentlich nicht um die normale wirtschaftliche Firma kümmern zu müssen, weil eben das Geld aus dem Osten da war.

König: Und dieses Privileg genossen Ihre Eltern?

Röhl: Dieses Privileg genossen meine Eltern, aber sie bekamen natürlich auch die Ideologisierung auch irgendwo geliefert. Also es war sozusagen eine doppelgleisige Sache, es gab sowohl die Finanzierung als auch die Einschätzung und auch sozusagen, der moralische Anspruch, der Kommunismus und so weiter. Also das ist ja auch eine Form, sich toll zu fühlen. Man sagt, man ist für den Kommunismus, für sozial Gerechtigkeit, aber man hat eben gleichzeitig nicht die Nachteile, die eben der Kommunismus in der Ausprägung hatte, wie in der DDR oder der Sowjetunion.

König: Sie erzählen die Geschichte Ihrer Eltern, diese Geschichte ist eng verbunden mit der Geschichte der Zeitschrift Konkret. In Hamburg herausgegeben, gesteuert aber von der illegalen West-KPD mit Sitz in Ostberlin, auch finanziert von der KPD, wie auch von der SED, bis 1964 zunächst, dann kommt es zum Bruch zwischen Röhl und der Partei. Dieses Verhältnis der Konkret-Truppe in Hamburg und den Geldgebern aus Ostberlin. Wer hat da eigentlich mit wem gespielt?

Röhl: Ja, das ist eine gute Frage. Also, die ersten Kommunisten, die meine Eltern angeleitet haben, zuerst Klaus Röhl und eine Truppe und dann 1958 kam Ulrike Meinhof dazu, die eine junge Studentin war, die aus der Anti-Atomwaffenbewegung kam. Die ersten "Führungsoffiziere" waren eigentlich Kumpel, die waren ja auch erst 27 und 30 Jahre alt und meine Eltern haben sich mit denen sehr, sehr gut verstanden. Das war auch glaube ich ein kumpelhaftes, kameradschaftliches Verhältnis. Es waren auch, würde ich sagen, noch quasi antifaschistische Kämpfer, die noch mit den alten kommunistischen Idealen verknüpft waren und die auch, um das Wort "so macht Kommunismus Spaß" zu sagen, die auch sehr viel Spaß an dieser Mischung hatten, zwischen Ostberlin und Hamburg und da wird also beschrieben, von denen, aber auch von anderen aus der Redaktion, dass mein Vater, so Peter Rühmkorf zum Beispiel, mit brechtscher List immer wieder auch antikommunistische Artikel auch durchgebracht hat, also sich nicht hat gängeln lassen. Umgekehrt wird auch sicherlich dort mal ein Machtwort gesprochen worden sein. Das ergibt sich übrigens auch aus der Akte, die ich dort gefunden habe.

König: Interessant und auch ein bisschen amüsant fand ich ja, dass so viel von Geld die Rede ist bei diesen Sachen. Also das Geld kommt aus Ostberlin, das muss immerzu geheim gehalten werden, später, nachdem es dann zum Bruch gekommen ist, hat Konkret Schulden, 40.000 bzw. 80.000 Mark. Diese Schulden sind plötzlich wie durch Geisterhand verschwunden. Man vermutet aus Ostberlin. Das ist doch amüsant, oder?

Röhl: Also, die ganze Geschichte ist eine Erfolgsgeschichte, um es mal positiv auszudrücken. Also, wenn man sich mal überlegt, was die DDR eigentlich hingelegt hat an Misserfolgen, gerade wirtschaftlich gesehen, dann ist gerade dieses Produkt Konkret, was ja eine Osterfindung eigentlich war, um die westdeutsche Jugend zu erreichen und kommunistisch zu infiltrieren, das ist eigentlich eine Erfolgsgeschichte und deshalb machte sie besonders viel Spaß. Es war das Wirtschaftswunder, zusammen mit dem Kommunismus. Und insofern, klar, das ist eine tolle Geschichte, wo beide Seiten sozusagen, sowohl für den Osten als auch den Westen, wo man stolz sein kann, denn es war ja nicht nur Infiltrierung, es waren ja auch Künstler, Literaten, die in dieser Zeitung schrieben und groß wurden und da ist ja eine eigene Kultur gebildet worden, die dann zu der erfolgreichsten Studentenzeitung wurde 1968.

