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Interview / Archiv | Beitrag vom 22.12.2014

Ethnologe über PegidaWarum die Anti-Islam-Bewegung Zulauf findet

Thomas Hausschild im Gespräch mit Dieter Kassel

Teilnehmer einer Pegida-Kundgebung in Dresden (dpa / picture alliance / Arno Burgi)
Teilnehmer einer Pegida-Kundgebung in Dresden (dpa / picture alliance / Arno Burgi)

Die Anti-Islam-Bewegung Pegida demonstriert am Montag erneut in Dresden und will dabei christliche Weihnachtslieder singen. Der Ethnologe Thomas Hausschild meint: Pegida sollte ernst genommen, aber nicht überbewertet werden.

Jetzt probieren sie es auch mit Gesang: Heute in Dresden wollen die Anhänger der Anti-Islam-Bewegung Pegida mit christlichen Weihnachtsliedern gegen die angebliche Überfremdung durch (muslimische) Flüchtlinge demonstrieren.

Für den Ethnologen Thomas Hausschild, Professor an der Universität Halle-Wittenberg, findet "die kleine Volksbewegung" auf der Ebene alter Bräuche und Rituale statt. Denn zum Einsatz kämen "Dinge, die mit Identität und sich gemeinsam Wohlfühlen zu tun haben" - wie eben Weihnachtslieder oder Christbaumständer.

Als eine Ursache für die Entstehung von Bewegungen wie Pegida, deren Mitglieder ein Sammelsurium aus extrem Rechten und Otto-Normalbürgern darstellen, nennt Hausschild:

"Ich glaube, dass es ein bisschen so ist, dass die Oberschicht, die gebildete Klasse in Deutschland, viele Dinge, die an der Basis stattfinden, nicht mehr richtig bemerkt."

Ein Beispiel: Auffällig sei, dass die gleichen evangelischen Kirchenvertreter, die Pegida für ihr Verhalten heftig kritisierten, kein Wort darüber verlören, wenn etwa in Kindertagesstätten Martinsbräuche und Adventsdekorationen abgeschafft würden. Darüber entstehe Unmut bei vielen Bürgern, den Pegida wiederum geschickt aufgreife. Ein Problem seien auch die gut gemeinten und in vorauseilendem Gehorsam durchgeführten Aktionen von Bildungsbürgern - "wenn versucht wird, Asylcontainer irgendwo aufzustellen, wo die Leute sowieso schon deprimiert sind aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage und auch massiert leben in Hochhäusern, dann ist das nicht sehr geschickt". Dies könne keine ernsthaften Diskussionen an und mit "der Basis"  ersetzen - da werde dann nur mit erhobenem Zeigefinder von oben belehrt.

Man müsse Pegida zwar ernst nehmen und sich mit den Ursachen auseinandersetzen. Dessen ungeachtet hält der Ethnologe die Bewegung nur für ein lokales Phänomen.

Thomas Hauschild, Professor für Ethnologie an der Uni Halle. (picture alliance / dpa / Jürgen Bauer)Thomas Hauschild, Professor für Ethnologie an der Uni Halle. (picture alliance / dpa / Jürgen Bauer)


 

Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – mir kommt es noch überhaupt nicht so vor, als sei es schon eine komplette Woche her, dass in Dresden 15.000 Menschen auf die Straße gegangen sind, um gegen alles zu protestieren, was ihnen an dieser Welt und an ihrem Leben unheimlich erscheint, aber es ist so. Heute ist wieder Montag und heute wird es wieder eine Demonstration der sogenannten Pegida-Bewegung in Dresden geben, die diesmal allerdings den Ankündigungen zur Folge recht speziell ablaufen wird. Im Kern soll das nämlich ein gemeinsames Weihnachtsliedersingen werden. Wir wollen nicht nur, aber auch darüber jetzt reden mit Thomas Hausschild. Er ist Professor für Ethnologie an der Universität Halle-Wittenberg. Herzlich Willkommen bei uns!

Thomas Hausschild: Guten Morgen!

Kassel: Wo Sie Ethnologe sind: Ein Weihnachtsliedersingen als Hauptbestandteil einer eigentlich politischen Demonstration – können Sie mir das erklären?

