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Thema / Archiv | Beitrag vom 26.05.2011

"Es ist kein Sozialprojekt"

Regisseur Niko von Glasow über sein Theaterstück mit Behinderten

Moderation: Ulrike Timm

Der Regisseur Niko von Glasow
Der Regisseur Niko von Glasow (dpa)

Mit seinem Stück "Alles wird gut" will Niko Glasow den Zuschauern die Ausgrenzung von Behinderten vor Augen führen. Im Interview spricht er über Darsteller mit Handicap, Unsicherheiten in Alltagsbegegnungen und den Spaß bei der Probenarbeit.

Ulrike Timm: Der Regisseur Niko von Glasow wollte eigentlich nie mit Behinderten arbeiten, er ist selbst contergangeschädigt, und da liegt es künstlerisch entweder zu nah oder auch zu fern, um das zum Thema zu machen. Dann tat er es doch, und mit dem Film "Nobody's Perfect" glückte ihm eine provokante Meisterleistung: Ein Dokumentarfilm über contergangeschädigte Menschen, die für einen Pinup-Kalender nackt posieren. Und es entstand ein Film, so eindringlich wie kein bisschen peinlich. Jetzt nimmt Niko von Glasow diesen Faden wieder auf – ein Theaterstück mit behinderten und nicht behinderten Darstellern hat heute Abend in Köln Premiere. "Alles wird gut", heißt es, wir reden darüber gleich,Kerstin Ruskowski hat für uns vorab eine Probe besucht.

Und jetzt ist uns der Regisseur dieses ungewöhnlichen Theaterstücks zugeschaltet, Niko von Glasow, schönen guten Tag!

Niko von Glasow: Hallo!

Timm: Wäre das auch Ihr Traum, dass man die Körperbehinderung nach drei Minuten übersieht, wie es eben hieß?

von Glasow: Ach, das ist eigentlich kein Traum, das ist Realität, weil wenn man mit Behinderten irgendwie eine Zeit lang zusammen ist, dann ist das futsch. Mein Bruder hat mich neulich gefragt, ob ich das Piano mit ihm hoch trage, daran merkt man irgendwie, dass Menschen das ganz schnell vergessen, deswegen ist es ja auch so wichtig, dass Behinderte im Fernsehen und in den anderen Medien sehr viel vorkommen – einfach vorkommen und da sein, und nicht sozusagen in eine Kiste weggepackt werden, ist einfach wichtig sonst ist die Akzeptanz von Menschen nicht so hoch.

Timm: Wer ist da eigentlich zu Anfang unsicherer? Die Behinderten oder die nicht Behinderten auf der Bühne oder auch im Zuschauerraum?

von Glasow: Na ja, ich glaube zunächst einmal, dass es keinen nicht behinderten Menschen gibt. In meinem Fall sieht man es ein bisschen deutlicher, und wahrscheinlich in Ihrem Fall ist es etwas verdeckter. Alle Menschen haben irgendwo eine Macke, aber die Unsicherheit – ich bin behindert, habe kurze Arme durch Contergan –, wenn ich eine Blinde treffe, bin ich genau so verunsichert, da weiß ich auch nicht, wenn ich meine Hand ihr hinstrecke und sage, guten Tag, soll ich jetzt sagen, ich halte dir gerade die Hand hin, du Blinde, oder was soll ich denn da machen? Also ich bin da genau so verunsichert wie alle anderen.

Timm: Ich meinte auch ganz schlicht Unsicherheit, nicht Vorurteile! ...

von Glasow: Nein, nein, gar nicht!

Timm: ... Ich würde bestimmt einen Moment mir überlegen, wie das ist, Ihnen die Hand zu geben. Und zwar nicht aus Vorurteilen, sondern aus Unsicherheit!

von Glasow: Nein, nein, das meine ich! Alle Menschen sind unsicher, alle Menschen sind unsicher, wenn sie einem ungewöhnlichen Wesen gegenübertreten, sozusagen. Also, wenn ich jemandem gegenübertrete, den ich von der Physiognomie nicht so gut mich auskenne einfach. Und ich auch, verstehen Sie? Jeder Mensch, ob er jetzt behindert ist oder nicht, ist unsicher. Aber ich habe da auch einen Tipp, wie man mit dieser Unsicherheit umgehen kann – oder wie ich es mache mittlerweile: Ich sage einfach, ich bin unsicher. Ja? Dann ist das Eis gebrochen, und dann sagt man: Ich bin unsicher, und ich weiß jetzt nicht gerade, was soll ich jetzt machen? Und dann lacht der andere wahrscheinlich und sagt: Mach das einfach so.

Timm: Das ist ja harter Stoff, die Situation, die Sie auf die Bühne bringen: Die Behinderten, die Körperbehinderten, werden auf dem Abstellklo beim Casting schlicht vergessen. Ist das eine Situation frei nach "Warten auf Godot", warten und nicht abgeholt werden?

von Glasow: Nein, das ist frei nach dem Leben – weil die behinderten Menschen werden abgestellt! Jemand, der behindert ist, kriegt erst mal keinen Job, außer als Pförtner oder so. Wenn ich mich für einen Vorstandsvorsitzenden einer Firma bewerbe, kriege ich einfach den Job nicht. Oder auch Jobs als Regisseur ... ich bin mein eigener Produzent, und das ist auch kein Zufall, ja? Es ist einfach knochenhart, überhaupt das Leben ist ziemlich knochenhart. Aber wenn man behindert ist, ist es wirklich schwer, weil man trifft Menschen, die sind alle so linksliberal und gut bezahlt und würden das auch weit von sich weisen, dass sie sozusagen Behinderte ausgrenzen, aber sie tun es trotzdem. Unterbewusst, ja? Gar nicht bösartig, sondern das ist – und diese Realität, dieser Abstellraum beim Casting –, das erleben wir eigentlich jeden Tag.

