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Interview / Archiv | Beitrag vom 23.10.2010

"Es kann natürlich nicht sein, dass man irgend so einen Bananenstaat nimmt"

Energieökonom empfiehlt internationales Atommüll-Endlager

Georg Erdmann im Gespräch mit Holger Hettinger

So protestieren Atomkraftgegner gegen einen Castortransport. Gorleben ist auch weiter im Gespräch für ein mögliches Endlager. (AP)
So protestieren Atomkraftgegner gegen einen Castortransport. Gorleben ist auch weiter im Gespräch für ein mögliches Endlager. (AP)

Statt nationaler Alleingänge setzt der Energiewissenschaftler Georg Erdmann auf einen internationalen Denkansatz für ein Atommüll-Endlager. Dabei könne die EU gemeinsam mit der Internationalen Atomenergieorganisation nach einer Lösung suchen.

Holger Hettinger: Es ist wieder so weit, die Castortransporte stehen bereit und die Atomkraftgegner auch. In ganz Deutschland wollen sie heute gegen die Atommüllkarawane demonstrieren, die Veranstalter erwarten insgesamt bis zu 20.000 Teilnehmer. Wahrscheinlich Anfang November sollen dann die ersten Castoren in das niedersächsische Zwischenlager Gorleben gebracht werden, dieser Salzstock wird ja auch immer als mögliches Endlager gehandelt. Am Telefon ist jetzt Georg Erdmann, er ist Vorsitzender in der Gesellschaft für Energiewissenschaft und Energiepolitik, Professor Erdmann lehrt außerdem an der Technischen Universität Berlin. Guten Morgen, Herr Erdmann!

Georg Erdmann: Guten Morgen, Herr Hettinger!

Hettinger: Asse klappt nicht so richtig, Gorleben ist ebenfalls hoch umstritten. Warum ist es eigentlich so schwer, in Deutschland ein Endlager für den Atommüll zu finden?

Erdmann: Weil es keinen politischen Konsens gibt. Die Kernenergie ist in Deutschland begonnen worden in einem großen Konsens zwischen SPD und CDU und man wusste damals natürlich, dass dieses Endlager irgendwann mal benötigt werden muss und bereitstehen muss, aber das hat durchaus Zeit, weil man nicht direkt den Atomabfall aus der Kernenergie direkt in ein Endlager bringen will, sondern erst abklingen lassen, eventuell wiederaufbereiten und so weiter. Und dieser Konsens, der bei dem Aufbau der Kernenergie bestanden hat, der ist dann zerbrochen und die rot-grüne Koalition, die hatte ja dann da einerseits diese Wiederaufbereitungsfahrt abgeschafft und außerdem die Erkundung des Salzstocks Gorleben eingestellt. Und deswegen darf man sich heute nicht wundern, wenn es politisch dann eben nicht mehr weitergeht.

Hettinger: Verstehe ich das richtig, Sie sprechen allein von einem fehlenden politischen Konsens, das heißt, es wäre durchaus möglich, dass Gorleben geeignet ist?

Erdmann: Ob Gorleben geeignet ist oder nicht, das sollen die Geologen beantworten. Aber grundsätzlich ist es so, dass auf der Welt ein großer Konsens existiert: Es ist möglich ein Kern… oder Endlager für Kern…, hoch radioaktive Kernbrennstoffe zu machen. Allerdings kann man sich da auch durchaus noch ein bisschen Zeit lassen. Aber auf jeden Fall wird es international überall ähnlich diskutiert. Man hat zwar noch nirgendwo ein internationales … irgendwo ein Lager, aber es wird ein solches geben, und in den verschiedenen Ländern sind ja die Arbeiten auch im Gang.

Hettinger: Also gerade was Gorleben und die Asse hier in Deutschland betrifft, das ist ja nun hoch umstritten, da sind nicht alle Geologen, die Sie angesprochen haben, der Meinung, dass sich das wirklich eignet als Endlager. Wie sähe denn das perfekte Atommüllendlager aus?