Hausschild: Mich überrascht das nicht, denn es gibt eben die alten Medien und die neuen Medien, und die neuen Medien, die kennen wir ja alle und da wird viel drüber geredet, die alten Medien waren Rituale, Volksfeste, beliebte Scherze, Tratsch und so weiter, und auf der Ebene findet diese kleine Volksbewegung vor allem in Dresden meiner Ansicht nach auch statt. Schon beim letzten Treffen wurden Christbaumständer mitgeschleppt, und diesmal soll es um Weihnachtslieder singen gehen. Das heißt, es geht darum, Dinge, die mit Identität und Sich-gemeinsam-Wohlfühlen zu tun haben, wie Spaziergänge auch und so weiter, zusammenzubringen mit Themen, die dann oben in der Politik ganz anders kommentiert werden und ganz anders verhandelt werden.

Kassel: Das ist nun schon zum zehnten Mal, dass Pegida in Dresden zu solchen Demonstrationen aufruft. Als die Demonstrationen größer wurden, taten viele sehr überrascht und hatten das Gefühl, diese Leute kommen plötzlich aus dem Nichts. Das kann nicht so gewesen sein, oder?

Hausschild: Ich glaube, dass es schon ein bisschen so ist, dass die Oberschicht, dass die gebildete Klasse in Deutschland viele Dinge, die an der Basis stattfinden, nicht mehr richtig bemerken. Es fiel mir jetzt auch sehr auf, dass evangelische Kirchenvertreter Pegida so heftig kritisiert haben, unter anderem wurde dann gesagt, sie sollten auch unbedingt keine Weihnachtslieder singen, und sehr richtig daran erinnert, dass es gerade beim Thema Weihnachten, Krippe und so weiter, ja auch um ein Asyl geht. Das ist alles vollkommen wahr und wird dann mit erhobenem Zeigefinger vorgetragen. Das sind aber dieselben Leute, die jetzt die jahrelangen Streitigkeiten um die Umbenennung von Weihnachtsmärkten in Wintermärkte und die Abschaffung von Martinsbräuchen, von Adventsdekorationen in Kindertagesstätten schweigend haben passieren lassen. Und ich glaube, da liegt ein wesentlicher Punkt von Pegida. Die greifen einfach sehr starken Unmut auf im Volk, in Anführungszeichen, in den Schichten, wo nicht so viel Besitzende sind und auch nicht so furchtbar gebildete Leute, und die machen sich da ihre eigene Meinung, und das ist das, was man Folklore nennt, populäre Kultur. Das ist mittendrin im Alltag, und da kommen jetzt leider auch fremdenfeindliche Töne, vermischt mit einem Einsatz für das Asyl wieder, etwas widersprüchliche Impulse, und das Ganze wird als Ritual, als Fest durchgezogen.

Bildungsbürgerliche Abkanzelung ist keine Lösung

Kassel: Wobei man sagen muss, was Sie wahrscheinlich meinen mit Einsatz für das Asyl ist ein Thesenpapier, das aus 19 Punkten besteht, das offiziell zwar veröffentlicht wurde vom Pegida-Anführer, das aber inhaltlich eigentlich nie großartig diskutiert wird auf diesen Veranstaltungen. Und damit sind wir schon beim Thema: diskutieren. Es gibt ja Politiker, die sagen, das wollen wir gar nicht, mit diesen Leuten reden. Es gibt inzwischen auch einige, die vorsichtig auf sie zugehen wollen. Man darf aber die andere Seite nicht vergessen: Mit den sogenannten gleichgeschalteten Systemen, Medien und der etablierten Politik wollen ja eigentlich die Pegida-Leute nicht reden. Wie will man da ins Gespräch kommen?

