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Profil / Archiv | Beitrag vom 10.06.2014

Erster WeltkriegOmas Erlebnisse in Comic-Bildern

Illustratorin Anne Teuf erzählt von den Kriegserinnerungen ihrer Großmutter

Von David Siebert

Französisches Denkmal am Hartmannsweilerkopf in den Südvogesen in Frankreich das im 1. Weltkrieg in den Jahren 1914/15 stark umkämpft war. (dpa picture alliance)
Der Erste Weltkrieg hinterließ Spuren in den Südvogesen, etwa hier am Hartmannsweilerkopf. (dpa picture alliance)

Es sind die Eindrücke der kleinen Leute aus dem Ersten Weltkrieg, die die im Elsass geborene Illustratorin Anne Teuf in ihren Zeichnungen darstellt. Vier Jahre hat sie sie ins Netz gestellt, jetzt erscheint der Comic in Buchform.

Aspach-le-Haut im Elsass, auf Deutsch Oberaspach, am Rand der Südvogesen: Anne Teuf, Ende 40, graue Haare, ist aus Paris mit ihren Kindern zu Besuch in der alten Heimat. In der "Grand Rue", der mit roten Geranien geschmückten Hauptstraße, zeigt sie auf ein weiß verputztes, zweistöckiges Haus mit Vorgarten und roten Holzfensterläden - ihr Geburtshaus. Dann holt sie ein altes, sepiafarbenes Foto hervor - eine Aufnahme von Anfang 1900, darauf eine Großfamilie, vor einem Bauernhaus:

"Hier die Werkstatt meines Urgroßvaters, der Wagenbauer war. Das Haus wurde im 1. Weltkrieg von den Bomben zerstört, danach hat es meine Familie wieder aufgebaut. Dass ist der Vater, da die Mutter und da Finnele - mit 6, 7 Jahren."

Finnele, die elsässische Kurzform von Josephine, ist Anne Teufs Großmutter, die 1906 geboren wurde und 1994 hochbetagt verstarb. Wegen ihr ist Anne Teuf die letzten Jahre öfters aus Paris angereist - zur historischen Spurensuche:

"Ich habe ein Webcomic über das Leben meiner Großmutter während des 1. Weltkriegs gezeichnet. Finnele erlebte den Ausbruch des Krieges vor der eigenen Haustüre. In zwei Kilometern Entfernung liegt Niederaspach. Die Front, an der sich Deutsche und Franzosen bekämpften, verlief genau in der Mitte, zwischen beiden Dörfern."

Recherche auf Schlachtfeldern und im Internet

Teuf stellt ihre Mutter vor, "die Tochter von Finnele", wie sie sagt: Madame Weinstoerffer, eine resolute grauhaarige Dame Ende 60. Schmunzelnd erklärt Teuf, warum sie selber nicht mehr den Familiennamen Weinstoerrfer trägt:

"Ich habe Weinstoerffer in Teuf geändert, weil: Die Leute in Paris hatten enorme Probleme meinen elsässischen Familiennamen auszusprechen, ich musste ihn vereinfachen."

Oma Weinstoerffer werkelt in der Küche. Ihre zwei Enkel, die Kinder von Anne Teuf, toben im Wohnzimmer herum.

Teuf legt einen historischen Bildband auf den mächtigen hölzernen Esstisch: Ober- und Niederaspach vor dem Ersten Weltkrieg - und danach. Einige Fotos zeigen Soldaten auf Ruinenfeldern, dahinter Gerippe zerbombter Häuser, die grotesk aus Schuttbergen herausragen:

"Die beiden Dörfer wurden fast komplett von den Bomben zerstört. Finnele musste wie - alle Bewohner - ihr Dorf verlassen. Es gab Leute, die bei Kriegsausbruch zufällig auf der deutschen Seite zum Einkaufen waren und nicht mehr zurück konnten. Verrückt! Der Krieg hat wirklich Familien auseinandergerissen!"

Teuf wuchs im Elsass auf und studierte später Kunst in Straßburg. Dann folgte sie ihrem Freund nach Paris, zuerst schweren Herzens, mittlerweile fühlt sie sich aber ganz als Pariserin. In der Hauptstadt arbeitete Teuf 15 Jahre lang als Illustratorin - für Kinder- und Schulbücher. Doch irgendwann langweilte sie es immer nur Auftragsarbeiten zu erledigen. Sie beschloss ein eigenes Comic zu zeichnen - über das Leben ihrer Großmutter:

"Ich habe meine Familie befragt, Mutter, Tante etcetera, Familiendokumente studiert, Romane gelesen. Dann bin ich hier in den Vogesen auf den Hartmannsweilerkopf gewandert, wo 30.000 Soldaten gestorben sind, ich bin in alte Schlachtgräben gestiegen, habe viel im Internet recherchiert."

Dann begann Teuf zu zeichnen: Vier Jahre lang malte sie jede Woche eine Comicseite, in schwarzweiß, mit Tusche, Wachsmalstift und Radierer. Sie scannte die Seiten ein und stellte sie ins Internet, in ihren eigenen Blog. Teuf setzt unter ihre Comicbilder Links, beispielsweise zu Fotos von Pickelhauben, historischen Postkarten oder zu Lieder aus jener Zeit, etwa dem Antikriegs-Chanson, "La Chanson de Craonne"

Teuf erzählt die Geschichte einer Region

Anne Teuf, führt durch Oberaspach. Das Haus dort mit dem Fachwerk, sagt sie, sei das einzige, das im 1. Weltkrieg nicht von Bomben getroffen wurde. Der Rest des Dorfes, inklusive der Kirche, wurde komplett zerstört.

Bomben und Schlachtgräben spielen in Teufs Comic aber nur eine Nebenrolle: Sie erzählt die Geschichte einer Region, die zwischen Frankreich und Deutschland hin- und hergerissen war und das Alltagsleben einer Familie nahe der Front - aus Kinderperspektive: Finnele hüpft im Comic unbedarft durch von Soldaten belagerte Wälder, schmuggelt Eier durch die Absperrlinien, verkauft mit der Oma Schnaps in Schützengräben.

"In den Romanen und Büchern über den 1. Weltkrieg, geht es oft nur um die reichen, gebildeten Leute oder um Schlachtgräben und Frontverläufe. In meinem Comic erzähle ich, wie das Leben der einfachen Leute aussah."

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