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Thema / Archiv | Beitrag vom 05.09.2005

Es lebe der Donaldismus

Eine Glosse gegen den Trübsinn

Von Klaus Pokatzky

Donald Duck (AP/Ehapa Verlag)
Donald Duck (AP/Ehapa Verlag)

Ganz Deutschland wird von Herrn Griesgram und Frau Trübsinn-Humorlos besetzt gehalten, klagt der Journalist Klaus Pokatzky. Nach seiner Ansicht hat, wer Entenhausen nicht kennt, die Welt verpennt. Vielleicht hilft ja die 20-bändige Comic-Bibliothek, die die "FAZ" ab diesem Monat herausbringt.

Ganz Deutschland wird von Herrn Griesgram und Frau Trübsinn-Humorlos besetzt gehalten. Ein Deutschland, das zwar nicht so reich und griesgrämig und humorlos ist wie Dagobert Duck – aber das immerhin das reichste Deutschland aller Zeiten ist und dazu das faulste: Und in dem die Menschen nun wahrlich genug Zeit und Cents hätten, sich wie Dagobert Duck in seinen wenigen glücklichen Momenten in die Badewanne zu setzen und die Taler auf die Glatze prasseln zu lassen.

Und ganz Deutschland nimmt jeden Abend auf dem Fernsehsofa Platz und sofort übel, empfindet nur dann noch kurze Glücksmomente, wenn in der Glotze wieder der eigene Griesgram und die eigene Trübsinns-Humorlosigkeit durch die allgemeine teutonische Griesgram-Trübsinns-Humorlosigkeit aus dem viereckigen Kasten in weitere Höhen geschraubt wird. Ganz Deutschland?

Nein, eine winzige unbeugsame Minderheit lässt sich von Herrn Griesgram und Frau Trübsinn-Humorlos nicht das Lachen verbieten und nicht die Fröhlichkeit. Sie leben allüberall mitten unter uns: Die tapferen Soldaten und Soldatinnen des Humors – die noch nicht einmal vor der letzten Konsequenz germanisch-disziplinierter Geselligkeit zurückgeschreckt haben, die da lautet, wo sieben Deutsche beieinander sind, gründen sie eine Vereinigung. Die Donaldisten, die hunderte Mitglieder und Tausende Sympathisanten der "Deutschen Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus".

Sie nehmen nicht nur die scheelen Blicke von Herrn Griesgram und Frau Trübsinn-Humorlos hin; sie nehmen es sogar mit Humor, wenn, wie vor vier Jahren geschehen, eine "Initiative freies Entenhausen" den Donaldismus als "pseudointellektuellen Kultus" diffamiert und behauptet, die Saga vom Leben und Treiben in Entenhausen, die Erzählungen um Donald und Onkel Dagobert, um Oma Duck und Knecht Franz Gans, um Tick, Trick und Track seien nur "lustige, unterhaltsame Bildergeschichten, die keinerlei ‚tiefere’ kulturtheoretische oder ideologische Botschaften enthalten".

Banausen, nichts als Banausen. Natürlich ist Entenhausen mehr. Für den Donaldisten – egal, ob organisiert oder freischwebend – ist Entenhausen schlicht jenes Paralleluniversum, das uns die real existierende griesgrämige Trübsinns- und Humorlosenwelt überhaupt nur jeden Tag von neuem wieder ertragen lässt. Mit einem Lächeln auf den Lippen.

Das vereinte Deutschland mit seinen Politiker-Sprüchen von verproletarisiertem Drüben? Mein Gott, wer weiß, dass es neben Entenhausen noch den Nachbarort Quakenbrück gibt, der weiß, wie zusammenwächst, was nicht zusammengehört. Globalisierter Kapitalismus mit seinen Gefahren? Meine Gans, wer die Inkarnation des globalen Kapitalismus kennt, Herrn Dagobert Duck aus Entenhausen, den reichsten Mann der Welt mit seinen Trilliarden und Quadrillonen, und seinen spärlichen Glückssekunden in der Badewanne mit den Talern auf der Glatze, der ist gefeit gegen jeden bolschewistischen Anti-Kapitalismus- und Anti-Globalisierungs-Griesgram.

Deutschland wirtschaftlich auf dem absteigenden Ast, bedroht von den juvenilen Wirtschaftsnationen Asiens? Mein Erpel, wir haben stets Dorette Duck vor Augen: Oma Duck mit ihrem Bauernhof, die so schuftet wie es unsere Eltern und Großeltern taten, die unser Wirtschaftswunderland aufgebaut haben, sich nicht unsere Faulheit leisteten – und die noch lachen konnten, ohne jeden Griesgram. Oma Duck, die unsterbliche Personifizierung der sozialen Marktwirtschaft, deren Knecht Franz Gans eigentlich nie arbeiten muss, sondern den ganzen Tag unter dem Baume vor sich hindösen darf – wahrscheinlich, damit er, nachtaktiv, der Oma schöne Entenhausener Nächte bereiten darf.

Wer Entenhausen nicht kennt, der hat die Welt verpennt. Und wie schön sind die Wahlkämpfe in Entenhausen, wie lustig. Wie wenig griesgrämig, wie wenig trübsinnig, wie wenig humorlos…
Die ganze Welt ist ein einziges Entenhausen. Und Deutschland mittendrin. Es lebe der Donaldismus. Global. Und entonal.

Das Gespräch zum Thema mit dem Feuilleton-Redakteur der "FAZ" und Mitherausgeber der Comic-Bibliothek, Andreas Platthaus, können Sie in der rechten Spalte als Audio hören.

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