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Essigs Essenzen (Archiv) / Archiv | Beitrag vom 07.11.2008

Etwas auf die leichte Schulter nehmen …

Von Rolf-Bernhard Essig

Diesmal geht es um die Redensarten: Etwas auf die leichte Schulter nehmen, Bei jemandem einen Stein im Brett haben, Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing, Mein Name ist Hase, Jemanden von Pontius zu Pilatus schicken u.a.

Etwas auf die leichte Schulter nehmen

Natürlich kann man sich den Ausdruck irgendwie erschließen, denn alles, womit einen das Schicksal konfrontiert kann als Sache aufgefasst werden, die man sich mehr oder weniger zu Herzen nimmt. Damit sind die Gewichtswörter "leicht" und "schwer" verbunden. "Take it easy!" ermuntert einen denn auch ein englischer Spruch. Auch dass man etwas schultern muss, eine Last, ein Erlebnis, einen Eindruck, kennen wir. Seltsam erscheint dennoch, dass die Schulter leicht sein soll.
Tatsächlich hat sich das Sprachbild durch eine kreative Übersetzung ergeben. In den Satiren des Horaz, Sermon III, Vers 172 findet sich die Formulierung "ferre sinu laxo", was soviel heißt wie "leicht / nachlässig im Bausch der Toga tragen". Es geht dabei um Kinderspielzeug, Murmeln und Würfel, und die Falten der römischen Oberbekleidung. Die nutzte man als eine Art Tasche, die freilich in guter Hut gehalten werden sollte. Die horazische Formel für die nachlässige Art, etwas zu tragen, wurde jedenfalls in der lateinischen Form beliebt. Allerdings ist "sinus" ein schillernder Begriff und auch "laxus" – von uns direkt als "lax" übernommen – hat viele Bedeutungen, so dass der ursprüngliche Zusammenhang in den Hintergrund geraten konnte.
Unter dem Eindruck der lateinischen Konstruktion und im Zusammenhang mit unserem "schultern" kam es dann zu der neuen Redewendung "etwas auf die leichte Schulter nehmen", obwohl es in korrektem Deutsch "etwas leicht auf die Schulter nehmen" heißen müsste.

Bei jemandem einen Stein im Brett haben

Die Formulierung kommt vom sehr beliebten und sehr alten Spiel, das Backgammon, Tricktrack oder Puff heißt. Schon im 16. Jahrhundert erklärte ein Redensartenforscher die Wendung "Ich hab einen guten Stein im Brett" damit, dass es hierbei um eine bestimmte Spielstein-Konstellation geht, einer Art Sperre für den Gegner, über die der nicht so leicht hinwegkommt, die gleichzeitig die eigenen Chancen verbessert. Ursprünglich verglich man das mit einem guten Freund oder Vertrauten, der für einen an wichtiger Stelle einsteht. Er ist gleichsam der Stein, der für einen beim Kaiser oder beim Chef im Brett steht und seinen positiven Einfluss ausübt. Aus ihm entwickelte sich dann unsere Vorstellung, man selbst sei höhern Orts oder auch einfach bei einem anderen Menschen gut angeschrieben und hat also bei ihm einen Stein im Brett.

Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing

Einerseits geht es natürlich um die Abhängigkeit vom Brotherren, in dessen Sinn man sich äußern muss, andererseits lässt sich das Sprichwort direkt auf die Sänger alter Zeit zurückführen. Ihre Lieder glichen oft kleinen geschichtlichen Berichten oder sogar kritischen Zeitkommentaren. Sehr wichtig war ihre Aufgabe, den Ruhm eines großen Herren zu verbreiten und zu mehren. Waren sie im Dienst eines solchen Auftraggebers, hatten sie also von ihm ein Lied zu singen, von seinen Taten und Verdiensten, schließlich sorgte er für ihren Lebensunterhalt. In diesen Zusammenhang gehört auch die Redewendung "davon weiß ich ein Lied(lein) zu singen". Das bedeutete ursprünglich: Ich weiß soviel darüber, dass ich ausführlich davon singen kann, also ein richtiges Lied daraus machen." Das war oft kritisch gemeint, betraf also beispielsweise Missstände oder schlechte Erfahrungen. Etwas, das man vom Brotherren nie singen durfte.

Mein Name ist Hase (ich weiß von nichts)