Erdmann: Ja es gibt ja den Streit oder die Diskussion zwischen den Experten, ob man in einem Salzstock oder ob Granitformationen oder andere geologische Formationen besser geeignet sind. Ich glaube, Deutschland ist das einzige Land, was sich mit einem Salzstock als Endlager auseinandersetzt, viele andere Länder schauen nach Granitformationen. Also da muss man halt sehen, was dann da die Geologen rausfinden, man ist ja nicht dabei im Augenblick, jetzt ein Endlager zu eröffnen, sondern das zu erkunden. Es geht ja darum, ist das geeignet, ja oder nein?
Und andere Länder machen andere Versuche.

Was hier vielleicht auch noch interessant ist, man hat in einem relativ frühen Stadium der Kernenergie beschlossen, dass jedes Land das im eigenen Land lösen soll. Jetzt ist natürlich Europa mit vielen, vielen kleinen Ländern im internationalen Maßstab, und die auch noch dicht besiedelt sind, vielleicht nicht der richtige Ort, dass man jetzt also sozusagen auf nationalen Alleingängen nach solchen Endlagern sucht, vielleicht könnte man da auch mal wieder mal einen anderen Weg gehen, versuchen, die Europäische Union, einen internationalen Ansatz zu wählen, dann hätte man vielleicht auch wieder eine etwas andere Ausgangsdiskussion. Aber es ist klar, das setzt erst mal wieder den politischen Willen voraus, dass man auf Beschlüsse zurückkommt, die man vor vielen, vielen Jahrzehnten gefällt hat.

Hettinger: Sie haben das jetzt sehr vorsichtig formuliert, das klingt aber fast so, als könne man sich überlegen, den Atommüll hier zu sammeln und dann irgendwo in ein anderes Land abzuschieben, sollen die sich damit beschäftigen. Afrika zum Beispiel.

Erdmann: Nein, es ist natürlich klar, was Sie mit der Frage andeuten: Es darf da nicht die Verantwortung für den Atommüll an der Grenze aufhören. Das heißt, sobald der Castor die deutschen Lande verlassen hat, sind wir nicht mehr zuständig, das geht natürlich nicht. Aber es gibt ja eine Internationale Atomenergiebehörde, die genau diese internationale Verantwortung der friedlichen Kernenergienutzung wahrnimmt, und in deren Händen wäre im Grunde genommen die Verantwortung richtig aufgehoben. Wobei natürlich die Mitgliedsstaaten – zu denen gehört auch Deutschland – dort natürlich dann auch entsprechend beitragen müssen.

Aber es ist klar, was Sie andeuten: Es kann natürlich nicht sein, dass man irgend so einen Bananenstaat nimmt und sagt, da tun wir’s hin und nachher, nach mir die Sintflut, ich kümmere mich nicht mehr drum. Deswegen hat ja auch damals die Politik gesagt, wir versuchen, es lieber mit nationalen Alleingängen zu machen. Aber wenn man jetzt sieht, dass in Deutschland jedenfalls dieser Weg nicht so einfach funktioniert, dann muss man halt sich mal mit neuen Konzepten auseinandersetzen.

Hettinger: Die Bundesregierung will die Laufzeiten der Atomkraftwerke um durchschnittlich zwölf Jahre verlängern, dadurch würde der radioaktive Atommüllberg um weitere 4400 Tonnen wachsen. Ist das eigentlich klug Laufzeiten zu verlängern, wenn man noch nicht weiß, wohin mit dem Müll?

Erdmann: Ja gut, die … das Problem des Atommülls ist ja nicht die Menge an Atommüll, sondern die Frage, wohin damit, die relativ – verglichen mit anderen Energieträgern – kleine Abfallmenge hinzubringen. Also das heißt die Laufzeitverlängerung vergrößert natürlich den Atommüll, aber wenn wir jetzt auf die Laufzeitverlängerung verzichten würden, dann würde jetzt damit das Problem des Atommülls ja nicht aus der Welt geschafft sein. Das heißt die Laufzeitverlängerung hat mit dieser Frage, wohin mit dem Abfall, eigentlich wenig zu tun.

Hettinger: Wir sprachen mit Professor Georg Erdmann über das ungelöste Endlagerproblem von Atommüll. Georg Erdmann ist Vorsitzender der Gesellschaft für Energiewissenschaft und Energiepolitik, Herr Erdmann, herzlichen Dank für das Gespräch!

Erdmann: Bitte schön, auf Wiederhören!

Hettinger: Auf Wiederhören!

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