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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.04.2010

Es ist nicht alles sauber, was glänzt

Maeve Brennan: "Tanz der Dienstmädchen", Seidel Verlag, Göttingen 2010, 232 Seiten

In New York weiß so manches Zimmermädchen, was sich hinter den sauberen Fassaden verbirgt. (AP Archiv)
In New York weiß so manches Zimmermädchen, was sich hinter den sauberen Fassaden verbirgt. (AP Archiv)

Sie wissen nicht alles, die Dienstmädchen der besseren New Yorker Gesellschaft, aber sie wissen ziemlich viel und vor allem mehr als die Mitglieder der besseren Gesellschaft voneinander wissen. Sie kennen schmuddelige Badezimmer und unaufgeräumte Schlafzimmer, sie schätzen die ökonomischen und emotionalen Verhältnisse der Herrschaft, für die sie arbeiten, so zutreffend ein wie niemand sonst.

Dieses heimliche Wissen verleiht ihnen gefühlte Macht, der boshafte Austausch des Wissens der Dienstmädchen untereinander aber, ihr Küchenklatsch, ist ihre Rache für die Ignoranz, mit der sie behandelt werden, und für oft schlechte Bezahlung.

Aus dieser Perspektive gehen die unter dem Titel "Tanz der Dienstmädchen" zusammengefassten Erzählungen der amerikanischen Autorin, Essayistin und Kolumnistin Maeve Brennan hervor. Brennan, die 1917 in Dublin geboren wurde und 1993 in New York starb, arbeitete seit den 40er-Jahren für die amerikanische Kulturzeitschrift "NEW YORKER". Dort erschienen die meisten ihrer Texte und Geschichten, auch die Dienstmädchengeschichten aus den 50er- und 60er-Jahren.

Ein Hauptschauplatz der Erzählungen ist die komfortable Wohnanlage "Herbert´s Retreat", die sich 45 Kilometer außerhalb von New York am Ostufer des Hudson River befindet. In den Villen und Chalets verbringen wohlhabende New Yorker mit ihrer jeweiligen Gästeschar die Wochenenden und Sommermonate. Im Zentrum der Erzählungen, die wie in einer historischen Vorwegnahme der Shortcuts-Methode lose miteinander verbunden sind, stehen Leona, eine durch mehrere Ehen und Scheidungen reich gewordene Liebhaberin der schönen Künste, und Charles, ein alternder, mäßig erfolgreicher, snobistischer Literatur- und Theaterkritiker, der sich von Leona aushalten und wie einen Gott verehren lässt.

Was Leona nicht weiß, wissen die Dienstmädchen des Hotels, in dem Charles ein schäbiges Zimmer unter dem Dach bewohnt: Bei dem intellektuellen Star, zu dem Charles sich stilisiert, handelt es sich in Wahrheit um einen sozialen Parasiten, der im Schrank Kaffee und Marme-lade versteckt, weil er sich das Hotelfrühstück nicht leisten kann.

Die Dienstmädchen in Leonas Haus in "Herbert´s Retreat" wiederum sind über die boshaften, raffinierten Charaktereigenschaften ihrer Arbeitgeberin im Bilde, die den Gästen verborgen bleiben. Das Milieu, das Maeve Brennan mit beißendem Humor, gnadenlosem Blick und scharfer Zunge karikiert, kannte sie aus eigener Anschauung sehr genau. Es war das New Yorker Nachkriegsmilieu der Mächtigen und Wichtigen, der Partygänger und Pseudowichtigen, der Künstler und Möchtegernkünstler, in dem sie sich selbst bewegte. In diesem Milieu wurde vor allem eines: geredet, geplaudert, getratscht.

Und so besteht der "Tanz der Dienstmädchen" vor allem aus höchst unterhaltsamen Dialogen: dem Tratsch der Dienstmädchen einerseits, dem Smalltalk der besseren New Yorker Gesellschaft andererseits. Der literarische Reiz und der hohe Unterhaltungswert der Erzählungen ergibt sich aus der Konfrontation des jeweiligen Geredes. Der Leser gerät dabei in die vergnügliche Rolle des heimlichen Lauschers und Mitwissers.

Besprochen von Ursula März

Maeve Brennan: Tanz der Dienstmädchen. New Yorker Geschichten"
Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser
Steidl Verlag, Göttingen 2010
232 Seiten, 18,00 EUR

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