Timm: Was haben Sie bei den Proben erlebt, Sie müssen die Behinderung ja mit bedenken. Wenn jemand im Rollstuhl auf der Bühne sitzt, blind ist, einen zu kurzen Arm hat, das müssen ja auch die nicht behinderten Schauspieler oder die nicht sichtbar behinderten Schauspieler ...

von Glasow: Ja, wir haben dazugelernt!

Timm: ... alles mitbedenken. Was passiert da auf der Bühne?

von Glasow: Da wird viel gelacht! Weil mittlerweile – wir sind ja jetzt drei Monate zusammen – so politisch unkorrekt, wie wir jetzt als Truppe sind ... da habe ich gestern noch meine Schauspieler gewarnt: Wenn ihr jetzt raus geht und das nächste Projekt macht, macht nicht die gleichen Witze, ja? Weil ...

Timm: Erzählen Sie uns einen!

von Glasow: Das kann man nicht so ... das sind keine Witze, das ist einfach sozusagen ... Ich sag zur Leslie: Pass mal auf, Leslie: Das glaubt dir keiner, dass du blind bist, du musst blinder spielen! Sei blind, verdammt noch mal! Und die ist blind, ja? Also, sie muss blinder sein, als sie ist! Es ist natürlich ein bisschen albern, aber manchmal rutschen einem solche Albernheiten halt raus.

Timm: Der Text, der lag nicht vor bei diesem Stück, der hat sich gemeinsam mit allen Beteiligten entwickelt. Wie muss man sich das wirklich vorstellen? Die kommen das erste mal auf eine Probe und wollen was tun. Wie geht das?

von Glasow: Also, ich hatte sozusagen Charaktere mir aufgeschrieben, die ich gecastet habe: den jugendlichen Liebhaber, die Blondine, die ehrgeizige Rampensau, also ein bisschen sozusagen Stereotypen, wenn Sie wollen, und dann habe ich ein großes Casting gemacht, dann sind aus ganz Deutschland Leute gekommen, und dann habe ich das besetzt. Und dann habe ich Interviews gemacht mit den einzelnen Schauspielern, und aus ihren Persönlichkeiten habe ich dann so Instinkte entwickelt, und dann habe ich sie aufeinander losgehen lassen – und daraus sind wirklich unglaubliche Dialoge entstanden. Wenn Sie sich mal das Buch durchlesen – das ist unglaublich! Ich glaube, meinen Schauspielern, ein bisschen mit mir zusammen, ist da extrem was gutes gelungen.

Timm: Deutschlandradio Kultur, das "Radiofeuilleton" im Gespräch mit dem Regisseur Niko von Glasow über seine Theaterarbeit "Alles wird gut". Herr von Glasow, sie selbst sind contergangeschädigt, macht Sie das auch freier im Umgang mit Ihren Schauspielern, weil das für Sie gewohnt ist, und Sie dann auch nicht in der Gefahr sind, irgendwie angestrengt rücksichtsvoll, politisch korrekt zu sein?

von Glasow: Na ja, mit der politischen Korrektheit habe ich es sowieso nicht so, aber die ... ich meine die ... ja natürlich! Ich mache mich auch von Anfang an sozusagen sehr verletzlich. Ich habe zum Beispiel ein extrem schlechtes Namensgedächtnis, oder ich mache auch alles falsch, ja? Also nicht nur, sozusagen, dass ich behindert bin, ich bin auch noch in gewisser Weise geistig behindert, wenn Sie so wollen, ja? ich vergesse alles, und ...

Timm: ... das ist eine Behinderung, die vielen Menschen eigen ist!

von Glasow: ... ja, deswegen sage ich ja: Alle sind behindert! Aber wenn ich das einfach offen vor meine Schauspieler hinlege und sage: Guckt mal, ich bin genau so blöd wie ihr! Und dann kann man sehr offen miteinander umgehen und auch sehr diszipliniert und professionell. Also, das ist komischerweise umso laienhafter man daher kommt, umso professioneller kann man arbeiten. Also, das ist so eine Schizophrenie in der Arbeit.

Timm: Was sagen Sie Leuten, für die so ein Theaterabend in erster Linie, sagen wir mal, ein Sozialprojekt ist, und erst nachrangig ein Theaterabend?

von Glasow: Sollen mal kommen, wenn sie sich nicht amüsiert haben und das nicht toll fanden, kriegen sie ihr Geld zurück!

Timm: Das ist ein Angebot – aber wenn sie mit Ihnen diskutieren wollten, wie würden Sie die künstlerische Seite begründen?

von Glasow: Ich diskutiere nicht über mein Stück!

Timm: Das ist klug! Was wünschen Sie sich denn heute Abend vom Publikum?

von Glasow: Dass die kommen und einfach gucken und keine Scheu davor haben, dass das ein Sozialprojekt werden sollte, weil dann würde ich auch nicht kommen. Es ist kein Sozialprojekt, es ist einfach ein ganz tolles Theaterstück, was wirklich Spaß macht und ich habe bei den Proben geweint. Und ich bin wirklich nicht nah am Wasser gebaut! Es ist wirklich toll geworden!

Timm: Der Regisseur Niko von Glasow über das Theaterstück "Alles wird gut", das heute Abend beim Sommerblut-Festival in Köln Premiere hat.