Manchmal stehen hinter Sprichwörtern und Redewendungen Namenspatrone, deren Charakter oder Handlungen sie bedingten. Wenn wir heute mit dem Halbsatz oder Ganzsatz Unwissenheit vorgeben, ehren wir – meist unbewusst – eine mutige Tat: Kein Hasenfuß war Mitte des 19. Jahrhunderts der Heidelberger Student Viktor Hase. Das Wintersemester 1854/55 ging dem Ende entgegen, als ein fremder Student auf der Flucht in Heidelberg eintraf. Er hatte im Duell seinen Gegner erschossen und suchte eine Möglichkeit, über die Grenze nach Straßburg zu gelangen. Hase lieh ihm, was streng verboten war, seine "Studentenlegitimationskarte". Die genügte dem Flüchtling als Pass, um nach Frankreich zu kommen, wo der falsche Hase die Karte fortwarf. Doch sie wurde gefunden und erregte Verdacht. Die französischen Behörden schickten sie deshalb an das Universitätsgericht in Heidelberg, das wiederum Hase vorlud. Der ließ sich nicht ins Bockshorn jagen und ergriff nicht das Hasenpanier. Als angehender Jurist wusste er, dass er sich nicht selbst belasten und nur auf die Frage nach seinem Namen antworten musste. Also sagte er vor dem Gericht: "Mein Name ist Hase, ich verneine die Generalfragen, ich weiß von nichts!" Da man ihm nichts nachweisen konnte, verließ er das Gericht als freier Mann. Seine mutige Tat und seine Kaltblütigkeit – schließlich hatte er seinem Kommilitonen geholfen, dem Gericht nur das Nötigste gesagt – machten Hase zum Helden und seinen forschen Spruch zum Geflügelten Wort, das von den Studenten in ganz Deutschland verbreitet wurde.

Ich könnt auf der Sau raus!

Im Schwäbischen sagt man das, wenn man sich über etwas sehr ärgert. Genau kann ich es nicht erklären, doch scheint mir der Zusammenhang mit einer anderen Sau-Redewendung wahrscheinlich. Allgemein verbreitet ist nämlich "davonlaufen wie die Sau vom Trog", was soviel heißt wie "sich ohne Abschiedsgruß entfernen". Das wurde einerseits als kulturlos verachtet, zeigte andererseits, dass sich jemand über etwas geärgert hatte und ohne Abschied davonging.

Mopsfidel sein

Die Möpse finden lange schon Liebhaber. Zu den berühmtesten gehören Loriot und Ernst Jandl. Wenn sie nicht gerade so überzüchtet sind, dass sie nicht atmen können – wogegen sich eine Rückzüchtungsinitiative erfolgreich wendet, können sie auch sehr possierliche Tierchen sein.
Sprichwörtlich wurden sie in unterschiedlicher Weise. Ihr mürrisch wirkender Gesichtsausdruck führte zu Redensarten wie "sich ärgern wie ein Mops". Ihre Stellung, besser gesagt Lage als Schoßhund jedoch ließ sie als ideales Objekt für gemütvolle Wendungen erscheinen. So sagte man "zufrieden wie ein Mops" oder eben "mopsfidel", schließlich ging es den heiß geliebten und verzärtelten Hündchen meistens prima. Dazu passt auch der Reim: "Lebe glücklich, lebe froh / wie der Mops im Paletot!" Das letzte Wort bezeichnet einen Herrenmantel. So ein Hund im Mäntelchen, der hat’s gut! In der Neuen Frankfurter Schule spielte man den Vergleich weiter aus und brachte noch "wie der Mops in Palästina" oder "im Palais Schaumburg" ins Gespräch.

Jemanden von Pontius zu Pilatus schicken

Der arme Jesus hatte seine Passionszeit mit allerlei Laufereien zu verbringen. Im Garten Gethsemane wurde er verhaftet, von den Hohen Priestern verhört, dann vor den römischen Statthalter Pontius Pilatus gebracht, der sich für nicht zuständig erklärte, woraufhin man ihn zu König Herodes karrte, der sich für nicht zuständig erklärte und Jesus zurück an Pontius Pilatus verwies, der ihn schließlich zum Tode verurteilte.
Gerade das letzte Hin und Her fand man kurios, hätte der Statthalter doch gleich so verfahren können. Der Herodesgang erschien als unnötiger Umweg, weshalb sich die lustige Redewendung herausbilden konnte, die mit den beiden Namensbestandteilen des Statthalters spielt.

Der wunde Punkt

Im Gegensatz zur Achillesferse ist der wunde Punkt nichts Lebensgefährliches, vielmehr einer Blase vergleichbar, die man sich gelaufen hat, einer schwer heilenden kleinen Verletzung, einer entzündeten Stelle. Da ist man besonders empfindlich. Wird dieser Punkt berührt, ist es einem also sehr unangenehm. Dabei kann es wichtig sein; beispielsweise, wenn der Berührende ein Arzt ist.

Etwas scheuen wie der Teufel das Weihwasser

In vielen Kulturen gibt es heiliges oder geweihtes Wasser, dem einerseits segensreiche, andererseits fluchabwehrende Kraft zugeschrieben wird. Es sollte sogar in der Lage sein, Sünden abzuwaschen, weshalb man in machen deutschen Gegenden ausgeblasene Eier damit füllte, an die Grabkreuze hängte, so dass aus ihnen langsam das Weihwasser aufs Grab tropfte.
Dem Satan passte diese wunderbar heilige Flüssigkeit natürlich ganz und gar nicht. Für ihn war Weihwasser widerlich, abschreckend, gefährlich, und deshalb scheute er es natürlich in extremo.

Abhauen

Eigentlich ist das natürlich keine Redensart. Es steckt auch hinter dem Wort nicht allzu viel Geheimes. Man vergleicht seine Entfernung vom Ort einfach mit dem Abhauen eines Astes vom Baum, der ja damit auch entfernt wird. Statt "ich haue ab" könnte man also formulieren "ich haue mich von dieser Situation / diesem Ort ab", "ich entferne mich davon".

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