König: Ihre Eltern haben ja mit den Kindern zusammen so eine Art linke Vorzeigefamilie gebildet. Irgendwann hat man dann ein feines Haus bezogen in Hamburg-Blankenese. Ihren Vater Klaus Rainer Röhl, schreiben Sie, habe es dann immer mehr zur Süße des Kapitalismus hingezogen, vom Sozialismus habe er sich losgesagt. Wie hat Ulrike Meinhof diesen inneren Spagat zwischen - sagen wir mal - inneren Ideologie und diesem eigenen Lebensstil gemeistert?

Röhl: Meiner Ansicht nach war für beide Eltern, die eigentlich aus dieser KPD kamen, das war ja eine illegale KPD, das heißt sie waren auch lange Zeit wirklich verheimlicht in der Bundesrepublik, sie konnten sich nicht offen zeigen und dann dieser enorme Erfolg plötzlich ihrer Zeitung, dann war plötzlich Geld da, dann war plötzlich ein Haus da, dann war plötzlich das Medienestablishment da, also von Augstein über Joachim Fest über Marcel Reich-Ranicki, Raddatz, Fernsehen, Funk usw. interessierten sich plötzlich für dieses junge, erfolgreiche Paar, für diese ernste Journalistin und für diesen Spaßmacher Röhl. Und ich glaube, dass sie beide auf diesem Höhepunkt dieses Erfolges, wo man dann plötzlich nach Kampen auf Sylt fuhr und die Zeitung plötzlich für alle sichtbar, ja eigentlich ein kapitalistisches Unternehmen war plötzlich, dass sie da beide etwas entgleist sind. Und da möchte ich doch noch dazusagen, dass das nicht nur meinen Eltern so ging, sondern meine Eltern sind dafür eigentlich sehr exemplarisch und die Zeitschrift Konkret auch. Es ging eigentlich - glaub ich - der ganzen Partyrepublik so, und es ist ja nicht umsonst in unserer Gesellschaft, dass '68 wirklich eine Zäsur ist und da sind sehr, sehr viele Ehen zerbrochen, also mit dieser neuen Welle freier Sexualität und einer neuen Zeit und wie mein Vater dann sagte, banal, es klingt die Beatles. Es sind sehr viele entgleist und da hat jeder etwas anders drauf reagiert.

König: Sie schreiben, dass Ihre Mutter durch die Trennung von Klaus Rainer Röhl und durch die Entdeckung, dass er sie nie geliebt hat, dass sie dadurch in den Untergrund getrieben wurde. Also, mir kam es im Moment etwas zu vereinfacht vor.

Röhl: Nein, das habe ich so auch nicht geschrieben, das ist eher die These des Schriftstellers Peter Rühmkorf, es wird aus diesen Partyrepubliken, da haben viele, meine Eltern, dieses Zerbrechen dieser Ehe, natürlich miterlebt, so ein ganzer Partykreis. Und da gibt es diese These schon sehr lange, schon seit dreißig Jahren. Sie ist eigentlich an der Ehe, an der Untreue meines Vaters, dem Zerbrechen dieser Ehe gescheitert. Aber das kann natürlich unter keinen Umständen der Grund sein, dass man in den Untergrund geht und das denke ich auch nicht. Sondern sie war fasziniert auch von den '68er-Ideen. Meine Eltern hatten ja 1967 Rudi Dutschke kennen gelernt und Bahman Nirumand, der ein Anführer sozusagen dieser iranischen Opposition gegen den Schah von Persien war und sie war natürlich immer sehr politisch ausgerichtet und das, was neu war bei der 68er-Bewegung, das fand auch in Berlin statt und insofern glaube ich, waren da zwei Seiten in ihr: Einmal das Zerbrechen der Ehe und andererseits zog es sie auch nach Berlin an den Punkt, wo es wirklich politisch losging.

