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Thema / Archiv | Beitrag vom 27.09.2012

"Es geht um Trauer und um Scham"

Südafrikanischer Theatermacher Bailey über seine Installation "Exhibit B"

Brett Bailey im Gespräch mit Susanne Burkhardt

Herero-Krieger in deutscher Gefangenschaft - Bailey thematisiert auch die deutsche Kolonialgeschichte.
Herero-Krieger in deutscher Gefangenschaft - Bailey thematisiert auch die deutsche Kolonialgeschichte. (AP)

Viele Menschen hätten als Reaktion auf "Exhibit B" Tränen in den Augen, sagt der südafrikanische Theatermacher Brett Bailey. In seiner Theaterinstallation, einer Art Menschenzoo, setzt sich Bailey mit Völkerschauen und auch mit der deutschen Kolonialgeschichte auseinander.

Susanne Burkhardt: Sie reflektieren in Ihren Arbeiten diese Völkerschauen, die es im 19. Jahrhundert gegeben hat , war dieses Thema für Sie als weißen Südafrikaner geradezu naheliegend?

Brett Bailey: Als ich begann, mich mit diesen menschlichen Zoos zu beschäftigen, las ich auch das Buch "Afrikaner auf der Bühne". Und dabei wurde mir klar, dass es eine richtige Geschichte gab von bestimmten Leuten, die Menschen aus den kolonisierten Gebieten nach Europa oder Amerika brachten, um sie dort auszustellen. Und wenn ich mir anschaue, was ich jetzt tue: Ich mache Theater, meistens politisches Theater, aber vor allem bringe ich schwarze Künstler nach Europa – um ein weißes, bourgoises Publikum zu unterhalten.

Und ich habe mich gefragt – wo es dabei Gemeinsamkeiten gibt und wo Unterschiede. Ich begann also meine eigene Arbeit zu hinterfragen. Ich bin einerseits ganz offensichtlich Teil einer Tradition. Gut, vor 100 Jahren gab es sicherlich mehr Neugierde hinsichtlich der exotischen Afrikaner – heute ist man eher neugierig, wer diese Menschen sind. Viele der Themen kreisen um Scham und um Schuld. Vielleicht findet auch so eine Art Kartharsis statt – auf jeden Fall ist das etwas, was die Europäer brauchen und ich gebe es Ihnen – mit Hilfe schwarzer Schauspieler. Das ist für mich interessant.

Burkhardt: Wie unterscheiden sich Ihre Arbeiten von dem, was früher diese Völkerschauen waren – wie vermeiden Sie, dass Sie letztendlich eine Art Peep-Show für ein weißes, aufgeklärtes – wie Sie sagen bourgeoises Publikum machen?

Bailey: Das ist doch schon etwas ganz anderes. Natürlich war das anfangs meine Angst als ich das Stück begann – das es auf so etwas hinausläuft. Zuallererst aber findet ja eine Umkehrung statt: Die Performer schauen zurück – ganz direkt blicken sie die Leute an, die sie betrachten. Ich sage den Darstellern immer: Ihr seid eigentlich das Publikum. Und ihr betrachtet die weißen Zuschauer als Performer. Das weiße Publikum agiert zwar als Beobachter- aber hier findet eine merkwürdige Umkehrung statt: Das Publikum schämt sich, dass es die schwarzen Darsteller betrachtet. Augenkontakt wird vermieden. Das ist eine ambivalente Situation.

Daneben sprechen wir natürlich in der Gruppe über Themen wie Rassismus. Was heißt es, als Schwarzer in Europa zu leben, in einer Gesellschaft, die vorwiegend weiß ist. Welche persönlichen Erlebnisse mit Rassismus gibt es. Wie geht man damit um. Das ist eine Art Katharsis – auch für die Darsteller selbst. Und wir diskutieren nach jeder Vorstellung die gemachten Erfahrungen – ob Wut, Scham oder Schmerz - es wird thematisiert. Es ist also ein ganz anderes Ziel und auch eine andere Herangehensweise.

Burkhardt: Aber bin ich nicht als Besucher von Anfang an in einem Dilemma: In dem Moment wo ich mich entscheide, in Ihre Ausstellung zu gehen – in die "Völkerschau" – weil ich diesen voyeuristischen Blick ja automatisch mitbringe – auf das Andere ... . ?

Bailey: Ich glaube, die Leute haben keine klare Erwartung, wenn sie in die Performance kommen. Sie wissen vielleicht, dass ich irgendwas mit diesen Menschenzoos mache. Die Konfrontation dann ist extrem stark - weil niemand damit rechnet. Der technische Direktor beispielsweise, mit dem ich schon in Brüssel zusammengearbeitet habe, er wusste alles über das Projekt, er hat die Proben erlebt – aber bis er es dann wirklich fertig sah, dachte er, es wäre eine ganz zahme Arbeit. Als er aber in der ersten Aufführung mit den Darstellern konfrontiert war, da war das für ihn absolut erschütternd. Also ich glaube, selbst, wenn Du davon gehört hast, weißt Du nicht wirklich, was Dich erwartet, bist Du selbst da warst.

Burkhardt: Sie haben einen Vorläufer der "Exhibit B" bereits in Wien gezeigt - wie waren die Reaktion dort auf Ihre Arbeit?

Bailey: Es kommt sehr viel Scham auf – viele Menschen haben Tränen in den Augen. Sie sind sehr still, wollen allein sein. Denn die Bilder, denen sie sich aussetzen berühren sehr stark, sie machen traurig. Es geht um Trauer – und um Scham. Das geht selbst den Darstellern so – da gibt es sehr viel Verständnis und Mitgefühl. Manchmal steht ein Zuschauer direkt vor einem Performer und weint ganz heftig – dann ist es für den Darsteller schwer, sich zu verschließen – also öffnet er sich ..