Hausschild: Auf der Ebene wird das nicht mehr gut klappen vorerst. Ich denke, dass die Sache sich auch in Wahrheit auf einer ganz anderen Ebene abspielt, und dass da sehr viel versäumt worden ist. Es gibt ja auch Hogesa, Hooligans gegen Salafisten, das ist eine radikalere, richtig rechtsradikale Variante, würde ich das nennen. Da sieht man das ja deutlich, dass jetzt die jahrelang sehr erfolgreiche Fanarbeit bei Bundesligavereinen und anderen Fußballvereinen reduziert worden ist, dass hier immer weniger Geld investiert wird, und bei dieser Arbeit vor Ort, dieser Fanarbeit, ist eine Schwächung eingetreten, und das sind dann auch die Resultate. Und ich glaube, dass es ganz viel Arbeit vor Ort schon gibt, ganz viele Versuche der Integration, sowohl von störrischen Eingeborenen wie von Menschen, die aus dem Ausland zuziehen, und das findet in Kindertagesstätten statt, in Schulen, da gibt es dauernd eine riesige Bemühung und auch viele Kontraste. Und das Ganze wird gar nicht richtig als Thema der großen Politik behandelt und jahrelang einfach drüber weggegangen mit irgendwelchen politischen, oberflächlichen, bildungsbürgerlichen Abkanzelungen, und da sehen wir jetzt, haben wir langsam den Salat, dass die Menschen im Alltag das satt haben und sich übergangen fühlen, und das geht nur auf dieser Basis einer Verständigung im Alltag wieder weiter. Das geht nicht als Gipfeltreffen.

Kassel: Es gibt ja aber diesen Unterschied, weil Sie „sich übergangen fühlen" jetzt auch gesagt haben, es gibt den Unterschied zwischen dem Eindruck, den man von der eigenen Lage hat, und dem Blick von außen. Laut einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa sagen 58 Prozent der Befragten in Deutschland, sie fürchten einen zunehmenden Einfluss des Islam in der Bundesrepublik. Zurzeit sind fünf Prozent der Einwohner Deutschlands muslimischen Glaubens. Realistische Schätzungen sagen, das wird steigen auf sieben Prozent – passt ja scheinbar nicht zusammen, die Angst und die Realität?

Hausschild: Passt nicht besonders gut zusammen. Wenn man aber dazurechnet, dass manchmal eben auch im vorauseilenden Gehorsam versucht wird, Weihnachtsdekorationen abzuschaffen, oder wenn versucht wird, Asylcontainer irgendwo aufzustellen, wo die Leute sowieso schon deprimiert sind aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage und da auch schon massiert leben in kleinen Hochhäusern, dann ist das nicht sehr geschickt, dann ist das kein kluger Versuch, jetzt im Dialog Integration an der Basis zu bringen. Da wird dann eben nur mit erhobenem Zeigefinger von oben gepredigt, und unten laufen die Dinge schief.

Nur eine lokale Bewegung

Kassel: Haben wir denn noch eine Chance oder ist es für einige der Pegida-Anhänger schon quasi zu spät?

Hausschild: Das soll man nicht überschätzen, würde ich sagen. Das ist eine kleine, lokale, populare Bewegung. Mügida und Bogida und wie die alle heißen, die funktionieren ja überhaupt nicht oder da ist der rechtsradikale Anteil dann sofort erkennbar gewesen. Dresden ist eine ganz eigene Stadt, das muss man sich auch dabei klarmachen. Der Anführer der Bewegung stammt aus einer Familie, die 100 Jahre schon Stand hatte auf dem Dresdener Striezelmarkt.

Kassel: Also einem der großen Weihnachtsmärkte in Dresden.

Hausschild: So viel ich weiß, auf dem Striezelmarkt, ja.

Kassel: Ja, ja!

Hausschild: Und in diesem Zusammenhang gibt es dann auch Besorgnis, zum Beispiel Gerüchte, dass der Christstollen umbenannt werden soll und ähnliche Dinge. Also es ist auch eine regionale, lokale Bewegung, und eigentlich sind da die lokalen Kräfte ganz besonders aufgerufen, nicht nur zu demonstrieren, sondern auf diese Bewegung zuzugehen und mal genau hinzuschauen: Was ist denn da los? Keiner weiß es. Eigentlich weiß keiner, was da richtig tief drin in dieser Bewegung alles steckt. Vielleicht ist sie viel stärker gesteuert, als wir glauben, vielleicht viel weniger. Sie hat jedenfalls diesen populären Charakter. Man muss es ernst nehmen, aber es ist ein lokales Phänomen, das muss man sich auch immer wieder klarmachen.

Kassel: Das heißt, wir werden auf jeden Fall noch weiter darüber reden müssen, und wenn es denn geht, auch mit allen Betroffenen, mit allen vielleicht nicht, aber mit einem Teil davon. Thomas Hausschild war das, Ethnologe an der Universität Halle-Wittenberg. Herr Hausschild, ich danke Ihnen fürs Kommen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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