König: Frau Röhl Sie bringen sehr, sehr viele Originaldokumente in Ihrem Buch, unter anderem auch den Artikel von Ulrike Meinhof über den vierfachen Kindsmörder Jürgen Bartsch, indem sie ihn von jeder individuellen Verantwortung freispricht, dafür aber der Gesellschaft vorwirft, Jürgen Bartsch, wie es heißt durch institutionalisierte Gleichgültigkeit, Misshandlung und Fehlverhalten, zum Sexualmörder gemacht zu haben. Es fragen sich ja Historiker, Politologen immer, warum eine so intelligente Frau wie Ulrike Meinhof zu einer Terroristin werden konnte, bezogen auf diesen Artikel über Jürgen Bartsch. Wie konnte eine so kluge Frau sich so verrennen und einen vierfachen Mörder für schuldlos erklären?

Röhl: Also ich denke, dass meine Mutter Ulrike Meinhof an einem Punkt immer sehr weit voran war, voran eilte der Bewegung und es war damals ein aufbrechender Trend, dass man irgendwie alles so sozial erklärte, also alles war sozusagen von der Gesellschaft gemacht. Und wie immer ist sie vor allen vorneweg gestürmt und hat das, wie ich finde, in einer sehr schlimmen Weise auf den Punkt gebracht, dass sie fast einen Kindsmörder fast exkulpiert und die Gesellschaft dafür verantwortlich macht, und ich glaube, das hat sie nicht mal gemerkt. Ich habe dieses Dokument, da es nun zufällig mitten in der Scheidungskrise, also kurz davor passiert, geschrieben wird, das kann man dann sozusagen historisch nachsehen, auch als eine Art Abschiedsbrief empfunden, sozusagen, sehr persönlich gesteuert, was aber sehr cool, ideologisch so verpackt ist, dass man dass nicht merkt, aber man merkt eine starke Kälte in diesem Text, denn das Erschreckende ist - um noch mal auf diesen Kindsmörder Bartsch zurückzukommen, der vier Jungs ermordet hat und einen fünften fast, also der konnte fliehen - diese fünf Kinder werden von ihr nicht mit einem einzigen Wort erwähnt, also nicht mal die Zahl und das ist so erschütternd eigentlich, dass man sich fragt, was war eigentlich mit ihr los, und da habe ich versucht, das mal so zu interpretieren, dass da auch sehr viel persönliche Identifikation, ein großes Unglück, doch zum Tragen kommt, von ihr selber.

König: Das heißt, das wäre dann auch Ihre eigene Antwort auf die Frage, wie aus der charismatischen Journalistin eine Terroristin werden konnte.

Röhl: Zumindest habe ich gesagt, dass sie sich in diesem Artikel mit der letzten Konsequenz des Todes und auch des Mordes beschäftigt hat und zwar mit dem Mord, dem man einem anderen Menschen antun kann, oder eben auch der Gesellschaft antun müsste, wollte man sie verändern, ganz theoretisch. Vielleicht hat sie das nicht mal gemerkt, aber ja, ich halte das für einen möglichen Schlüssel, zumindest ihre innere seelische Verfasstheit zu ergründen.

König: Konkret gibt es immer noch. Warum ist es jetzt nicht mehr Sprachrohr der Linken, die immerhin jetzt als Ost-West-Partei im Bundestag vertreten ist.

Röhl: Gute Frage. Ich bin, muss ich gestehen, seitdem die Zeitung an Hermann Gremliza gegangen ist, das war ja in meiner Kindheit, da war ich also sozusagen kein Konkret-Leser. Aber seitdem ich erwachsen bin, bin ich selten dazu gekommen, diese Zeitschrift zu lesen. Sie läuft mir einfach nicht über den Weg und wenn ich sie mal gesehen hab, dann finde ich, ist das eine solche Bleiwüste, dass es mich eigentlich nie wirklich gereizt hat. Also ich habe erst später, so in aller jüngsten Jahren mal gewisser Maßen einen Respekt gefunden, weil der eine oder andere Schreiber doch ganz interessant ist: Wolfgang Pohrt zum Beispiel. Aber in welche Richtung dieses Blatt eigentlich läuft, und das wird ja heute sehr kritisiert, weil sie eine linke Richtung haben, aber pro Bush sind usw. Das habe ich bis heute nicht ergründen können.

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