Burkhardt: Können Sie beschreiben, was genau gezeigt wird – in Ihrer Installation?

Bailey: Es gibt verschiedene Installationen - darunter zum Beispiel mit Szenen aus Namibia Ende des 19. Jahrhunderts, während des Völkermords, erzählt wird zum Beispiel die Geschichte der Herero-Frauen in den Konzentrationslagern Lüderitz, Swakopmund und Windhoek.

Diese Frauen mussten die Köpfe von Gefangenen, die an Hunger, Krankheiten oder Erschöpfung gestorben waren, kochen. Und danach mit Glasscherben die Haut und das Gehirn entfernen. Egal ob es Familienmitglieder waren oder Mitglieder des eigenen Stammes. Diese Köpfe wurden dann an Forschungsinstitute in Deutschland geschickt, die unter anderem die Größe des Gehirns untersuchten. So eine Szene stell ich dar, wo eine Frau an diesem Schädel arbeitet – und in dieser Form gibt es viele Szenen, die von den Abscheulichkeiten berichten, die zu jener Zeit in Afrika stattgefunden haben.

Burkhardt: Sie haben die Installationen auch in afrikanischen Ländern gezeigt – waren die Reaktionen dort anders?

Bailey: Nein, wir haben die Installation bei einem Festival in Südafrika gezeigt, da gab es genau die gleichen Reaktionen – es ist eben etwas ganz Menschliches, die Tatsache, dass eine herrschende Kultur einer anderen Kultur, anderen Menschen großen Schaden zufügt – und die dadurch ausgelöste Scham und Trauer – das ist eine normale Reaktion.

Burkhardt: Ich frage das deshalb, weil es ja naheliegend ist, sich vorzustellen,
dass europäische Zuschauer eher Schuldgefühle in dieser Begegnung entwickeln, als afrikanische Betrachter ihrer Inszenierung – abgesehen vielleicht von Südafrika ...

Bailey: Ich habe auch gedacht, dass es anders sein würde. Aber das ist es nicht. In meiner Heimat hatten wir die Apartheid – ein System das vor 18 Jahren zusammengebrochen ist. Wir haben also auch in Südafrika eine Geschichte der Unterdrückung – und viele Weiße waren ein Teil davon – wie auch die sogenannten "Farbigen".

Interessant ist aber, dass selbst Schwarze, die in die Installation gehen, beschreiben, dass sie das Gefühl der Scham erleben. Das ist vermutlich eine Scham, die mit Unmenschlichkeit zu tun hat – dass wir in der Lage sind, uns so etwas anzutun. Ich hatte wirklich eine andere Reaktion in Südafrika erwartet – aber es war die gleiche.

Burkhardt: Ich spreche mit Brett Bailey hier im DeutschlandRadio Kultur – er ist ein südafrikanischer Theatermacher – der sich in seinen Arbeiten mit Rassismus und Ausgrenzung beschäftigt ... Mit welchen Erwartungen begegnen Sie dem Publikum hier in Berlin, wenn Sie ihre "Exhibit B" jetzt zeigen – hier beim Festival "Foreign Affairs"?

Bailey: Das ist interessant – ich habe den Eindruck, der Holocaust ist ein Thema, dass den Deutschen bei der Aufarbeitung der eigenen kolonialen Vergangenheit im Weg steht. Dieses große Thema Holocaust. In Frankreich und Belgien gibt es ein viel größeres Engagement, sich mit der kolonialen Geschichte zu befassen. Ich habe gehört, dass Kolonialgeschichte erst seit einigen Jahren in den Lehrplänen der deutschen Schulen auftaucht. Vielleicht öffnet meine Arbeit ein bisschen die Augen – und macht den Leuten bewusst, wie gut es Ihnen heute geht!

Aber letztlich ist das überall in der Welt so – auch in Belgien, Frankreich oder Südafrika: das Wissen über den Kolonialismus ist sehr begrenzt – es ist zwar keine totgeschwiegene Geschichte – man kann viel dazu finden in Büchern, oder im Internet. Aber es gibt keine öffentliche Plattform für diese Themen. Also noch mal: es wird überall ähnliche Reaktionen geben – denn das ist eine ganz menschliche Geschichte.

Burkhardt: Sie haben bereits öfter in Europa gearbeitet, Herr Bailey – wenn Sie die europäische Gesellschaft sich anschauen – den Wohlstand hier erleben und das vergleichen mit Ihrem Heimatland Südafrika - wo es auch 18 Jahre nach Ende der der Apartheid ganz große Unterschiede gibt zwischen Schwarzen und Weißen zwischen Arm und Reich – ganz andere Themen die Leute beschäftigen – wie erleben Sie dieses Europa heute?

Bailey: Es gibt auch in Europa jede Menge Probleme – wie in der ganzen Welt. Die ökonomische Krise hat eine große Depression verursacht. Die Leute sind misstrauisch geworden. Mir fällt immer auf, wie wenig Künstler sich mit sozialen Themen befassen. Viele afrikanische Künstler tun das – weil wir diese Themen gar nicht vermeiden können.

Hier in Europa gibt es zwar manchmal diese großen Straßenproteste und sicherlich nehmen daran auch viele Künstler teil. Aber das hat merkwürdigerweise keine Auswirkung auf ihre Kunst. Europäer sind sehr privilegiert. Sie klagen viel, sind unzufrieden.

In Entwicklungsländern – wie Indien oder Afrika, springen uns die sozialen Themen geradezu an. Ich glaube, den Europäern ist manchmal nicht klar, wie privilegiert sie sind.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.